vorliegen. Die Bewachung innerhalb der Villa ist unbedeutend — drei Mann. Zur gegebenen Zeit werden sie unter diesen oder jenen Vorwanden aus dem Wohnbereich des Gebaudes entfernt. Ihr musst lediglich mit Alexander und Alexandra Bermann fertig werden. Und sie sind ganz und gar keine Kampfertypen.«

»Wir schaffen das schon«, bekraftigte Natascha. »Elli, es geht alles in Ordnung. Tikkirej mochte nur kein Risiko eingehen, denn das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Aber wir werden sie erfullen.«

»Wir werden sie erfullen«, bestatigte ich.

»Gut.« Elli sah mich zweifelnd an, schien aber ihre Einwande zuruckzudrangen. »Natascha, wir treffen uns morgen fruh. Ich teile dann die Einzelheiten mit.«

Sie druckte mir die Hand wie ein Junge, kusste Natascha auf die Wange und verlie? den Pavillon. Der Regen fiel nach wie vor in kleinen Tropfen, als ob im Himmel ein engmaschiges Sieb geschwenkt wurde.

»Soll ich dich bringen?«, fragte ich und stand auf. Eigentlich hatte ich keine Lust, Elli zu begleiten.

»Nicht notig, ich bin nicht aus Zucker.« Elli lachte auf, schritt in die Dunkelheit und verschwand nach einigen Schritten. Sie war nicht mehr zu sehen und zu horen, als ob sie sich in Luft aufgelost hatte.

»Ist sie ein Phag?«, fragte Natascha leise.

»Was? Nein… Eigentlich gibt es unter den Phagen keine Madchen… Aber wie, du kennst sie gar nicht?«

»Ich war am Tag in der Stadt, um unseren Mann von der Anlegestelle anzurufen. Ich wollte wissen, ob es vielleicht Neuigkeiten von Opa gab. Er sagte mir, dass mich eine Freundin treffen wolle, die vor einem Jahr meine Nachbarin war. Also auf dem Avalon. Das deutete er zumindest an…«

»Und sie ist auch vom Avalon?«

»Hm. Sie sagte mir, dass sie heimlich hergebracht wurde. Sicher ist irgendetwas in Vorbereitung.«

Mir schien, dass Natascha Recht hatte. Das Imperium konnte nicht langer zogern. Der Krieg stand vor der Tur. Und das bedeutete, dass jeder auf seinem Platz kampfen musste.

Wenn wir den Verrater liquidieren wurden (»liquidieren« geht viel leichter uber die Lippen als »toten«), dann ware das ein ziemlich schwerer Schlag gegen Inej. So, als ob wir mit einem Mal Dutzende Kriegsschiffe zerstort hatten!

Denn diese Schiffe konnten Avalon, Edem, Erde und Karijer uberfallen…

»Tikkirej, gefallt dir irgendetwas nicht?«, wollte Natascha wissen.

Wir sa?en jetzt ganz dicht beieinander und unterhielten uns flusternd. Daher war uns… war uns ganz eigenartig zumute, als ob wir nicht uber den Krieg, sondern uber Geheimnisse sprechen wurden.

»Ja. Sie hat mich zu meinem Einverstandnis gezwungen. Verstehst du das? Nicht ich habe die Entscheidung getroffen, sie hat fur mich den Entschluss gefasst.«

»Sie ist doch deine Vorgesetzte.«

»Das glaubst du! Ich bin ubrigens nicht in der Armee.«

»Ich denke, es geht um etwas ganz anderes.«

»Und um was?«

»Darum, dass sie ein Madchen ist.«

Im Hellen ware ich jetzt rot geworden. Aber wenn du wei?t, dass dich sowieso niemand sieht, wird es nichts mit dem Erroten.

»Uberhaupt nicht! Wenn schon ein Madchen, dann hatte sie hoflicher auftreten sollen.«

»Das ist sexistisch. Sag nur noch ›Gepackstuck‹ zu ihr!«, giftete Natascha.

»Es steht Madchen nicht, zu kommandieren!«

»Und was steht ihnen au?erdem nicht? Vielleicht sollten wir auch nicht kampfen? Aber wir kampfen wenigstens, wahrend andere feige sind! Denk nur, sie konnen im Zeittunnel fliegen!«

Natascha ruckte sogar von mir ab, obwohl wir uns vorher aneinandergepresst hatten, um uns zu warmen. Ich hatte gro?e Lust, ihr etwas Gemeines und Fieses zu entgegnen. Zum Beispiel, dass ihr ganzer Partisanenkrieg die Menschen nur erboste, dass sie es geschafft hatten, Schulen mit ihren Raketen zu zerbomben.

Ich sagte stattdessen etwas anderes:

»Naturlich konnen wir im Zeittunnel fliegen. Ich personlich bin als Modul geflogen.«

»Oh!«, staunte Natascha. Und schwieg.

»Und uberhaupt geht es nicht darum, dass sie ein Madchen ist«, fuhr ich fort. »Wenn du kommandierst, werde ich nicht widersprechen. Denn du hast Kampferfahrung und ich noch nicht. Aber uber Elli wei? ich gar nichts. Na gut, vielleicht wurde sie von den Phagen geschickt. Vielleicht ist sie eine wichtige Person. Aber warum muss sie dann solchen Druck ausuben?«

»Hat sie etwa Druck auf dich ausgeubt?«, wunderte sich Natascha.

»Sie sagte, dass man Stasj bestrafen wurde. Und er ist mein Freund, mein bester Freund… nein, das ist es nicht. Das ist etwas anderes. Jedenfalls mochte ich nicht, dass er entlassen wird und stirbt. Lieber sterbe ich selber.«

»Aber dieser Stasj ist doch ein Erwachsener, oder? Das hei?t doch, du musst dir um ihn keine Sorgen machen!«, erwiderte Natascha hitzig. »Er muss die richtige Entscheidung treffen, und wenn er sich geirrt hat, ist er selber schuld und verpflichtet, die Bestrafung hinzunehmen! Das ist doch allgemein bekannt. Erwachsene mussen sich um Kinder kummern, sie schutzen und die richtigen Entscheidungen treffen! Sie haben doch viel mehr Lebenserfahrung! Also hat alles seine Richtigkeit!«

Ich schaute auf Natascha und fand die Situation lustig. Als ich noch auf Karijer gelebt hatte, ware ich fraglos ihrer Meinung gewesen. Es ist ja wahr, die gesamte Natur war so eingerichtet und der Mensch war ein Teil der Natur. Im Naturkundeunterricht hatten wir erfahren, wie sich eine Katze aufregt, wenn man ihr die Jungen wegnimmt. Uns wurde erklart, dass es sich dabei um uralte nutzliche Instinkte handelte, dass sich deshalb unsere Eltern um uns kummern und alle Erwachsenen die Kinder schutzen.

Nur dass dies nicht die ganze Wahrheit ist.

Wenn ein Mensch dein Freund ist, dann hast du ebenfalls die Verpflichtung, dich um ihn zu kummern. Auch wenn er entschieden starker und kluger ist als du. Sogar wenn er sich geirrt hat. Fruher verstand ich das nicht. Vor langer Zeit. Vor drei Monaten. Auf Karijer, als meine Eltern sich fur den Tod entschieden. Wir hatten alle zusammenbleiben und notfalls auch die Kuppel verlassen mussen. Zumindest ware ich verpflichtet gewesen, das zu wollen, und hatte nicht den Eltern zustimmen durfen.

Aber wie sollte ich das erklaren?

»Stasj hat mich gerettet«, begann ich. »Obwohl er das gar nicht hatte tun sollen. Sag mir, wenn deinem Gro?vater ein Ungluck zustie?e, wurdest du ihn retten?«

»Er ist doch mein Opa…«

»Na und? Dafur ist er alt und invalide. Du bist viel wertvoller fur die Gesellschaft, warum solltest du wegen des Gro?vaters ein Risiko eingehen und dir Sorgen machen?«

»Aber ich mache mir keine Sorgen um ihn!«

»Ach! Aber heute Morgen hast du angerufen, um Neuigkeiten zu erfahren.«

Natascha verstummte. Dann sagte sie: »Aber das ist doch nicht richtig. Dass ich mir um Opa Sorgen mache und du dir um Stasj.«

»Wei?t du, ich glaube, gerade das ist richtig«, erwiderte ich.

Natascha nahm meine Hand und meinte: »Du bist ziemlich eigenartig, Tikkirej. Sei nicht beleidigt. Manchmal scheint mir, dass du lediglich ein dummer und feiger Junge bist, der zufallig mit gefahrlichen Dingen in Beruhrung gekommen ist. Und dann wieder denke ich, dass du im Gegenteil viel kluger und mutiger bist als wir alle zusammen.«

»Und was glaubst du jetzt?«, erkundigte ich mich neugierig.

»Dass uns kalt ist und wir uns erkalten werden!« Natascha sprang auf und zog mich von der Bank. »Komm! Lion denkt bestimmt schon sonst was!« Lionwundertesichubergarnichts.Im Gemeinschaftsschlafsaal konnten wir uns naturlich nicht unterhalten, deshalb weckte ich ihn in der Nacht und wir gingen zu den Sanitaranlagen. Das ist so eine Mischung aus Dusche und Toilette — ein riesiger Raum, in dem sich an einer Wand die Toilettenboxen, an der zweiten die Waschbecken und an der dritten die Duschkopfe aufreihten. Mir war unklar, warum alles zusammen installiert war, ganz wie auf einem alten Kriegsschiff. Fruhmorgens gab es hier ein furchterliches Gedrange.

Schnell uberprufte ich die Kabinen, niemand war hier. Wir gingen zum Fenster und ich berichtete Lion vom Besuch Ellis und von unserer Aufgabe.

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