Mary Hopkin und Kate Bush …«
»Ich mag Sangerinnen«, erklarte ich, wahrend ich mit einem Tablett hereinkam.
»Na schon, ich werde Ihnen ein paar meiner Within-Temptation-Importe ausleihen; die werden Ihnen gefallen. Es ist eine hollandische Band mit einer gro?artigen Sangerin; ein bisschen wie ABBA auf Crack.«
»Hm«, meinte ich. »Das ist doch mal was, worauf man sich freuen kann!«
Wir fielen mit gesundem Appetit uber unser Essen her. Molly schlang ihres hinunter, womit sie sich meine stille Anerkennung verdiente. Ich kann Leute nicht ausstehen, die in ihrem Essen herumstochern. Danach sa?en wir zusammen, wahrend der Brandy sich in unseren Magen erwarmte, gesellig nahe, noch zu aufgedreht vom Adrenalinaussto? der Nacht, um schon zu schlafen. Also redeten wir von alten Zeiten, alten Fallen, wo wir immer auf verschiedenen Seiten gestanden hatten und uns ziemlich oft nach Kraften bemuht hatten, uns gegenseitig umzubringen. Es gibt manche Sachen, uber die man nur mit alten Feinden reden
kann. Weil man da gewesen sein muss, um zu verstehen.
Der Fall des Millennium-Upgrades war ein klassischer Schlamassel von beinah legendaren Ausma?en. Meine Familie erfuhr, dass ein ziemlich bedeutender deutscher Wissenschaftler im Begriff war, von Vril Power Inc. in Munchen abzufallen und nach London gekommen war, um die Fruchte seiner Forschungen an den Meistbietenden zu verkaufen. Damit spielte die Sache in meinem Territorium, und ich wurde aufs Feld geschickt, um sicherzustellen, dass seine Arbeit an jemanden ging, den die Familie akzeptierte. Oder um den Wissenschaftler ohne Rucksicht auf Verluste auszuschalten, sollte ihm nicht nach Kooperation zumute sein.
Wir geraten normalerweise bei Industriespionage nicht so aus dem Hauschen, aber Herr Doktor Herman Koenig arbeitete an einer zukunftsweisenden Technologie der Schnittstelle von Computer- und Menschenverstand und hatte offenbar eine Methode entwickelt, direkten Kontakt zwischen menschlichem Denken und Rechnerleistungsfahigkeit herzustellen. Theoretisch konnte daraus eine Kombination aus beiden resultieren, die ein Ganzes hervorbringen konnte, das weit gro?er als die Summe seiner Teile war. Eine ganze Menge Leute war bereit, eine ganze Menge Geld fur die Alleinrechte an so einem Verfahren zu bezahlen, daher oblag es mir, sicherzustellen, dass nur die richtige Art von Person es in die Hande bekam. Oder gar keine. Meine Familie kann in manchen Sachen sehr missgunstig sein, auch wenn sie selbst gar nichts damit anfangen kann.
Doktor Koenig hatte sich ein behelfsma?iges Laboratorium in einer nicht mehr benutzten Denkfabrik der Regierung im alten Bradbury Building eingerichtet, nur ein Stuckchen unterhalb vom Centre Point. Dort einzubrechen war ein Kinderspiel. Ich war die Art von Sicherheitsma?nahmen gewohnt, die einem einen Damon aus der Holle entgegenwirft, wenn man es falsch anstellt. Elektronische Schlosser und Bewegungsmelder spielen nicht wirklich in derselben Liga. Herr Doktor hatte nicht mal fur ein paar bewaffnete Wachen geblecht, der alte Geizkragen. Ehrlich, manche Leute verdienen alles, was ihnen zusto?t!
Gute drei Stunden vor dem geplanten Beginn der Auktion lie? ich mich in die Eingangshalle des Bradbury Buildings hinein und machte ohne Schwierigkeiten meinen Weg durch das stille Gebaude nach oben. Alle anderen waren heimgegangen, nichts ahnend von dem bevorstehenden Drama. Ich rustete hoch und trabte muhelos die vierundvierzig Treppenfluchten bis zum Stockwerk des Doktors hoch. (Niemals einem Aufzug trauen!) In diesem Fall rechnete ich nicht mit ernst zu nehmendem Widerstand.
Ich wusste nicht, dass Molly Metcalf sich bereits im Gebaude befand.
Sie war mittels eines abgeschirmten Teleportationszaubers auf dem Dach angekommen, hatte sich hereingelassen und war selbst auf dem Weg nach unten. Sie war da, um Doktor Koenig vor Storungen von au?en zu beschutzen. Nicht, weil sie etwas von der eigentlichen Bedeutung des Computer/ Menschenverstand-Interfaces verstanden hatte - oder, ware das der Fall gewesen, es gutgehei?en hatte -, sondern weil sie leidenschaftlich an das Recht der Menschen glaubte, sich selbst mit allen moglichen Mitteln zu verbessern und dadurch dabei zu helfen, die Welt von der Drood-Kontrolle zu befreien.
Also: Wir sturzten beide im selben Moment ins Labor des Doktors, erschreckten den Kerl zu Tode und blieben dann jah stehen, um uns gegenseitig wutend anzufunkeln. Ich kannte Molly vom Horensagen, und naturlich erkannte auch sie augenblicklich die goldene Rustung. Wir schlugen mit jeder Waffe aufeinander ein, die wir hatten, entfesselten Energien und Krafte, die fur jeden anderen au?er uns sofort todlich gewesen waren. Doktor Koenig schrie hysterisch auf Deutsch herum und versuchte, seine kostbare Ausrustung mit dem eigenen Korper zu schutzen. Das Ganze eskalierte sehr schnell … und wir lie?en es buchstablich krachen. Das Bradbury Building brockelte einfach auseinander und zerfiel unter der Gewalt der Krafte, die wir freisetzten. Das ganze Gebaude brach wie ein Kartenhaus in Schutt und Asche zusammen. Molly und ich kamen naturlich vollig unversehrt heraus, aber Herr Doktor Koenig war dahin und seine ganze Ausrustung mit ihm. Zwar gab man ihm die Schuld an der Explosion, aber es war trotzdem nicht gerade eine meiner Glanzleistungen. Gewisse Personen in meiner Familie au?erten sich anschlie?end sehr bissig.
Und so lernte ich die wilde Hexe Molly Metcalf kennen.
Die letzte Mission, bei der wir aneinanderrasselten, war der Fall des wiedergeborenen Pendragons. Es schien, als ob samtliche Prakogs und Medien des Landes, die etwas taugten, aufgeregt uber die Ruckkehr des Pendragons berichteten: dass Artus wiedergeboren worden war und bald anfangen wurde sich zu erinnern, wer er wirklich war. Und schon war alles auf den Beinen, um ihn als Erstes zu finden und fur sich zu beanspruchen.
Wie dem auch sei, meine Familie hat immer die besten Informationen, und der wiedergeborene Pendragon war schnell als ein gewisser Paul Anderson identifiziert, ein junger Angestellter einer Werbeagentur mit Sitz in Devon. Wie sich herausstellte, war der einzige Drood-Agent in dieser Gegend nach einem au?erst bedauerlichen Zwischenfall, in den eine der lokalen einflussreichen Personen, Joan das Euter, verwickelt war, immer noch arbeitsunfahig, also schickte man mich hin, um einzuspringen, mit der Begrundung, dass ich der einzige Au?endienstagent war, der gegenwartig nicht an einem Fall arbeitete. Die Familie konnte mich nicht dorthin teleportieren, denn ein solcher Zauber hatte entdeckt werden und unser Interesse verraten konnen. Deshalb musste ich den Zug von London nach Devon nehmen, und das ist eine verflucht lange Reise.
Die Familie war nicht einmal bereit, eine Erste-Klasse-Fahrkarte springen zu lassen.
Aber ich kam als Erster bei Paul Anderson an, erklarte ihm die Lage, so gut ich konnte, zeigte ihm meine Rustung, um zu beweisen, dass ich nicht verruckt war, und uberredete ihn dazu, mit mir ins Herrenhaus zuruckzukommen, um weitere Tests durchzufuhren. Nur um sicherzugehen, dass er der wahre Jakob war. (Sie waren erstaunt, wie viele Thronpratendenten jedes Jahrhundert auftauchen. Und von dem verdammten Fischerkonig will ich gar nicht erst anfangen.) Genau genommen war Paul ziemlich erleichtert. Offenbar hatte er wiederholt sehr lebhafte Traume von Rittern in Rustung gehabt, die auf rauen Schlachtfeldern blutig zusammenstie?en - was fur einen jungen Mann mit Aufstiegschancen in der Werbebranche ein bisschen beunruhigend war.
Und dann kreuzte Molly auf. Schrie, Paul solle sich verdammt noch mal von mir fortschaffen, schimpfte mich einen Lugner und faschistischen Handlanger und drangte ihn dann mit dem Rucken an die Wand seines eigenen Wohnzimmers, wahrend sie ihn mit all ihren besten Argumenten formlich erschlug. Ich argumentierte in meiner Ecke nicht weniger heftig, und bald brullten Molly und ich uns gegenseitig ins Gesicht. Leider gelang es uns damit nur, Paul vollig kirre zu machen, bis er seinerseits uns beide anschrie, wir sollten aus seinem Haus und aus seinem Leben verschwinden und ja nie wiederkommen. Molly war es nicht gewohnt, uberschrien zu werden, also schlug sie mit ihrem besten Zweifelzerstreuungszauber auf ihn ein und zwang damit seine ererbte Kernpersonlichkeit an die Oberflache.
Und das war der Moment, wo alles den Bach runter ging.
Der Zauber traf etwas in Paul Anderson, weitete sich vollig unkontrolliert aus und jagte das Hauschen, in dem wir standen, in die Luft. Zuerst dachte ich wirklich, Molly und ich hatten es wieder verbockt, aber als der Rauch sich lichtete, standen wir alle drei wohlauf und munter in den Trummern des Hauschens. Ich in meiner Rustung, Molly in ihrem Schutzschild und Paul Anderson in geschwarzten und zerrissenen Kleidern, aber mit einem ganz neuen Ausdruck in seinem Gesicht. Molly nutzte den Moment, um mich anzugreifen, fest entschlossen zu
