bemerken war, und sagte dann zum Foreloper:

»Was sehen Sie denn Besonderes?…

– Das da!«

Khamis wies dabei mit der Hand stromabwarts nach einer stark bewegten Stelle des Wasserlaufes.

»Noch ein Wirbel, sagte Max Huber, oder vielmehr ein Maelstrom im Kleinen! Achtung, Khamis, da? wir nicht dahinein gerathen.

– Das ist kein Wasserwirbel, antwortete der Foreloper.

– Was denn sonst?«…

Auf diese Frage antwortete fast augenblicklich ein Wasserstrahl, der gegen zehn Fu? uber die Flache des Rio emporstieg.

Da rief Max Huber in hochster Verwunderung:

»Sollte es in den Flussen Centralafrikas etwa gar Walfische geben?

– Nein, aber Flu?pferde,« belehrte ihn der Foreloper.

Ein fauchendes Gerausch lie? sich da zu gleicher Zeit vernehmen, wo ein ungeschlachter Kopf mit machtigen Sto?zahnen an den Kiefern emportauchte, und dazu – um eine merkwurdige, doch treffende Vergleichung zu gebrauchen –

»das Innere eines Maules, das schon mehr einem Fleischerladen ahnelte, und ein Paar Augen, die sich an Gro?e mit der Dachlucke eines hollandischen Bauernhauses messen konnten!« (In dieser Weise haben sich namlich einzelne besonders phantasiereiche Reisende in ihren Berichten ausgedruckt.)

Flu?pferde findet man zwischen dem Cap der guten Hoffnung und dem dreiundzwanzigsten Grade nordlicher Breite fast allenthalben. Sie hausen meist in den Flussen, Seen und Sumpfen dieses ausgedehnten Gebietes. Hatte der Rio Johausen – dieser Hinweis fiel im Laufe des Gespraches –seine Mundung im Mittellandischen Meere gehabt, so ware kein Angriff jener Amphibien zu besorgen gewesen, denn in den dahin verlaufenden Stromen kamen solche, mit Ausnahme des oberen Nils, uberhaupt nicht vor.

Der Hippopotamus ist trotz seines eigentlich sanften Charakters ein recht gefahrliches Thier. Wenn es aus irgend einem Grunde gereizt wurde, z. B. unter dem Einflusse des Schmerzes, wenn es harpuniert wird, sturzt es sich mit unbeschreiblicher Wuth auf die Jager, verfolgt sie langs der Ufer, packt auch unmittelbar Bote an, die es bei seinem ungeheueren Korpergewicht leicht zum Kentern bringt, oder die es mit seinen machtigen Kinnladen, die Arme und Beine des Menschen glatt abbei?en konnen, ernsthaft beschadigt.

Kein Insasse des Botes – nicht einmal der uberaus jagdeifrige Max Huber – konnte auch nur daran denken, eine solche Amphibie anzugreifen. Das that aber wahrscheinlich die Amphibie, wenn sie das Flo? erreichte, dagegen anstie?, es durch ihr, zuweilen bis zweitausend Kilogramm ansteigendes Gewicht uberlastete, und wenn sie gar ihre schrecklichen Hauer hineinbohrte, was sollte dann aus Khamis und seinen Genossen werden?

Die Stromung war gerade ziemlich schnell, und vielleicht empfahl es sich mehr, ihr zu folgen, als dem Ufer zuzulenken, wohin der Hippopotamus doch nachgeschwommen ware. Auf dem Lande konnte man seinen Sto?en freilich leichter ausweichen, weil das Thier sich mit seinen kurzen, plumpen Beinen und dem fast auf der Erde geschleppten Bauche nur unbeholfen bewegen kann. Es gleicht eben mehr dem Mastschweine als dem Eber. Auf dem Rio schwimmend, war das Flo? dagegen ihm auf Gnade und Ungnade preisgegeben und wurde von ihm jedenfalls zerstort. Gelang es dessen Insassen dann vielleicht auch wirklich, das Ufer schwimmend zu erreichen, so standen sie wenigstens der erschreckenden Schwierigkeit gegenuber, sich ein neues Flo? bauen zu mussen.

»Wir wollen versuchen, unbemerkt voruberzukommen, rieth Khamis. Wir strecken uns alle platt aus, vermeiden jedes Gerausch und halten uns nur fertig, jeden Augenblick ins Wasser zu springen.

– Die Sorge fur Dich, Llanga, nehme ich auf mich,« sagte Max Huber.

Alle befolgten den Rath des Forelopers und legten sich auf dem Flosse nieder, das die Stromung ziemlich schnell hinabtrug. In dieser Lage hatten sie vielleicht Aussicht, von dem Hippopotamus nicht bemerkt zu werden.

Wenige Augenblicke spater, als sie das von dem machtigen Thiere aufgewuhlte Wasser passierten, das ihr Fahrzeug stark erschutterte, vernahmen sie ein grimmiges Schnaufen und Grunzen, wie von einem Wildschweine.

Jetzt folgten einige Secunden todtlicher Angst in der Ungewi?heit, ob das Flo? von dem Kopfe des Ungeheuers in die Hohe gehoben oder durch seine Last versenkt werden wurde.

Khamis, John Cort und Max Huber beruhigten sich erst, als sie wieder in ruhigem Wasser hintrieben und das Schnaufen, von dem sie die Warme des Athems im Vorbeifahren gespurt hatten, allmahlich schwacher horbar wurde. Nun erhoben sie sich auch und sahen wirklich nichts mehr von der Amphibie, die nach der Tiefe des Flusses hinabgetaucht war.

Jager, die an den Kampf mit Elefanten gewohnt waren, die noch unlangst der Karawane des Handlers Urdax angehort hatten, hatten eigentlich vor dem Zusammentreffen mit einem Hippopotamus nicht zuruckschrecken sollen. Wiederholt, doch unter gunstigeren Verhaltnissen, hatten sie ja auch schon in der Sumpfgegend des oberen Ubanghi auf diese Thiere Jagd gemacht. An Bord ihres gebrechlichen Fahrzeugs aber, dessen Verlust fur sie so schmerzlich gewesen ware, wird man ihre Besorgni? wohl erklarlich finden, und es war ein Gluck, da? sie von einem Angriffe des furchtbaren Thieres verschont blieben.

Am Abend hielt Khamis an der Mundung eines Baches am rechten Ufer an. Ein besseres Unterkommen fur die Nacht, am Fu?e einer Gruppe von Bananen, deren breite Blatter ein Schutzdach bildeten, konnte man sich kaum wunschen. An derselben Stelle war auch ein sandiger Uferstreifen mit e?baren Mollusken bedeckt, die eingesammelt und je nach ihrer Art roh oder gekocht gegessen wurden. Der etwas rohe Geschmack der Bananen lie? dagegen viel zu wunschen ubrig. Zum Gluck lie? sich aus dem Wasser des Baches unter Zusatz des Saftes dieser Fruchte ein recht erquickendes Getrank herstellen.

»Das ware alles gut und schon, au?erte Max Huber, wenn wir nur die Gewi?heit hatten, auch ruhig schlafen zu konnen.

Leider schwirren hier aber die verwunschten Insecten umher, von deren Stachel wir nicht verschont bleiben werden. Bei dem Mangel an Moskitonetzen werden wir greulich zerstochen erwachen.«

Das ware in der That nicht ausgeblieben, wenn Llanga nicht ein Mittel gefunden hatte, die in surrenden Wolken umherschwarmenden Moskitos zu vertreiben.

Er war langs des Ufers ein Stuck hinausgegangen, und jetzt horte man ihn rufen.

Khamis lief zu dem Knaben hin, und Llanga zeigte ihm am Ufer trockenen Mist, der von Wiederkauern, Antilopen, Hirschen, Buffeln und anderen herruhrte, die hier gewi? ihren Durst zu loschen pflegten.

Warf man diese Reste in ein helles Feuer, wodurch ein dichter, eigenthumlich scharfer Rauch erzeugt wird, so war das das beste und vielleicht einzige Mittel, die Moskitos zu verjagen. Die Eingebornen bedienen sich seiner immer, und sie fahren auch gut dabei.

Sofort wurde also zwischen den Bananen ein tuchtiges Feuer aus durrem Holz angezundet. Der Foreloper warf einige Hande voll trockenen Mist hinein. Augenblicklich stieg davon eine dunkle Rauchwolke auf und die Luft war in kurzester Zeit von den unertraglichen Insecten gesaubert.

Das Feuer sollte die ganze Nacht uber von John Cort, Max Huber und Khamis unterhalten werden, wozu sie abwechselnd die Wache ubernahmen. Am nachsten Morgen gedachten sie dann, durch einen ruhigen Schlummer gestarkt, schon in fruher Stunde den Rio Johausen weiter hinunter zu fahren.

Im Klima Mittelafrikas ist nichts veranderlicher als das Wetter. Auf den klaren Himmel am vorigen Tage folgte ein grau uberzogener, der einen regnerischen Tag ankundigte. Da die Wolken sich aber mehr in den tieferen Luftschichten hielten, fiel nur ein seiner Regen, ein einfacher Wasserstaub, der aber nichtsdestoweniger recht lastig wurde.

Zum Gluck kam da Khamis ein vortrefflicher Gedanke. Die Bananenblatter sind vielleicht die gro?ten Blatter des gesammten Pflanzenreiches. Die Schwarzen benutzen sie als Bedeckung ihrer Strohhutten. Schon aus einem Dutzend davon lie? sich mitten uber dem Flosse eine Art Plane herstellen, die mittels Lianenfasern befestigt wurde. Das hatte der Foreloper schon vor der Abfahrt ausgefuhrt. Die Passagiere befanden sich also unter Schutz gegen den andauernden Regen, der von den breiten Blattern nach der Seite zu ablief.

Wahrend des ersten Theiles des Tages zeigten sich am rechten Ufer wieder einige – vielleicht zwanzig – gro?e Affen, die nicht abgeneigt schienen, die Feindseligkeiten des vorigen Tages aufs neue zu eroffnen. Das Klugste blieb es immer, jede Beruhrung mit den ha?lichen Burschen zu vermeiden, und es gelang auch, das Flo? mehr am linken Ufer zu halten, das von Vierhanderbanden weniger bevolkert war.

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