»Ich habe gehort, man hat Sie mit einem Pfeil angeschossen«, sagte er ruhig. »Direkt durch Ihre viel gepriesene Rustung.«

»Neuigkeiten verbreiten sich schnell, nicht wahr?«, antwortete ich, sorgsam darauf bedacht, weder zu leugnen noch zu bestatigen. »Aber ich bezweifle, dass Sie etwas haben, was mir etwas anhaben konnte.«

»Sie waren vielleicht uberrascht«, sagte Mr. Stich. »Aber Sie sollten wirklich versuchen, sich zu entspannen, Edwin. Von mir droht Ihnen keine Gefahr, solange Sie mit Molly zusammen sind. Ein liebes Madchen und eine alte Freundin; ich wurde sie nur au?erst ungern verargern.«

»Sie erwahnten, dass auch Sie einige Arbeiten fur meine Familie verrichtet haben«, fuhr ich fort. »Was haben Sie fur die Droods gemacht?«

»Manchmal konnen Leute nicht einfach umgebracht werden«, erklarte Mr. Stich mit sanfter Stimme. »Manchmal ist es notig, dass sie vollig verschwinden. Keine Spur, was ihnen angetan wurde oder warum. Keine Leiche, keine Hinweise, nur eine Lucke in der Welt, wo einmal jemand Wichtiges war. Jemand, der dachte, niemand konne ihm etwas anhaben. Ich war schon immer in der Lage, Leute verschwinden zu lassen. Die Welt bekommt nur einen kleinen Bruchteil meiner vielen Opfer zu sehen. Diejenigen, von denen ich will, dass sie gesehen werden, damit mein Mythos weiterlebt … mein Ruf erhalten bleibt. Eitel, eitel, alles ist eitel, aber meine Legende ist das Einzige, was mir geblieben ist, und ich werde nicht zulassen, dass sie von meinen zahlreichen zweitklassigen Nachahmern besudelt oder herabgewurdigt wird.«

»Wie haben Sie Molly kennengelernt?«, erkundigte ich mich.

»Sie hat sich gro?e Muhe gegeben, mich umzubringen«, sagte Mr. Stich und lachelte liebevoll bei der Erinnerung daran. »In jener Zeit war sie Teil eines Hexensabbats und noch dabei, ihr Handwerk zu erlernen, als ich es fur notwendig befand, eine ihrer Hexenfreundinnen zu toten. Nachdem Molly und ich bis zur Erschopfung versucht hatten, uns gegenseitig umzubringen, fingen wir an zu reden und entdeckten, dass wir mehr miteinander gemein hatten, als wir gedacht hatten. Beide hassten wir gewisse Personen, und das aus gutem Grund. Personen mit Macht und Einfluss, an die jeder auf sich allein gestellt nicht heranzukommen hoffen durfte, jedoch gemeinsam … Ah, das waren gluckliche Tage, als ich sie die Methoden des Niedermetzelns lehrte!«

»Aber hat sie Ihnen jemals verziehen, dass Sie ihre Freundin ermordet haben?«, hakte ich nach.

»Nein; aber sie ist ein praktischer Geist. Sie wei?, dass man bisweilen ein Auge zudrucken muss, um voranzukommen. Mir gefallt die Vorstellung, dass wir inzwischen Freunde sind. Man kann nicht die Dinge tun, die wir getan haben, ohne einander … naherzukommen. Und in ganz London ist sie vielleicht die einzige Frau, bei der ich nicht das Verlangen verspure, sie zu toten. Ich erinnere mich noch an ihre Freundin, die uns zusammengebracht hat. Ihr Name war Dorothy. Ein zartes kleines Wesen, und sie kreischte so hubsch unter meiner Klinge … Nicht, Edwin! Denken Sie nicht einmal daran, Ihre Rustung hochzurufen! Sie konnen mich nicht toten. Niemand kann das. Das ist ein Teil dessen, was ich kaufte mit dem, was ich in Whitechapel tat, vor all den Jahren.«

»Ich werde einen Weg finden!«, erwiderte ich. »Wenn ich muss.«

Das Blumenmadchen griff schnell ein, indem sie eine sanfte Hand auf meinen Armel legte. »Jungs, Jungs … Entspannt euch, Herzchen! Wir sind doch alle Freunde hier, und fur Herrn Miesepeter sind wir ganz bestimmt nicht zu sprechen!« Sie rieb ihre Schulter an Mr. Stich wie eine anschmiegsame Katze, und er nickte ihr knapp zu, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit seiner Perrierflasche widmete. Das Blumenmadchen zwinkerte mir mit ihren uberlangen Wimpern zu und warf ihre uppigen dunklen Lippen schmollend auf. »Warum mussen Manner immer uber solche schrecklichen Dinge reden? Im Leben gibt es viel, was gut ist, und viel, was schlecht ist, und nichts, was wir tun konnen, um das zu andern. Warum entscheiden wir uns also nicht einfach dafur, all die wundervollen Dinge im Leben zu feiern? Wie mich zum Beispiel! Ich bin das reizende Blumenmadchen, erschaffen, damit Manner das Vergnugen haben konnen, mich anzubeten! Falls sie wissen, was gut fur sie ist … Ehrlich, meine Herzchen, wenn alle viel ofter Sex hatten, dann ware die Welt ein viel glucklicherer Ort.« Sie strahlte mich an. »Mochten Sie mir die Bluse aufknopfen und mit meinen Titten spielen, Edwin?«

»Du wei?t, dass du nicht trinken solltest, Blume«, meinte U-Bahn-Ute freundlich. »Es fahrt dir immer direkt in die Blatter.« Sie betrachtete mich nachdenklich. »Ich muss sagen, Edwin, dass Sie ein interessanterer Typ sind als die meisten Exemplare, die Molly hierherschleppt. Fur so eine intelligente Frau hat sie einen bemerkenswert schlechten Mannergeschmack. Ich werde den Gedanken nicht los, dass da wahrscheinlich ein Zusammenhang besteht. Manner sollte man mit dem Herzen auswahlen, nicht mit dem Kopf. Nicht dass ich mit einer von beiden Herangehensweisen viel Gluck gehabt hatte. Manner! Wenn es eine Alternative gabe, die nicht darauf hinausliefe, zu guter Letzt allein mit zu viel Katzen zu leben, wurde ich mich morgen dazu verpflichten.«

Darauf schien es keine offensichtliche Antwort zu geben, also wechselte ich das Thema. »Gehe ich recht in der Annahme, dass auch Sie schon fur meine Familie gearbeitet haben?«

»Ganz bestimmt nicht!« U-Bahn-Ute richtete sich stolz auf; schon der blo?e Gedanke schien sie wutend zu machen. »Ich habe namlich meine Prinzipien!«

Vielleicht zum Gluck wahlte Molly diesen Moment, um zuruckzukommen und uns wieder Gesellschaft zu leisten, und ich wandte mich mit einiger Erleichterung an sie. Ich war noch nie besonders gut darin gewesen, mich mit den Freunden einer Frau zu unterhalten. »Sind Sie durchgekommen? Werden sie sich mit mir treffen?«

Molly nickte knapp. »Ich hatte ganz schon Schwierigkeiten, bis ich endlich jemand von den oberen Chargen an der Strippe hatte, aber nachdem ich ihnen klargemacht hatte, dass ich den neuen vogelfreien Drood liefern kann, konnten sie es kaum noch abwarten, dass ich Sie zu ihnen bringe. Wir konnen sofort aufbrechen, wenn Sie wollen. Der Anfuhrer personlich wartet darauf, Sie mit offenen Armen zu empfangen. Im Austausch gegen Ihre Insiderinformationen uber die Drood-Familie und die Gelegenheit, Ihre Rustung in ihren Laboratorien zu untersuchen, werden sie Ihnen alles anbieten, was Sie wollen.«

»Ich wei? nicht, ob ich schon so weit bin, mich ihrer Sache zu verschreiben«, sagte ich zuruckhaltend.

Molly prustete laut. »Ich wurde sagen nein, in Ihrer Lage! Es handelt sich nur um ein informelles Treffen, bei dem Sie und der Anfuhrer einander auf den Zahn fuhlen und herausfinden konnen, ob eine Zusammenarbeit infrage kommt. Aber erweisen Sie sich selbst einen Gefallen, Drood: Verhandeln Sie hart! Holen Sie alles aus ihnen heraus, was sie haben … Denn wenn Sie Ihre Geheimnisse erst einmal preisgegeben haben, konnen Sie sie nicht noch einmal verkaufen.«

»In mir steckt mehr als blo? Geheimnisse«, sagte ich.

»Gute Verhandlungsposition«, entgegnete Molly.

»Falls Sie tatsachlich dem Anfuhrer des Manifesten Schicksals einen Besuch abstatten, denke ich, dass ich mitkommen werde«, meldete sich plotzlich Mr. Stich zu Wort. »Obwohl ich in der Vergangenheit einige kleinere Dienste fur sie verrichtet habe und dafur eine sehr gro?zugige Entschadigung erhalten habe, muss ich doch sagen, dass ich ein wenig irritiert daruber bin, dass sie nie versucht haben, mich anzuwerben. Ich mochte sie gern nach dem Grund dafur fragen.«

»Wenn er mitkommt, komme ich auch mit!«, rief das Blumenmadchen und klatschte entzuckt in ihre weichen kleinen Hande. »Ich komme nie irgendwohin!«

Ich schickte mich an zu protestieren, aber Molly schnitt mir schnell das Wort ab. »Ach, lassen Sie sie doch, sonst sind sie nachher wieder beide am Schmollen! Au?erdem ist das Verhandeln immer leichter, wenn man ernst zu nehmende Unterstutzung hat.«

Da war was dran. Ich schaute Buddler Browne fragend an, aber er schuttelte den Kopf. »Ich furchte, ich habe schon eine fruhere Verpflichtung. Meine Familie und ich haben einen alten Bekannten zum Abendessen.«

»Und mich wurden Sie auch dann keinen Zentimeter naher an das Manifeste Schicksal heranbringen, wenn Sie einen Stuhl und eine Peitsche benutzen wurden!«, erklarte U-Bahn-Ute sehr bestimmt. »Ich traue keiner dieser gro?en Organisationen. Fur den Privatunternehmer gibt es darin nie einen Platz. Und uberhaupt, ich habe Sachen uber das Manifeste Schicksal gehort … Ja, ja, ich wei?, Molly; du kannst es nicht haben, wenn man etwas gegen sie sagt. Aber ich hab schon einige Jahre mehr auf dem Buckel als du, und es gibt Leute, die mit mir reden und mit dir nicht. Ich werde das Gefuhl nicht los, dass es dem Manifesten Schicksal noch um etwas ganz anderes geht, als nur die Droods zu sturzen.« Sie blickte mich mit kalten, durchdringenden Augen an. »Stellen Sie ihnen alle peinlichen Fragen, Drood! Bringen Sie sie dazu, Ihnen alles zu erzahlen, bevor Sie ihnen Ihr Vertrauen schenken!«

Sie kehrte uns den Rucken zu und stolzierte aus dem Wolfskopf. Buddler Browne schuttelte uns allen hoflich die Hand und folgte ihr hinaus. Und Molly Metcalf, das Blumenmadchen, Mr. Stich und ich brachen auf, um dem Manifesten Schicksal einen Besuch abzustatten. Eine Hexe der wilden Walder, ein Elementargeist aus

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