John Cort bemerkte sehr richtig, da? die Beziehungen zwischen den Affenscharen der beiden Ufer nur sehr durftig sein konnten, weil der Uebergang von einer Seite zur anderen nur auf den Brucken aus Zweigen und Lianen moglich war, was selbst fur Affen seine Schwierigkeiten haben durfte.
Man »schnitt« heute wiederum die Mittagsrast und im Laufe des Nachmittags hielt das Flo? nur ein einziges Mal an, um eine Sassabys-Antilope zu holen, die John Cort nahe bei einer Flu?biegung unter dem Gestrauch am Lande durch einen Schu? erlegt hatte.
An dieser Biegung, wo der Rio Johausen sich nach Sudosten wendete, machte er fast einen rechten Winkel gegen seine bisherige Richtung. Naturlich beunruhigte es Khamis nicht wenig, sich damit wieder mehr nach dem Waldesinnern verschlagen werden zu sehen, wahrend sein Reiseziel doch auf der entgegengesetzten Seite am Atlantischen Oceane lag. War auch nicht zu bezweifeln, da? der Rio Johausen zu den Nebenflussen des Ubanghi gehorte, so bildete es doch einen gewaltigen Umweg, wenn man auf den Hauptstrom erst mehrere hundert Kilometer weiter oben, in der Mitte des unabhangigen Congogebietes traf. Zum Gluck erkannte der Foreloper nach einstundiger Weiterfahrt, dank seinem scharfen Orientierungssinne – denn die Sonne war nicht sichtbar – da? der Wasserlauf wieder seine ursprungliche Richtung einschlug.
Das erweckte die Hoffnung, da? er das Flo? nach der Grenze von Franzosisch-Congo bringen werde, von wo aus es leicht war, Libreville zu erreichen.
Halb sieben Uhr lief Khamis mit einem kraftigen Ruderschlage das linke Ufer in einer Einbuchtung an, die von dem dichten Laube eines Cailecedrat, einer den Acajons der Senegalwalder fast gleichkommenden Baumart, beschattet war.
Regnete es auch nicht mehr, so bedeckten den Himmel doch noch starke Dunstmassen, die die Sonne nicht zu durchdringen vermochte. Man brauchte deshalb aber nicht zu glauben, da? die nachste Nacht kalt sein werde. Ein Thermometer hatte hier noch immer funfundzwanzig Centigrade gezeigt. Bald loderte ein Feuer zwischen den Steinen am Ufer der Einbuchtung auf, das nur fur Kuchenzwecke, namlich zum Braten eines Sassabysviertels, angezundet worden war. Diesmal hatte Llanga vergeblich nach Mollusken gesucht, um in die Mahlzeit Abwechslung zu bringen, oder nach Bananen, um das Wasser aus dem Rio Johausen schmackhafter zu machen, denn »trotz eines Anklingens an den Namen« – bemerkte Max Huber –erinnerte es in keiner Weise an den Johannisberger des Fursten Metternich. Dafur konnte man sich wenigstens in gleicher Weise, wie am Abend vorher, der Moskitos erwehren.
Halb acht Uhr war es noch nicht vollig dunkel. Auf dem Wasser des Flusses spiegelte sich ein schwacher Lichtschein, und Haufen von Gestrauch und anderen Pflanzen, sowie einzelne Stamme, die vom Ufer losgerissen sein mochten, trieben auf dem Rio daher.
Wahrend John Cort, Max Huber und Khamis Lagerstatten zurecht machten, indem sie dicke Schichten trockenen Grases am Fu?e des Baumes ausbreiteten, lief Llanga noch auf dem Flosse hin und her, und betrachtete mit Interesse die voruberschwimmenden Gegenstande.
Da zeigte sich, etwa drei?ig Toisen stromaufwarts, der Stamm eines mittelstarken Baumes sammt vollstandiger Krone.
Er war funf bis sechs Fu? unterhalb des Aesteansatzes abgebrochen und zeigte eine noch ganz frische Bruchflache.
Diese Aeste, deren unterste im Wasser schwammen, zeigten sich bedeckt mit dickem Laube, auch mit einigen Bluthen und Fruchten, kurz, mit dem ganzen Grun, das trotz des Sturzes an dem Baume haften geblieben war.
Wahrscheinlich war dieser bei dem letzten Gewitter von einem Blitze getroffen worden. Von der Stelle, wo ihn seine Wurzeln hielten, mochte er auf ein abhangiges Uferstuck gefallen, dann, von dem Gestrauch nach und nach frei werdend, weiter geglitten und von der Stromung gefa?t worden sein, mit der er jetzt, gleich der anderen Trift, auf dem Rio weiter hinunter trieb.
Da? sich Llanga solchen Betrachtungen hatte hingeben konnen, war ja ausgeschlossen und auch nicht der Fall gewesen. Er wurde diesem Stamm ebensowenig eine besondere Beachtung geschenkt haben, wie den anderen dahintreibenden Gegenstanden, wenn seine Aufmerksamkeit nicht in ganz seltsamer Weise darauf hingelenkt worden ware.
Mitten unter den Zweigen glaubte Llanga namlich ein lebendes Wesen zu bemerken, das Bewegungen machte, als ob es um Hilfe flehte. Bei dem herrschenden Halbdunkel war freilich nichts genaues zu erkennen, nicht einmal, ob es sich um ein Thier handelte.
Unentschlossen, was er thun sollte, wollte der Knabe eben nach John Cort und Max Huber rufen, als er durch einen weiteren Zwischenfall davon abgehalten wurde.
Der Stamm befand sich jetzt nur noch vierzig Meter weit von ihm entfernt und trieb schrag nach der Ausbuchtung zu, worin das Flo? angebunden lag.
Da ertonte plotzlich ein Schrei, ein eigenthumlicher Schrei oder vielmehr ein verzweifelter Ruf, als ob ein menschliches Wesen Hilfe und Beistand verlangte. Als der Stamm dann vor der Ausbuchtung vorbeitrieb, sturzte sich dieses Wesen in den Flu?, offenbar in der Absicht, nach dem Ufer zu schwimmen.
Llanga glaubte ein Kind zu erkennen, das noch kleiner war, als er selbst. Das Kind mu?te sich wohl auf dem Baume befunden haben, als dieser gerade umsturzte. Es schien des Schwimmens nur sehr wenig machtig zu sein, so da? es das Ufer voraussichtlich nicht erreichen konnte; offenbar versagten ihm auch schon die Krafte. Es paddelte im Wasser, verschwand jetzt und tauchte dann wieder auf, und von Zeit zu Zeit kam ein auffallendes Glucksen uber seine Lippen.
Seinem reinen Mitgefuhle folgend und ohne erst noch andere herbeizurufen, sturzte sich Llanga in den Rio und erreichte schwimmend die Stelle, wo das Kind eben wieder versunken war.
John Cort und Max Huber, die dessen erste Rufe auch schon gehort hatten, kamen nach dem Rande der Ausbuchtung geeilt.
Da sie Llanga einen Korper an der Wasseroberflache halten sahen, streckten sie ihm die Hande entgegen, um that das Ersteigen des Ufers zu erleichtern.
»Heda, Llanga, rief Max Huber, was hast Du denn da aufgefischt?
– Ein Kind, lieber Herr Max, ein Kind, das dem Ertrinken nahe war.
– Ein Kind? wiederholte kopfschuttelnd John Cort.
– Ja, lieber Herr John.«
Llanga kniete neben dem kleinen Wesen, das er gerettet hatte, nieder.
Max Huber buckte sich neben ihm, um es genauer sehen zu konnen.
»Oho, sagte er sich erhebend, das ist ja gar kein Kind!
– Was denn? fragte John Cort.
– Weiter nichts als ein kleiner Affe… ein Abkommling der greulichen Grimassenschneider, die uns belastigt haben!…
Und um den aus dem Wasser zu ziehen, hast Du, Llanga, Dich der Gefahr ausgesetzt, selbst zu ertrinken!
– Nein, es ist ein Kind… es ist doch ein Kind! wiederholte Llanga.
– Es ist nicht wahr, und ich fordere Dich auf, den Burschen wieder zu seiner Familie im Walde laufen zu lassen.«
Ob er nun an die Behauptung seines Freundes Max nicht glaubte oder sonst welche Grunde fur eine andere Anschauung hatte, jedenfalls blieb Llanga dabei, ein Kind in dem kleinen Geschopf zu sehen, das ihm seine Rettung verdankte, wenn es auch noch nicht wieder zum Bewu?tsein gekommen war. Er dachte also gar nicht daran, sich von ihm zu trennen, sondern hob es sorgsam vom Boden auf. Im ganzen schien es das beste, ihn, wenigstens vorlaufig, gewahren zu lassen. Als er es nach dem Lagerplatze gebracht hatte, uberzeugte sich Llanga, da? es noch athmete; dann rieb er das seltsame Wesen ab, suchte es zu erwarmen und legte es endlich, in Erwartung, da? es die Augen schon noch aufschlagen werde, auf eine Schicht von durrem Grase nieder.
Die Bewachung wahrend der Nacht wurde in gewohnter Weise geregelt, und die beiden Freunde schliefen bald ein, da Khamis bis Mitternacht wach bleiben sollte.
Llanga dagegen konnte kein Auge zuthun. Er lauschte gespannt auf die leiseste Bewegung seines neben ihm liegenden Schutzlings, hielt ihn an den Handen und beobachtete seine Athmung. Wie gro? aber war seine Ueberraschung, als er gegen elf Uhr eine schwache Stimme vernahm… er erlauschte das Wort: »Ngora… Ngora!« Es klang, als ob ein Kind nach seiner Mutter riefe.
