Kathedrale einbricht. Das Herz leuchtete vor mir und strahlte wie die Sonne, so hell, dass ich mich dazu zwingen musste, es anzusehen. Ein einzelner machtiger, prachtvoller Diamant, so gro?, dass er den gro?ten Teil des riesigen Raums ausfullte, den meine Familie vor all den Jahrhunderten errichtet hatte, um ihn aufzunehmen und zu beschutzen. Allein in der Gegenwart des Herzens zu stehen nahm mir den Atem, bewirkte, dass ich mir klein und unbedeutend vorkam. Aber das glaubte ich nicht mehr. Ich wusste es jetzt besser. Ich starrte in die blendende Helle und weigerte mich, den Blick abzuwenden oder den Kopf zu neigen, auch wenn das schimmernde Licht durch mich hindurchzulodern und alles in meinem Verstand und meiner Seele zu sehen schien.
Und einfach so war das Gefuhl der Ehrfurcht auf einmal weg. Das Licht war noch genauso hell, das Herz war noch genauso riesig, aber seine Gegenwart war nicht mehr uberwaltigend. Es war blo? noch ein wirklich riesiger Diamant. Ich horte, wie Molly neben mir einen leisen, entspannten Ton von sich gab - denn sie spurte die plotzliche Veranderung auch -, und schreckte schuldbewusst zusammen, als ich merkte, dass ich vergessen hatte, dass sie uberhaupt da war. Das konnte die Gegenwart des Herzens mit einem anstellen. Molly und ich ruckten langsam in Richtung auf das Herz vor, bis wir fast so dicht davor standen, dass wir es beruhren konnten. Die gewolbte Seite des Diamanten erhob sich vor uns wie eine viel facettierte Felswand, doch von unseren Spiegelbildern war nichts zu sehen. Das Licht, das aus dem Innern des Herzens loderte, uberstrahlte alles andere. Ich konnte dieses Licht auf meiner Haut spuren, die leicht kribbelte, als ob ich in einen eiskalten Teich eingetaucht ware. Und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, als ob das Herz wusste, dass ich da war, wusste, weshalb ich gekommen war, und dass es mich direkt anblickte.
»Hallo, Eddie«, sagte das Herz. Seine Stimme war warm und freundlich, mannlich und weiblich, und schien von uberallher zugleich zu kommen. »Normalerweise gebe ich mir gro?e Muhe, eine geeignete spirituelle und vergeistigte Atmosphare hier drin aufrechtzuerhalten und die Gefuhle all derer zu manipulieren, die vor mich treten, damit auch alle ein angemessen respektvolles Verhalten an den Tag legen. Aber bei dir hat das wohl keinen Zweck, nicht wahr? Du kennst mein kleines Geheimnis, und du bist wegen der Wahrheit hier. Armer Junge. Als ob dein kleiner Verstand all meine Wahrheiten aufnehmen oder voll und ganz erkennen konnte!«
»Du kannst sprechen?«, fragte ich. Ein bisschen naheliegend, ich wei?, aber ich war ehrlich schockiert. Das Herz hatte meines Wissens noch nie zu irgendeinem Drood gesprochen, nicht seit es den ursprunglichen Handel mit meinen Vorfahren eingegangen war.
»Uberrascht es dich wirklich so, herauszufinden, dass ich ein lebendes, denkendes Wesen bin?«, fragte das Herz. »Nicht alle Intelligenz ist in Fleisch eingebettet.«
»Bist du wirklich aus einer anderen Dimension hierhergekommen?«, wollte Molly wissen, nur um klarzustellen, dass sie sich aus nichts ausschlie?en lie?.
»Aus einer hoheren Dimension«, erwiderte das Herz. »Was soll ich sagen; ich habe schon immer wahnsinnig gern aus Neugier die Slums besucht.«
»Warum hast du vorher noch nie gesprochen?«, fragte ich.
»Habe ich«, antwortete das Herz. »Aber immer nur zur herrschenden Matriarchin eures Stammes. Es ist eine lange Tradition, dass jede Matriarchin zustimmen muss, unseren alten Handel fortzufuhren. Ihre Familie an mich zu binden mit Leib und Seele. Und im Gegenzug gewahre ich euch allen ein kleines bisschen meiner Macht. Ich spreche jetzt nur deshalb zu dir, Eddie, weil du den Eidbrecher tragst. Unangenehmes kleines Ding. Ich versuche deine Familie schon seit Generationen dazu zu uberreden, es loszuwerden.«
»Weil es dich vernichten konnte«, sagte Molly.
»Naturlich«, sagte das Herz.
»Wieso bist du hierhergekommen?«, fragte ich schroff. Ich war jetzt den Antworten so nahe, dass ich es kaum noch ertragen konnte. Ich wollte alles wissen. Ich war so weit gekommen, hatte so viel verloren und konnte spuren, wie der Tod personlich mir auf die Schulter tippte, wahrend die fremde Materie sich in mir ausbreitete … aber was immer hier auch geschah, ich war entschlossen, endlich die Wahrheit zu erfahren. »Du warst auf der Flucht, nicht wahr? Wurdest von etwas, was dich in Panik versetzte, durch die Dimensionen gejagt. Also was hast du getan, dass du dich in diese kleine, primitive Dimension herunterladen musstest?«
»Ich hatte blo? ein bisschen Spa?«, sagte das Herz. Seine Stimme hatte sich fast unmerklich verandert; sie klang immer noch warm und freundlich und einschmeichelnd, aber darunter horte sie sich an, als fande es Vergnugen daran, Fliegen die Flugel auszurei?en oder auf Schmetterlinge zu treten, einfach weil es das konnte. »Ich spiele gern. Und wenn ich manchmal etwas zu grob spiele und mein Spielzeug kaputt mache - na ja, es gibt immer anderes Spielzeug.«
»Spielzeug?«, fragte ich. »Ist das alles, was wir fur dich sind?«
»Was konntet ihr sonst sein? Solch beschrankte, kurzlebige Wesen; ihr kommt und geht so schnell, dass ich kaum mitkomme. Ich lebe schon seit Jahrtausenden!«
»Und da fallt dir nichts Besseres ein, als mit Spielzeug zu spielen?«, fragte Molly.
»Ohne Fragen geliebt und verehrt zu werden und Gehorsam zu erfahren«, sagte das Herz glucklich. »Was konnte es Wichtigeres geben?«
»Und wenn es deine Spielzeuge einmal wagen sollten, zu rebellieren?«, fragte ich.
»Dann zerquetsche ich sie«, sagte das Herz. »Spielzeuge mussen wissen, wo sie hingehoren. Aus diesem Grund habe ich dich hier hereingelassen, Eddie. Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist. Ich habe dir das Geschenk meines goldenen Halsbands gemacht, und du hast es jahrelang getragen wie das brave kleine Hundchen, das du bist. Aber es ist immer noch mein Halsband.«
Der Torques um meinen Hals brannte eiskalt, als das goldene, lebende Metall binnen eines Moments uber und um mich schwappte, obwohl ich es nicht gerufen hatte. Die Rustung umgab mich wie eine Gefangniszelle, isolierte mich von der Welt und sperrte mich hilflos in ihrem Innern ein. Wieder und wieder sprach ich die aktivierenden
»Tote die Frau!«, sagte das Herz frohlich, gierig, und die Rustung ruhrte sich, um zu gehorchen, und ruckte in Mollys Richtung vor trotz allem, was ich tun konnte, um sie davon abzuhalten.
Molly rief nach mir, als die Rustung sich an sie heranarbeitete, aber sie konnte meine Antwort nicht horen. Und weil das Herz den meisten Platz im Sanktum in Anspruch nahm, konnte sie nicht wirklich irgendwohin. Sie wich um die Peripherie des gro?en Raums zuruck und versuchte, einen sicheren Abstand zwischen sich und der vorruckenden Rustung zu wahren. Es gab zwei Ausgange aus dem Sanktum, aber sie musste wissen, dass die Rustung uber sie herfallen wurde, bevor sie eine der Turen auch nur offnen konnte. Inzwischen brullte ich die aktivierenden
Molly erkannte, dass sie mich nicht erreichen konnte, und wich nicht mehr zuruck. Ruhe und kalte Entschlossenheit spiegelten sich in ihrer Miene wider. Sie beschwor einen tosenden Sturm herauf, der heulend aus dem Nichts hereinbrach und wie ein Rammbock die Luft vor sich hertrieb. Er versuchte, mich aufzuheben und fortzuwehen, doch meine Rustung lie? schwere Nagel aus den Unterseiten ihrer goldenen Fu?e wachsen und verankerte sich im Holzboden. Der Wind umpeitschte harmlos mein goldenes Au?eres, fand keinen Angriffspunkt, wurde schwacher und erstarb. Die Rustung machte einen Schritt nach vorn.
Molly beschwor einige Hand voll Hollenfeuer herauf und warf sie nach mir. Flammen aus dem tiefsten Teil des Hollenschlunds, dazu bestimmt, Leib und Seele zu verbrennen, und dennoch konnten sie mir durch die goldene Rustung nichts anhaben. Die Flammen peitschten den Boden rings um mich und schwarzten ihn, die Hitze war so entsetzlich, dass flimmernde Schleier in der Luft lagen, doch ich spurte nichts. Die Rustung machte einen Schritt nach vorn.
Monster erschienen aus dem Nichts, um mir den Weg zu versperren. Riesige, schreckliche Kreaturen mit gepanzerter Haut und peitschenden, stachelbewehrten Tentakeln und weit aufgerissenen, schnappenden Maulern voller rasiermesserscharfer Zahne. Doch die Rustung ging geradewegs durch die Illusionen hindurch, um zu Molly zu gelangen. Molly wich zuruck, entlie? mit einer Handbewegung die Illusionen und beschwor eine bodenlose Grube zwischen ihr und mir herauf. Die Anstrengung trieb ihr den Schwei? ins Gesicht. Die Rustung sprang muhelos uber den Abgrund und stellte sich vor sie, angetrieben von der ubernaturlichen Kraft ihrer gepanzerten Beine. Molly beschwor einen flimmernden Schutzschirm aus reiner Magie, der sich zwischen sie und mich legte. Er knisterte und prasselte in der Luft, erhalten von ihrem eisernen Willen. Die Rustung legte eine einzige goldene Hand gegen den Schirm und druckte langsam, unbarmherzig, mit all ihrer unma?igen Kraft dahinter.
Bis der Schutzschirm Risse bekam, zersprang und verschwand, und Molly wich zuruck, weinend vor
