Rosenblattern und Eulenkrallen, ein legendarer Serienkiller und ein sehr verwirrter Ex-Agent fur die Guten.
Es gibt Tage, da sollte man morgens nicht aufstehen.
Wir verlie?en den Wolfskopf durch eine Hintertur, die ich nicht kannte, und landeten in einer schwach erleuchteten Seitengasse der Denmark Street, tief im dunklen Herzen Sohos. Es war jetzt spater Abend und samtliche Nachteulen ergossen sich auf die Stra?en und rieben sich den Schlaf des Tages aus den Augen. Gurteten ihre muden Lenden, um Jagd auf die Schafe zu machen, wieder einmal. Niemand beachtete uns; ganz offensichtlich waren wir keine Schafe. Molly trat auf die Mitte der leeren Stra?e und schaute sich mit finsteren Blicken um.
»Wonach suchen Sie?«, fragte ich geduldig. »Ein Taxi werden Sie in dieser Gegend nicht finden, nicht zu dieser nachtlichen Stunde.«
Sie sah zu mir zuruck und seufzte schwer. »Na schon; Vortragsmodus. Geben Sie Acht, Drood, und Sie konnten vielleicht noch etwas Nutzliches lernen. Vor langer Zeit, wahrend der paranoidesten Tage des Kalten Krieges, trug es sich zu, dass das Establishment jener Zeit fur den Bau eines riesigen Tunnel- und Bunkernetzes tief unter den Stra?en Londons sorgte. Ein letztes verzweifeltes Schlupfloch, zu dem die wichtigen Personlichkeiten jener Zeit im Falle eines Atomschlags Zuflucht nehmen konnten. Vermutlich damit sie die radioaktiven Ruinen daruber weiterhin beherrschen konnten. Ich liebe eine Regierung, die vorausdenkt, Sie nicht? Wie dem auch sei, dieses machtig gro?e Schlupfloch war komplett ausgestattet und versorgt mit allem und daruber hinaus sehr sicher. Aber der Kalte Krieg ging offiziell zu Ende, und das Netz der Tunnels und Bunker wurde fur uberflussig erklart. Wurde aufgegeben und dem Verfall uberlassen, bewacht nur von ein paar alten Kalten Kriegern, die selbst auch ziemlich uberflussig waren.
Das Manifeste Schicksal hat jetzt von diesem Netz Besitz ergriffen, mit, so wird gesagt, der augenzwinkernden Anerkennung der derzeitigen ma?geblichen Regierungsstellen. Bedauerlicherweise - und das ist der Teil, den Sie wirklich verabscheuen werden, Edwin - fuhrt der einzige Zugang zu diesem Netz durch die stadtischen Abwasserkanale. Meiner Kontaktperson zufolge gibt es hier herum irgendwo einen Einsteigeschacht, durch den wir in das System gelangen konnen, also horen Sie auf, vollig nutzlos hier rumzustehen, und helfen Sie mir, ihn zu suchen!«
Wie sich herausstellte, befand sich der Kanalschacht direkt hinter ihr. Keiner von uns sagte etwas. Sie blickte den schweren Stahldeckel finster an und schnalzte mit den Fingern, und der Deckel schoss in die Luft, als ob ihm jemand in den Hintern gekniffen hatte. Er blieb in der Luft uber uns schweben, wahrend wir uns alle um das Loch versammelten und unschlussig hinunterschauten. Molly erzeugte ein Hexenfeuer, ein schimmerndes silbernes Leuchten um ihre linke Hand, aber auch dieses magische Licht konnte uns nur eine Reihe von metallenen Sprossen zeigen, die hinab in die Dunkelheit fuhrten. Der Geruch, der aus dem Loch stieg, war allerdings ziemlich deftig. Wir sahen uns gegenseitig an, und schlie?lich seufzte Molly tief und stieg als Erste hinab in die Kanalisation.
Sobald wir alle drin waren, fiel der Kanaldeckel wieder an seinen Platz zuruck und schloss uns von der Au?enwelt ab.
Unter der Erde traf der Gestank mich wie ein Faustschlag ins Gesicht. Tranen des Entsetzens liefen mir uber die Backen, wahrend ich mir Muhe gab, nur durch den Mund zu atmen. Es half nichts. Die Leiter entlie? uns in einen langen, dunklen Tunnel mit runden Wanden und unbequem niedriger Decke. Molly verstarkte ihr Hexenlicht, wodurch die Dunkelheit zuruckgeschoben und uns eine bessere Sicht geboten wurde. Die Backsteinmauern waren rutschig vor Feuchtigkeit, Schleim und Dreck, und dunkles, aufgewuhltes Wasser brandete durch eine tiefe Rinne in der Bodenmitte, voller Mull und unerfreulich vertrauter Sachen, die darin schwammen. Der Laufgang war gerade so breit, dass er zwei von uns nebeneinander Platz bot, und den alten Stein unter unseren Fu?en uberzog eine Kruste stinkender Substanz. Es reichte, um einen geloben zu lassen, nie wieder eine Toilette zu benutzen. Das Blumenmadchen und Mr. Stich wirkten vollig ungeruhrt, aber Molly schien kurz davor, sich zu ubergeben. Zwei Ratten trieben an uns vorbei, zusammengekauert auf einem besonders gro?en … Objekt. Das war genug! Ich fing an hochzurusten, um mich vor Seuchen zu schutzen, aber Molly fuhr mich wutend an.
»Nicht!«, zischte sie. »Wir wollen keine Aufmerksamkeit auf uns lenken!«
»Aufmerksamkeit von wem?«, fragte ich, nicht unvernunftig. »Wer sonst sollte so blod sein, zu dieser Nachtzeit in die Kanalisation hinunterzusteigen?«
»Es ist was dran an dem, was sie sagt«, pflichtete das Blumenmadchen Molly bei und blickte nervos um sich. »Man hort Geschichten … Von Wesen, die sich entschieden haben, hier unten zu leben, fernab vom Licht und der Uberwachung der Menschen. Unerfreuliche, schreckliche Wesen, Schatzchen. Ganz und gar nicht die Art von Personen, denen man begegnen mochte.«
»Das stimmt«, sagte Molly. »Ich habe mit Leuten gesprochen, die hier unten arbeiten, und sie alle haben Dinge zu berichten, von denen die zivilisierte Welt nichts wissen will. Nicht alles, was heruntergespult wird, ist fur immer fort. Es gibt Geschopfe hier unten, die gelernt haben, unter Bedingungen wie diesen zu gedeihen, und sie sind immer hungrig. Seltsame Fruchte, die an verfaulten Zweigen sprie?en, Monster, die aus aufgegebenen Experimenten wachsen, und einige verderbte Gestalten, die vielleicht vor langer, langer Zeit einmal menschlich waren. Ich werde ein schwaches Feld erzeugen, um uns vor der … Kontaminierung zu schutzen, aber jede starkere Magie konnte sie herbeirufen.«
»Vielleicht sollten Sie dann auch auf das Hexenlicht verzichten«, sagte Mr. Stich. »Ich bin fast sicher, dass ich irgendwo ein Feuerzeug habe.«
»Nein!«, entgegnete Molly rasch. »Keine Flammen oder irgendwas, was einen Funken erzeugen konnte! Methangas neigt dazu, sich in Taschen zu bilden, und durch diese widerwartige Umgebung kann man es nicht wahrnehmen - bis es viel zu spat ist.«
»In alten Zeiten«, erzahlte Mr. Stich im Plauderton, »brachten die Arbeiter Kanarienvogel in Kafigen mit herunter. Und wenn die Kanarienvogel anfingen zu schwelen, wussten sie, dass sie in Schwierigkeiten steckten.«
Es gab eine Pause, und dann meinte Molly: »Sie sind nicht wirklich eine Hilfe, wissen Sie das?«
»Arme kleine Voglein!«, sagte das Blumenmadchen.
Molly beschwor ihr Schutzfeld herauf, das einen simplen Richtungszauber enthielt, welcher sich als leuchtender Pfeil manifestierte, der in der Luft vor uns schwebte. Wir setzten uns in Bewegung und gingen ihm nach, was zu einem Rutschen und Schlittern uber die tuckische Oberflache des Laufgangs geriet. Unsere Schatten hupften im Hexenlicht um uns herum, riesig und bedrohlich. Die Echos plotzlicher Gerausche hallten in den langen, dunklen Tunnels wider und klangen noch nach, als sie schon langst hatten verstummt sein mussen. Ich hielt ein wachsames Auge auf jeden schattenhaften Tunnel, an dem wir vorbeikamen, und manchmal glaubte ich, entstellte, verzerrte Gestalten zu sehen, die in der undeutlichen Dusterkeit davontorkelten, doch nichts wagte sich hinaus ins Hexenlicht, um sich uns in den Weg zu stellen.
Der Gestank wurde nicht leichter zu ertragen.
Uberall waren Ratten, die hin und her huschten und trippelten und ab und zu innehielten, um uns mit ihren gelben Zahnen anzublecken. Viele waren um Vieles gro?er, als irgendeine Ratte von Rechts wegen sein durfte, und sie schienen sich nicht annahernd so sehr vor uns zu angstigen, wie es mir recht gewesen ware. Mit Ratten ist es bei mir so eine Sache. Die meisten beobachteten von ihren Lochern und Hohlen aus, wie wir vorbeigingen, und ihre dunklen, runden, glanzenden Augen funkelten boshaft. Molly vertrieb sich die Zeit damit, mit dem Finger auf die zu zeigen, die uns zu nahe kamen, woraufhin sie augenblicklich nass in alle Richtungen auf einmal explodierten. Jedes Mal, wenn das passierte, kreischte das Blumenmadchen laut, und irgendwann blieb sie stehen, um den gro?ten Teil einer toten Ratte aufzuheben und an ihren Busen zu drucken.
»Armes kleines Rattilein!«
»Ah, wie eklig!«, kommentierte Molly.
»Ich bestehe aus Blumen, Herzchen«, entgegnete das Blumenmadchen unbeirrt. »Und alle tote Geschopfe sind Kompost fur meine hubschen Blutenblatter.«
Sie lie? den Rattenkadaver ins Vorderteil ihres Kleids gleiten, und augenblicklich verschwand er. »Daran sollten Sie denken, wenn sie Sie das nachste Mal auffordert, ihr die Bluse aufzuknopfen!«, empfahl mir Mr. Stich heiter.
Ich schaute entschlossen in eine andere Richtung. »Wenn sie anfangt, Eulengewolle auszuhusten, geht sie zuruck!«
