gro?e, blockartige Zahne mit braunen Altersflecken enthullte.

»Sie sind also Edwin Drood! Der Mann hinter der Maske. Sie haben wahrscheinlich fast so viel Leichen auf dem Konto wie ich.«

»Ich tote, um dem Leiden ein Ende zu bereiten«, sagte ich. »Nicht, um es zu zelebrieren.«

»Ich diene einem Zweck, genau wie Sie.«

»Wagen Sie es nicht, sich vor mir zu rechtfertigen!«, sagte ich, und meine Stimme war so kalt, dass alle bis auf Mr. Stich einen Schritt zuruckwichen.

»Wieso nicht?«, fragte Mr. Stich. »Ich bin ein Teil der naturlichen Ordnung, genau wie unser Mr. Browne hier. Ich sondere das Merzvieh aus der Herde aus, dezimiere die Schwachen und Hilflosen, verbessere den Viehbestand. Jemand muss es tun, wenn die Herde gesund bleiben soll.«

»Sie tun es, weil Sie Spa? daran haben!«

»Das auch.«

Ich setzte innerlich zu den Worten an, die meine Rustung mobilisierten. Der einzige Grund, weshalb ich Mr. Stich nicht schon vor dieser Begegnung getotet hatte, war der, dass ich nie gewusst hatte, wo ich nach ihm suchen sollte. Ich hatte einige seiner Opfer gesehen - oder das, was er von ihnen ubrig gelassen hatte -, und das reichte mir. Molly erriet, was ich vorhatte, packte mich am Arm und zog mich herum, um mir wutend direkt ins Gesicht zu starren.

»Unterstehen Sie sich, mich vor meinen Freunden in Verlegenheit zu bringen!«

»Das ist ein Freund? Mr. Stich? Wissen Sie, wie viele Frauen wie Sie er umgebracht hat?«

»Aber mir hat er nie etwas zuleide getan, und auch keiner meiner Freundinnen, und er war fur mich da, wenn ich ihn brauchte. Selbst Monster sind nicht immer Monster, schon vergessen? Ich habe in meiner Zeit aus scheinbar guten Grunden getotet, und bei Ihnen ist es nicht anders. Glauben Sie wirklich, die Welt sieht Sie irgendwie anders als ihn? Wie viele trauernde Familien haben Sie in ihrem blutigen Kielwasser hinterlassen, Edwin Drood?«

Ich atmete langsam und tief durch und zwang mich zu einer Art Ruhe. Ich war wegen Antworten hierhergekommen, und die, die ich brauchte, konnten nur freiwillig gegeben werden. Ich nickte Molly fahrig zu, und sie lie? meinen Arm los. Wir drehten uns wieder zu den anderen um.

»In meiner Familie gibt es einen Verrater«, sagte ich steif. »Ich ware dankbar fur jede Information, die Sie mir geben konnen.«

»Wie dankbar?«, wollte U-Bahn-Ute wissen. »Sprechen wir von ernst zu nehmenden Summen?«

»Meinen Sie wirklich, ich wurde hier stehen und mit Ihnen reden, wenn ich ernst zu nehmende Summen besa?e?«, versetzte ich ein kleines bisschen schroff. »Ich bin vogelfrei, verfemt, geachtet. Alles, was ich habe, ist das, worin ich morgens aufstehe.«

»Ich bin sicher, dass wir irgendwie ins Geschaft kommen konnten«, meinte das Blumenmadchen mit ihrer hauchigen Stimme, zwinkerte mir zu und verdarb dann die Stimmung, indem sie kicherte.

»Es gibt einen Verrater im Herzen der Droods«, sagte Buddler Browne. »Das ist Allgemeinwissen. Aber ich glaube nicht, dass irgendwer wei?, um wen es sich handelt.«

»Eine Menge Leute haben Namen genannt«, sagte Mr. Stich. »Aber das ist alles blo? Herumgerate. Eine Menge Leute waren der Meinung, Sie konnten es sein, Edwin. Ein Frontagent, der auf eigene Rechnung arbeitet, weit entfernt von der zentralen Drood-Kontrolle, der einzige Drood, der je von zu Hause fortgelaufen und nicht von seiner Familie wie ein Hund zu Tode gehetzt worden ist. Es haben nur deshalb nicht alle gedacht, Sie waren es, weil das zu offensichtlich gewesen ware.«

»Und keiner von Ihnen wei?, wieso man mich zum Vogelfreien gemacht hat?«

»Ich habe hin und wieder ein paar Arbeiten fur Ihre Familie verrichtet«, sagte Buddler. »Ich hatte geschworen, dass Sie deprimierend peinlich sauber sind, wie die meisten in ihrer Familie. Na gut, stimmt schon, sie leiten die Welt und das alles, aber -«

»Auch ich habe Arbeit fur die Droods verrichtet«, sagte Mr. Stich. Er lachelte mich schief an. »Fast jeder hier hat das, das ein oder andere Mal. Es ist die Welt der Droods; wir leben nur darin.«

»Wir wurden uns nie mit Abschaum wie Ihnen abgeben!«, versetzte ich, aber es uberzeugte mich selbst nicht. Ich wusste nicht mehr, wozu meine Familie fahig war.

»Es gibt viele wie uns«, sagte Molly vorsichtig. »Man erlaubt uns, tatig zu sein, solange wir das Boot nicht zu stark zum Schaukeln bringen. Solange wir den Zehnten bezahlen oder ihnen ab und zu einen Dienst erweisen. Schmutzige Auftrage, nicht fur die Offentlichkeit bestimmte Falle; die Art, fur die ihr regularen Frontagenten nicht geeignet seid. Die Art, von der ihr nie erfahren sollt, weil sie sonst eure kostbare Ehre beschmutzen konnte. Wir alle haben schon die Drecksarbeit der Droods erledigt. Deshalb sind wir auch alle so bereit, sie zu Fall zu bringen.«

In meinem Kopf drehte sich alles. Mir war ubel. War es wirklich moglich, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht hatte, einer Luge Vorschub zu leisten? War mir jetzt wirklich noch etwas ubrig geblieben, au?er meine eigene Familie zu Fall zu bringen?

Kapitel Zwolf

Vom Berg der Lauterung zur Holle

Es gibt Momente im Leben jedes Mannes, wo die Frau, mit der er sich eingelassen hat, sich plotzlich das Naschen pudern muss und verschwindet und es ihm uberlassen bleibt, hofliche Konversation mit ihren Freunden zu machen. Ich personlich wurde mir lieber Nadeln in die Augen stecken, aber es gehort halt zu den Dingen, um die man einfach nicht herumkommt. Molly Metcalf holte ein Einmalhandy heraus und begab sich zur Damentoilette, sodass sie ihre Kontaktperson beim Manifesten Schicksal erreichen konnte, ohne von allen anderen im Club wutend angestarrt zu werden. Ich hie? ihren Sinn fur Vorsicht gut. Einmaltelefone sind Telefone, die man nur einmal benutzen kann und anschlie?end sofort aufgibt und zerstort. Ein Anruf, der nicht abgehort, und ein Telefon, dass nicht aufgespurt werden kann. Es war gut zu wissen, dass das Manifeste Schicksal professionell zu Werke ging. Aber es bedeutete auch, dass ich mit Mollys Freunden allein gelassen wurde, von denen ich die meisten vor ein paar Tagen noch beim ersten Anblick zu toten versucht hatte. Und umgekehrt genauso, sehr wahrscheinlich. So standen wir da und lachelten einander verlegen an, wahrend das Einzige, was wir miteinander gemein hatten, in ›Damen‹ verschwand.

»Sie sagen also«, wandte ich mich schlie?lich an den Ghul, Buddler Browne, als den am wenigsten Beunruhigenden des Haufens, »dass Sie gelegentlich fur meine Familie gearbeitet haben?«

Er zuckte ungezwungen mit der Schulter. »Ich helfe aus, wenn ich dazu aufgefordert werde. Der Preis des Lebens in diesen schweren Zeiten. Der Status meiner Sippe ist nicht mehr das, was er einst war, als wir noch einen angesehenen Platz in der Gesellschaft hatten, weil wir das Durcheinander aufraumten, das die zahlreichen Schlachten der Menschen zurucklie?en … Heutzutage zieht uns Ihre Familie nur noch hinzu, wenn es darum geht, die Leichen zu verschlingen, deren anderweitige Beseitigung sie als zu kostspielig oder zu gefahrlich erachtet. Sie wissen schon - die Sorte, die wiederauferstehen oder sich neu bilden oder zu Sondermull zerflie?en konnte. Es gibt nicht viel, was ein Ghul nicht verdauen kann. Allerdings mussen unsere Toiletten zugegebenerma?en grundlicher als die meisten -«

Ich hob die Hand. »Ich glaube, wir nahern uns rapide dem Punkt von zu viel Information. Was meinen Sie zu den Droods? Oder zu dieser neuen Widerstandsgruppe, dem Manifesten Schicksal?«

Erneut zuckte Buddler die Schulter. »Die Namen andern sich, Gesichter kommen und gehen, aber irgendjemand hat immer das Sagen. Einen stichhaltigen Beweis dafur, dass das Manifeste Schicksal netter als die Droods oder gerechter ware, hat mir bisher noch niemand vorgelegt … Aber es interessiert mich auch nicht wirklich. Wer den Laden auch schmei?t, es wird immer Arbeit fur mich und meine Art geben.«

Ich wandte mich, ein bisschen widerwillig, an Mr. Stich. Er trank mit abgewinkeltem kleinem Finger einen Perrier, jeder Zoll der gelassene und kultivierte Gentleman. Ich hatte einmal geholfen, eins seiner Opfer aus der Themse zu fischen, unten bei Wapping. Sie war ausgeweidet worden, aufgeschnitten vom Hals bis zum Schritt, und alle inneren Organe waren entfernt worden. Er hatte auch noch andere Sachen mit ihr gemacht, bevor er sie endlich getotet hatte. Der einzige Grund, weshalb ich ihn nicht auf der Stelle in Stucke riss, war, dass Molly sich daruber aufregen konnte, und ich brauchte sie auf meiner Seite. Im Augenblick.

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