Das Herz kann dir nicht mehr wehtun, Eddie; nicht, solange ich hier bin, um dich zu beschutzen. Und deiner Familie wird es auch nicht mehr wehtun, wenn es erst einmal zerstort ist. Und obwohl ich das Herz so au?erordentlich lange gejagt habe … finde ich, dass es dein Vorrecht ist, ihm ein Ende zu bereiten, Eddie. Wenn du es willst.«
»Ich will«, sagte ich und zog den Eidbrecher aus meinem Gurtel und drehte mich um, um dem Herzen gegenuberzutreten.
»Das kannst du nicht machen!«, kreischte es. »Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist! Ich habe deine Familie machtig gemacht! Ich habe euch die Leitung uber diese damliche kleine Welt ubertragen! Wag dich nicht, mir Schaden zuzufugen! Ich bin dein Gott!«
»Schlechter Gott«, sagte ich.
Ich hob den Eidbrecher hoch uber meinen Kopf und lie? ihn krachend auf den riesigen Diamanten niederfahren. Die uralte Waffe nahm ihren schlichten, brutalen Aspekt an und trennte alle Krafte auf, die das andersdimensionale Wesen zusammenhielten. Das Herz schrie gellend, sein Licht flackerte in gro?artigen Stakkatoimpulsen, und dann explodierte der machtige Diamant ohne einen Laut. Er zersprang in Millionen von leblosen Bruchstucken, die wie Sand zu Boden fielen, bis vom Herzen nichts mehr ubrig war. Es war ohnehin nicht viel an ihm dran gewesen; das Herz war die ganze Zeit uber leer gewesen.
Und als das Herz endlich zerstort war, waren samtliche Seelen, die so lange in ihm eingesperrt gewesen waren, endlich befreit. Sie manifestierten sich kurz in der ruhigen Luft des Sanktums, eine nach der andern, leuchteten auf und erloschen, zahllose schimmernde Formen, die in einer letzten Zurschaustellung der Freude uber ihre Freiheit explodierten wie eine Unmenge von lautlosen Feuerwerkskorpern, ehe sie endgultig ubergingen in das, was immer als Nachstes kommt. Molly schrie entzuckt auf und klatschte in die Hande.
Und ganz am Schluss kam eine kleine Seele zu mir. Mein Zwilling. Mein Bruder. Er hing in der Luft vor mir, noch ein Baby, erst ein paar Tage alt, und dann entwickelte er sich plotzlich zur Erwachsenenform, zu meinem Alter, meiner Gro?e. Er sah aus … wie das Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sehe, blo? ohne die ganzen Falten, die Schmerz, Verlust und Pflicht darin hinterlassen haben. Mein Bruder betrachtete mich fur einen langen Moment, und dann lachelte er mir zu, zwinkerte und war fort.
Und das war's.
Epilog
Jetzt, wo das Herz weg war, fuhlte sich das Sanktum nicht mehr wie das Sanktum an. Es fuhlte sich an wie die Stille nach der Explosion, die Ruhe nach dem Sturm, der unglaubliche Frieden, wenn man aufwacht und der Albtraum endlich vorbei ist. Das Sanktum war jetzt blo? ein leerer Raum, weitlaufig und hallend, mit einer Schicht Sand auf dem Boden. Der Drache war tot, aber ich fuhlte mich nicht wie ein Drachentoter.
»Wie fuhlst du dich, Eddie?«, fragte Molly.
»Ziemlich gut«, antwortete ich. »Die Schmerzen sind weg, die Schwache ist weg, und ich bin wieder ganz der Alte.«
»Nein, Eddie«, sagte sie sanft. »Wie
»Ich wei? es nicht«, gestand ich. »Wie betaubt. Verloren … Fruher wusste ich immer, was ich war, worum es in meinem Leben ging. Dann wurde mir das weggenommen. Fruher hatte ich immer eine Familie, und die ist auch weg. Alles weg …«
»Du hast immer noch mich«, sagte Molly.
»Hab ich das?«
Sie legte mir die Hande auf die Schultern, zog mich dicht an sich heran und kusste mich. »Versuch mich loszuwerden, Dummkopf!«
»So«, sagte ich nach einer Weile, »das Herz ist tot. Was machen wir jetzt?«
»Du meinst als Zugabe?«, fragte Molly. »Hast du noch nicht genug getan?«
Die Tur hinter uns flog auf und wir wirbelten beide herum, bereit uns zu verteidigen, aber es waren blo? der Waffenschmied und der Geist des alten Jacob. Molly und ich entspannten uns ein bisschen, als sie heruberkamen, um sich zu uns zu gesellen. Das Gesicht des Waffenschmieds war noch immer zur Halfte unter getrocknetem Blut begraben, aber er machte einen viel sicheren Eindruck auf den Beinen. Jacob hatte seine verdrie?liche alte Gespenstergestalt wieder angenommen, mitsamt schreiend bunten Hawaiishorts und einem schmuddeligen alten T-Shirt mit dem Schriftzug
»Eddie, mein Junge«, begann der Waffenschmied, »geht es dir gut? Wir haben alle moglichen Gerausche von hier drin gehort, aber wir konnten bis eben nicht hereinkommen. Nicht mal Casper der Unfreundliche Geist hier. Und was zum Teufel ist mit dem Herzen passiert?«
»Schau nach unten«, sagte ich. »Du stehst in dem, was von ihm ubrig ist.«
Er schaute nach unten, zuckte zusammen und schuttelte dann den Kopf. »Das also macht der Eidbrecher! Ich wollte es schon immer wissen.«
»Hier«, sagte ich und gab ihm den Stock aus Eisenholz zuruck. »Je eher das wieder in den Armageddon- Kodex kommt, desto sicherer werden wir alle sein. Molly, gib ihm den Torquesschneider!«
»Och, schade!«, sagte Molly schmollend. »Ich hatte gehofft, ihn als Souvenir behalten zu konnen!«
Der Waffenschmied bedachte sie mit einem seiner finsteren Blicke, und sie ubergab die Schere ohne ein weiteres Wort.
»So«, meinte ich, »das war's also endgultig. Alles vorbei. Fuhr mich jemand zu einem bequemen Sessel und druck mir eine schone Tasse Tee in die Hand! Es waren ein paar geschaftige Tage … aber wenigstens ist es jetzt zu Ende.«
»Du machst wohl Witze!«, sagte der Waffenschmied streng. »Nach all dem Schaden, den du hier angerichtet hast, glaubst du, du kannst dich einfach zurucklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Du hast an einem Abend mehr dazu beigetragen, die Drood-Familie in die Knie zu zwingen, als samtliche unsere Feinde in Jahrhunderten! Es liegt jetzt an dir, die Familie zu retten, Eddie. Ich habe dich nicht dazu erzogen, eine Arbeit halb vollendet liegen zu lassen. Du hast die Familie gesturzt; nur du kannst sie wieder auf die Beine bringen!«
»Zum Teufel damit!«, sagte Molly scharf. »Dafur habe ich gelebt: die arroganten Droods gedemutigt und auf den Knien rutschen zu sehen, wo sie mit uns Ubrigen im Dreck leben mussen! Hor nicht auf ihn, Eddie! Du hast den Fu? der Droods vom Nacken aller in der Welt genommen. Wir sind endlich frei!«
»Frei?«, wiederholte ich widerstrebend. »Nein, Molly. So einfach ist es nicht - und war es auch nie. Trumans Manifestes Schicksal ist immer noch da drau?en, hast du das schon vergessen? Befreit vom Einfluss und der Kontrolle der Droods und nach wie vor entschlossen, alles auszuloschen, was ihrer engstirnigen Definition von normal und menschlich nicht genugt. Wer soll sie aufhalten, wenn nicht die Familie? Und dann sind da noch all die anderen dunklen Machte, die nur die Furcht davor in Schach halt, was die Familie mit ihnen machen wurde, wenn sie es je zu weit treiben sollten. Es muss eine andere Macht im Amt sein, um die Machte der Finsternis daran zu hindern, uber die Welt herzufallen. Aber wenn es eine Drood-Familie geben muss, dann wird es eine neue Art von Familie sein.«
»Das lasst sich schon eher horen!«, ergriff Jacob das Wort. »Wusste immer, dass du fur Gro?es bestimmt bist, Eddie; auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte, warum.«
Ich betrachtete ihn nachdenklich. »Du hast dich doch vorhin daran erinnert, dass du dich nur hier herumgetrieben hast, um mir dabei zu helfen, das Herz zu zerstoren … Nun - und bitte versteh das nicht falsch, aber - warum bist du noch hier?«
Er sah mich mit seinem ublichen gerissenen Grinsen an und zuckte unbestimmt die Schultern. Kleine Blaschen blaugrauen Ektoplasmas sprangen von seinen Schultern hoch, bevor sie wieder in ihn sanken. »Schatze, ich hab mich einfach dran gewohnt, hier rumzuhangen. Und au?erdem bin ich echt neugierig zu sehen, was als Nachstes passiert. So viel Spa? hab ich seit dem Gro?en Geschlechtertausch von 1741 nicht mehr gehabt! Wir haben nie herausgefunden, wer dahintersteckte …«
»Ich sehe Alexandra oder Matthew gar nicht«, bemerkte ich vorsichtig. »Was hast du mit ihnen gemacht, Jacob?«
Er erwiderte meinen Blick unbefangen, und einen winzigen Moment lang kam etwas von seinem alten,
