nicht ein bisschen … arisch vor?«
»Teufel auch, nein!«, erwiderte Truman sofort. »Das war die Vergangenheit - wir interessieren uns nur fur die Zukunft. Hier herrscht militarische Disziplin, weil man ohne nichts zuwege bringen kann. Und von allen wird erwartet, ihre volle Leistungsfahigkeit zu erreichen. Aber in erster Linie haben wir uns alle der Sache verschrieben, und erst dann kommen wir selbst.«
»Mir ist die Philosophie hinter Ihrer Sache noch nicht ganz klar«, sagte ich. »Freiheit ist ein wunderbares Konzept, aber in der Praxis ein bisschen nebulos. Meine Familie zu sturzen ist eine Sache; aber womit gedenken Sie sie zu ersetzen? Wofur, genau, tritt das Manifeste Schicksal ein?«
Truman setzte sich in seinem Stuhl zuruck und betrachtete mich nachdenklich. Er lachelte jetzt nicht mehr; er wusste, dass einstudierte Reden auf mich keine Wirkung haben wurden. Wie fluchtige Gedanken zeigten sich kurz winzige Funken in seinem Heiligenschein aus Stahlstaben. Als er schlie?lich sprach, wahlte er seine Worte sorgfaltig und richtete sie ausschlie?lich an mich und ignorierte alle anderen im Buro.
»Die Menschheit ist weich geworden«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. »Unter der Drood-Herrschaft hat sie ihren Mut und ihren Stolz verloren. Die Droods haben unfaire, nicht menschliche Vorteile eingesetzt, um uns wie Schafe an unserem Platz zu halten. Sie halten einen einschmeichelnden Status Quo aufrecht, der es au?erirdischen und magischen Kraften und Kreaturen erlaubt, sich ungehindert in dem zu bewegen, was eigentlich immer unsere Welt sein sollte. Die Welt der Menschen. Die Macht der Droods uber uns muss gebrochen werden, egal welche Mittel dafur notwendig sein sollten, sodass diese unmenschlichen Wesen aus unserer Welt vertrieben werden konnen und die Menschheit frei ist, ihr Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen.«
»Und doch«, murmelte ich, »sind einige dieser Wesen Ihre Verbundeten. Die Absto?enden Abscheulichen. Die Lauernden auf der Schwelle. Manche wurden diese Wesen … bose nennen. Jedenfalls bringen sie der Menschheit bestimmt keine Liebe entgegen.«
Truman spreizte die Hande. »Ich fuhre einen Krieg, Edwin, gegen die gewaltigste Verschworung, die diese Welt je gesehen hat, gegen einen machtigen und unerbittlichen Feind. Ich muss mir meine Verbundeten suchen, wo ich sie finden kann. Wir arbeiten zusammen fur eine gemeinsame Sache: den Sturz der Droods. Danach … werden die Dinge anders sein.«
Ich machte einen Schritt nach vorn, und Solomon Kriegk spannte sich an. Ich beugte mich vor uber Trumans Schreibtisch, sodass er das Spiegelbild seines eigenen Gesichts in meiner goldenen Maske sehen konnte.
»Wenn Sie mich auf Ihrer Seite haben wollen, Truman, dann sagen Sie mir die Wahrheit! Die ganze Wahrheit. Und lassen Sie nichts aus! Aus dieser Nahe wird mir meine Rustung verraten, wenn Sie lugen, auch wenn es dadurch sein sollte, dass Sie etwas verschweigen. Erzahlen Sie mir alles, oder ich gehe auf der Stelle hier raus!«
Dass meine Rustung ein Lugendetektor war, war ein Bluff, aber das konnte er nicht wissen. Wenn meine Rustung zu so vielen erstaunlichen Sachen in der Lage ist, was war da schon eine mehr? Ich setzte darauf, dass Truman meine Geheimnisse und meine Rustung so dringend in die Finger kriegen wollte, dass er mir Sachen erzahlen wurde, die er sonst keinem erzahlen wurde. Truman lachelte langsam, und in seinen Augen leuchtete die Freude dessen, der etwas wei?, was man selbst nicht wei?, und es nicht erwarten kann, einen damit zu beeindrucken. Erneut richtete er seine Worte nur an mich und ignorierte meine Bundesgenossen.
»Warum nicht?«, meinte er. »Ich wusste, dass Sie jemand sein wurden, mit dem ich reden kann. Jemand, dem ich … alles anvertrauen kann. Die Wissenschaft entsprang dem Geist des Menschen. Sie gehort uns. Wir schufen sie, und wir kontrollieren sie. Zauberei … ist ein wildes Ding, unnaturlich und unkontrollierbar, und verfolgt stets ihre eigenen Absichten. Wir machen Gebrauch davon, wenn wir mussen, doch konnen wir ihr oder denen, die sie benutzen, niemals trauen. Wenn wir an die Macht kommen, dann wird die Wissenschaft die Zauberei ersetzen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit wirklich unabhangig sein. Die Droods sind nur unser erster und wichtigster Feind; sobald sie gesturzt worden sind, werden wir auch jede andere Form von Magie und magischen Kreaturen ausmerzen, und die Menschheit wird endlich frei sein!«
Ich warf einen Blick auf Molly: Sie war stumm vor Erschutterung; aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen. Dies war offensichtlich alles neu fur sie. Ich legte sanft eine goldene Hand auf ihren Arm, um ihr zu bedeuten, ihren Zorn im Zaum zu halten, bis wir alles gehort hatten. Dass noch mehr kommen wurde, konnte ich in Trumans Gesicht lesen.
»Alle Unerwunschten eliminieren?«, fragte ich. »Das klingt nach einem gewaltigen Unterfangen.«
»Oh, das ist es auch!«, bestatigte Truman, immer noch lachelnd. »Aber wir haben einen guten Anfang gemacht. Mochten Sie es sehen?«
»Ja«, sagte ich.
»Ja«, sagte Molly.
Truman kicherte. »Warum nicht? Lassen Sie mich Ihnen die Zukunft zeigen, Molly! Sie werden sie … lehrreich finden. Kommen Sie mit, Sie alle!«, forderte er uns auf, sah dabei jedoch nur mich an. »Ich habe so lange auf jemanden gewartet, mit dem ich das hier teilen kann, Edwin. Jemanden, der verstehen wurde. Kommen Sie mit, Edwin Drood, und sehen Sie, worum es sich beim Manifesten Schicksal eigentlich handelt!«
Solomon Kriegk war ganz und gar nicht glucklich uber diese Entwicklung, doch Truman uberstimmte ihn, wobei er am Ende recht scharfe Worte wahlte. Also fuhrte Kriegk uns zu den Ebenen unter den Bunkern in gro?e Hohlen, die sie selbst aus dem Felsboden gehauen hatten, um das wichtigste Geheimnis des Manifesten Schicksals aufzunehmen. Etwas, das vor dem Fu?volk versteckt werden musste. Kriegk und Truman gingen voran, und ich folgte ihnen mit Molly und den beiden anderen hinter mir. Endlich steuerten wir auf das wahre Herz des Labyrinths zu, wo die letzte Wahrheit ihrer Enthullung harrte.
Wir stiegen schweigend im Gansemarsch uber nackte Steintreppenschachte nach unten. Was immer vor uns lag, wir alle konnten fuhlen, dass es naher kam - und es fuhlte sich sehr kalt an. Molly hielt sich dicht hinter mir; ihr Gesicht war eine starre Maske. Truman tanzelte vor uns her und summte leise eine frohliche Weise, die nur fur ihn Sinn ergab.
Schlie?lich kamen wir in einer machtigen Steinkaverne heraus, deren gro?ter Teil im Dunkeln lag. Die Luft war kalt und feucht, und der Geruch erinnerte mich an die Abwasserkanale. Es war ein kranker, fauliger Gestank, voller Schmutz und Schmerz und Tod. Sogar Mr. Stich rumpfte die Nase. Keiner von uns sagte etwas. Wir alle wussten, dass wir an einen bosen Ort gekommen waren, wo bose Dinge geschahen. Wir alle au?er Truman, der immer noch seine frohliche Weise summte. Mit einer gro?spurigen Geste schaltete er samtliche Lichter auf einmal ein, und der Inhalt der Kaverne lag beleuchtet vor uns. Wir standen auf einem schmalen Laufgang auf halber Hohe der Hohlenwand und blickten auf eine lange Reihe von Zellen hinab, jede mit ihrem eigenen niedergeknuppelten Bewohner. Es erinnerte mich an Dr. Dees Anstalt in der Harley Street, au?er dass es hier keine Kafige gab. Nur lange Reihen und Blocke von Betonboxen mit nackten Betonboden und Toren aus Kalteisen. Keine Betten oder Stuhle, nicht einmal Stroh auf den Betonboden; nur Gitterroste aus Eisen, um einige der Abfalle davonzutragen.
»Davon hab ich nichts gewusst!«, flusterte Molly mir zu. »Ich schwore, dass ich nichts davon gewusst habe!«
»Kommen Sie und sehen Sie, kommen Sie und sehen Sie!«, forderte Truman uns aufgeraumt auf und fuhrte uns vom Laufgang herunter. Wir folgten ihm nach unten, und er ging frohlich vor uns den Mittelgang entlang und prasentierte uns stolz den Inhalt seiner Zellen. Das Erste, was er uns zeigte, war ein Werwolf in voller Wolfsgestalt. Uber zwei Meter von Kopf bis Schwanz, mit silbergrauem Fell, lag er mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Rucken auf dem Betonboden, festgehalten von Silbernageln durch alle vier Gliedma?en, wie ein auf dem Seziertisch ausgebreitetes Exemplar. Er winselte mitleiderregend, als wir hineinblickten.
»Wir mussen das machen«, erklarte Truman. »Andernfalls nagen sich die Bestien die eigenen Gliedma?en ab, um zu entkommen. Tiere! Dennoch sind sie nicht lang genug hier, um schon viel gelitten zu haben.«
Alles, was ich sehen konnte, war das elementare hundische Leiden in den gefangenen Augen der Kreatur. Ich hatte nichts fur Werwolfe ubrig; zu viele ihrer halbgefressenen Opfer hatte ich in Dorfern und kleinen Stadten schon gesehen. Aber das hier … auf diese Art behandelte man nicht einmal einen gehassten Feind.
Weiter die Reihe hinunter waren Vampire mit holzernen Pflocken, die ihnen mit Hammern durch Arme und Beine getrieben worden waren, an den Betonwanden festgenagelt. Matt fletschten sie die Zahne und schnappten nach uns; das andauernde Leiden hatte alle Intelligenz aus ihrem Geist vertrieben. Dann kamen Elbenlords, ihres ublichen Staats beraubt und nackt bis auf die Haut, festgehalten von schweren Stahlketten. Das Kalteisen brannte sich schrecklich in ihr blasses Fleisch, wo es damit in Beruhrung kam, und verkohlte es bis auf die Knochen, aber
