Max Huber sprang ihm zu Hilfe, um aus der Stromung zu kommen, die in gerader Linie auf die Mitte der Barre zu verlief.
Zu Zweien erzielten sie wohl einigen Erfolg und es ware ihnen schlie?lich gelungen, das Flo? aus der Stromung zu drangen, wenn nicht das Steuer gebrochen ware.
»Haltet Euch bereit, auf die Steine zu springen, ehe wir in die Stromschnelle gerathen… commandierte Khamis.
– Es bleibt uns nichts anderes ubrig!« antwortete John Cort.
Auf diese laut ausgesprochenen Worte hin trat Llanga unter der Schutzdecke hervor. Er sah sich um und erkannte offenbar die drohende Gefahr, doch statt an sich zu denken, dachte er an den anderen, den armen Kleinen. Ihn nahm er in die Arme und kniete am Hintertheile des Fahrzeuges nieder.
Nach einer weiteren Minute war dieses wieder vollig in die Stromung hineingerissen. Vielleicht stie? es doch nicht gegen den Felsendamm und gelangte ohne umzuschlagen glucklich hindurch.
Doch nein, das Ungluck kam heran und mit ungeheuerer Wucht prallte das gebrechliche Fahrzeug gegen einen der Blocke an der linken Seite. Vergeblich versuchten Khamis und die anderen, sich an der Barre, auf die sie den Kasten mit Patronen, die Waffen und ihre wenigen Gerathe geworfen hatten, noch festzuhalten.
Alle wurden hinuntergeschleudert in den tosenden Strudel, als das Flo? in Stucke ging, dessen Trummer inmitten des schaumenden Wassers stromabwarts verschwanden.
Zwolftes Capitel.
Am nachsten Tage lagen drei Manner lang ausgestreckt neben einer Feuerstatte, auf der eben die letzten Kohlen verglommen.
Ueberwaltigt von der Mudigkeit und au?er stande, dem Schlafe zu widerstehen, waren alle drei, nachdem sie ihre am Feuer getrockneten Kleider wieder angelegt hatten, in halber Betaubung eingeschlummert.
Doch welche Zeit war es jetzt und war es uberhaupt Tag oder Nacht? Keiner von ihnen hatte es sagen konnen. Nach der seit gestern verflossenen Zeit zu urtheilen, lie? sich jedoch annehmen, da? die Sonne uber dem Horizont stehen musse.
Wo lag aber die Ostseite? Ware diese Frage gestellt worden, so ware sie unbeantwortet geblieben.
Befanden sich die drei Manner etwa in einer Hohle, an einer Stelle, die kein Lichtstrahl erreichen konnte?
Nein; rings um sie standen zahllose Baume so dicht bei einander, da? man hochstens einige Meter weit sehen konnte.
Auch wahrend das Feuer noch hell brannte, ware es unmoglich gewesen, zwischen den dicken Stammen und den. sie verbindenden Lianen einen fur Fu?ganger brauchbaren Steg zu entdecken. Die unteren Aeste der Baume breiteten sich erst in der Hohe von etwa funfzig Fu? aus. Daruber war das Laub bis zu den hochsten Wipfeln so dicht, da? weder das Flimmern der Sterne noch die Strahlen der Sonne hindurchdringen konnten.
Ein Kerker hatte nicht finsterer, sein Mauerwerk nicht undurchdringlicher sein konnen, und doch befand man sich hier nur unter den Baumriesen des gro?en Waldes.
In den drei Mannern wird der freundliche Leser wohl John Cort, Max Huber und Khamis wieder erkannt haben.
Wie in aller Welt es gekommen sei, da? sie sich jetzt an dieser Stelle befanden, wu?te keiner von ihnen zu sagen. Nach der Zertrummerung des Flosses an der Felsenbarre, auf die sie sich nicht hatten retten konnen, waren sie in das dahinjagende Wasser gerissen worden, wu?ten aber von gar nichts, was nach diesem Unfalle geschehen sein mochte, ebensowenig, wem der Foreloper und seine Gefahrten ihre Rettung verdankten und wer sie, bevor sie das Bewu?tsein wieder erlangten, nach diesem dichten Theil des Waldes geschafft hatte.
Leider waren nicht alle dem Unheile entgangen. Einer fehlte: das Adoptivkind John Cort’s und Max Huber’s, der arme Llanga, und au?er diesem das kleine Wesen, das der Knabe fruher erst selbst einmal gerettet hatte… und wer konnte wissen, ob er nicht bei dem Versuche, dieses nochmals zu retten, elend umgekommen ware?
Jetzt besa?en Khamis, John Cort und Max Huber weder Munition noch Gewehre und auch keine sonstigen Hilfsmittel, au?er ihrem Taschenmesser und dem kleinen Beile, das der Foreloper immer im Gurtel trug. Ebenso war ihr Flo? verloren, und sie wu?ten auch nicht, wohin sie sich wenden sollten, um wieder an den Rio Johausen zu kommen.
Die wichtige Frage der Ernahrung machte nun ungeahnte Schwierigkeiten, denn an Jagdbeute war ja gar nicht mehr zu denken. Khamis, John Cort und Max Huber sahen sich fur die folgende Zeit auf Wurzeln und wilde Fruchte, jedenfalls auf kaum zulangliche und obendrein unsichere Hilfsquellen angewiesen. Da stand ihnen doch die Aussicht, Hungers zu sterben, in erschreckender Nahe.
Ihnen winkte noch eine Frist von zwei bis drei Tagen, denn fur diesen Zeitraum hatten sie noch Nahrungsmittel zur Hand, da sich die Ueberreste des Buffels hier wunderbarerweise vorfanden. Nachdem sie einige, bereits gekochte Stucke davon verzehrt hatten, waren sie um das dem Erloschen nahe Feuer eingeschlafen.
John Cort erwachte als erster inmitten einer Finsterni?, die auch in der Nacht hatte keine tiefere sein konnen. Seine Augen gewohnten sich jedoch allmahlich daran und er erkannte zur Noth Max Huber und Khamis, die am Fu?e der Baume lagen.
Ehe er sie weckte, bemuhte er sich, das Feuer wieder anzuschuren, indem er die unter der Asche glimmenden Zweigenden naher zusammenschob. Dann raffte er einen Arm voll durres Holz und trockenes Gras zusammen, und bald warf eine lodernde Flamme ihren Schein uber die Lagerstatt.
»Nun – so sprach John Cort fur sich – hei?t es: uberlegen, wie wir von hier wegkommen.«
Das Flackern des Feuers erweckte auch sehr bald Max Huber und Khamis. Beide erhoben sich fast gleichzeitig. Sie kamen schnell zur Erkenntni? ihrer Lage und thaten, was allein angezeigt war: sie berathschlagten, was zunachst zu thun sei.
»Wo sind wir denn uberhaupt? fragte Max Huber.
– Da, wohin uns irgendwer geschafft hat, antwortete John Cort, und daraus folgt, da? wir gar nichts von dem wissen, was seit…
– Etwa seit einer Nacht und einem Tage geschehen ist, fiel Max Huber ein. War es denn wirklich gestern, wo unser Flo? an der Barre zerschellte?… Haben Sie daruber ein Urtheil, Khamis?«
Statt jeder Antwort schuttelte der Foreloper nur mit dem Kopfe. Auch ihm war es ja unmoglich, die inzwischen verflossene Zeit anzugeben oder zu sagen, in welcher Weise ihre Rettung uberhaupt zustande gekommen sei.
»Und Llanga? fragte John Cort. Der ist sicherlich umgekommen, da er nicht bei uns ist. Die, die uns gerettet haben, haben ihn jedenfalls der Stromschnelle nicht entrei?en konnen.
– Armes Kind, seufzte Max Huber, er war uns so aufrichtig zugethan!… Wir liebten ihn und hatten ihm so gern ein gluckliches Leben bereitet. Erst aus den Handen der Denkas gerettet, und nun… armes Kind!«
Die beiden Freunde hatten gewi? nicht gezogert, ihr Leben fur das Llangas zu wagen. Doch auch sie waren nahe daran gewesen, in dem brodelnden Wasser zu ertrinken, und sie wu?ten nicht, wem sie ihre Rettung verdankten.
Es bedarf kaum der Erwahnung, da? sie an das seltsame Geschopf, das der junge Eingeborne aus dem Wasser gezogen hatte, kaum noch dachten. Das war jedenfalls mit dem Knaben umgekommen. Jetzt drangten sich ihnen ganz andere Fragen auf… Fragen von ernsterer Bedeutung, als jenes anthropologische Problem betreffs eines Typus, der zwischen Mensch und Affe lag.
John Cort fuhr fort:
»Soviel ich auch nachsinne, erinnere ich mich doch keines Umstandes nach dem Anprallen an den Steindamm. Nur kurz vorher glaubte ich noch Khamis gesehen zu haben und wie er unsere Waffen und Gerathe auf die Felsblocke warf.
– Ganz recht, bestatigte Khamis, und es ist ein gro?es Gluck, da? diese Gegenstande nicht in den Rio gefallen sind. Gleich nachher…
– Gleich nachher, fiel Max Huber ein, als wir ganz nahe daran waren, verschlungen zu werden, glaubte ich…
