Der kleinen Gestalt nach…

– Sapperment, das ist ein Affe!« unterbrach ihn Max Huber.

Unbeweglich starrten alle hinaus, um den vermuthlichen Vierhander nicht zu verscheuchen. Gelang es, sich seiner zu bemachtigen… nun… trotz des von Max Huber und John Cort geau?erten Widerwillens gegen Affenfleisch… freilich, wie hatte das ohne Feuer gerostet oder gebraten werden sollen?

Das seltsame Wesen kam naher heran, verrieth aber keinerlei Erstaunen. Es ging auf den Hinterbeinen und blieb wenige Schritte vor den Mannern stehen.

Wie verblufft waren aber John Cort und Max Huber, als sie jetzt das merkwurdige Geschopf erkannten, das Llanga gerettet hatte, jenen Schutzling des jungen Eingebornen.

Da schwirrten plotzlich die Worte durcheinander:

»Er… das ist er!

– Unzweifelhaft!

– Doch da dieser Kleine hier erscheint, warum sollte Llanga nicht ebenfalls hier sein?

– Sind Sie sicher, da? Sie sich nicht tauschen? fragte der Foreloper.

– Ganz sicher, erklarte John Cort, ubrigens werden wir davon sogleich einen Beweis haben!«

Damit zog er die von dem Halse des Kleinen genommene Denkmunze aus der Tasche und lie? sie, die Schnur in der Hand haltend, hin und her pendeln wie ein Spielzeug, das man einem Kinde bietet, um es heranzulocken.

Kaum hatte der Kleine die Denkmunze bemerkt, als er schon mit einem Satze darauf zu sprang. Jetzt war er nicht mehr krank! In den verflossenen drei Tagen hatte er seine Gesundheit und auch seine Gelenkigkeit wieder erlangt. Er sturzte auf John Cort zu mit der deutlichen Absicht, sein Eigenthum wieder in Empfang zu nehmen.

Khamis ergriff ihn bei dieser Bewegung; jetzt entschlupfte dem Munde des Kleinen aber nicht das Wort »Ngora«, sondern er rief deutlich:

»Li-Mai!… Ngala… Ngala!«

Was diese Worter einer selbst Khamis vollig unbekannten Sprache wohl bedeuten konnten, daruber nachzudenken hatten die drei Manner jetzt keine Zeit. Plotzlich tauchten namlich weitere Vertreter derselben Rasse auf, aber lauter Erwachsene, die vom Kopf bis zu den Fu?en mindestens funfundeinhalb Fu? ma?en.

Khamis, John Cort und Max Huber hatten noch nicht bestimmt erkennen konnen, ob sie es hier mit Menschen oder mit Vierhandern zu thun hatten.

Dem reichlichen Dutzend von Bewohnern des gro?en Waldes Widerstand leisten zu wollen, ware ganz nutzlos gewesen. Der Foreloper, Max Huber und John Cort wurden an den Armen gepackt, vorwarts gedrangt und gezwungen, zwischen den Baumen hin zu gehen, und von der Bande umringt, kamen sie erst nach einem Wege von funf- bis sechshundert Metern zum Stillstehen.

An dieser Stelle hatten es zwei nahe bei einander und schrag stehende Baume ermoglicht, dazwischen dunne Aeste wie eine Art Stufen zu befestigen. Wenn auch keine Treppe, war das doch besser als eine Leiter. Funf oder sechs Individuen kletterten darauf voraus, wahrend die ubrigen ihre Gefangenen, ohne sie ubrigens zu mi?handeln, zwangen, jenen auf dem namlichen Wege zu folgen.

Je hoher man hinauskam, desto heller glanzte das Licht durch das Laubwerk. Da und dort blitzten sogar einzelne Sonnenstrahlen hindurch, deren Khamis und seine Gefahrten seit dem Aufbruche vom Rio Johausen beraubt gewesen waren.

Max Huber hatte ein arger Zweifler sein mussen, nicht zuzugestehen, da? das, was er hier erlebte, zur Kategorie des ganz au?ergewohnlichen gehorte.

Als der Aufstieg etwa hundert Fu? uber der Erde ein Ende nahm, welche Ueberraschung harrte ihrer da! Vor sich sahen sie eine hell vom Himmelslicht beleuchtete Plattform liegen.

Daruber wolbten sich die uppiggrunen Gipfel der Baume.

Darauf aber standen in leidlicher Ordnung aus gestampfter Erde und Laub erbaute Hutten, die wirkliche Stra?en bildeten.

Das Ganze stellte also ein in dieser Hohe errichtetes Dorf dar, dessen Grenzen sich vorlaufig dem Blicke entzogen.

Hier schwarmten eine Menge Eingeborner umher, Leute mit ahnlichem Typus, wie dem des Schutzlings Llanga’s. Ihre mit der des Menschen ubereinstimmende Haltung lie? erkennen, da? sie aufrecht zu gehen gewohnt waren, sie hatten also das Recht zur Bezeichnung als Erectus – die der Doctor Eugene Dubois den in den Waldern Javas aufgefundenen Pitheranthropen beigelegt hatte

– womit er einen

anthropogenischen Charakter andeuten wollte, den der genannte Gelehrte, unter Anlehnung an die Lehre Darwin’s als das wichtigste Mittelglied zwischen dem Menschen und dem Affen betrachtete.

Wenn die Anthropologen behaupten, da? auch die am hochsten entwickelten Vierhander unter dem Affengeschlechte, die, die sich ihrer Korpergestalt nach dem Menschen am meisten nahern, sich von diesem durch die Eigenthumlichkeit unterscheiden, da? sie sich ihrer vier Gliedma?en bedienen, wenn sie fliehen, so schien es doch, da? diese Bemerkung fur die Bewohner des Dorfes in den Luften nicht zutreffen konne.

Khamis, Max Huber und John Cort mu?ten es jedoch auf spatere Zeit verschieben, hieruber weitere Beobachtungen zu sammeln. Ob diese Wesen nun wirklich zwischen Thier und Mensch standen oder nicht, jedenfalls trieb die Rotte, die in einem ganz unverstandlichen Idiome eifrig hin und her sprach, die drei Manner einer Hutte zu, ohne da? die ubrigen Dorfbewohner daruber besonders erstaunt zu sein schienen.

Die Thur der Hutte wurde hinter ihnen zugeschlagen und sie sahen sich darin auf Gnade und Ungnade gefangen gesetzt.

»Das ist ja recht hubsch! begann Max Huber. Was mich am meisten wundert, ist, da? diese originellen Kerle uns gar keine Aufmerksamkeit zu schenken scheinen. Sollten sie schon fruher Menschen zu Gesicht bekommen haben?…

– Das ist ja moglich, antwortete John Cort. Mich verlangt nur zu wissen, ob sie ihre Gefangenen auch zu ernahren gewohnt sind…

– Oder ob sie sich nicht vielmehr selbst von diesen nahren!«

setzte Max Huber hinzu.

In der That, wenn unter den Volksstammen Afrikas die Munbuttus und auch andere noch heute der Menschenfresserei huldigen, warum sollten die Waldmenschen hier, die auf noch tieferer Stufe standen als jene, ihresgleichen nicht ebenfalls –wenigstens gelegentlich – zu verzehren pflegen?

Jedenfalls bilden diese Wesen Anthropoiden, aber eine hoher stehende Art, als etwa die Orangs auf Borneo, die Schimpansen Guineas und die Gorillas von Gabon, die au?erlich dem Menschen so nahe stehen.

Sie verstanden ja, Feuer zu machen und es zu mancherlei hauslichen Zwecken zu verwenden, das bewies die Feuerstatte bei dem ersten Nachtlager und ebenso die Fackel, die der Fuhrer durch die Finsterni? des Waldes getragen hatte. Da tauchte auch der Gedanke auf, da? die am Waldessaume fruher beobachteten, beweglichen Fackeln von diesen seltsamen Bewohnern des gro?en Waldes angezundet gewesen sein mochten.

In Wahrheit darf man glauben, da? gewisse Vierhander sich des Feuers bedienen. So berichtet z. B. Emir Pascha, da? in den Waldungen von Msokgonien in warmen Sommernachten gro?e Banden von Schimpansen ihr Unwesen treiben, da? sie brennende Fackeln benutzen und damit Raubzuge durch die Pflanzungen unternehmen.

Im vorliegenden Falle verdient es ferner Beachtung, da? diese Wesen von unbekannter Art bezuglich der Haltung und des Ganges dem Menschen vollig gleich erschienen. Kein anderer Vierhander ware wurdiger des Namens »Orang« gewesen, der ja genau mit »Waldmensch« zu ubersetzen ist.

»Und obendrein konnen sie sprechen, bemerkte John Cort, als die drei Manner ihre vorlaufigen Wahrnehmungen bezuglich der Insassen dieses Dorfes in den Luften austauschten.

– Na schon, rief Max Huber, wenn sie sprechen konnen, mussen sie auch Worter haben, allerlei ausdrucken zu konnen, und ich ware gar nicht bose, davon die zu kennen, mit denen man »Ich sterbe vor Hunger!« sagen kann.«

Von den drei Gefangenen erschien Khamis der am meisten betroffene zu sein. Ihm wollte es nicht in den Kopf. – der anthropologischen Erorterungen uberhaupt abhold war – da? diese Thiere keine Affen waren. Es waren Affen, die aufrecht gehen, sprechen und Feuer anzunden konnten, die in wirklichen Dorfern wohnten, doch schlie?lich immer nichts als Affen. Er empfand es schon als etwas ganz au?erordentliches, da? der Wald derartige

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