»Das mussen wir untersuchen, sagte John Cort, und wenn es sich bestatigte, ware es wenigstens etwas ganz au?ergewohnliches, lieber Max!«
Beide traten unter das Schutzdach und betrachteten den kleinen Schlafer.
Auf den ersten Blick hin hatte wohl jeder erklart, da? dieser zum Geschlechte der Affen gehore. John Cort bemerkte aber bald, da? er hier keinen Vierhander, sondern einen Zweihander vor sich hatte. Nach Blumenbach’s allgemein angenommener Eintheilung des Thierreiches wei? man aber, da? ganz allein der Mensch zur Ordnung der Zweihander gehort. Dieses merkwurdige Geschopf besa? nun blo? zwei Hande, wahrend die Affen ohne Ausnahme deren vier haben, auch seine Fu?e schienen zum Gehen eingerichtet und nicht zum Greifen, wie die aller Affentypen.
John Cort wies Max Huber auf diese Unterscheidungszeichen hin.
»Merkwurdig… sehr merkwurdig!« sagte der Franzose.
Die Korperlange des kleinen Wesens uberstieg kaum funfundsiebzig Centimeter. Es schien noch sehr jung, hochstens im funften oder sechsten Lebensjahre zu sein. Seine Haut trug keine eigentliche Behaarung, sondern nur einen leichten Flaum. Auch Stirn, Kinn und Wangen waren frei von jedem Haarwuchs, der sich nur auf der Brust und den Ober-und Unterschenkeln zeigte. Seine Ohren gingen in einen runden, weichen Hautanhang aus, abweichend von den Affen, die keine Ohrlappchen haben. Die Arme erschienen nicht uberma?ig lang. Die Natur hatte es auch nicht mit einem
»funften Gliede« ausgestattet, wie die meisten Affen, mit einem Schwanze, der diesen zum Tasten und Festhalten dient.
Sein mehr rundlicher Kopf zeigte einen Gesichtswinkel von ziemlich achtzig Graden, die Nase war stumpf, die Stirn wenig abfallend. Den Schadel bedeckten keine schlichten Haare, sondern eine Art Vlies, gleich dem der Eingebornen Centralafrikas. Offenbar wies an ihm alles, der au?eren Erscheinung und jedenfalls auch dem inneren Korperbau nach, weit mehr auf einen Menschen, als auf einen Affen hin.
Leicht wird man sich das Erstaunen vorstellen konnen, das Max Huber und John Cort erfullte, als sie sich hier einem vollig neuen Wesen gegenuber sahen, das noch kein Anthropolog beobachtet hatte und das die Mitte zwischen dem Menschen und dem Thiere zu halten schien.
Ferner hatte Llanga versichert, da? der Kleine gesprochen habe, wenn da nicht darauf hinauskam, da? der junge Eingeborne fur articulierte Laute gehalten hatte, was nur ein Schrei gewesen war, der keinerlei Gedanken ausdruckte, nur ein Schrei, der vom Instinct, nicht von der Intelligenz eingegeben war.
Die beiden Freunde standen schweigend beieinander und warteten, da? der Mund des Kleinen sich nochmals aufthun sollte, wahrend Llanga diesem zartlich Stirn und Schlafen warmte. Seine Athmung war jetzt ubrigens weniger keuchend, die Haut weniger hei?… das Fieber schien sich seinem Ende zu nahern. Endlich bewegten sich schwach die blutlosen Lippen.
»Ngora!… Ngora!« kam es klagend hervor.
»Sapperment, stie? Max Huber hervor, das geht einem doch uber allen Verstand!«
Weder der eine noch der andere wollte glauben, was sie eben gehort hatten.
Wie, mochte dieses Geschopf, das sicherlich nicht auf der hochsten Stufe des Thierreichs stand, sein, was es wollte… es besa? doch die Gabe des Wortes! Hatte es bisher auch nur jenes einzige Wort der congolesischen Sprache vernehmen lassen, so war doch nicht ausgeschlossen, da? es auch noch andere kannte, da? es eines Gedankens fahig war, dem es Ausdruck zu verleihen vermochte!
Bedauerlich blieb es vorlaufig nur, da? es die Augen nicht aufschlug, den Spiegel der Seele, in dem man so vieles erkennen kann. Die Lider blieben jedoch geschlossen, und nichts deutete darauf hin, da? sie sich bald offnen sollten.
Ueber den Kleinen niedergebeugt, harrte John Cort gespannt auf jedes Wort, auf jeden Schrei, der ihm entschlupfen konnte.
Er hob seinen Kopf etwas empor, ohne da? der Kleine aufwachte, wie gro? war aber seine Ueberraschung, als er entdeckte, da? eine Schnur um dessen Hals gewunden war.
Er lie? diese Schnur aus Seidenfaden durch die Finger gleiten, um den Knoten zu finden, der sie hielt. Sofort rief er aber da:
»Eine Medaille!
– Eine Medaille?« wiederholte Max Huber.
John Cort loste den Knoten der Schnur.
Da fiel ihm eine Denkmunze aus Nickel in der Gro?e eines Sous in die Hand, mit einem Namen auf der einen und einem Gesichtsprofil auf der anderen Seite.
Der Name war der Johausen’s, das Profil das Bild des Doctors.
»Er! rief Max Huber, und das Burschchen hier geschmuckt mit dem Orden des deutschen Gelehrten, dessen Hutte wir so leer aufgefunden haben!«
Da? diese Denkmunzen in der Gegend von Kamerun eine weite Verbreitung gefunden hatten, das war ja nichts erstaunenswerthes, da der Doctor viele solche an Frauen und Manner im Congobecken ausgetheilt hatte; da? sich ein solches Abzeichen aber gerade am Halse dieses merkwurdigen Bewohners von Ubanghi vorfand…
»Das ist rein phantastisch, erklarte Max Huber, vorausgesetzt, da? die Halbmenschen-Halbaffen diese Medaille nicht aus dem Kasten des Doctors gestohlen haben.«
Er winkte den Foreloper herbei, um ihm ihre au?erordentliche Entdeckung mitzutheilen und ihn zu fragen, was er wohl von der Sache denke.
Fast gleichzeitig lie? sich aber auch die Stimme des Forelopers vernehmen.
»Herr Max!… Herr John!« tonte es herein.
Die beiden jungen Manner traten unter dem Schutzdache hervor und gingen auf Khamis zu.
»Horchen Sie einmal!« sagte dieser.
Funfhundert Meter stromabwarts bog der Flu? schroff nach rechts hin ab, an einer Stelle, die wieder ein dichterer Baumbestand bedeckte. Lauschte man in dieser Richtung hin, so vernahm man ein dumpfes, unausgesetztes Gerausch, das mit dem Bloken von Wiederkauern oder dem Brullen von Raubthieren nicht zu verwechseln war. Es erschien wie ein wuster Larm, der mit der Annaherung des Flosses immer zunahm.
»Ein verdachtiger Larm, sagte John Cort.
– Dessen Natur ich nicht zu errathen vermag, setzte Max Huber hinzu.
– Vielleicht befindet sich da drau?en ein Wasserfall oder eine Stromschnelle, meinte der Foreloper. Der Wind weht aus Suden und ich fuhle, da? die Luft auffallend feucht, fast nassend ist.«
Khamis tauschte sich nicht. Ueber den Rio hin trieben Wolken von Wasserstaub, die nur von einer heftigen Bewegung desselben herruhren konnten.
War der Flu? hier durch ein Hinderni? gesperrt und wurde der Weiterfahrt dadurch ein Ende gemacht, so war das ein so ernstes Ding, da? Max Huber und John Cort an Llanga und dessen Schutzling gar nicht mehr dachten.
Das Flo? trieb jetzt ziemlich geschwind weiter, und jenseit der Biegung mu?te sich die Ursache des entfernten Gerausches ja bald zeigen.
Als die Biegung hinter ihnen lag, erwies sich die Befurchtung des Forelopers leider allzusehr begrundet.
Etwa hundert Toisen weiter unten bildete eine Anhaufung dunkler Felsmassen eine von einem Ufer zum anderen reichende Barre, au?er einer Oeffnung in der Mitte, durch die das Wasser schaumbekront hindurchrauschte. Im ubrigen schlug es auf beiden Seiten gegen diesen Naturdamm an oder brandete stellenweise daruber hinweg. Hier befand sich also eine Stromschnelle in der Mitte, und sturzten Wasserfalle an den Seiten hinunter. Gelangte das Flo? nicht nach einer der Uferwande und konnte es da nicht festgelegt werden, so wurde es mit hinweggerissen und mu?te an der Barre in Trummer gehen, wenn es nicht gar in der Stromung kenterte.
Alle hatten ihr ruhiges Blut bewahrt. Jetzt galt es aber, keinen Augenblick zu verlieren, denn die Schnelligkeit der Stromung nahm zusehends zu.
»Ans Ufer!… Ans Ufer!« rief Khamis.
Es war jetzt halb sieben Uhr und bei dem dunstigen Wetter herrschte schon bei Beginn der Dammerung ein unbestimmtes Zwielicht, das die Unterscheidung aller Gegenstande erschwerte.
Die Sachlage wurde hierdurch nur noch verfanglicher.
Vergeblich bemuhte sich Khamis, das Flo? nach dem Ufer zu lenken. Seine Krafte reichten dazu nicht aus.
