ja, da glaubte ich, Menschen zu bemerken…

– Ja, ja… mehrere Menschen, fiel John Cort lebhaft ein, Eingeborne, die Zeichen gebend und schreiend nach der Barre eilten…

– Sie haben Eingeborne gesehen? fragte der Foreloper hochst erstaunt.

– Etwa ein Dutzend, versicherte Max Huber, und zweifellos sind diese es gewesen, die uns aus dem Rio gezogen haben.

– Ferner haben dieselben uns, setzte John Cort hinzu, bevor wir wieder zu uns kamen, hierher geschafft und die Reste unseres Mundvorraths obendrein. Nachdem sie dann ein Feuer angezundet hatten, mussen sie sich beeilt haben, zu verschwinden.

– Und sie sind so grundlich verschwunden, sagte Max Huber, da? wir von ihnen keine Fahrte entdecken konnen. Das beweist, da? sie auf einen Dank von uns verzichteten.

– Geduld, mein lieber Max, entgegnete John Cort, moglicherweise halten sie sich doch noch in der Nahe unserer Lagerstatt auf. Es la?t sich ja kaum annehmen, da? sie uns hierher gefuhrt hatten, um uns nachher vollig im Stich zu lassen.

– Hierher! Wohin denn? rief Max Huber. Da? es im Walde von Ubanghi ein solches Baumdickicht giebt, ubersteigt doch jede Vorstellung!… Wir befinden uns ja hier in der schlimmsten Finsterni?…

– Zugegeben, doch ist es denn jetzt drau?en Tag?« bemerkte John Cort.

Diese Frage sollte bald eine Losung im bejahenden Sinne finden. So dicht und dunkel das Blatterdach auch war, bemerkte man doch uber den Gipfeln der hundert bis hundertfunfzig Fu? hohen Baume da und dort ein Stuckchen hellen Himmels. Es unterlag also keinem Zweifel, da? die Sonne jetzt das Land umher beleuchtete. Die Uhren Max Huber’s und John Cort’s, in die Wasser eingedrungen war, konnten die Stunde nicht mehr anzeigen. Man konnte also nur noch nach dem jeweiligen Stande der Sonne rechnen, und dazu war es fraglich, ob ihre Strahlen je durch das dichte Gezweig unmittelbar sichtbar wurden.

Wahrend die beiden Freunde derlei Fragen erorterten, ohne sie zuverlassig beantworten zu konnen, hatte Khamis ihnen zugehort, doch kein Wort dazu gesagt. Er hatte sich erhoben und ging auf dem beschrankten Raume, den die machtigen Baume frei lie?en und der uberdies durch ein Gewirr von Lianen und stachligem Sisiphus begrenzt war, nachdenklich hin und her. Gleichzeitig suchte er durch die Lucken zwischen den Aesten ein Stuckchen freien Himmel zu entdecken und bemuhte sich, seinen Orientierungssinn wachzurufen, der sich jetzt so nutzlich erweisen konnte, wie noch niemals vorher.

War er schon fruher durch die Waldungen des Congo und die von Kamerun gezogen, so hatte er sich doch niemals in einem so undurchdringlichen Waldgebiete befunden, wie heute hier.

Dieser Theil des gro?en Waldes lie? sich gar nicht vergleichen mit dem, durch den seine Gefahrten und er bis an den Rio Johausen gewandert waren. Von dem Punkte aus, wo sie den Flu? erreicht hatten, waren sie in der Hauptsache nach Sudwesten zu gefahren, doch wo war Sudwesten jetzt zu suchen und sollte der Instinct ihres Khamis ihnen daruber Aufklarung geben?

Gerade als Max Huber, der seine Unklarheit daruber errieth, den Foreloper fragen wollte, wendete sich dieser selbst an ihn mit den Worten:

»Herr Max, Sie sind sich also sicher, bei der Barre Eingeborne bemerkt zu haben?

– Ganz sicher, Khamis; in dem Augenblicke, wo das Flo? an die Felsblocke stie?.

– Und auf welchem Ufer?

– Auf dem linken.

– Besinnen Sie sich recht, war es auf dem linken?

– Ja, auf dem linken Ufer.

– Dann waren wir jetzt also auf der Ostseite des Rio.

– Ohne Zweifel, stimmte John Cort ein, und folglich im tiefsten Theile des Waldes. Doch in welcher Entfernung vom Rio Johausen?

– Diese Entfernung kann nicht sehr gro? sein, meinte Max Huber. Sie auf einige Kilometer zu schatzen, durfte schon ubertrieben sein. Es ist doch ganz ausgeschlossen, da? unsere Retter, wer sie auch sein mogen, uns sehr weit fortgeschafft haben sollten.

– Ich bin auch der Ansicht, lie? sich Khamis vernehmen, da? der Rio nicht weit von hier sein kann. Uns mu? vor allem daran liegen, ihn wieder zu finden, und sobald wir ein neues Flo? gebaut haben, unsere Fahrt unterhalb der Barre fortzusetzen.

– Wovon sollen wir uns aber bis dahin und spater auf der Fahrt bis zum Ubanghi ernahren? warf Max Huber ein. E?bares Wild konnen wir doch nicht mehr erlegen.

– Und au?erdem, setzte John Cort hinzu, auf welcher Seite sollen wir denn den Rio Johausen suchen? Zugegeben, da? wir auf das linke Ufer gebracht worden waren; da es uns aber unmoglich ist, eine bestimmte Himmelsgegend zu erkennen, wer kann da sagen, ob wir den Rio in dieser oder in jener Richtung suchen sollen?

– Und zunachst, sagte Max Huber, wie und wo konnen wir aus diesem Dickicht herauskommen?

– Dort!« antwortete der Foreloper.

Er zeigte dabei nach einem Ri? in dem Lianennetze, durch den er und seine Gefahrten jedenfalls nach dieser Stelle gebracht worden waren. Weiter drau?en war ein dunkler und gewundener Pfad zu erkennen, der gangbar zu sein schien.

Wohin dieser Pfad, und ob er vielleicht nach dem Rio fuhrte, war naturlich ganz ungewi?. Er konnte sich ja auch mit anderen kreuzen, was die Gefahr nahe legte, sich in diesem Labyrinth noch mehr zu verirren. Und was blieb nach achtundvierzig Stunden an Nahrungsmitteln ubrig, wenn der Rest des Buffels verzehrt war?…

Was sollte dann geschehen?… Fur Loschung des Durstes sorgten ja die hier so haufigen Regenfalle, so da? man in dieser Hinsicht nichts zu befurchten brauchte.

»Auf jeden Fall, bemerkte John Cort, kommen wir nicht aus der Verlegenheit, wenn wir hier wie angewurzelt stehen bleiben. Fort mussen wir… hier oder dorthin… aber fort… fort von hier!

– Vorher wollen wir wenigstens erst etwas essen,« sagte Max Huber.

Etwa ein Kilogramm Fleisch wurde nun in drei gleiche Stucke getheilt, und jeder mu?te sich mit der durftigen Mahlzeit begnugen.

»Und wenn man bedenkt, au?erte Max Huber, da? wir nicht einmal wissen, ob wir jetzt ein Fruhstuck oder ein Mittagessen verzehren?

– Das ist gleichgiltig, meinte John Cort, der Magen bekummert sich nicht um solche Unterscheidungen.

– Mag sein, er verlangt aber nach einem Trunke, der Magen, und ein paar Tropfen aus dem Rio Johausen wurde ich jetzt den edelsten Weinsorten Frankreichs vorziehen!«

Wahrend des Essens waren alle wieder schweigsam geworden. Die herrschende Dunkelheit machte einen beunruhigenden, qualenden Eindruck. Die mit der feuchten Ausdunstung des Erdbodens gesattigte Luft erschien unter dem Laubdache besonders druckend. In der Umgebung, durch die, wie es schien, nicht einmal ein Vogel fliegen konnte, war kein Schrei, kein Ton, kein Flugelschlag zu horen. Hochstens erstarb zuweilen das Gerausch von einem herabfallenden morschen Zweige bei Aufschlagen auf den Teppich schwammahnlicher Moose. der zwischen den Stammen die Erde bedeckte. Ganz selten lie? sich etwas wie ein schrilles Pfeifen vernehmen, oder ein Rascheln in trockenen Blattern, wenn kleine, kaum uber einen halben Meter lange und zum Gluck harmlose Schlangen durch diese hinhuschten. Insecten schwirrten wie gewohnlich umher und waren mit ihren Stichen auch nicht sparsam.

Nach beendeter Mahlzeit erhoben sich alle von der Erde.

Khamis nahm den letzten Rest Buffelfleisch mit und wandte sich dann nach der Oeffnung zwischen den Lianen.

Noch mehrmals rief Max Huber so laut wie moglich nach dem jungen Eingebornen.

»Llanga!… Llanga!… Llanga!«

Vergeblich, nicht einmal ein Echo wiederholte den Namen des Knaben.

»Nun vorwarts!« sagte der Foreloper.

Er schritt den anderen voran.

Kaum hatte er aber den Fu? auf den erwahnten Pfad gesetzt, da rief er schon:

»Ein Licht!«

Max Huber und John Cort eilten ihm nach.

»Etwa die Eingebornen?… fragte der eine.

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