– Das werden wir ja erfahren,« erwiderte der andere.

Das Licht – hochstwahrscheinlich eine brennende Fackel –leuchtete einige hundert Schritt vor ihnen in der Richtung des Wildpfades. Es erhellte den Wald nur auf einem sehr beschrankten Umkreise und warf einen lebhaften Schein hinauf nach dem hohen Blatterdache.

Wohin bewegte sich der Trager dieser Fackel?… War er allein?… Hatte man einen Angriff zu erwarten oder auf Hilfe zu hoffen?

Khamis und die beiden Freunde zogerten keinen Augenblick, weiter in den Wald einzudringen.

So vergingen zwei bis drei Minuten.

Die Fackel blieb an ihrer Stelle.

Sollte der helle Schein etwa nur von einem Irrlichte herruhren?… Doch nein, dagegen sprach seine Unbeweglichkeit.

»Was beginnen wir nun? fragte John Cort.

– Wir gehen auf das Licht zu, da es nicht zu uns kommt, antwortete Max Huber.

– Also weiter!« sagte Khamis.

Der Foreloper that auf dem Pfade einige Schritte vorwarts.

Sofort begann die Flamme sich zu entfernen, offenbar mochte deren Trager bemerkt haben, da? die drei Fremdlinge sich in Bewegung gesetzt hatten. Es sah fast aus, als wolle er ihnen auf dem Wege durch das Waldesdunkel voranleuchten und sie nach dem Rio Johausen oder nach einem anderen Zuflusse des Ubanghi geleiten.

Jetzt war keine Zeit zu einer Ueberlegung. Es galt zunachst, jenem Lichte zu folgen und womoglich einen Weg nach Sudwesten bestimmt wieder zu finden.

So schritten sie denn auf dem schmalen Pfade weiter uber einen Boden, wo durch Menschen oder Thiere die Graser seit langerer Zeit niedergetreten, die Lianen zerrissen und die Gestrauche auseinandergedrangt zu sein schienen.

Ohne von den Baumen zu reden, die Khamis und seine Gefahrten bisher schon zu Gesicht gekommen waren, fanden sich hier auch seltenere Arten, wie die »Gura crepitans« mit explodierenden Fruchten – wie man von solchen nur unter der Familie der Euphorbiaceen Amerikas etwas wu?te – deren zarte Schale einen milchartigen Stoff umhullt und deren Nusse mit starkem Gerausch zerplatzen, wodurch sie die Samenkerne weithin ausstreuen; ferner den »Tsofar«, den Pfeiferbaum, zwischen dessen Zweigen der Wind wie durch einen schmalen Spalt hindurchpfiff, und uber dessen Vorkommen bisher nur aus den nubischen Waldern berichtet wurde.

John Cort, Max Huber und Khamis marschierten so gegen drei Stunden lang weiter, und als sie nach dieser beschwerlichen Wanderung Halt machten, blieb gleichzeitig das Licht still stehen.

»Entschieden ist das ein Fuhrer, erklarte Max Huber, ein hochst gefalliger Fuhrer!… Wenn wir nur wu?ten, wohin er uns geleiten will.

– Mag er uns nur aus diesem Labyrinth fuhren, antwortete John Cort, mehr verlange ich von ihm gar nicht. Nun, Max, erscheint Dir das au?ergewohnlich genug?

– Ja wahrlich… reichlich genug!

– Wenn’s nur nicht noch mehr als genug wird, lieber Freund!« setzte John Cort hinzu.

Den ganzen Nachmittag uber verlief der vielfach gewundene Pfad unter einem immer dunkler werdenden Laubgewolbe weiter. Khamis blieb an der Spitze, seine Begleiter folgten ihm im Gansemarsch, denn es war nicht mehr Raum als fur eine Person vorhanden. Wenn sie einmal schneller ausschritten, um sich ihrem Fuhrer zu nahern, so beschleunigte auch dieser seine Gangart und hielt sich immer in gleichbleibender Entfernung.

Gegen sechs Uhr abends konnten seit dem Aufbruche –schatzungsweise – nur vier bis funf Lieues zuruckgelegt worden sein. Khamis beharrte aber trotz aller Erschopfung dabei, dem Lichte nachzugehen, so lange es sichtbar blieb.

Schon wollte er sich eben wieder in Gang setzen, da erlosch plotzlich die Fackel.

»Machen wir Halt, sagte John Cort, das ist offenbar ein uns geltendes Zeichen.

– Oder vielmehr ein Befehl, meinte Max Huber.

– Dem wir ohne Widerrede nachkommen wollen, lie? sich Khamis vernehmen. Wir wollen die Nacht hier an dieser Stelle verbringen.

– Ja… doch morgen?… fragte John Cort. Wird denn das Licht morgen wieder auftauchen?«

Wer konnte das wissen?

Alle drei streckten sich am Fu?e eines Baumes nieder.

Wiederum wurde ein Stuck von dem Buffel vertheilt, und zum Gluck konnte man seinen Durst mit dem Wasser eines Bachleins stillen, das zwischen dem Grase hinrieselte.

Trotz der Haufigkeit des Regens in diesem Waldgebiete war doch seit achtundvierzig Stunden kein Tropfen Niederschlag gefallen.

»Wer wei? selbst, bemerkte John Cort, ob unser Fuhrer nicht gerade diese Stelle fur uns ausgewahlt hat, damit wir etwas zu trinken fanden?

– Eine zarte Aufmerksamkeit,« gestand Max Huber, wahrend er mittels eines dutenformig zusammengebogenen Blattes sich etwas frisches Wasser schopfte.

Wie beunruhigend die Sachlage auch erschien, die Mudigkeit trug doch den Sieg davon und der Schlaf lie? nicht auf sich warten. John Cort und Max Huber schlummerten jedoch nicht ein, ohne von Llanga gesprochen zu haben… Das arme Kind!… War es in der Stromschnelle ertrunken?… Und wenn der Knabe gerettet worden war, warum hatte man ihn nicht wiedergesehen?… Warum war er nicht zu seinen Freunden Max und John gekommen?

Als die Schlafer erwachten, verrieth ein durch die Zweige fallender Dammerschein, da? es wieder Tag war. Khamis glaubte annehmen zu durfen, da? sie in ostlicher Richtung hingefuhrt worden seien. Leider war das die falsche Seite, und dennoch blieb ihnen nichts ubrig, als in derselben Richtung weiter zu wandern.

»Und das Licht?… sagte John Cort.

– Eben blitzt es dort wieder auf, antwortete Khamis.

– Meiner Treu, rief Max Huber, das ist ja rein der Stern der drei Konige aus dem Morgenlande! Leider fuhrt er uns nicht dem Abendlande entgegen, und wann werden wir unser Bethlehem erreichen?«

Im Laufe des 22. Marz ereignete sich nichts besonderes. Die Fackel fuhrte die kleine Truppe unausgesetzt nach Osten weiter.

Auf jeder Seite des Pfades erschien der Hochwald ganz undurchdringlich, so dicht standen die Baume an einandergedrangt und mit einem unentwirrbaren Knauel von Gestrupp verbunden. Es sah aus, als ob der Foreloper und seine Gefahrten sich in einem endlosen Schlauch von Grun verloren hatten. An einzelnen Stellen jedoch durchschnitten ebenso schmale Pfade, wie der, auf dem sie hinmarschierten, den von dem Fuhrer eingeschlagenen Weg, und ohne diesen Anhalt hatte Khamis nicht gewu?t, welchen er einschlagen sollte.

Kein einziger Wiederkauer hatte sich bisher wieder gezeigt, diese gro?en Thiere hatten auch wohl kaum hierher vordringen konnen… keine der Fahrten, die dem Foreloper so nutzlich gewesen waren, nach dem Rio Johausen zu kommen. Waren die Jager auch noch im Besitz ihrer Gewehre gewesen, hier hatten sie sie nicht gebrauchen konnen, denn es ware ihnen doch kein Stuck Wild vor deren Mundung gekommen.

Max Huber, John Cort und der Foreloper sahen mit Besorgni?, da? ihr Proviant mehr und mehr zu Ende ging.

Noch eine Mahlzeit, dann konnte nichts mehr davon ubrig sein.

Und wenn sie morgen nicht am Ziele anlangten, das hei?t, am Ende dieser merkwurdigen Wanderung unter Verfolgung jenes geheimni?vollen Lichtscheins, was sollte dann aus ihnen werden?

Wie am Tage vorher, erlosch gegen Abend die Fackel, und wie die vorhergehende, verlief auch diese Nacht ohne jede Storung.

Als John Cort wieder zuerst aufgestanden war, weckte er seine Gefahrten sofort mit dem Rufe:

»Wahrend wir schliefen, ist jemand hier gewesen!«

In der That war ein Feuer angezundet worden, von dem noch eine ruhige Gluth ubrig war, und ein Stuck Antilope hing an dem niedrigen Zweige einer Akazie uber dem kleinen Bache.

Diesmal lie? Max Huber nicht einmal einen Ausruf der Ueberraschung horen. Weder er, noch seine Gefahrten wollten uber die Seltsamkeit ihrer Lage grubeln, so wenig wie uber den unbekannten Fuhrer, der sie uber ebenso unbekannte Pfade leitete, uber diesen guten Geist des gro?en Waldes, dem sie nun schon seit vorgestern nachfolgten.

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