Sonntagmorgens gingen sie in die Methodistenkirche in der Ortsmitte und a?en anschlie?end das Mittagessen, das Elsie fur sie gekocht hatte.

Sie wurde sehr erfinderisch in der Zubereitung von Huhnchen. Meistens waren die Vogel alt und mussten erst mit Karotten und Zwiebeln weichgekocht werden. Aber ab und zu spendierte Norman einen jungen Gockel, der in Bauchspeck von der benachbarten Schweinefarm gebraten werden konnte. Es war mehr wie im Zeltlager als in einem richtigen Haushalt, aber Elsie meinte schwarmend: »Es ist wie in den Ferien«.

Normans Vater hatte seinem Sohn einmal erklart, dass es das Dummste sei, sich im Urlaub zu verlieben. »Die Menschen sind anders, wenn sie von zu Hause weg sind, mein Junge. Du kannst nicht danach gehen, wie sich ein Madchen im Urlaub an der See verhalt.«

Das ging Norman jedes Mal durch den Kopf, wenn Elsie vom Heiraten sprach. Wer war die richtige Elsie Cameron? Die launische, sprunghafte, die bei ihren Eltern in London lebte und ihre Arbeit hasste? Oder die Unbekummerte, die ihn in Sussex besuchte und die Ehefrau spielte? Er wusste, dass sie beinahe genauso viel an den Akt dachte wie er. Manchmal, wenn er sie an sich zog, ihren Hintern umfasste und sein hartes Glied an sie druckte, kamen sie der Sache ganz nahe. Immer vergingen ein oder zwei Sekunden, bevor sie zu kichern begann und ihn wegstie?.

»Du frecher Kerl«, sagte sie dann und drohte ihm mit dem Finger. »Erst musst du vor mir auf die Knie fallen und mir einen Heiratsantrag machen, Norman. Versprich mir, dass du mich zur Mrs. Thorne machst, dann uberleg ich's mir vielleicht.«

»Sobald ich hier einigerma?en uber die Runden komme.«

»Und wann soll das sein?«

»Ich wei? es nicht. Ich tue, was ich kann.«

»Das sagst du immer. Wenn du mich genauso sehr lieben wurdest wie ich dich, wurdest du mich in die Arme nehmen und mich trotzdem bitten, dich zu heiraten. Mir macht's nichts aus, in einer Hutte zu leben.«

»So wurdest du nicht reden, wenn du jeden Tag so leben musstest, Elsie. Das ist was anderes als Urlaub. Wenn ich keinen Metzger finde, der mir meine Huhner abnimmt, muss ich mit den verflixten Biestern von Tur zu Tur hausieren gehen. Und niemand zahlt den vollen Preis — jedenfalls nicht, wenn die merken, wie dringend ich sie loswerden muss. Ein totes Huhn halt nicht lang.«

Sie in der Hutte aufzuheben, ging nicht. Man hatte die toten Vogel hochstens am Mittelbalken aufhangen konnen, und in der Hitze wurden sie schnell schlecht. Er hatte es zwei- oder dreimal versucht, und die Kadaver am Ende jedes Mal auf dem Feld verscharren mussen. Kein Mensch wollte Geflugel haben, das nicht taufrisch war. Und zu allem Uberfluss lockte der Verwesungsgeruch auch noch Fuchse und Ratten an.

Seine Geldprobleme waren so leicht nicht zu losen. Es war naiv von ihm gewesen, die ganze Sache anzufangen, ohne sich vorher genauer uber die Geflugelhaltung zu informieren. Aber jetzt gab es kein Zuruck mehr. Er konnte sich nur damit trosten, dass er sich immer wieder sagte, am Ende werde schon alles gut werden. Er hatte gelernt, dass Gott denen hilft, die sich selbst helfen. Und dass Flei? und harte Arbeit belohnt werden. Trotzdem fra? ihn die Sorge fast auf.

Und wenn es nun gar nicht so war? Wenn Gott ihm vielmehr eine Lektion in Demut erteilen wollte? Wie sollte er seinem Vater die Vergeudung von einhundert Pfund erklaren? Wie sollte er Elsie erklaren, dass er sie vielleicht  nie wurde heiraten konnen?

Am tiefsten sank seine Stimmung stets in den Stunden vor dem Morgengrauen. Dann lag er wach und sah sich in einer Falle, die er sich selbst gestellt hatte. Ware er Elsie nicht begegnet… hatte er seinen Vater nicht um Geld gebeten… ware Elsie junger gewesen und nicht so versessen darauf zu heiraten…

Am ersten Weihnachtsfeiertag 1922 verlobten sie sich. Norman uberlie? es Mr. Cosham, seine Huhner zu futtern, und radelte uber die Feiertage nach London. Er erzahlte seinem Vater, die Geschafte gingen so gut, dass er nun Elsie Cameron um ihre Hand bitten konne.

Mr. Thorne sah ihn stirnrunzelnd an. »Bist du sicher, mein Junge? Als wir zuletzt miteinander gesprochen haben, hast du in einem Schuppen gehaust. Ist das inzwischen anders?«

»Nein.«

»Und du erwartest, dass eine Frau dieses Leben mit dir teilt?«

»Wir verloben uns doch nur, Dad. Bis zur Hochzeit ist es noch eine Weile hin, und bis dahin habe ich bestimmt was zur Miete gefunden.«

»Hm. Von wem stammt denn die Idee? Von dir oder von Miss Cameron?«

Normans Gesicht bekam einen trotzigen Ausdruck. »Von mir.«

Mr. Thorne glaubte ihm nicht. »Andert es etwas, wenn ich mich weigere, dir meinen Segen zu geben? Ich kann durchaus verstehen, dass Miss Cameron dringend einen Ehemann sucht — sie ist fast funfundzwanzig — , aber du bist erst zwanzig, mein Junge. Viel zu jung, um eine Familie zu grunden.«

»Wir wollen ja gar nicht gleich Kinder haben.«

»Du vielleicht nicht, mein Junge, aber Miss Cameron ganz sicher, wenn du mich fragst.«

Norman sagte zahneknirschend: »Ich bin kein kleiner Junge mehr, Dad, und sie hei?t Elsie. Kannst du nicht versuchen, sie so zu sehen wie ich? Sie ist herzensgut und will nur das Beste fur mich.«

»Das will ich auch, Norman.«

»Es sieht aber manchmal nicht so aus.«

Mr. Thorne betrachtete ihn einen Moment. »Hat Elsie dir hundert Pfund gegeben?«

»Nein.«

»Dann wirf mir nicht vor, dass ich mir nichts aus dir mache.«

»Tu ich ja gar nicht«, entgegnete sein Sohn unglucklich. »Aber Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, Dad.«

Mr. Thorne schuttelte den Kopf. »O doch, ist es, wenn man sich auf etwas einlasst, was man sich nicht leisten kann. Wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tur steht, hilft dir die ganze Liebe nichts.«

Wie anders ging es da bei der Familie Cameron zu, Elsies Vater schlug Norman auf die Schulter und sagte, er sei ein prima Kerl. »Unsere Elsie wollte immer schon heiraten. Sie bekam richtig Zustande, als ihr Bruder und ihre Schwester sich beide in diesem Jahr verlobt haben. Aber Ende gut, alles gut, sag ich immer. Wir freuen uns, dass Sie unser Schwiegersohn werden.«

Mrs. Cameron umarmte ihn. »Sie sind ein guter Junge, Norman. Ich habe gewusst, dass Sie sich fruher oder spater zu unserer Tochter bekennen wurden. Elsie kann es kaum erwarten, eine Familie zu grunden.«

Norman lachelte verlegen. »Das wird noch eine Weile dauern, Mrs. Cameron. Zuerst brauchen wir ein Dach uber dem Kopf.«

Elsie hakte sich bei ihm ein und spreizte die Finger, so dass der Feuerschein auf ihren Ring fiel. »So lange auch wieder nicht, Barchen. Wer seiner Liebsten so einen Ring anstecken kann, der kann auch ein kleines Hauschen fur sie finden, meinst du nicht?«

Norman dachte mit schlechtem Gewissen an die funf Pfund, die er bei einem Geldverleiher aufgenommen hatte, um den Ring kaufen zu konnen. »Im nachsten Jahr vielleicht.«

Er meinte, nach einem Ablauf von mindestens zwolf Monaten, sprach also von 1924. Die Camerons glaubten, er meinte 1923. Elsies beide Geschwister wollten in diesem Jahr heiraten, warum nicht auch sie? Den ganzen ersten Weihnachtsfeiertag drehten sich die Gesprache um nichts anderes als Hochzeitskleider und Kinder.

Norman trieb das nur dazu, den Kopf in den Sand zu stecken. Es war einfacher, immer nur zu nicken, statt standig zu erklaren, dass er sich Frau und Familie vorlaufig nicht leisten konnte. Es beunruhigte ihn ein wenig, wie versessen Mr. und Mrs. Cameron allem Anschein nach darauf waren, ihre Tochter loszuwerden.

»Wenn sie erst einmal aus London heraus ist, wird sie sicher ruhiger werden«, sagte Mrs. Cameron. »Der Krach hier und die vielen Leute schlagen ihr aufs Gemut. Lassen Sie sie nur nicht zu lange warten, Norman.«

Mr. Cameron sprach nach dem Mittagessen unter vier Augen mit ihm. »Elsie hat manchmal so fixe Ideen — aber das wissen Sie ja schon. Widersprechen Sie ihr dann lieber nicht. Man fahrt am besten, wenn man ihr ihren Willen lasst.«

»Ich werde mich bemuhen, Sir.«

»Braver Junge. Wenn Sie es irgendwie schaffen, mit ihr vor den Altar zu treten, ehe es bei ihren Geschwistern so weit ist, werden Sie sie zur glucklichsten Frau auf Erden machen.«

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