Gesellschaft, sogar die Lauernden auf der Schwelle.«

»Ah!«, sagte ich. »Die ublichen Verdachtigen!«

»Nun, ja; und auch ein ganzes Heer machtiger und engagierter Mitlaufer. Wie mich. Mehr, als Sie in Ihren kuhnsten Traumen fur moglich gehalten hatten, alle entschlossen, die Menschheit ein fur alle Mal aus dem Wurgegriff der Droods zu befreien. Nicht um Macht fur sich selbst zu gewinnen, sondern nur um der Bevormundung der Menschheit ein Ende zu setzen. Das ist es, was diese Verschworergruppe so anders macht: Zum ersten Mal geht es nicht um uns.«

»Diese … Verschworergruppe«, sagte ich. »Steht sie hinter den jungsten Angriffen auf das Zuhause meiner Familie?«

Molly zuckte die Achseln. »Mit den tagtaglichen Entscheidungen habe ich nichts zu tun. Ich habe es Ihnen doch gesagt: Ich arbeite nur mit ihnen, wenn mir danach zumute ist, an Angelegenheiten von gegenseitigem Interesse.«

»Dann kann ich davon ausgehen, dass die Identitat des Verraters in meiner Familie Ihnen auch nicht bekannt ist? Oder wieso ich fur vogelfrei erklart wurde?«

»Ich wei?, dass es einen Verrater gibt. Das ist nichts Neues. Und falls es eine Rolle spielt, es hei?t, er oder sie sei an das Manifeste Schicksal herangetreten, nicht umgekehrt.« Sie blickte mich ruhig, fast mitleidig an. »Armer kleiner Drood; sie haben dir deine Unschuld genommen, und jetzt musst du selbststandig denken. Ich wei? nicht, weshalb Ihre Familie Sie den Wolfen vorgeworfen hat, Eddie, aber ich kenne einige Leute, die es wissen konnten. Warum kommen Sie nicht mit mir und lernen ein paar meiner Freunde und Genossen kennen? Schauen Sie sich an, wie sie wirklich sind, wenn Sie und sie nicht gerade damit beschaftigt sind, sich gegenseitig ans Leder zu gehen! Nicht alle, die von Ihrer Familie verdammt wurden, sind zu einhundert Prozent waschechte Bose. Selbst Monster sind nicht immer Monster, mussen Sie wissen.«

Ich nickte, zu erschuttert, um irgendwelche Argumente vorzubringen. Ich war noch nicht voll auf der Hohe des Geschehens. In meinem Innern war dort, wo einmal meine Familie gewesen war, ein gro?es Loch, und ich hatte noch nicht rausgekriegt, womit ich es fullen sollte. Molly half mir auf die Fu?e und lie? dann meinen Arm sofort wieder los. Sie war es noch nicht gewohnt, mir so nahe zu sein. Abrupt drehte sie sich um und ging tiefer in den Wald hinein. Ich eilte ihr nach. Wir gingen eine ganze Weile gemeinsam, wobei wir einen ausreichenden Abstand beibehielten. Wo immer dieser Wald sich befand, es war nicht im Innern ihres Hauses. Uber der Tur musste ein Zauber gelegen haben, der mich direkt hierher transportiert hatte, wo hier auch sein mochte.

So viel hatte ich mir gerade zusammengereimt, als wir zu einer weiteren Tur kamen, die allein dastand, aufrecht und ungestutzt. Molly blieb davor stehen und murmelte leise Worte. Ich fragte mich, wohin diese Tur wohl fuhren mochte; welche charmante Unterweltspelunke Molly mir zeigen wollte. Cafe Nacht vielleicht, wo Vampire sich versammelten, um sich an willigen Opfern zu laben. Es hatte als eleganter, schongeistiger Treffpunkt begonnen, doch in letzter Zeit war es zu einem Sadomasoladen verkommen. Vampire verliehen der Formulierung das Blut in Wallung bringen ganz neue Bedeutungsnuancen. Vielleicht war es auch der Schwarzmagierzirkel, der einst die Adresse gewesen war, wenn man dunkle Machte anbetete und sich seines eigenen damonischen Vertrauten ruhmen konnte. Heutzutage hatte der Zirkel mehr von einer Selbsthilfegruppe an sich. Die Ordnung des Jenseits war immer noch dicke dabei, in fabelhaften neuen Hightech-Raumlichkeiten unten am Grafton Way, wo Leute sich fur ausgefallenes und verbotenes Wissen als zeitweilige Wirte fur au?erdimensionale Wesen anboten. Naturlich tendierte die Konversation an diesem Ort ernstlich zur Bizarrerie … Molly stie? die Tur auf und trat hindurch, und ich folgte ihr hastig. Und blieb dann abrupt stehen und blickte um mich.

»Augenblick mal! Das … das ist der Wolfskopf-Club!«

Und er war es; genauso gro? und schrill und grell und verteufelt laut wie immer. Molly schaute mich mitleidsvoll an.

»Na klar! Was denn sonst? Der Wolfskopf ist schon immer der hei?este Ort in der Szene gewesen. Jeder kommt hierher; Gute und Bose und die dazwischen. Die Bosen sind Ihnen nie aufgefallen, weil Sie sich immer zu Ihrem eigenen Haufen gesellen, und wir uns alle zu unseren. Das macht den Waffenstillstand im Club ja erst durchfuhrbar. Kommen Sie; lernen Sie ein paar meiner Freunde kennen! Sieht aus, als hatten wir heute Abend ein interessantes Publikum hier.«

Ich war immer noch ein wenig benommen, also nahm sie mich am Arm und zog mich durchs Gedrange auf die Theke zu. Ich wehrte mich nicht. Ich hatte das Gefuhl, eine ganze Menge sehr gro?er Drinks gebrauchen zu konnen. Mehrere Leute nickten Shaman Bond zu, und noch ein paar mehr nickten Molly Metcalf zu. Einige davon wirkten ziemlich uberrascht und nicht wenig neugierig gemacht, uns beide so offen zusammen zu sehen, doch sagte niemand etwas. Der Wolfskopfhaufen versteht die Notwendigkeit von Diskretion und dem gelegentlichen Blindsein auf einem Auge. Molly und ich erreichten schlie?lich ein Ende der Hightech-Theke, wo der professionell desinteressierte Barmann uns Getranke servierte. Ich nahm einen sehr gro?en Brandy, Molly einen Southern Comfort, und es endete damit, dass ich beide bezahlte. Sie gab einigen Personlichkeiten durch Gebarden zu verstehen, sie sollten kommen und ihr Gesellschaft leisten, und sie kamen argwohnisch herubergewandert.

U-Bahn-Ute kannte ich bereits. Sie wanderte ungesehen zwischen den Fahrgasten umher, die die Untergrundbahnen benutzten, und staubte ein bisschen Gluck von jedem ab, den sie streifte. Was der Grund dafur ist, warum so viele Leute ihre Bahn verpassen oder auf dem falschen Bahnsteig landen. Wenn man sie anschaute, konnte man meinen, sie sei nur noch einen Schritt von der Obdachlosigkeit entfernt, so begraben unter Schichten von Kleidern aus der Kleidersammlung wie sie war, aber das war nur, damit sie niemandem auffiel. Es gab immer jemanden, der bereit war, ihr gutes Geld fur das geklaute Gluck zu zahlen, das sie hortete. Insgeheim lebte U- Bahn-Ute sehr gut.

Das Blumenmadchen war ein uralter walisischer Elementargeist, vor langer, langer Zeit geschaffen aus Rosenblattern und Eulenkrallen von einem uralten Wanderzauberer, der Merlin gewesen sein mochte oder auch nicht. Die Geschichte war jedes Mal anders, wenn sie sie erzahlte. Sie sah hinlanglich menschlich aus, meistens jedenfalls. Behandelte man sie richtig, war sie weich wie Rosenblatter fur einen; ging man grob oder ungerecht mit ihr um, fuhr sie die Eulenkrallen aus. Und dann war das Beste, worauf man noch hoffen konnte, dass es den Angehorigen - wenn die Behorden endlich das gefunden hatten, was von einem ubrig geblieben war - gelange, einen Leichenbestatter zu finden, der echt auf Puzzles abfuhr. Das Blumenmadchen stellte sehr hohe Anforderungen, weshalb sie immer so sehr enttauscht von den Mannern war. Aber sie blieb optimistisch, und die Polizei fischte weiterhin Korperteile aus der Themse. Das Blumenmadchen kleidete sich in hellen Pastellfarben auf Zigeunerart und trug so viele Armreife, dass jede ihrer Gesten von einem ohrenbetaubenden Klirren begleitet wurde. Sie hatte ein Glas Champagner gehabt und war schon mehr als nur ein bisschen beschwipst.

Buddler Browne war eine kleine, stammige Personlichkeit in einem altmodischen Wickelmantel mit Schlammflecken auf den Armeln. In der Offentlichkeit trug er schwere Wollhandschuhe, um seine langen, furs Graben und Zerrei?en gemachten Hornfingernagel zu verbergen. Er trug auch einen breitkrempigen Hut, der den Gro?teil seines Gesichts im Schatten lie?. Buddler war ein Ghul und roch stark nach Aas und unlangst umgewuhlter Erde.

»Ich bin blo? ein Teil der Natur«, sagte er locker. »Ich bring den Mull raus und raum den Abfall weg, kurz, ich halte diese Welt sauber. Ich habe eben Freude an meiner Arbeit; ist das etwa eine Sunde? Nicht jeder hat Sinn fur die Art von Arbeit, die ich mache, aber sie muss gemacht werden. Jemand muss all die Leichen essen. Erinnert ihr euch noch an den Bestatterstreik in den Siebzigern? Damals konnten die Leute gar nicht genug fur mich tun …«

Und schlie?lich war da noch Mr. Stich. Er musste mir nicht vorgestellt werden. Jeder kannte Mr. Stich, und wenn auch nur vom Horensagen: der beruchtigte, nie gefasste Serienmorder des alten Londons. Er hatte unter vielen Namen gearbeitet, durch die langen Jahre hindurch, und ich glaube nicht, dass er selbst noch mit Sicherheit hatte sagen konnen, wie viele Menschen er genau ermordet hatte, seit er 1888 mit funf glucklosen Huren im East End seine Karriere begonnen hatte. Er gewann etwas, irgendeine Starke, aus dem, was er damals tat. Eine Zeremonie des Blutes, nannte er es; ein Zelebrieren des Abschlachtens. Und jetzt macht er immer weiter, und niemand kann ihn aufhalten. Auch wenn er im Wolfskopf blo? er selbst war, trug er trotzdem die dunkle Gesellschaftskleidung seiner Zeit, bis hin zum Abendmantel und Zylinder.

Die meisten dieser Leute kannten Shaman Bond oder hatten zumindest schon von ihm gehort, und es war ein ziemlicher Schock fur sie, als Molly mich als Edwin Drood vorstellte. U-Bahn-Ute sah sich nach dem nachsten Ausgang um, Buddler Browne kaute nervos auf seinem mitgebrachten Naschfinger herum, und das Blumenmadchen kicherte mir eulenhaft uber ihr Glas hinweg zu. Auf Mr. Stichs Gesicht erschien ein Lacheln, das

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