»Das habe ich mir gedacht«, au?erte Lion sofort. »Noch auf dem Avalon.«
»Was hast du dir gedacht?«
»Warum wohl haben uns die Phagen nach Neu-Kuweit geschickt? Das ist teuer und uberhaupt… welchen Nutzen versprechen sie sich von uns?«
»Aber sie haben uns hierhergeschickt.«
»Eben deswegen haben sie uns hergeschickt. Wir sind austauschbare Agenten.«
»Wie das?«, erkundigte ich mich vorsichtig.
»Ich habe im Traum davon erfahren. Ein austauschbarer Agent ist ein normaler Mensch, der ein wenig vorbereitet wird und einen besonders gefahrlichen Auftrag erhalt. Einen, von dem man nicht zuruckkehrt. Die Phagen wussten, dass jemand daran glauben muss… genau dafur sind wir da.«
Lion war sehr ernst. Er sa? auf dem Fensterbrett und hielt seinen Vortrag, ich stand vor ihm und horte zu.
»Warum gerade wir? Wieso?«
»Ha! Das versteht doch jedes Kind! Wir sind von hier, aus Neu-Kuweit! Niemand kann auf die Idee kommen, dass wir Agenten des Imperiums waren. Es gibt keine Beweise.«
»Die Peitsche«, widersprach ich unsicher.
»Wohl kaum… vielleicht hast du sie von Stasj genommen.«
»Stasj hatte es nicht zugelassen, dass wir in den sicheren Tod geschickt werden«, konstatierte ich. »Niemals!«
Lion zuckte mit den Schultern:
»Vielleicht. Aber woher willst du wissen, dass er die ganze Wahrheit kannte? Er ist ein Phag. Das ist strenger als Armee oder Polizei. Das bedeutet nicht einfach Disziplin, sein Gehirn ist darauf ausgerichtet, dass er verpflichtet ist, Befehlen zu gehorchen. Sogar wenn Stasj etwas Verdachtiges bemerkt hatte, was hatte es geandert?«
Ich erinnerte mich daran, wie sich Stasj von uns verabschiedet hatte. Traurigkeit uberwaltigte mich.
Er hatte wirklich etwas geahnt. Es passte ihm nicht, dass wir nach Neu-Kuweit geschickt wurden. Es gefiel ihm nicht, aber er konnte mit dem Rat der Phagen nicht daruber diskutieren.
»Was sollen wir denn nun machen?«, fragte ich. Lion hatte wirklich alles au?erst schlussig dargelegt.
»Den Auftrag ausfuhren«, meinte Lion.
»Aber…«
»Was konnen wir denn anderes machen?« Lion lachte auf. »Sollten wir uns hier verstecken? Sie finden uns so oder so. Oder die Raumflotte beginnt mit der Bombardierung des Planeten und Schluss… Da ist es schon besser, den Auftrag zu erfullen. Dann haben wir zumindest eine winzige Chance. Und um gleichzeitig gegen Inej und gegen die Phagen anzutreten, muss man schon ein kompletter Idiot sein!« Er dachte nach und erganzte bedauernd: »Was mussten wir auch unmittelbar auf den Kopfen der Madchen landen! Wir konnten immer noch im Wald hausen.«
»Bist du mir bose?«, fragte ich. »Denn meinetwegen… hatte ich das Schlangenschwert nicht genommen…«
»Hor auf, sie hatten uns sowieso hierhergeschickt«, winkte Lion verachtlich ab. »Vielleicht haben sie dir sogar das Schlangenschwert untergeschoben — nicht, um deine Vertrauenswurdigkeit zu uberprufen, sondern als Provokation. Wenn du die Schlange nicht genommen hattest, ware ihnen etwas anderes eingefallen.«
Die Tur ging auf. Piter, einer derjenigen, bei denen die Waffe des Inej nicht gewirkt hatte, der aber von Natur aus nicht besser als ein Hirnamputierter war, trat ein. Er schaute uns an und fragte:
»Raucht ihr etwa?«
»Nein«, antwortete ich. »Wir stehen nur so herum.«
»Na…« Piter glaubte uns nicht, ging deshalb absichtlich in eine Toilettenbox in unserer Nahe und schnupperte laut. Wir rochen naturlich nicht nach Rauch, Piter wurde gleich noch lebhafter: »Jungs, gebt ihr mir einen Schluck?«
»Mann, wir trinken auch nicht!«, regte ich mich auf. »Hier, sieh nach!«
Ich entfernte mich vom Fensterbrett und drehte mich um. Wo kann man denn eine Flasche verstecken, wenn man lediglich Unterhose und Hemd tragt? Lion drehte sich gar nicht erst um, er rutschte auf dem Fensterbrett zur Seite zum Beweis, dass nichts hinter ihm war.
»Was seid ihr fur Deppen«, beschloss Piter und zeigte uns einen Vogel.
Kapitel 2
Elli kam nicht mit uns.
Sie erschien nicht einmal, um herauszufinden, ob Lion einverstanden war, den Befehl auszufuhren oder nicht. Als ob sie seine Entscheidung kannte.
Ehrlich gesagt war ich froh daruber. Es hatte gerade noch gefehlt, dass dieses eingebildete Madchen vom Avalon wieder anfing, zu kommandieren und uns zu erpressen!
Natascha kontaktierte uns am nachsten Tag im Speisesaal.
Wir standen mit den Tabletts in der Schlange vor den Mikrowellen. Es gab leider nur zwei. Vor uns wurde geflucht: Einem Jungen war die Plastiktasse mit Suppe gesprungen. Selber daran schuld, er hatte vergessen, den Deckel darauf zu stulpen.
»Heute«, sagte Natascha lachelnd. Aber ihre Augen waren angespannt und gar nicht frohlich. »Heute treffen wir uns nach dem Mittagessen im Pavillon.«
Mir verschlug es gleich den Appetit. Naturlich a?en wir etwas — Kartoffelbrei mit Fleischstuckchen, Erbsensuppe, Salat und Kompott. Alles vorgefertigt, nur den Salat hatte der Koch selber zubereitet. Wozu wird er eigentlich uberhaupt gebraucht, wenn er nur an Freitagen, den freien Tagen, kocht?
Personliche Sachen besa?en wir nicht, nur das Schlangenschwert, aber das war sowieso immer bei mir. Also gingen wir sofort zum Treffpunkt.
Natascha befand sich nicht im Pavillon. Sie sa? im Gras, das noch vom nachtlichen Regen nass war, hatte die Hande hinter den Rucken gestutzt, den Kopf nach hinten gelehnt und schaute in den Himmel. Ich folgte ihrem Blick — es gab nichts Besonderes zu sehen. Der Schweif eines Raumschiffes, das zur Landung ansetzte, kroch dahin.
»Wir sind es«, sagte Lion. »Was hast du dort gesehen?«
»Ein Raumschiff«, antwortete Natascha, ohne den Blick abzuwenden. »Ein schones. Das ist ein Passagierschiff, vom Inej.«
Ich fuhlte mich wie mit eiskaltem Wasser ubergossen. Ich erinnerte mich an unsere Kuppel. Und an Dajka am Ufer des Flusschens…
»Natascha, wurdest du gern Pilot werden?«, wollte ich wissen.
»Madchen konnen das doch nicht, du Dummkopf!«, erwiderte sie nach einiger Zeit.
»Na und. Warst du es gern?«
»Ja.«
Lion verstand naturlich nicht, woruber wir sprachen. Ich nahm mir in diesem Moment vor, dass ich Madchen nie als »Gepackstucke« beschimpfen wurde. Nicht einmal die schlimmsten Exemplare von der Art der selbstherrlichen Elli.
»Ich ware auch gern Pilot«, meinte ich und Natascha schaute mich verwundert an. Es klang so, als ob ich wusste, dass auch ich niemals Pilot werden konnte.
»Jungs, seid ihr bereit?«, erkundigte sie sich.
Ich nickte.
»Ein Auto wartet auf uns in der Nebenstra?e, nicht weit von hier. Es bringt uns zur Villa.«
Aha. Also direkt heute?
Warum auch nicht? Die Phagen vergeudeten nicht sinnlos ihre Zeit.
»Gehen wir«, stimmte ich zu. Ich versuchte zu lacheln. Was sollte das werden, wenn zwei Jungs und ein Madchen auf einem fremden Planeten, auf dem sie von allen gesucht wurden, vorhatten, einen Milliardar zu
