Sentimentalitaten kein Platz. Wir mussen eine Welt in Ordnung bringen! Was sind angesichts dessen schon ein paar Leben? So sind die Dinge eben.«
»Ihr konnt nicht den Moralapostel spielen mit dem Blut von Unschuldigen an euern Handen!«, sagte ich.
»Dann sieh uns mal zu!«, erwiderte Alexandra.
»Oder auch nicht, ganz wie es dir gefallt«, erganzte Matthew. »Es liegt wirklich ganz bei dir, Eddie: Strecke die Waffen vor uns und diene dem Manifesten Schicksal (nach einem angemessenen Ma? an Gehirnwasche und Neuprogrammierung naturlich), oder stirb hier und jetzt.«
Ich lachte ihm ins Gesicht. »Der Waffenschmied hat den Armageddon-Kodex fur mich geoffnet. Ich habe den Eidbrecher.«
Alexandra und Matthew sahen einander scharf an, und zum ersten Mal bekam ihr Selbstvertrauen Risse. Dies war nicht Teil ihres Plans gewesen. Aber sie glaubten immer noch nicht daran, dass sie scheitern konnten, nachdem sie so weit gekommen waren, und blickten mich uberheblich an.
»Dieser Holzstecken soll der machtige und legendare Eidbrecher sein?«, sagte Matthew. »Das nehme ich dir nicht ab!«
»Du hattest gar nicht den Mumm, den Eidbrecher zu benutzen«, meinte Alexandra. »Er ist zu gro?, zu machtig fur einen kleinen Mann wie dich!«
»Wir haben Waffen!«, prahlte Matthew. »Richtige Waffen. Furchtbare Waffen! Und den Willen, sie zu benutzen!«
Alexandra hielt die rechte Hand hoch, und plotzlich lag ein langes Skalpell darin, das ubernaturlich hell glanzte. »Dies ist Zergliederer, das ultimative Skalpell, erschaffen vom ultimativen Chirurgen, Baron Frankenstein. Es kann durch alles schneiden, so sauber, wie man sich nur wunschen kann. Mit einem blo?en Gedanken kann es dich aufschneiden und in deine Einzelteile zerlegen. Wenn du diesen widerlichen alten Stock auch nur beruhrst, Eddie, nehme ich dir die Hand am Handgelenk ab. Vielleicht schlitze ich auch nur deiner kleinen Hexe die Kehle auf.«
»Du fangst echt an, mir auf den Geist zu gehen!«, sagte Molly.
»Du warst schon immer eine rachsuchtige Person, Alex«, sagte ich.
»Und ich habe Dominator«, verkundete Matthew mehr als nur ein bisschen gro?spurig. Er schnalzte gebieterisch mit den Fingern, und ein aus purem Silber gearbeiteter Lorbeerkranz erschien auf seinem Kopf. »Mit ihm werden meine Gedanken deine Gedanken, meine Wunsche deine Wunsche. Ich werde es genie?en, dich vor mir knien zu sehen, Eddie!«
»Tatsachlich?«, fragte ich. »Ich habe immer gehort, deine Vorlieben gingen in die andere Richtung!«
»Ergib dich oder stirb!«, sagte Alexandra scharf. »Kein Gerede mehr! Diesmal ist dein feiner Onkel Jack nicht da, um dich mit seinen
Matthew gluckste absto?end. Um seinen Kopf herum bildete sich bereits ein Halo aus psychischen Energien.
Ich konzentrierte mich auf Alexandra und versuchte, mit der Ehrlichkeit in meiner Stimme zu ihr durchzudringen. »Tu das nicht, Alex! Um der alten Zeiten willen … fur das, was wir fureinander waren … Du darfst es nicht tun! Das ist deiner oder der Familie nicht wurdig!«
»Was wei?t du schon von der Familie?«, entgegnete sie mit ausdrucksloser Stimme. »Du bist seit zehn Jahren kein Teil mehr davon. Genau genommen wei? ich gar nicht, ob du das je warst. Musstest immer deinen eigenen Weg gehen, dein eigenes Leben leben, hast uns Ubrige zuruckgelassen, damit wir uns weiter unter dem Joch abmuhen konnten … bis wir selbst einen Ausweg fanden. Und wie kannst du von der Wurde der Familie reden, wenn du das Geheimnis des Herzens kennst? Den Pakt mit dem Teufel, den unsere Vorfahren vor so langer Zeit geschlossen haben? Wir sind nicht das, was wir zu sein glaubten, Eddie - waren es nie. Es war alles eine Luge. Das Manifeste Schicksal ist die einzige Wahrheit.«
»Ihr konnt nicht verbotene Waffen einsetzen, verbotene Methoden anwenden, um die Welt zu retten«, redete ich auf sie ein. »Bei dem Versuch, sie so zu verandern, wie ihr sie haben wollt, werdet ihr sie zerstoren.«
»Was soll's?«, meinte sie. »Was hat die Welt jemals fur uns getan, au?er uns zu belugen? Besser frei zu sterben, als auch nur noch einen Tag langer eine Luge zu leben. Wir werden dafur sorgen, dass die Welt Sinn ergibt, ob sie will oder nicht - koste es, was es wolle. Dies ist unser Moment, unser Schicksal, und nichts kann uns aufhalten!«
»Falsch - wie gewohnlich!«, sagte eine vertraute Stimme hinter mir.
Wir drehten uns alle jahlings um, und dort, hinter uns, stand, schwankend auf seinen eigenen zwei Beinen, der Waffenschmied, Onkel Jack hochstpersonlich. Uber seinem Laborkittel trug er einen schlichten Brustharnisch aus einem mir unbekannten scharlachroten Metall. Verkrustetes Blut uberzog eine ganze Seite seines Gesichts; es stammte von einer scheu?lichen Kopfhautverletzung auf seiner Glatze. Er nickte Molly und mir knapp zu und grinste dann Matthew und Alexandra fies an. Wahrend sie dastanden und ihn mit offenen Mundern anglotzten, sprach er zwei
»Ich dachte, du seist tot!«, sagte Alexandra laut. »Verdammt, wieso bist du nicht tot?«
Der Waffenschmied prustete. »Ich war zwanzig Jahre lang Frontagent, schon vergessen? So leicht sterbe ich nicht, Madchen!«
»Wir haben noch andere Waffen!«, sagte Matthew zu laut. »Eine ganze Armee ist auf dem Weg hierher, bewaffnet bis an die Zahne!«
»Seht ihr diesen Brustharnisch?«, erwiderte der Waffenschmied. »Dies ist die Moloch-Arbeitsmontur. Ja, genau die, aus dem Kodex. Schafft eure Waffen und eure Armee getrost her - es wird euch nichts nutzen. Eddie, mach du weiter, Junge! Auf dich wartet Arbeit.«
»Horch!«, sagte Alexandra. »Horst du diese rennenden Fu?e? Das ist unsere Verstarkung! Es sind Dutzende! Du kannst uns nicht alle aufhalten, alter Mann!«
Und das war der Moment, als der Geist des alten Jacob Drood erschien. Endlich aus seiner Kapelle drau?en, sah er zum ersten Mal wirklich furchteinflo?end aus. Wir wichen alle zuruck, als er sich mit einem brausenden Wind, der kalt wie der Tod selbst war, vor uns in der Luft manifestierte. Er sah jetzt nicht mehr wie ein murrischer alter Vorfahr aus; er sah jetzt aus wie das, was er war: ein toter Mann, der sich mit einem entsetzlichen Willensakt am Leben festhielt. Eine krasse, gespenstische Gestalt, mehr eine Prasenz als eine Person, das Gesicht voller Hohlungen und Schatten, die Augen brennend mit unirdischen Feuern. Sein blo?er Anblick lie? mir das Blut in den Adern gefrieren und umfing mein Herz mit kalter Hand. Wir waren jetzt in der Gegenwart des Todes, schonungslos und schrecklich und au?erst unerbittlich.
Jacob und der Waffenschmied bewegten sich auf Matthew und Alexandra zu, und diese wichen rasch zuruck und gaben den Weg zur Tur des Sanktums frei. Molly und ich eilten nach vorn. Eine Tur zu unserer rechten wurde aufgerissen, und eine ganze Schar von gepanzerten Droods sturmte herein. Sie sahen den Waffenschmied und den entsetzlichen Geist des alten Jacob und kamen stolpernd zum Stehen. Molly und ich offneten die Tur zum Sanktum und liefen hindurch und zogen sie hinter uns zu.
Und wahrend die Tur sich schloss, setzte das Schreien ein.
Kapitel Zweiundzwanzig
Herzensbrecher
Als ich dort im Sanktum stand und die Tur hinter mir zuschlug, kam ich mir wie ein Vandale vor, der in eine
