vorsichtig mit seinem Geld um.
Nach dem Landkauf musste er Holz und Draht besorgen, aber zugleich genug zuruckbehalten, um einen Grundstock an Huhnern anlegen zu konnen. Das bedeutete, dass er die meiste Zeit allein auf seinem Hof verbrachte und abends niemals ausging.
Naturlich fehlte ihm Elsie. Sie schrieb ihm jeden Tag, um dafur zu sorgen, dass er sie nicht verga?. „Norman, mein liebster Schatz…” „Ach, mein Liebling, ich hebe Dich so sehr…” „Denkst Du so oft an mich, wie ich an Dich denke, Barchen?…” „Wachst die Liebe zu deinem kleinen Schatz ein wenig mit der Entfernung…?”
О ja. Jeden Freitagabend fuhr er auf seinem Fahrrad die achtzig Kilometer nach Kensal Rise, um das Wochenende mit ihr zu verbringen. Aber die Fahrt hin und zuruck war anstrengend, und er warnte sie, dass er sie nicht mehr wurde auf sich nehmen konnen, wenn erst die Huhner da waren.
»Ich kann die nicht einfach allein lassen, Else. Sie mussen samstags und sonntags genauso gefuttert und getrankt werden wie wochentags.«
Als sie weinerlich zu jammern begann, erzahlte er ihr, er wolle eine Hutte bauen, um darin wohnen zu konnen. »Was Gro?artiges wird es nicht«, sagte er. »Vielleicht drei funfzig mal zwei funfzig, aber es ist ein Brunnen da, und ich kann an der einen Wand ein Bett aufstellen. Ich habe einen Olofen zum Kochen, und wenn es dunkel wird, zunde ich Kerzen an.«
Elsie fand, das klange romantisch.
Norman schuttelte den Kopf. »So haben es die Jungs in den Schutzengraben gehabt«, sagte er. »Ungemutlich und primitiv — aber es kommt billiger, als jeden Abend Geld fur ein Zimmer auszugeben. Ich baue an, wenn es anfangt, bergauf zu gehen, und eines Tages wird es dann ein richtiges Haus sein.«
Sie dachte schon voraus. »Ich kann dich an den Wochenenden besuchen.«
»Die Hutte steht noch nicht.«
»Ich komme mit der Eisenbahn und gehe vom Bahnhof aus zu Fu?.«
»Du kannst nicht uber Nacht bleiben, Elsie. Das macht sich nicht gut.«
»Ich wei?.« Sie boxte ihn scherzhaft in den Arm. »Dummkopf! Ich miete mich irgendwo ein und bleibe tagsuber bei dir. Das wird bestimmt lustig, Barchen. Ich kann das Essen kochen, wahrend du dich um die Huhner kummerst. Wir konnen so tun, als waren wir Mann und Frau.«
Es hatte tatsachlich etwas Romantisches, wenn man es so sah. Und Norman war ja wirklich einsam. Die Leute in Sussex waren Fremden gegenuber misstrauisch, und die neuen Freunde, die sein Vater prophezeit hatte, waren nie erschienen. Das Einzige, was er davon hatte, dass er versuchte, auf eigenen Beinen zu stehen war elende Schufterei. Und die machte keinen Spa?, wenn man nicht ab und zu eine Ansprache hatte.
Im Ubrigen war er ein gesunder junger Mann. Er war zwar immer noch strengglaubig, die Vorstellung mit einer Frau allein zu sein, fand er dennoch aufregend.
Er baute seine Wohnhutte nach demselben Muster wie seine Huhnerstalle. Die Wande wurden aus Holz gezimmert, und ein schrages Dach mit hohem Giebel erzeugte im Inneren das Gefuhl einer gewissen Weite. Zwei Balken, der eine uber dem anderen, zogen sich quer durch die Mitte, um dem Bau Stabilitat zu geben. Am einen Ende war ein Podest mit Matratze, das nachts als Bett diente und tags als Sofa, und am anderen Ende ein kleines Fenster, das etwas Licht hereinlie?.
Er trug ein paar Sachen zusammen, mit denen er den Raum moblierte, um ihn wohnlicher zu machen: einen Tisch und zwei Stuhle, einen Olofen, eine blecherne Waschschussel und Matten fur den Fu?boden. Sonst aber war es so, wie er Elsie vorhergesagt hatte — ungemutlich und primitiv. Und wurde noch ungemutlicher durch die Kalte, als die Tage kurzer wurden und der Winter kam.
Bis zum Fruhjahr 1922 erlaubte er Elsie nicht, ihn zu besuchen. „Das Wetter ist zu schlecht”, schrieb er. „Es wird einem praktisch nie warm, und meistens mache ich mir nicht mal die Muhe, mich zu waschen. Manchmal glaube ich, dass die Huhner besser dran sind als ich. Sie konnen sich wenigstens zusammenkuscheln.”
KAPITEL 3
Elsie liebte Normans kleine Hutte. So glucklich wie an den Wochenenden auf der Farm war sie noch nie gewesen. Sie nahm sich ein Zimmer bei Mr. und Mrs. Cosham, die ein Stuck die Stra?e hinunter wohnten, und marschierte morgens zur Farm hinaus. Sie half beim Futtern und beim Einsammeln der Eier, aber sie war nicht bereit, die Huhnerhauser sauber zu machen.
»Von dem Geruch wird mir schlecht«, erklarte sie Norman mit gerumpfter Nase. »Au?erdem kann ich mich nicht mit dem Gestank in den Kleidern in den Zug nach London setzen.«
Norman machte das nichts aus. Er lie? Elsie gern herumsitzen und Daumchen drehen, Hauptsache, sie war hier. Ihre frohliche Zuversicht war ansteckend, und allmahlich glaubte er wirklich, dass das Unternehmen ein Erfolg werden wurde. Zwar produzierte er mehr Eier, als er verkaufen konnte, aber die Junghahne und Bruthennen machten ihre Sache gut. Er hatte inzwischen Massen von Junghuhnern, die er nur noch masten und dann zum Kochen oder Braten verkaufen musste.
Elsie fragte ihn, wie er sie toten wurde.
»Ich brech ihnen das Genick«, sagte er.
»Mein Vater hat erzahlt, seine Mutter in Schottland hat es immer mit dem Messer gemacht.«
»Ich will kein Blut auf den Halsfedern haben.«
»Musst du sie denn nicht sowieso rupfen, Schatz? Wer kauft schon ein ungerupftes Huhn?«
»Nur der Rumpf muss gemacht werden, Else. Kopf und Hals lasst man, wie sie sind, damit der Metzger die Huhner ins Fenster hangen kann. Wenn Blut dran ist, schauen sie nicht so appetitlich aus.«
Sie ging in die Hocke, um sich ein Nest voll flaumiger Kuken anzusehen. »Die armen Kleinen.«
»Du solltest lieber mich bedauern«, bemerkte Norman. »Ich werde bestimmt noch im Schlaf rupfen, wenn das Geschaft erst lauft. Die Federn lassen sich ziemlich leicht rausziehen, solange der Vogel noch warm ist, aber es ist trotzdem harte Arbeit.«
»Da kommt eine ganze Menge Federn zusammen, Barchen. Was machst du mit denen?«
»Keine Ahnung.« Er sah sich um. »Vielleicht verbrenne ich sie. Dann wird's hier zwar eine Weile richtig stinken, aber ich bin sie wenigstens los.«
Schwieriger war es mit dem verschmutzten Stroh aus den Huhnerstallen. Er lie? es verrotten, um es als Kompost zu verkaufen, aber das war ein ziemlich langwieriger Prozess, und mit den standig wachsenden Misthaufen sah die Farm noch schabiger und heruntergekommener aus, als sie ohnehin schon war. Anfangs schien es Elsie nicht aufzufallen. Aber nach einigen Wochen begann sie zu norgeln.
»Deine Eier kauft doch niemand, der mal gesehen hat, woher sie kommen. Da
»Das kann ich mir nicht leisten«, entgegnete er patzig. »Farbe kostet Geld.«
»Lass dir von deinem Vater noch was geben.«
»Der hat schon genug fur mich getan.«
Als ihre Norgeleien ihm zu viel wurden, meinte er,
»Mein Vater bringt mich um, wenn ich einem Mann Geld leihe, mit dem ich nicht verlobt bin«, erklarte sie geziert. »Da musst du mir schon zuerst einen Ring anstecken, Barchen.«
»Und womit soll ich den kaufen? Kennst du einen Juwelier, der Diamanten gegen Huhner tauscht?«
Aber trotz gelegentlicher Streitereien ubers Geld und Heiraten waren dieser Sommer und der Herbst eine gluckliche Zeit. Im September und Oktober war das Wetter warm, und Elsie fuhr beinahe jedes Wochenende nach Sussex. Samstags faulenzten sie und Norman an einem Feuer vor der Hutte, wenn die Arbeit getan war.
