auch distanzierte Art, einfach als ein weiteres Gesicht auf der Bildflache. Wir hatten sogar schon gelegentlich etwas zusammen getrunken, als Teil meiner Tarnung. Das beabsichtigte ich mir zunutze zu machen, um bei ihr einen Fu? in die Tur zu bekommen.
Molly wohnte in Ladbrook Grove, einer Gegend, die einmal als ziemlich schick gegolten hatte, deren Bewohner mittlerweile aber meist in beschrankten Verhaltnissen lebten. Ihr Haus war ein einfaches kleines Reihenhaus inmitten einer langen Reihe von Reihenhausern. Von au?en schien es sich nicht von den anderen zu unterscheiden: ein bisschen heruntergekommen, ein bisschen vernachlassigt und dringend eines neuen Anstrichs bedurftig. Die Stra?e war voller zankender Kinder, die auf ihren Fahrradern hin und her fuhren, einen Fu?ball durch die Gegend kickten oder einfach nur herumhingen in der Hoffnung, dass etwas passieren wurde. Keins von ihnen beachtete mich, als ich zu Mollys Haustur hochging und die Klingel unter Druck setzte. In einer Stra?e gab es immer Fremde, die kamen und gingen. Es gab eine lange Pause, so lange, dass ich schon in Betracht zog, noch einmal zu klingeln, und dann offnete sich die Haustur gerade weit genug, dass Molly herausgucken konnte.
»Shaman?«, fragte sie mit ihrer gewohnt dunklen und schwulen Stimme. »Was fuhrt Sie an meine Tur, ungeladen? Mir war nicht bewusst, dass Sie uberhaupt wissen, wo ich wohne! Das tun namlich nicht viele, und die meisten davon habe ich getotet. Ich hasse es, belastigt zu werden.«
Ich schenkte ihr mein charmantestes Lacheln. Molly Metcalf sah wie eine zerbrechliche China Doll mit gro?en Brusten aus. Kurz geschnittene schwarze Haare, riesige dunkle Augen, rubinroter Rosenknospenmund. Sie trug ein wei?es Seidenkleid mit Ruschen, moglicherweise um ihrer blassen Haut einen Hauch von Farbe zu verleihen. Sie war schon, auf eine schaurige, bedrohliche und au?erst beunruhigende Art.
»Tut mir leid, dass ich Sie store, Molly«, sagte ich, als klar wurde, dass das charmante Lacheln keine Wirkung hatte. »Ich muss mit Ihnen reden. Uber den neuen vogelfreien Drood, Edwin. Ich wei? etwas uber ihn, von dem ich glaube, dass Sie es erfahren mussen. Darf ich reinkommen? Es ist ziemlich dringend!«
Sie dachte einen langen Moment lang daruber nach, wobei sie mich mit ihren ungeruhrten dunklen Augen musterte, aber schlie?lich nickte sie und trat zuruck und offnete die Tur gerade ein kleines Stuckchen weiter. Ich zwangte mich an ihr vorbei, und sofort schloss sie die Tur hinter uns wieder und sperrte sie ab. Ich bemerkte es kaum. Ich stand mit offenem Mund auf einer ausgedehnten Waldwiese. Ich wusste nicht, was ich hinter der Fassade vorzufinden erwartet hatte, aber das hier war es ganz sicher nicht! Molly wohnte stilvoll.
Machtige Baume, schwer beladen mit Sommerlaub, umgaben mich auf allen Seiten. Grasbedeckte Erdhugel bildeten den Boden der Lichtung, und ganz in der Nahe sturzte ein Wasserfall uber eine zerkluftete Felswand in einen gro?en, kristallklaren Teich. Weiter weg unter den Baumen aste in sicherer Entfernung wachsam Rotwild, wahrend Vogel lieblich sangen und schwere Strahlen goldenen Sonnenlichts durch das Laubdach auf die Erde fielen. Halbschatten verliehen der Lichtung einen verschlafenen, behaglichen Anstrich, und die Luft war geschwangert vom kraftigen, feuchten und erdigen Geruch des Waldlands.
Molly ignorierte mich und wanderte unter eine kleine Baumgruppe. Sie sprach zu den Baumen in einer weichen, geflusterten Sprache, die ich noch nie zuvor gehort hatte, und ich schwore, sie senkten die Wipfel, um zuzuhoren. Rehe mit gro?en Augen kamen heran, um ihre weichen Nustern an ihr zu reiben, und sie streichelte ihnen mit sanften Handen die Mauler. Ein rostbraunes Eichhornchen lie? sich aus den hoheren Zweigen fallen und landete leichtfu?ig auf ihrer Schulter. Es schnatterte ihr eindringlich ins Ohr und blickte mich dann direkt an.
»Hey, Molly«, sagte es. »Wer ist der Trottel? Neue Mannerbekanntschaft? Wurde auch Zeit; du kriegst echt schlechte Laune, wenn du's nicht regelma?ig besorgt kriegst!«
»Nicht jetzt, Liebes!«, sagte Molly nachsichtig. »Geh und spiel ein wenig, wahrend ich mich mit dem netten Mann unterhalte. Und dass du mir nicht lauschst, sonst mache ich etwas Unerfreuliches mit deinen Nussen!«
Das Eichhornchen schnitt ihr ein Gesicht und sprang wieder zuruck nach oben in den Schutz der Baume. Ohne Eile kam Molly wieder zu mir und stellte sich vor mich, neben den Teich. Ich beschloss, sie nicht wegen dem sprechenden Eichhornchen zu fragen. Ich wollte mich nicht mit etwas verzetteln, was nach einer sehr langen Geschichte aussah.
»Sprich zu mir, Shaman Bond!«, forderte Molly mich auf. »Erzahl mir diese Sache, die du wei?t! Und es ware besser, wenn sie gut ware, oder es gibt ein neues niedliches sprechendes Tier fur mein Gartenparadies!«
»Es geht um Edwin Drood«, sagte ich, »den neuen Vogelfreien. Er steckt in echten Schwierigkeiten. Geachtet von seiner Familie, im Stich gelassen von seinen Freunden, ganz allein und auf der Flucht. Man hat ihm guten Grund gegeben, seiner Familie zu misstrauen - oder zumindest einem Teil davon - und er will die Wahrheit erfahren. Er glaubt, dass Sie ihm Dinge erzahlen konnen, die ihm andere nicht erzahlen konnen - oder wollen. Im Gegenzug ware er bereit, Ihnen das eine anzubieten, dass Sie mehr als seinen Kopf auf einem Spie? wollen: eine Gelegenheit, die ganze korrupte Drood-Familie zu Fall zu bringen.«
»Geht in Ordnung«, meinte Molly leichthin. Sie setzte sich an den Teichrand und zog die Finger trage durch das mit Seerosenblattern bedeckte Wasser. Fische kamen, um an ihren Fingerspitzen zu knabbern. Ich blieb stehen; im Sitzen ware ich mir zu verwundbar vorgekommen. Molly blickte aus ihren dunklen, nachdenklichen Augen zu mir auf. »Wie passen Sie in das Ganze, Shaman? Damit spielen Sie doch weit uber ihrer ublichen Liga. Wieso sollte ich glauben, was Sie mir da erzahlen?«
»Weil ich Edwin Drood bin«, sagte ich. »Und immer gewesen bin.«
Ich rustete hoch, und binnen eines Augenblicks uberzog mich das lebende Gold. Molly sprang auf und funkelte mich mit wilden, gefahrlichen Augen an. Ihr rubinroter Mund verzerrte sich vor Wut, wahrend sie eine Hand hob und in Zauberspruchposition brachte. Ich zwang mich dazu, ganz still dazustehen, die Arme schlaff an den Seiten und die Hande so, dass deutlich zu sehen war, dass sie offen und leer waren. Sie stand da, sog scharf die Luft ein, und dann kam sie langsam wieder runter und lie? die Hand sinken.
»Nehmen Sie die Rustung ab!«, sagte sie schroff. »Ich werde nicht mit Ihnen reden, solange Sie die Rustung tragen!«
Ohne Rustung ware ich wehrlos. Sie konnte mich toten, mich foltern oder mich zu ihrem geistlosen Sklaven machen - alles Sachen, die sie mir in der Vergangenheit schon angedroht hatte. Andererseits war ich zu ihr gekommen, also musste ich eine Geste des Vertrauens machen. Der Verwundbarkeit. Ich sprach innerlich die
»Ich habe gehort, was sich zugetragen hat, auf der Autobahn. Von all den Wesen, die Ihre Familie Ihnen auf den Hals gehetzt hat. In der ganzen Stadt fallt es den Leuten schwer zu glauben, dass Sie sie alle zuruckgeschlagen haben. Ich meine, nichts fur ungut, Edwin, aber … keiner in der Szene hatte je gedacht, dass Sie
Mit langsamen und vorsichtigen Bewegungen knopfte ich mein Hemd auf und schob es zuruck, um ihr die Pfeilwunde in meiner Schulter zu zeigen. Molly machte noch einen Schritt nach vorn, um die verheilte Verletzung genauer in Augenschein zu nehmen. Sie beruhrte mich nicht, doch ich konnte ihren warmen Atem auf meiner nackten Haut spuren, als sie sich nah heranbeugte. Sie zog sich wieder zuruck und begegnete offen meinem Blick. Sie war gro?er, als ich sie in Erinnerung hatte, und ihre Augen waren fast auf einer Hohe mit meinen. Plotzlich lachelte sie, und es war kein nettes Lacheln.
»Soso, eine Drood-Rustung ist also doch nicht unverwundbar. Das ist es wert zu wissen. Ich konnte Sie jetzt toten, Shaman. Edwin.«
»Ja«, sagte ich, »das konnten Sie. Werden Sie aber nicht.«
»Wirklich? Sind Sie sich da sicher?«
»Nein«, gab ich zu. »Sie waren noch nie … vorhersagbar, Molly. Aber ich bin nicht mehr Ihr Feind. Ich bin kein Drood: Ich bin vogelfrei. Damit andert sich alles.«
»Kann sein«, meinte Molly. »Uberzeugen Sie mich, Edwin. Ich kann Sie ja spater immer noch umbringen, falls es mir langweilig wird.«
Ich entspannte mich ein klein wenig und knopfte mein Hemd wieder zu. Geben Sie mir den kleinen Finger, und ich kann jeden zu allem uberreden. »Sie haben in der Vergangenheit oft genug versucht, mich umzubringen«, fing ich an. »Wissen Sie noch, wie Sie mal das ganze Bradbury Building in die Luft gejagt haben, nur um mich zu kriegen? Ihr Gesichtsausdruck, als ich unversehrt aus den Ruinen spaziert kam! Ich dachte, Ihnen platzt jeden Moment die Schlagader!«
Lachelnd nickte Molly. »Wissen Sie noch, wie Sie mir mal drei Fu? verzauberten Stahl durch die Brust gejagt
