Uns versuchte man ebenfalls damit zu kommen. »Kommt, wir spielen…«
Aber Natascha hatte uns vorgewarnt, was im Heim abging, und wir lehnten ab. Niemand beharrte auf diesem Wunsch — wir waren zu zweit, und uns war klar, dass die Hirnamputierten bei einer Schlagerei auf unserer Seite stehen wurden.
Also lernten wir, genauer, wir taten so, als ob wir lernen wurden, denn alle Lernprogramme hier waren viel zu leicht, und versuchten uns von allem fernzuhalten. Wir wollten nicht auffallen. Wir warteten. Wir hatten einen ein- bis zweiwochigen Aufenthalt im ›Spross‹ eingeplant, um danach woandershin zu gehen. Natascha meinte, dass es fur uns das Beste ware, in eine andere Stadt zu gehen.
Der Aufenthalt hier war unproblematisch, obwohl das Essen nicht besonders war und wir uns langweilten. Dafur kummerte sich niemand um uns. Die Erzieher verteilten Aufgaben und nahmen die Resultate der Tests entgegen, der Wachter schritt manchmal faul durch das Gelande, meistens sa? er in seinem Zimmerchen oder war in der Turnhalle. Der Psychologe kam uberhaupt nicht aus seinem Kabinett heraus, schaute sich dort irgendwelche virtuellen Serien uber den Shunt an, und wenn sich jemand an ihn wandte, schien er so unglucklich, als ob er dazu gezwungen ware, im Steinbruch zu arbeiten.
Nur dass es hier so furchtbar langweilig war…
Am Abend des dritten Tages ware ich vor Langeweile am liebsten die Wande hochgegangen. Lion ging in die Turnhalle, um etwas an den Fitnessgeraten zu machen, und ich sa? im Klassenraum und spielte Tetris. Ich hatte lieber Schach oder etwas Anspruchsvolleres gespielt, aber vielleicht wurden die Computer kontrolliert? Dann hatte ich verraten, dass ich gar kein so gro?er Dummkopf bin, wie ich es eigentlich sein musste. Tetris dagegen erfordert lediglich Konzentration und dreidimensionales Denken, Tetris kann man auch gut spielen, wenn im Kopf vollige Leere herrscht.
Der Klassenraum war fur zwanzig Schuler gro?. Die Wande waren mit Graffiti beschmiert, aber darauf achtete hier niemand. An der Decke leuchteten billige »Sonnenlampen«, die ganz wie die Erdsonne scheinen und deshalb die Stimmung aufhellen sollten. Aber wenn drau?en dunkle Nacht war, machten diese Lampen nur noch depressiver. Besonders, wenn im Klassenraum niemand weiter war.
Lediglich am Nachbartisch sa? Herbert vor seinem Computer, ein dicker und sommersprossiger Junge, ein oder zwei Jahre alter als ich.
Herbert gehorte zu den Hirnamputierten und war bestrebt, so gut wie nur moglich zu lernen. Aber durch diesen Eifer wurde es fur ihn nur noch schlechter — er hatte mit den einfachsten Aufgaben beginnen mussen, versuchte jedoch das, was seinem Alter entsprach. Ich schaute kurz auf seinen Bildschirm und bemerkte, dass er durchaus nicht dumm war. Er war nur niemals richtig zur Schule gegangen. Sein Vater war ein Trapper, der seltene und teure Tiere in der Wildnis fing. Herbert hatte am besten bei seinem Vater bleiben sollen, wozu brauchte er denn Trigonometrie und Physik? Aber als Herbert nach der Invasion wieder aufwachte, strebte er selbst in die Schule. So versuchte er gerade, die Funktionsweise eines Kernreaktors zu verstehen, obwohl er eine Kernspaltung nicht von einer Kernfusion unterscheiden konnte.
Mein Bildschirm war mittlerweile mit Tetrisbausteinen zugepflastert und ich schaute wieder zu Herbert. Er baute jetzt ein neues Reaktormodell zusammen, gab Spannung auf den magnetischen Kafig und tippte auf »Start«. Der Reaktor auf demBildschirmexplodierte,etlicheMetallteile, Wissenschaftler mit herausquellenden Augen, Kabeltrommeln und Neutrinos flogen in alle Richtungen. Herbert seufzte tief und schaute traurig auf die Katastrophe.
»Soll ich dir helfen?«, konnte ich mich nicht zuruckhalten.
Herbert nickte. Die Hirnamputierten bemuhten sich in der Regel, einander zu helfen, und akzeptierten ihrerseits Hilfe.
»Du musst anders beginnen!« Ich setzte mich zu ihm und lie? den Kurs in Kernphysik zurucklaufen. Bei dieser Gelegenheit anderte ich unauffallig das Alter des Schulers auf acht bis zehn Jahre, damit es keine schwierigen Formeln, dafur aber umso mehr interessante historische Details gabe.
»Hier. Fangen wir mit der Atombombe an?«
»Na los!«, stimmte Herbert zu.
»Das war vor langer Zeit, im Mittelalter«, begann ich, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Ich hatte ein gutes, sehr interessantes Kinderbuch zur Geschichte der Atomphysik besessen. Diese Erzahlung kannte ich auswendig: »Damals lebte die Menschheit nur auf dem Planeten Erde. Es gab verschiedene Lander, die einen gut, die anderen bose. Die bosen Lander — Russland, Deutschland und Japan — fuhrten Krieg gegen die guten — die Vereinigten Staaten und Israel. Die Bosen bauten viele Militarflugzeuge und uberfielen die Flotte der Guten — nicht die kosmische, naturlich, sondern die Seekriegsflotte. Und es begann ein langer Krieg.«
Auf dem Bildschirm begann ein Film. Leise und nachdrucklich sprach eine Stimme:
»Im Lande namens Vereinigte Staaten wohnte der Junge Albert oder einfach — Alka. Er war ein sehr intelligentes Kind und lernte gern, besonders interessierte er sich fur Kernphysik.
Eines Tages kam ein schnelles Flugzeug in die Stadt, in der Alka lebte. Ein tapferer Pilot stieg aus und rief: ›Ein Ungluck ist geschehen, wir wurden uberrascht. Feinde kamen zu uns von den salzigen Meeren, aus kalten Landern. Kugeln pfeifen, Granaten explodieren. Wir kampfen Tag und Nacht gegen die Feinde. Wir sind viele, aber sie sind mehr. Burger, jetzt ist keine Zeit zum Ruhen!‹
Daraufhin kusste der Vater Alka, setzte sich ins Flugzeug und zog in den Krieg.
Jeden Abend kletterte Alka aufs Dach und schaute: Kommt vielleicht das Flugzeug des Vaters zuruck? Nein, nichts war zu sehen… So verging ein Tag, so verstrich ein Jahr. Und wiederum erschien am Horizont ein schnelles Flugzeug, die Tragflachen von Kugeln durchschlagen und die Verglasung des Cockpits gesprungen. Aus dem Flugzeug stieg ein Pilot, abgemagert und mude, mit verbundener Stirn, Handen voller Maschinenol und rief: ›He, erhebt euch! Zuerst traf uns ein kleines Ungluck, jetzt ist es ein gro?es! Der Feinde gibt es viele, wir aber sind wenige. Kugeln pfeifen, Granaten explodieren. Kommt zu Hilfe!‹ Da umarmte der altere Bruder Alka zum Abschied, setzte sich ins Flugzeug und flog in den Krieg.
Jeden Abend kletterte Alka aufs Dach und hielt Ausschau: Kommen vielleicht Vater und Bruder zuruck? Nein, nichts war zu sehen… Tagsuber lernte Alka besser als vorher und dachte stets: Mit welcher Waffe konnte man den Feind nur besiegen?
Da kam bei Sonnenuntergang wieder ein schnelles Flugzeug: eine Tragflache war fast abgerissen, die Propeller verbogen, der Rumpf voller Locher von Granateinschlagen. Aus dem Flugzeug kroch der Pilot und sturzte auf die Erde. Er kam zu sich und sagte: ›Erhebt euch, wer sich noch nicht erhoben hat! Wir haben niemanden mehr fur den Kampf. Der Feinde sind viele, von den Unsrigen ist niemand ubrig geblieben! Kommt zu Hilfe!‹
Ein alter Opa naherte sich dem Piloten. Er wollte ins Flugzeug steigen, aber seine Beine gaben nach. Er versuchte sich hinter den Steuerknuppel zu setzen, aber seine Hande konnten ihn nicht halten. Er wollte zum Zielgerat, aber seine Augen waren nicht mehr die besten. Da weinte der Alte vor Kummer.
Nun trat Alka nach vorn und sagte:
›Nein, der Feind kann nicht durch Masse besiegt werden, er muss durch Klugheit besiegt werden! Ich habe das wichtigste Kriegsgeheimnis entdeckt — wie es zu schaffen ist, dass alle Feinde auf einmal vernichtet werden!‹
Dann zeigte er dem Piloten ein Stuck Papier. Auf diesem stand die Formel: E = mc2.
Daraufhin wurde fieberhaft gearbeitet und die Menschen stellten die zwei ersten Atombomben her. Der Pilot lud sie vorsichtig in sein Flugzeug und flog in den Krieg. Als er die zwei gro?ten feindlichen Stutzpunkte erblickte — Hiroshima und Nagasaki -, flog er weit nach oben und warf die Bomben auf sie.
Die Erde fing an zu brennen, der Rauch sammelte sich in einer Wolke. Alle feindlichen Flugzeuge fielen vom Himmel, alle ihr Schiffe gingen unter. Die Feinde erschraken und baten um Gnade.
Endlich kamen Alkas Vater und Bruder aus der Gefangenschaft zuruck. Und sie lebten besser als zuvor!«
»Das war interessant«, meinte Herbert. »Aber mir wurde es anders gezeigt…«
»Glaubst du, dass es nicht stimmt?«, fragte ich.
»Nein, da wurde auch gesagt, dass Albert die Bombe entwickelt hat. Aber auf eine sehr langweilige Art.«
»Es ist uberflussig, sich etwas Langweiliges anzusehen«, erwiderte ich. Ehrlich gesagt war es mir sehr angenehm, dass ich einem Jungen, der alter war als ich, so gut helfen konnte. Auch wenn er hirnamputiert war…
»Komm, wir sehen uns an, wie die erste Bombe gemacht wurde…«
