»Dass Inna Snow gegen das Imperium kampfen will«, sagte Lion.

»Glaubst du, sie ist nicht bei Trost?«, fragte ich. »Denk doch einmal selbst nach, was das Imperium fur eine Flotte hat im Gegensatz zu der von Inej! Wie viele Planeten zum Imperator halten und wie viele zu Inna Snow! Na gut, hier hat sie alle hirnamputiert, sie wurden fur sie in den sicheren Tod gehen. Aber mit allen anderen wird es nicht so leicht sein! Bei ihnen sind die Radioshunts deaktiviert, das Programm kann nicht mehr so einfach initiiert werden. Sogar wenn es weitere Betroffene geben sollte — sie konnen jetzt geheilt werden. Wie will sie denn dann kampfen? Besitzt sie etwa eine Wunderwaffe? Irgendeinen Todesstrahl wie im Film? Eins — und alle Sterne sind erloschen, zwei — und alle Raumschiffe sind vergluht…«

Lion wurde unruhig.

»Und wenn es wirklich so ist? Vielleicht wartet sie nur auf einen Anlass, darauf, dass der Imperator als Erster angreift?«

»Warum?«

»Zum Beispiel, damit die Fremden sie nicht fur den Aggressor halten. Ich erinnere mich aus meinem Traum, dass nicht nur wir gegen das Imperium kampften, die Halflinge hatten uns unterstutzt…«

Er unterbrach sich und schaute mich erschrocken an. Ich fasste Lion an die Schultern:

»Hast du das den Phagen gesagt?«

»Ah — ich erinnere mich nicht. Ich glaube…«

»Was ›glaubst‹ du?«

»Ich glaube, ich habe es gesagt…«

»Verdammt!« Etwas anderes fiel mir nicht ein. »Darum geht es also! Sie konspiriert mit den Fremden! Vielleicht wirklich mit den Halflingen, die sind kriegerisch wie alle Zwerge. Und wenn das Imperium Inej uberfallt, treten die Halflinge auf Inejs Seite in den Krieg… Sie haben massenhaft Militarraumschiffe! Und dann beginnt ein solches Durcheinander!«

»Das mussen die Phagen erfahren«, meinte Lion.

»Und wie? Sollen wir einen Brief zum Avalon schicken?«, fragte ich aufgebracht.

»Warum keinen Brief, wenn er chiffriert ist…«

»Wenn uns jemand den Code verraten wurde!?«

Wir standen da und schauten einander verzweifelt an.

Dann au?erte Lion: »Hor mal, warum, zum Teufel, haben sie unsuberhauptohnejeglicheKontaktmoglichkeit hierhergeschickt?«

»Stasj hat gesagt, dass sie uns finden wurden.«

»Wann? Und wer? Wenn wir hier wirklich etwas Wichtiges in Erfahrung bringen konnen, warum haben wir dann keine Verbindung zu ihnen? Egal welche! Ein bestimmtes Zeichen, ein Brief, der geschrieben werden muss… was wei? ich!«

»Sie werden von sich aus Kontakt mit uns aufnehmen!«, wiederholte ich storrisch. »Auf jeden Fall!«

Lion bewegte zweifelnd den Kopf:

»Das ist trotzdem nicht in Ordnung. So etwas darf es einfach nicht geben, Tikkirej!«

Wir hatten noch bis in alle Ewigkeit daruber diskutieren konnen, ob man uns eine Kommunikationsmoglichkeit mit Avalon hatte einrichten sollen oder nicht. Es war so oder so ein sinnloser Streit. Ich war mir ziemlich sicher, dass uns am Abend Probleme erwarten wurden. Zumindest Lion musste bestraft werden!

Uber die Schlagerei verlor jedoch niemand ein Wort und uberhaupt versuchten alle, uns nicht zu nahe zu kommen. Im Speisesaal bekamen wir unser Abendbrot, obwohl es schon spat war und sich niemand mehr im Raum aufhielt. In unserem Zimmer fanden wir auf dem Tisch Briefumschlage mit dem Stundenplan fur die nachste Woche, den Schulregeln und der Hausordnung des Colleges. Ich las sie mir durch — es gab nichts Unannehmbares in den Regeln. Nur Punkt Nummer sechs-»DieZoglingewerdengebeten,ihre Meinungsverschiedenheiten nicht in Form von Schlagereien auszutragen, bevor nicht alle Moglichkeiten der friedlichen Streitbeilegung ausgeschopft sind« — war besonders hervorgehoben. Als ob man diese Zeile kraftig mit einem Fingernagel unterstrichen hatte.

Bei Lion fand sich dasselbe.

»Was es nicht alles gibt«, murmelte er. Er wirkte verlegen.

Im Schrank war Kleidung hinzugekommen. Wir hatten jetzt auch Unterwasche, Schlafanzuge und Sportsachen. Lion freute sich offenkundig und betrachtete die neuen Sachen. Ich setzte mich aufs Bett, legte die Kleidung vor mir zurecht und versank in Gedanken.

Das alles hier ist doch keine billige synthetische Kleidung wie die, die an moralisch nicht gefestigte arbeitsscheue Leute ausgegeben wird. Es ist teure Kleidung aus Pflanzen, aus Baumwolle und Leinen. Und Leinen wachst ausschlie?lich auf der Erde. Das wei? jeder, uberlegte ich.

Als mir meine Eltern echte Jeans aus Baumwolle geschenkt hatten — das war vielleicht ein Feiertag! Naturlich ist Neu- Kuweit viel reicher als Karijer, aber trotzdem… Aus welchem Grund wurden wir mit diesen Geschenken uberschuttet?

In Gedanken versunken spurte ich nicht sofort, wie sich die Schlange am Korper bewegte. Sie hatte nach wie vor die Form eines Gurtels und kroch nicht aus den Schlaufen, steckte jedoch das Kopfchen nach vorn und schaute damit in alle Richtungen. Dann erstarrte sie, das Maul geoffnet, aber nicht fur eine Plasmagarbe, sondern als ob es ein Miniteleskop als Antenne bilden wurde.

Nach einer Sekunde glitt die Schlange uber meinen Korper und kroch mir in den Armel. Ich blieb still — vielleicht gab es hier nur Abhorgerate, aber keine Kameras. Ich wartete. Die Schlange kringelte sich um den Arm, kroch danach zur Schulter und beruhrte den Neuroshunt.

Vor meinen Augen erschien eine virtuelle Leinwand. Das ganze Zimmer war in Miniquadrate unterteilt. Und diese Quadrate fullten sich sehr schnell mit gruner Farbe… bis eines von ihnen, uber dem Turrahmen, rot aufleuchtete. Dorthin tastete sich sofort ein dunner, pulsierender Strahl und das Quadrat leuchtete nun gelb. Die restlichen Quadrate farbten sich grun, weitere rote gab es nicht.

Ich war im Bilde.

»Lion, uber dem Turrahmen ist eine Wanze.«

»Ha? Was?« Er horte sofort auf, seinen Schlafanzug mit tanzenden Elefanten zu bewundern, und blickte erschrocken zur Tur. »Woher wei?t du das?«

»Das Schlangenschwert«, erklarte ich und hob die Hand.

»Was machst du da?«, flusterte Lion. »Bist du verruckt geworden?«

»Es ist alles in Ordnung, das Schlangenschwert hat die Wanze ausgeschalten«, beruhigte ich ihn. »Nein, nicht einfach ausgeschalten, sondern viel besser…«

»Na was?«

Die Schlange hatte naturlich nicht mit Worten zu mir gesprochen. Aber ich wusste trotzdem, was genau sie gemacht hatte. Und ich versuchte es, so gut ich konnte, zu erklaren.

»Sie hat die Wanze umprogrammiert: Die sendet weiterhin Bild und Ton, aber als Aufzeichnung. Aus Teilen von vorhergegangenen Mitschnitten. Wenn man genau hinschaut, kann man Ungereimtheiten feststellen, aber man muss schon sehr genau hinschauen. Gleich schaltet die Schlange die Wanze wieder ein, und wir mussen uns benehmen, als ob nichts ware. Und so viel wie moglich bewegen, allen moglichen Blodsinn quatschen… Damit wir fur spater, wenn die Wanze wieder abgeschaltet werden soll, daraus eine falsche Aufzeichnung zusammenschneiden konnen.«

»Alles klar«, sagte Lion betrubt. Er hatte sich schon daruber gefreut, dass wir endgultig von der Abhoranlage befreit waren.

»In der Nacht machen wir sie aus«, ermunterte ich ihn. »Dann konnen wir uns unterhalten. Also, setz dich dorthin, wo du gesessen hast!«

Lion seufzte und beugte sich uber den Schlafanzug. Ich gab der Schlange den Befehl und begann ebenfalls meine Sachen anzuschauen.

In der Kleidung waren Gott sei Dank keine Wanzen versteckt. Ziemlich komisch! Vielleicht ging man davon aus, dass wir auf der Stra?e nicht beobachtet werden mussten, oder wir wurden sogar verfolgt. Und die zweite Variante ware gefahrlich fur uns. Wir hatten bisher ohne jegliche Vorsichtsma?nahmen miteinander gesprochen.

»Ich hatte schon einmal einen Schlafanzug mit Igeln«, sagte Lion. »Einen sehr schonen…«

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