Da alle jetzt tuchtigen Hunger verspurten, rostete Khamis das vorgefundene Stuck der Antilope, das fur die Mittags- und die Abendmahlzeit recht gut ausreichte.
Bald darauf gab die Fackel das Signal zum Aufbruche.
Die Wanderung verlief nochmals unter den gewohnlichen Verhaltnissen. Am Nachmittage fiel es jedoch auf, da? der Hochwald nach und nach weniger dicht wurde. Mindestens durch die Gipfel der Baume. drang etwas mehr Licht herein.
Immerhin war es noch nicht moglich, das unbekannte Wesen, das wie gewohnlich vorausging, auch nur unbestimmt zu erkennen.
Wie am Tage vorher wurden auch heute – schatzungsweise –funf bis sechs Lieues zuruckgelegt. Vom Rio Johausen ab mochte die Strecke bis hierher gegen sechzig Kilometer messen.
Am Abend machten Khamis, John Cort und Max Huber, sobald die Fackel erlosch, wieder Halt. Die Nacht kam offenbar heran, denn eine tiefe Finsterni? lagerte sich allmahlich uber die Waldung. Von der langen Wanderung ermudet und nachdem sie das noch vorhandene Stuck von der Antilope verzehrt und sich mit frischem Quellwasser erquickt hatten, legten sich alle am Fu?e eines Baumes nieder und versanken bald in tiefen Schlummer.
Da glaubte Max Huber – jedenfalls im Traume – die Tone eines Instruments zu vernehmen, auf dem, hoch uber ihm – der so bekannte… Walzer aus dem »Freischutz« von Weber gespielt wurde…
Dreizehntes Capitel.
Beim Erwachen am nachsten Morgen bemerkten der Foreloper und seine Gefahrten zu ihrer gro?ten Verwunderung, da? die Dunkelheit in diesem Theile des Waldes eher noch arger war als vorher. – Ob es wohl Tag war?… Keiner hatte es sagen konnen. Merkwurdigerweise tauchte aber auch der Lichtschein nicht wieder auf, der ihnen seit sechzig Stunden den Weg gewiesen hatte. Die drei Manner sahen sich also gezwungen, zu warten, bis dieser sich aufs neue zeigte.
Da machte John Cort noch eine Bemerkung, aus der seine Gefahrten und er sofort gewisse Schlusse zogen.
»Mir fallt besonders auf, sagte er, da? wir heute Morgen keine glimmende Feuerstatte vorfanden, und in der Nacht auch jedenfalls niemand hierher gekommen ist, um uns mit dem nothigen Mundvorrath zu versorgen.
– Das ist um so schlimmer, setzte Max Huber hinzu, da wir nichts mehr ubrig haben.
– Vielleicht, meinte der Foreloper, ist das ein Zeichen, da? wir angekommen sind…
– Wo denn? fragte John Cort.
– Da, wohin wer wei? wer uns gefuhrt hat, lieber John!«
Das war freilich eine Antwort so gut wie keine, doch wer hatte eine bessere ertheilen konnen?
Ferner: War der Wald auch jetzt noch dunkler, so schien er doch keineswegs schweigsamer zu sein. Man horte eine Art Summen in der Luft, ein wirres Getose, das aus den Aesten oben herabdrang. Als sie in die Hohe sahen, erkannten Khamis, John Cort und Max Huber, wenn auch nur unklar, eine Art von gro?er Holzdecke etwa hundert Fu? uber dem Erdboden.
Zweifellos dehnte sich da oben eine erstaunliche Menge durcheinander gewachsener Aeste und Zweige aus, ohne jeden Zwischenraum, durch den das Tageslicht hatte herunterleuchten konnen. Ein dickes Strohdach ware fur Lichtstrahlen nicht undurchdringlicher gewesen. Das erklarte wenigstens die Dunkelheit, die unter den Baumen herrschte.
An der Stelle, wo die drei Manner die Nacht verbracht hatten, zeigte sich auch die Natur des Erdbodens auffallend verandert.
Hier stand kein ineinander verwirrtes Gestrauch, keine der stachlichen Sisiphusarten, die fruher den Pfad auf beiden Seiten begrenzten. Ueberall ein fast glatter Rasen, auf dem kein Wiederkauer hatte weiden konnen. Er glich mehr einer Wiese, die niemals von einem Tropfen Regen oder einer Quelle benetzt wurde.
Die Baume, die hier in Zwischenraumen von zwanzig bis drei?ig Fu? standen, ahnelten eigentlich den Grundpfeilern eines riesigen Bauwerks und ihre Kronen mu?ten wohl eine Flache von mehreren tausend Quadratmetern bedecken.
Hier erhoben sich in Gruppen afrikanische Sykomoren, deren Stamm aus mehreren, mit einander verbundenen Schaften besteht, Bombaxbaume mit glattem, rundem Stamm und riesigen Wurzeln, die in der Gro?e die aller anderen ubertreffen; ferner Baobabs, erkennbar an der bauchigen Flaschenform am unteren Theile, wo sie einen Umfang von zwanzig bis drei?ig Metern haben, und uber den eine ungeheuere Laube von Zweigen herabhangt; weiter noch
»Dumpalmen« mit gegabeltem Stamme, »Delebpalmen«, die einen hockerigen Schaft haben, Wollbaume, deren Stamm eine Reihe so gro?er Aushohlungen aufweist, da? sich ein Mensch bequem darin bewegen kann, Acajons mit Wurzelscho?lingen von anderthalb Meter Durchmesser, aus denen man wohl funfzehn bis achtzehn Meter lange, drei bis vier Tonnen gro?e Boote herstellt, endlich Bauhinias, die unter anderen Breiten nur als Busche vorkommen, hier aber die Riesen aus der Familie der Leguminosen darstellen. Man kann sich wohl denken, welch ungeheuere Ausbreitung die Kronen dieser Baume in der Hohe von einigen hundert Fu? haben mochten.
Eine Stunde verstrich ohne Aenderung der Sachlage. Khamis ging unausgesetzt nach allen Seiten hin und her und spahte nach der fruher fuhrenden Fackel. Warum hatte er dem unbekannten Fuhrer auch nicht noch weiter folgen sollen? Sein Instinct in Verbindung mit gelegentlichen Beobachtungen sagte ihm freilich, da? er immer nach Osten zu gegangen sei. Das war aber nicht die Seite, wo der Ubanghi verlief, nicht der Weg, der ihn zuruckfuhrte. Wohin mochte er sich unter Leitung jenes Lichtscheines verirrt haben?
Was war zu thun, da dieser nicht wieder sichtbar wurde?…
Von hier weggehen?… Doch wohin?… Hier bleiben?… Sich ernahren, so gut es anging?… Schon meldeten sich der Hunger und der Durst wieder recht bedenklich.
»Wir werden aber, begann John Cort, trotz alledem gezwungen sein, aufzubrechen, und ich frage mich, ob es nicht das rathsamste ist, sofort weiter zu wandern.
– Nach welcher Seite denn?« warf Max Huber ein.
Das war freilich eine wichtige Frage, zu deren Beantwortung es an jeglicher Handhabe fehlte.
»Kurz und gut, fuhr John Cort ungeduldig fort, so viel ich wei?, sind wir hier doch nicht festgewurzelt. Der Weg zwischen den Baumen steht ja offen und es ist nicht mehr so dunkel, da? man sich nicht zurechtfinden konnte.
– So kommen Sie!« rief Khamis.
Alle drei gingen etwa einen Kilometer vorsichtig weiter. Der Weg fuhrte unverandert uber einen strauch- und buschlosen Boden, uber einen nackten und so trockenen Teppich, als lage er unter einem fur Regen und Sonnenstrahlen ganz undurchdringlichen Dache.
Ueberall dieselben Baume, von denen nur die untersten Aeste zu sehen waren. Und noch immer der konfuse Larm, der von oben herabzuschalten schien und dessen Ursprung ganz unerklarbar blieb.
Der Wald schien unter dem Laubdache nicht ganzlich ode und verlassen zu sein. Wiederholt glaubte Khamis Schattengestalten zwischen den Baumen hinschlupfen zu sehen, ohne sich klar zu werden, ob er sich tausche oder nicht.
Nach einer halben Stunde erfolgloser Umschau setzten sich seine Gefahrten und er nahe am Stamme einer Bauhinia nieder.
Ihre Augen hatten sich an die, ubrigens langsam abnehmende Dunkelheit schon etwas gewohnt. Infolge des Aufsteigens der Sonne wurde es unter der den Erdboden uberspannenden Decke ein wenig heller. Schon konnte man auf zwanzig Schritte alles deutlicher erkennen.
Da flusterte der Foreloper den anderen zu;
»Dort unten bewegt sich etwas…
– Ein Thier oder ein Mensch? fragte John Cort, wahrend er nach der bezeichneten Richtung hinausblickte.
– Jedenfalls konnte es nur ein Kind sein, sagte der Foreloper.
