Kapitel Dreizehn

Der Feind in meinem Bett

Molly und ich kamen exakt an der Stelle aus dem Portal, wo ich sie gebeten hatte, uns abzusetzen: bei den Greenwich Docks, direkt unterhalb jenes gro?artigen alten Segelschiffs, der Cutty Sark. Der Tag war noch nicht im Anbruch begriffen und die Luft kostlich kuhl und klar nach der ungesunden Atmosphare der Gefangnispferche des Manifesten Schicksals. Die hohen Masten des Cutty-Sark-Schifffahrtsmuseums zeichneten sich scharf vor dem sternenklaren Himmel ab. Ich lie? meine Blicke in beide Richtungen uber den steinernen Kai schweifen, aber die Docks waren wie ausgestorben. Und das war auch vollig richtig so; normale Menschen lagen jetzt noch im Bett, und ich war fest entschlossen, ihnen so bald wie moglich nachzueifern. Es war ein langer Tag und eine lange Nacht gewesen, dank der einen oder anderen Sache.

»Sie bringen mich ja an die nettesten Orte, Eddie!«, meinte Molly. »Durfte ich fragen, was zum Teufel wir hier verloren haben, wo selbst gefallene Engel ohne bewaffnete Leibwachter und schriftlichen Passierschein sich zu schreiten furchten wurden?«

»Greenwich ist heutzutage wirklich ganz zivilisiert«, entgegnete ich. »Praktisch luxussaniert, mancherorts. Ich habe ein Hausboot hier liegen, das nicht nur allen Erfordernissen eines Zuhauses gerecht wird, sondern auch dessen Annehmlichkeiten bietet. Ein weiterer meiner sicheren Platze, wenn ich die ausgetretenen Pfade verlassen und mich vor allen verstecken muss, sogar vor meiner Familie.«

»Sie wissen nichts von diesem Hausboot?«

»Sie haben nie gefragt. Meine Familie hat sich nie darum gekummert, wie ich machte, was ich machte, solange ich machte, was man mir sagte. Hier entlang!«

Ein Spaziergang von wenigen Minuten brachte uns zu meinem Hausboot, der Lucky Lady; nur einem unter ein paar Dutzend Barkassen und Hausbooten, die am Kai festgebunden waren. Eine ziemlich wenig teure Moglichkeit, in einem teuren Teil Londons zu wohnen. Man findet hier eine Menge Schauspieler.

Die Lucky Lady tanzte trage auf dem dunklen, teerigen Wasser; sie selbst war in Rennrot und Grun gestrichen und ihre ganzen Messingarbeiten glanzten im gelben Licht der Stra?enlaternen. (Ich habe ein kleines Heinzelmannchenwesen, das jede zweite Woche vorbeischaut und das alte Boot rein halt; dafur lasse ich ihm eine Schale Single Malt Whiskey stehen. Ich halte viel davon, die alten Traditionen hochzuhalten - besonders wenn das bedeutet, dass ich nicht mit dem Duraglit auf alle viere heruntergehen muss. Ich hasse es, Messing zu polieren.)

Ich hatte Molly lieber in meine hubsche Wohnung in Knightsbridge mitgenommen, aber das wagte ich nicht: Meine Familie wusste von der Wohnung. Bestenfalls hatten sie Agenten vor Ort, die aufpassten und warteten, fur den Fall, dass ich dumm genug ware, mein Gesicht dort zu zeigen. Schlimmstenfalls - und sehr viel wahrscheinlicher - hatten sie die Wohnung schon auseinandergenommen auf der Suche nach Hinweisen oder belastenden Dokumenten, die sie darauf brachten, wo ich war und was ich vielleicht gerade machte. Ich kannte das Prozedere; ich hatte es selbst oft genug angewandt. Na ja, sollten sie suchen. Ich lie? nie etwas von Wert in meiner Wohnung zuruck. Oder sonst wo, um genau zu sein. Ein Frontagent muss bereit sein, jederzeit von allem wegzugehen und nie zuruckzublicken. Wir durfen nicht sentimental sein oder Bindungen entwickeln. Unsere einzigen Wurzeln sind in der Familie. Dafur sorgt die Familie.

Das war ungefahr der Sinn meiner Worte zu Molly, und sie nickte.

»Sie haben wahrscheinlich Ihr ganzes gutes Zeug in Stucke geschlagen, aus reiner Gehassigkeit. Ich habe gesehen, wie Ihre Familie vorgeht. Wissen Sie ganz genau, dass dort nichts ist, mit dessen Hilfe sie Sie aufspuren konnen? Ich konnte Sie uberall finden, ich brauche blo? irgendeinen Gegenstand in Handen zu halten, der einmal Ihnen gehort hat.«

»Nicht, solange ich den Torques trage«, sagte ich. »Meine Rustung schirmt mich vor allem ab.«

Ich half Molly auf das Deck meines Hausboots hinunter und sprang dann leichtfu?ig neben sie. Molly betrachtete mich nachdenklich.

»Ihre Rustung kommt von Ihrer Familie. Sind Sie sicher, dass sie nicht doch eine geheime Moglichkeit haben, Sie durch die Rustung zu finden?«

»Absolut sicher! Das war schon immer unsere Starke und unsere Schwache. Dieselbe Rustung, die uns so machtig macht, isoliert uns auch von allem anderen in der Welt.«

»Dann sind Sie also immer allein?«

»Ja. Das ist der Grund, weshalb so wenige Droods drau?en in der Welt zurechtkommen, fern von den allumfassenden Armen der Familie. Kommen Sie, es ist kalt hier drau?en. Lassen Sie uns nach unten gehen!«

Ich offnete die Luke, und wir stiegen in das luxurios ausgestattete Innere der Lucky Lady hinab. Egal wo ich wohne, ich wohne gern gut. Ich hatte das Hausboot vor einigen Jahren bei einem Pokerspiel mit einem vom Pech verfolgten Privatdetektiv gewonnen; am Ende musste das arme Schwein in seinem eigenen Buro wohnen. Geschah ihm ganz recht; er hatte versucht zu betrugen. Es gibt nichts, was mir mehr Spa? macht, als einen Betruger zu prellen. Ich kann Extraasse aus Stellen herausziehen, die Sie mir nicht glauben wurden!

Ich machte mir in dem alten Wohnbereich zu schaffen, entzundete die alten Schiffssturmlaternen und stellte die Dochte ein, bis das Innere des Hausboots von einem warmen, goldenen Schein erfullt wurde. Molly oohte und aahte angesichts der aufwendigen Ausstattung und mannomannte beifallig ob der Zeitalterdetails. Die Lucky Lady hat keinen neuzeitlichen Komfort, keine Elektrizitat. Der springende Punkt beim Aufenthalt auf dem Hausboot war, von der modernen Welt abgeschnitten zu sein. (Es gibt eine chemische Toilette. Und einen tragbaren CD-Spieler. Es hat keinen Zweck, in diesen Dingen ein Fanatiker zu sein.) Schlie?lich lie?en wir beide uns auf der bequem gepolsterten Chaiselongue nieder, und zum ersten Mal seit einer scheinbaren Ewigkeit entspannte ich mich.

»Es gefallt mir, wie Sie wohnen, Eddie«, sagte Molly und zog die Beine unter sich an. »Es ist so … so nicht Sie! Ein bisschen einsam allerdings.«

»Das ist der Sinn der Sache«, meinte ich.

Sie schaute mich ernst an. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie es fur Sie sein muss, ein so einsames Leben zu fuhren - so abgeschnitten von allem und jedem. Nie jemandem vertrauen zu konnen, der nicht Familie ist.«

»Das kommt mit der Arbeit«, sagte ich. »Und nachdem ich in einem Herrenhaus aufgewachsen war, das vor Familie aus den Nahten platzte, war ich froh, fortzukommen.«

»Hat es denn nie …jemand anders gegeben? Jemand, der Ihnen etwas bedeutete?«

»Nein. Nie. Ich kann niemand zu nahe kommen, ohne ihm zu verraten, was ich mache. Und das erlaubt die Familie nicht. Ehe, sogar … Freundschaften finden nur nach dem Ermessen der Familie statt. Sie mussen genehmigt werden. Besonders bei jenen von uns, die im Au?endienst arbeiten und zuganglich fur die Versuchungen der Welt sind. Von dem Moment an, wo wir geboren werden und sie unseren Sauglingshalsen den goldenen Torques auferlegen, gehoren wir der Familie - mit Leib und Seele. Ich wohne allein, wo immer ich wohne, und wenn ich auch vielleicht von Zeit zu Zeit Leute einlade, mich zu besuchen, so durfen sie doch nie bleiben. Zu ihrer eigenen Sicherheit.«

»Also … keine Freundinnen? Keine Lebensgefahrtinnen? Keine echten Freunde? Was fur eine Art von Leben ist das?«

»Ein Leben des Dienstes an einer gro?eren Sache«, antwortete ich. »Das war es, was ich glaubte. Was mir beigebracht worden war. Wie hatte ich wissen sollen, dass das alles eine Luge war?«

»Gibt es hier etwas zu Essen oder zu Trinken?«, wechselte Molly netterweise das Thema. »Ich konnte einen Happen vertragen, falls Sie was dahatten.«

»Selbstverstandlich!«, sagte ich. »Lassen Sie mich nur schnell ein paar Brotkafer aus dem Schiffszwieback klopfen!«

Ich machte mich daran, mithilfe der Konservendosen, die ich immer vorratig habe, eine bescheidene kalte Mahlzeit zu organisieren, und offnete eine Flasche Brandy, die ich fur medizinische Notfalle aufbewahre. Molly beschaftigte sich inzwischen damit, meine CD-Sammlung durchzusehen und abfallige Kommentare uber meinen Musikgeschmack von sich zu geben.

»Was ist das denn? Kein Hawkwind, kein Motorhead, nicht mal was von Meat Loaf? Blo? … Judy Collins,

Вы читаете Wachter der Menschheit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату