haben? Nur um dann festzustellen, dass ich, wie alle guten Zauberer, mein Herz wohlbehalten und sicher woanders aufbewahre? Ich dachte, Sie wurden einen Anfall bekommen!«

»Wir haben gelebt, was?«, sagte ich trocken, und sie lachte kurz. »Wir konnen zusammenarbeiten«, fuhr ich fort. »Wir wollen in dieser Sache doch dasselbe, und wer sonst hat so viel gemeinsame Vergangenheit wie wir?«

»Das ergibt Sinn«, sagte Molly. »Auf eine verdrehte Art. Wer kennt uns besser als unsere Feinde? Obwohl ich zugeben muss, dass die Shaman-Bond-Geschichte schon etwas uberraschend fur mich kam.« Sie legte den Kopf ein bisschen schrag, wie ein Vogel, und betrachtete mich. »Warum sind Sie als Shaman zu mir gekommen? Sie hatten doch genauso gut in Ihrer verdammten Rustung hier reinplatzen konnen, geschutzt vor all meinen Zaubern, meine Verteidigungen zerschlagen und von mir verlangen konnen, dass ich Ihnen helfe.«

»Nein, hatte ich nicht«, sagte ich. »Sie hatten mir geantwortet, ich solle mich zum Teufel scheren.«

»Wahr, nur zu wahr. Sie kennen mich tatsachlich, Edwin.«

»Bitte - nennen Sie mich Eddie! Und au?erdem wollte ich auf etwas Bestimmtes hinaus: Dass ich meine Geheimnisse mit Ihnen teilen wurde, wenn Sie Ihre mit mir teilen. Sie wissen Dinge, Molly, die nur wenige andere Menschen wissen; Dinge, die Sie eigentlich nicht wissen sollten. Und es gibt Dinge, die ich uber meine Familie wissen muss. Dinge, die sie vor mir geheim gehalten haben.« Ich schaute mich um. »Und ich wurde wirklich gerne wissen, wie Sie einen Wald in Ihr Haus gekriegt haben!«

»Weil ich die wilde Hexe bin! Ich bin das Lachen in den Waldern, das Versprechen der Nacht, die Wonne der Seele und die Verwirrung der Sinne. Und weil ich einen wirklich guten Innendekorateur angestellt habe. Sie haben mich nie richtig eingeschatzt, Edwin.«

»Eddie, bitte!«

»Ja … Sie sehen wie ein Eddie aus. Nun, wenn es wirklich Antworten sind, was Sie wollen, dann blicken Sie in meinen Wahrsageteich. Aber geben Sie nicht mir die Schuld, wenn die Wahrheit, die Sie erfahren, eine Wahrheit ist, die Sie lieber nicht kennen wurden!«

Molly setzte sich wieder neben ihren Teich und raffte ihr langes wei?es Kleid um sich herum zusammen, und ich kauerte mich vorsichtig neben sie. Das ganze Ding war ein Wahrsageteich? Es hatte gut und gern sechs Meter von einer Seite zur anderen, was es hollisch leistungsfahig machen musste. Molly klatschte mit der flachen linken Hand auf die Wasseroberflache, und die kleinen Wellen breiteten sich aus und schoben die Seerosenblatter an den Rand des Teichs. Das kristallklare Wasser schimmerte und strahlte dann hell wie die Sonne, blendete meine Augen, bevor es sich abrupt klarte und mir das Bild eines Mannes und einer Frau zeigte, in zwei verschiedenen Raumen, die am Telefon sprachen. Ich beugte mich vor, als ich sie erkannte: Der Mann war der britische Premierminister; die Frau war Martha Drood.

»Sie konnen ins Herrenhaus sehen?«, fragte ich, und meine Stimme war kaum mehr als ein Hauchen. »Das sollte eigentlich nicht moglich sein!«

»Ist schon gut!«, beruhigte mich Molly. »Sie konnen uns weder sehen noch horen. Aber jetzt sperren Sie die Ohren auf und geben Sie Acht! Das hier mussen Sie horen!«

»Nun passen Sie mal auf, das ist Ihr Schlamassel!«, sagte der Premierminister gerade wutend. »Drood- Agenten, in voller Rustung, die vor den Augen der Offentlichkeit gegeneinander kampfen? Gott sei Dank haben die Medien keinen Wind davon bekommen! Haben Sie auch nur eine annahernde Vorstellung davon, welches Aufwands es bedarf, um das wieder in Ordnung zu bringen? Der Wiederaufbau, das Zeugeneinschuchterungsprogramm, die Schweigegelder? Und das alles nur, weil Sie sich nicht selbst um Ihre Drecksarbeit kummern konnten!«

»Horen Sie auf zu jammern!«, sagte Martha mit einer Stimme, die so kalt wie ein Schlag ins Gesicht war. »Schadensbegrenzung ist doch eins der wenigen Dinge, worin Sie wirklich gut sind. Wahrscheinlich weil Sie so viel Erfahrung darin haben. Sie werden alles tun, was Sie mussen, und Sie werden es effizient und gut und sehr schnell tun, oder ich werde Sie toten lassen und sehen, ob Ihr Ersatz etwas aus der Erfahrung lernt. Vergessen Sie nicht, wo Ihr Platz ist, Premierminister! Ich habe dafur gesorgt, dass Sie gewahlt wurden, damit Sie den Familieninteressen dienen konnten, genau wie Ihre Vorganger. Die Familie wei? es am besten. Immer.«

»Schon gut, schon gut!«, sagte der Premierminister abwehrend. »Ich habe die Sache im Griff, Matriarchin; es gibt nichts, woruber Sie sich Sorgen machen mussten.«

»Nein, ich nicht«, pflichtete Martha ihm bei. »Aber Sie.«

Molly nahm die Hand vom Wasser, und das Bild verschwand. Ich starrte sie wie betaubt an. »Wie konnte sie so mit ihm sprechen? Wie konnte er so vor ihr zu Kreuze kriechen? Sie hatte ihm nicht wirklich etwas getan; das ist nicht unser Stil. Die Familie dient den ma?geblichen Regierungsstellen; wir mischen uns nicht ein. Das war immer unsere Aufgabe und unsere Pflicht. Zu bewahren -«

»Armer Eddie«, sagte Molly. »Sie wollten nur die Wahrheit wissen, weil Ihnen nicht klar war, wie sehr sie schmerzen wurde. Nun, hier ist sie, also machen Sie sich auf etwas gefasst. Die Familie ist nicht das, wofur Sie sie halten, und war es auch nie. Nur die Droods ganz oben in der Familienhierarchie wissen, wofur die Familie wirklich eintritt. Ihr beschutzt die Welt, das stimmt, aber nicht fur die Menschen … sondern furs Establishment. Die Droods arbeiten, um den Status quo aufrechtzuerhalten, um alle ruhig und unter Kontrolle und die Menschen an ihrem angestammten Platz zu halten: unter der Fuchtel derer, die das Sagen haben. Ihr Droods seid nicht die Leibwachter der Menschheit und wart es auch nie: Ihr seid Vollstrecker. Gedungene Schlager, die auf jeden Nagel hammern, der es wagt, seinen Kopf uber die ubrigen zu heben.

Und nach Jahrhunderten, in denen ihr Macht und Herrschaft etabliert habt, zusammen mit der gelegentlichen Ermordung jener an der Macht, die es nicht lernen wollten oder konnten, mitzumachen, um zurechtzukommen, haben selbst diejenigen, die das offizielle Establishment bilden, gelernt, eure Familie zu furchten. Politiker auf der ganzen Welt durfen nur so lange an der Macht bleiben, wie sie sich gegenuber den Drood-Autoritaten verantworten. Ihre Familie, Eddie, ist der wahre Herrscher der Welt.«

Ich hockte einfach nur da, vor Erschutterung stumm. Meine ganze Welt war mir gerade unter den Fu?en weggetreten worden. Schon wieder. Ich hatte gern geglaubt, dass sie log, aber ich konnte nicht: Es ergab alles zu viel Sinn. Zu viel von dem, was ich gesehen und gehort hatte und nicht hatte sollen, so viele Andeutungen und Gemunkel in der Szene, so viele kleine Dinge, die sich nie gereimt hatten … bis jetzt. Es gibt einen Grund, warum die Dinge so sind, wie sie sind; aber es ist kein schoner Grund.

Ich glaube, ich konnte ein wenig geschwankt haben, denn Molly schuttete mir eine Hand voll eiskaltes Teichwasser ins Gesicht. »Kippen Sie mir ja nicht um, Eddie! Nicht, wo ich gerade zum interessanten Teil kommen will!«

»Meine Familie verwaltet die Welt«, sagte ich dumpf, wahrend mir das kalte Wasser unbeachtet vom Gesicht tropfte, »und ich hatte keine Ahnung davon! Wie konnte ich blo? so blind sein?«

»Es gibt nicht nur schlechte Neuigkeiten«, sagte Molly. »Es existiert ein Widerstand. Und ich bin Teil davon.«

Ich schaute sie an. »Sie? Ich dachte, Sie hatten immer gesagt, Sie lehnen es ab, zu irgendeiner Gruppe zu gehoren, die welche wie Sie als Mitglieder akzeptiert. Ganz besonders nach dem, was letztes Mal vorgefallen ist, beim Arkadien-Projekt. Und als ob die Geschichte mit der Froschplage nicht schon schlimm genug gewesen ware, haben Sie schlie?lich noch diesem Klan-Zauberer die Eingeweide durch die Nasenlocher herausgezogen!«

»Er hatte mich geargert«, sagte Molly. »Und uberhaupt, ich arbeite mit dem Widerstand, wie und wann es mir gefallt, nicht fur ihn.«

Ich dachte daruber nach, und mir gefiel nicht, was ich da horte. Eine der gro?ten Angste der Drood-Familie war schon immer gewesen, dass eine andere Organisation entstehen und gegen sie arbeiten konnte. Eine Antifamilie, sozusagen. Es hatte uber die Jahrhunderte auch schon mehrere diesbezugliche Versuche gegeben, aber die diversen Bosen waren nie in der Lage gewesen, genug Gemeinsamkeiten zu finden, um sich zusammenzuhalten. Irgendwann war es immer dasselbe: Sie stritten sich uber Mittel und Ziele und Fragen des Vorrangs und wer genau eigentlich das Sagen haben sollte; das fuhrte zu Splittergruppen und Kampfen und endete immer in Tranen. Wenn auch zugegebenerma?en selten Gedarme und Nasenlocher darin verwickelt waren.

»Die neue Verschworergruppe nennt sich Manifestes Schicksal«, fuhr Molly ein kleines bisschen gro?spurig fort, als klar wurde, dass ich fur den Moment nichts zu sagen hatte. »Sie - wir - wollen, dass die Menschheit frei von jeglicher Kontrolle von au?en ist, sei es durch die Droods oder sonst wen. Frei, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Fuhrer der Verschworergruppe haben Machte aus dem ganzen Spektrum der Opposition zusammengebracht: Die Absto?enden Abscheulichen, den Kultus des Purpurnen Altars, das Traum-Mem, die Vril-

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