Wesen beherberge, Geschopfe, von denen er noch nie etwas gehort hatte.
Seine Wurde als Eingeborner des Schwarzen Erdtheils litt darunter, da? diese Thiere »ihrer naturlichen Begabung nach seinen eigenen Landsleuten so nahe standen«.
Es giebt Gefangene, die sich ruhig in ihr Schicksal begeben, und andere, die das nicht thun. John Cort und der Foreloper, vorzuglich aber der ungeduldige Max Huber, gehorten zu der ersten Art nicht. Au?er der Unbehaglichkeit, in dieser Hutte eingesperrt zu sein und nichts von der Au?enwelt sehen zu konnen, beunruhigte sie nicht wenig die Unsicherheit bezuglich der Zukunft, die Ungewi?heit des Ausgangs dieses Abenteuers.
Dazu qualte sie obendrein der Hunger, denn seit funfzehn Stunden hatten sie keinen Bissen gegessen.
Einen Umstand gab es jedoch, auf den sie eine, wenn auch schwache Hoffnung grunden konnten, namlich den, da? ja der Schutzling Llangas in diesem Dorfe, wahrscheinlich seiner Heimat, bei seiner Familie wohnte, vorausgesetzt, da? es das, was man eine Familie nennt, bei den Waldmenschen von Ubanghi uberhaupt gabe.
»Da nun, wie John Cort sagte, der Kleine aus dem Strudel gerettet worden ist, durfen wir dasselbe wohl auch bezuglich Llangas annehmen. Die beiden werden sich nicht getrennt haben, und wenn Llanga hort, da? drei Manner ins Dorf eingebracht worden sind, wie sollte er nicht darauf kommen, da? wir diese waren?… Uns hat man bis jetzt kein Uebel angethan, und wahrscheinlich dem Llanga doch auch nicht.
– Wer wei?? Der Schutzling ist heil und gesund, meinte Max Huber, doch ob sein Beschutzer und Pfleger auch?… Es liegt kein Beweis dafur vor, da? der arme Llanga nicht im Rio ertrunken ware.«
In der That gab es dafur keinen.
In diesem Augenblick aber offnete sich die von zwei kraftigen Burschen bewachte Thur der Hutte, in der der junge Eingeborne erschien.
»Llanga!… Llanga! riefen die beiden jungen Manner wie aus einem Munde.
– Guter Freund Max… lieber Freund John! antwortete Llanga, der diesen in die Arme fiel.
– Seit wann bist Du hier? fragte der Foreloper.
– Seit gestern Morgen.
– Und wie bist Du hierher gekommen?
– Sie haben mich durch den Wald getragen.
– Nun, die Dich getragen haben, mussen schneller gegangen sein, als wir, Llanga.
– Ja, sehr schnell.
– Wer hat Dich denn getragen?
– Einer von denen, die mich, die auch Sie alle gerettet hatten.
– Menschen? Wirklich Manner?
– Ja wohl, Menschen… nein, keine Affen.«
Der junge Eingeborne blieb immer bei seiner Anschauung.
Jedenfalls waren es aber Zugehorige einer untergeordneten Rasse, die gegenuber der Menschheit das Pradicat
»minderwerthig« verdiente, eine besondere Rasse von Urgeschopfen, vielleicht des Geschlechtes der Anthropopitheken, die der Stufenleiter des Thierreiches bisher fehlten.
Mit kurzen Worten erzahlte nun Llanga seine Geschichte, wobei er wiederholt dem Franzosen und dem Amerikaner die Hand ku?te, den beiden Freunden, die wie er aus dem Wasser gezogen worden waren, als die Stromschnelle sie verschlang, und die er nie wiederzusehen gefurchtet hatte.
Als das Flo? an die Felsblocke anprallte, waren er und Li-Mar in den Strudel geschleudert worden.
»Li-Mai? rief Max Huber.
– Ja, Li-Mai, so hei?t er. Er hat seinen Namen, indem er auf sich zeigte, wiederholt vor mir ausgesprochen.
– Er hat also einen Namen? fragte John Cort.
– Unzweifelhaft, John!… Wenn man sprechen kann, ist es doch ganz naturlich, auch einen Namen zu haben.
– Und hat diese Sippe, diese Volkerschaft, oder was sie sonst sein mag, ebenfalls einen Namen? fragte John Cort.
– Ja… die Wagddis hei?en sie, antwortete Llanga. Ich habe Li-Mai sie Wagddis nennen horen.«
Der congolesischen Sprache gehort dieses Wort nicht an.
Doch, ob Wagddis oder nicht, jedenfalls hatten sich Eingeborne am linken Ufer des Rio Johausen befunden, als der Unfall sich ereignete. Die einen sprangen da auf die Barre, um Khamis, John Cort und Max Huber zu helfen, wozu sie sich ohne Zogern ins Wasser sturzten, die anderen retteten auf gleiche Weise Llanga und den kleinen Li-Mai. Llanga hatte bereits das Bewu?tsein verloren gehabt; er erinnerte sich nicht mehr, was spater geschehen ware, und glaubte, seine Freunde mu?ten in dem tosenden Wasser umgekommen sein.
Als Llanga wieder zu sich kam, sah er sich in den Armen eines Wagddi, des Vaters Li-Mais, wahrend dieser in den Armen seiner »Ngora«, seiner Mutter, lag. Hier lie? sich nur annehmen, da? der Kleine, einige Tage, bevor Llanga ihn
»auffischte«, sich im Walde verirrt haben mochte, und da? seine Eltern sich aufgemacht hatten, nach ihm zu suchen. Der Leser wei?, wie Llanga das Kind gerettet hatte, und da? dieses ohne seine muthige Hilfe umgekommen ware.
Wohl verwahrt und gepflegt war Llanga dann nach dem Wagddidorfe gebracht worden. Li-Mai kam sehr bald wieder zu Kraften, da er nur vor Hunger und Erschopfung krank gewesen war. Erst der Schutzling Llanga’s, wurde er nun dessen Beschutzer. Der Vater und die Mutter Li-Mai’s hatten sich gegen den jungen Eingebornen sehr dankbar erwiesen.
Eine gewisse Dankbarkeit erkennt man ja auch an Thieren fur diesen geleistete Dienste, und warum sollte sie nicht bei Wesen anzutreffen sein, die uber diesen stehen?
Kurz, am heutigen Morgen war Llanga nach der Hutte hier gefuhrt worden. Aus welchem Grunde, wu?te jener zunachst naturlich nicht. Da vernahm er aber Stimmen, und bei aufmerksamerem Lauschen erkannte er die John Cort’s und Max Huber’s.
Das war es also, was seit dem unglucklichen Vorfalle auf dem Rio geschehen war.
»Gut, Llanga, gut! sagte Max Huber, doch wir sterben vor Hunger und bevor wir Deinen weiteren Bericht anhoren…
wenn es Dir bei Deinen ernsten Protectionen moglich ware….
Llanga lief hinaus und kam sehr bald mit einigem Mundvorrath zuruck, mit einem gro?en Stuck gerosteten und gesalzenen Buffelfleisches, einem halben Dutzend Fruchten der Acacia adansonia, gewohnlich »Affenbrod« genannt, mit frischen Bananen und einer Art Kurbisflasche mit klarem Wasser, dem etwas Lutex-Milchsaft zugesetzt war, ein Saft, der aus einer Kautschukliane von der Art der Landolphia africana quillt.
Das Gesprach wurde jetzt selbstverstandlich unterbrochen.
John Cort, Max Huber und Khamis hatten ein so starkes Bedurfni? nach Nahrung, da? sie nicht im geringsten wahlerisch waren. Von dem Buffelstucke, dem Brode und den Bananen lie?en sie nur die Knochen und die hautigen Schalen ubrig.
Darauf fragte John Cort den jungen Eingebornen, ob die Wagddis ein sehr volkreicher Stamm waren.
»O, es sind viele… sehr viele! Ich habe ihrer eine gro?e Zahl in den Stra?en und den Hutten gesehen, antwortete Llanga.
– Ebenso viele Leute, wie in den Dorfern von Burnu oder Baghirmi?
– Jawohl!
– Und sie begeben sich niemals auf die Erde hinunter?…
– O doch; um zu jagen, oder um Wurzeln und Fruchte oder auch Wasser zu holen.
– Und sie sprechen auch?
– Gewi?, ich verstehe sie nur nicht. Und doch… zuweilen einzelne Worter… Worter, die mir bekannt sind… wie wenn Li-Mai spricht.
– Und der Vater, die Mutter des Kleinen?
– Die sind sehr gut gegen mich. Was ich hier gebracht hatte, kam von ihnen.
– Ich wunsche herzlich, den Leuten dafur danken zu konnen, sagte Max Huber.
– Wie hei?t denn das Dorf in den Baumen?
– Ngala.
