aus den westlichen Landern stammenden Schatze gehorten ihnen und wurden vom Volk der Tara bewacht. Die Beisetzung suchte ihresglei-chen. So waren bisher nur Maya-Herrscher bestattet worden, und selbst das war tausend Jahre her.

Drei Tage nach der Unterzeichnung des Testaments war Maxwell Broadbent gestorben. Ihm war nur noch ein Tag geblieben, dann hatte sein Geist sich verwirrt, und er war ins Koma gefallen und verschieden. Toms Ansicht nach gab es zwar grundsatzlich keinen schonen Tod, doch der seines Vaters war irgendwie wurdevoll gewesen, falls man dieses Wort uberhaupt verwenden wollte. Er selbst wurde sich eher an den letzten klaren Tag seines Vaters als an seinen Tod erinnern.

Sie waren alle bei ihm gewesen. Sie hatten nicht viel geredet, und wenn sie uberhaupt etwas gesagt hatten, dann war es um Kleinigkeiten gegangen: um irgendwelche unwichtigen Begebenheiten, vergessene Orte, lustige Ereignisse und Menschen, die langst nicht mehr lebten. Trotzdem war dieser Tag der Plaudereien fur sie wertvoller gewesen als all die Jahrzehnte wichtiger Gesprache uber vermeintlich Gro-

?es: die Standpauken, die vaterlichen Ermahnungen, die Ratschlage, die Philosophiererei und die Tischgesprache.

Nach einem Leben des Aneinandervorbeiredens hatte Maxwell Broadbent sie endlich verstanden und sie ihn. Nur deswegen hatten sie aus reinem Spa? an der Freude so unbeschwert daherreden konnen. So einfach und doch auch so tiefsinnig war die Sache.

Tom lachelte. Die Bestattung hatte seinem Vater gefallen.

Er hatte diese beeindruckende Prozession durch den Wald gern gesehen: die riesigen drohnenden Holztrompeten, die Trommelwirbel, die Bambusfloten, die abwechselnd sin-genden und klatschenden Manner und Frauen. Man hatte eine gro?e Kammer in den Fels gehauen und eine neue Totenstadt fur das Volk der Tara aus der Taufe gehoben. Die Wei?e Stadt war ihnen wegen der abgebrannten Brucke ja nicht mehr zuganglich. Sechs von Hausers Soldnern waren dort zuruckgeblieben. In den sechs Wochen, die die Bauar-beiten der neuen Gruft in Anspruch nahmen, hatte es im Dorf taglich neue Nachrichten uber die gefangenen Soldaten gegeben: Hin und wieder kamen sie an den Bruckenkopf, feuerten ihre Waffen ab und riefen, flehten und drohten. Im Laufe der Tage und Wochen waren aus den sechs Mannern vier geworden, dann drei, dann zwei. Jetzt war nur noch einer da, aber er schrie und winkte nicht mehr und gab auch keine Schusse mehr ab. Er stand nur da, eine kleine, ausgemergelte, schweigende Gestalt, die auf den Tod wartete. Tom hatte die Tara zu uberreden versucht, den Mann zu retten. Aber sie hatten sich hart gezeigt: Nur die Gotter konnten eine neue Brucke bauen. Wenn sie ihn retten wollten, wurden sie es schon tun.

Aber naturlich hatten sie es nicht getan.

Das Drohnen der Basstrommel lenkte Toms Gedanken wieder auf das gegenwartige Schauspiel. Nun, da samtliche Grabbeigaben in der Gruft gestapelt waren, wurde es Zeit, sie zu verschlie?en. Die Manner und Frauen standen im Wald und sangen eine traurige, beklemmende Melodie, wahrend ein Priester ein Bundel heiliger Krauter schwenkte, deren Wohlgeruch an ihnen vorbeiwehte. Die Zeremonie endete, als die Sonne den Horizont im Westen beruhrte.

Dann schlug der Hauptling auf den Holzschlussel, und als die letzten Sonnenstrahlen schwanden, schloss sich die gro?e Steintur mit einem dumpfen Schlag.

Alles war still.

Als sie zum Dorf zuruckschlenderten, sagte Tom: »Schade, dass Vater das nicht gesehen hat.«

Vernon legte einen Arm um ihn. »Er hat's gesehen, Tom.

Da bin ich mir ganz sicher.«

86

Lewis Skiba sa? auf der windschiefen Veranda seines Holz-hauses in einem Schaukelstuhl und blickte auf den See hinaus. Die Hugel waren in herbstliche Pracht gehullt, im dunklen Wasser spiegelte sich das abendliche Himmelszelt.

Alles war genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Der An-legesteg ragte schrag ins Wasser hinein, an seinem Ende war das Kanu vertaut, und der Geruch warmer Fichtenna-deln trieb durch die Luft. Am anderen Ufer lie? ein Seetaucher seinen Ruf horen. Sein einsamer Schrei verlor sich zwischen den Hugeln und wurde von einem anderen, weiter entfernten Vogel beantwortet, dessen Stimme so matt wie das Sternenlicht war.

Skiba trank einen Schluck frisches Quellwasser und lie? den Stuhl langsam nach hinten kippen. Die Sitzgelegenheit und die Veranda gaben ein protestierendes Knarren von sich. Skiba hatte alles verloren. Er hatte beim Zusammen-bruch des neuntgro?ten Pharmakonzerns der Welt den Vorsitz gefuhrt. Er hatte zugeschaut, wie die Aktie auf funfzig Cent gefallen war. Dann hatte man sie aus dem Handel genommen. Man hatte ihn gezwungen, die Zahlungsunfahigkeit zu beantragen. Zwanzigtausend Angestellte hatten ihre Betriebsrente und Lebensversicherungen in Schall und Rauch aufgehen sehen. Der Vorstand hatte ihn gefeuert. Die Aktionare und Untersuchungsausschusse hatten ihn verleumdet. Kabarettisten hatten ihn im Fernse-hen zum Arsch des Jahrhunderts gekurt.

Derzeit wurde wegen doppelter Buchfuhrung, Borsenma-nipulation und Insiderhandel gegen ihn ermittelt. Skiba hatte seine Frau und sein Haus verloren, und seine Anwalte waren im Begriff, den Rest seines Vermogens aufzufressen.

Bis auf seine Kinder liebte ihn niemand mehr.

Und doch war er ein glucklicher Mensch. Niemand konnte seine Zufriedenheit verstehen. Die Leute dachten, er habe den Verstand verloren, er sei irgendwie mental zusammen-gebrochen. Sie hatten ja keine Ahnung, wie es war, wenn man aus dem hei?esten Hollenfeuer gezogen wurde.

Was war ihm geblieben, damals, vor drei Monaten, in seinem finsteren Buro? Oder in den drei Monaten danach?

Diese drei Monate, in denen er kein Wort von Hauser gehort hatte, waren die dustersten seines Lebens gewesen.

Gerade als er gemeint hatte, der Alptraum wurde niemals enden, hatte es plotzlich Neuigkeiten gegeben. Im Mittelteil versteckt hatte die New York Times ein Artikelchen uber die Grundung der Alfonso-Boswas-Stiftung veroffentlicht, einer Organisation, die mit der Ubersetzung und Veroffentlichung eines gewissen Maya-Codex aus dem 9. Jahrhundert beschaftigt war. Man hatte ihn in der Sammlung des verstorbenen Maxwell Broadbent gefunden. Laut Dr. Sally Colorado, der Stiftungsvorsitzenden, handelte es sich bei dem Codex um ein Heilkundebuch der Mayas, das sich bei der Suche nach neuen Medikamenten als au?erst nutzlich erweisen wurde. Maxwell Broadbents vier Sohne hatten die Stiftung gegrundet und finanziert. Der Artikel vermeldete ferner, Broadbent sei unerwartet wahrend eines Familienurlaubs in Mittelamerika verstorben.

Das war alles. Niemand erwahnte Hauser, die Wei?e Stadt, die versteckte Grabkammer und den durchgedrehten Vater, der sich mit seinem ganzen Geld hatte bestatten lassen. Von all dem erfuhr man nichts.

Skiba hatte sich von einer ungeheuren Last befreit gefuhlt.

Die Broadbents lebten. Sie waren nicht ermordet worden.

Es war Hauser nicht gelungen, den Codex zu erbeuten.

Und das Wichtigste: Er hatte es nicht geschafft, sie umzubringen. Skiba wurde nie erfahren, was passiert war. Es war zu gefahrlich, sich danach zu erkundigen. Er wusste nur eines: Morde konnte man ihm keine anhangen. Ja, er hatte schreckliche Verbrechen begangen und musste eine Menge suhnen, aber das unwiderrufliche Beenden eines Menschenlebens - auch sein eigenes - gehorte nicht dazu.

Und da war noch etwas anderes. Nun, da er nichts mehr besa? - er verfugte weder uber Geld noch uber Wertgegenstande oder einen Ruf -, konnte er endlich wieder sehen.

Wie Schuppen war es ihm von den Augen gefallen. All das Bose, das er getan, die Verbrechen, die er begangen hatte, sein Egoismus, seine Gier - all dies sah er so deutlich, als sei er wieder zum Kind geworden. Nun konnte er mit absoluter Klarheit nachvollziehen, wie er, um im Geschaftsleben erfolgreich zu sein, ethisch immer mehr gesunken war. Es war so einfach, die Dinge durcheinander zu bringen, Prestige mit Ehrlichkeit, Macht mit Verantwortung, Speichel-leckerei mit Loyalitat, Gewinn mit Verdiensten zu verwechseln. Man musste schon ein au?erordentlich heller Kopf sein, um in einem solchen System anstandig zu bleiben.

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