Ich hob Molly hoch und trug sie in das kleine abgetrennte Schlafzimmer am anderen Ende des Hausboots. Vorsichtig breitete ich sie auf dem Bett aus und knopfte ein paar Knopfe an ihrem Hals auf. Sie bewegte sich trage im Schlaf und murmelte wie ein traumendes Kind. Ich fing an, ein paar Extradecken auszusortieren, aber ich war einfach zu mude. Und das Bett bot massig Platz fur zwei. Ich streckte mich neben ihr aus. Molly schnarchte bereits leise. Bestimmt wurde sie mir ein paar harte Worte zu sagen haben, wenn sie morgen fruh aufwachte … aber das konnte warten.
Mein Bett passte mir wie angegossen, und Schlafen hatte sich noch nie so gut angefuhlt.
Kapitel Vierzehn
Frohliches Delirium
Ich wollte der Stimme glauben. Ich wollte es wirklich. Aber ich war noch nie dazu fahig gewesen, irgendwem au?er mir zu vertrauen. Dafur hatte schon die Familie gesorgt.
Ich erwachte mit einem Messer an meiner Kehle. Molly sa? rittlings auf meiner Brust, und das nicht auf angenehme Art. Sie hatte sich dicht uber mich gebeugt, und die Schneide ihres Dolchs druckte gerade so fest gegen meinen Hals, dass sie die Haut verletzte. Es tat weh, obwohl es eher irritierend als schmerzlich war, aber ich konnte spuren, wie das Blut langsam an der Seite meines Halses heruntertropfelte. Ich entschied mich dafur, ganz still zu liegen. Mollys Gesicht hing direkt uber meinem und war rot vor Wut, doch ihre Augen waren kalt wie Eis. Im Augenblick war ihre Hand sehr ruhig, und die rasiermesserscharfe Klinge ruhte genau uber meinem Adamsapfel. Und ich hatte gerade so einen angenehmen Traum gehabt! Ich schenkte Molly mein allerbestes hofliches Lacheln.
»Guten Morgen, Molly! Gut geschlafen?«
»Du hast mich unter Drogen gesetzt, du Schwein! Hast du etwa gedacht, ich wurde es nicht merken? Und du hast im selben Bett wie ich geschlafen nach all dem Unsinn von wegen Decken auf dem Boden!«
»Ja«, bestatigte ich vorsichtig. »Ich habe im selben Bett wie du geschlafen - Betonung auf dem Wort
Mollys finsterer Gesichtsausdruck wurde noch finsterer, geradezu gefahrlich. »Du hast mir
»Stimmt«, sagte ich. »Hatte ich. Habe ich aber nicht. Du solltest es trotzdem nicht personlich nehmen; ich war halt sehr mude. Ich bin sicher, nachstes Mal mache ich es besser!«
»Es wird kein nachstes Mal geben, du hinterhaltige kleine Krote!«, sagte Molly. Aber moglicherweise hatte sich da die Andeutung eines Lachelns in einem ihrer Mundwinkel versteckt. Sie nahm ihr Messer von meiner Kehle und kletterte von meinem Brustkorb herunter. Ich befuhlte mit einer Hand meinen Hals und zuckte zusammen, als die Fingerspitzen nass von Blut zuruckkamen. Molly zog vernehmlich die Luft ein, wahrend sie vom Bett stieg. »Sei nicht so ein gro?es Baby! Du hast dich beim Rasieren schon schlimmer geschnitten! Ich nehme nicht an, dass es irgendwo auf diesem Boot eine Dusche gibt, oder? Ich komme mir ziemlich stinkig vor, nachdem ich in meinen Kleidern geschlafen habe.«
»Keine Dusche«, bestatigte ich. »Aber du kannst dir auf dem Gaskocher Wasser hei? machen, wenn du dich waschen mochtest.«
Ich schickte mich an, mich aus dem Bett zu rollen, und hielt abrupt inne; gegen meinen Willen schrie ich auf, denn ein stechender Schmerz raste durch meine Schulter und meinen linken Arm. Es tat hollisch weh, als ich mich, den schmerzenden Arm an der Brust angewinkelt, zahneknirschend aufsetzte. Ich versuchte, ihn langsam zu strecken, und schrie noch einmal auf, als ein fieser Schmerz von meiner Schulter bis hinab in meine Fingerspitzen schoss. Nur den Ellbogen zu beugen fuhlte sich schon an, als ob mir jemand einen Schraubenzieher ins Gelenk gesto?en hatte und ihn herumdrehen wurde. Sogar meine Finger zu bewegen tat weh. Ich sah zu Molly hinuber, aber sie schuttelte sofort den Kopf.
»Damit hab ich nichts zu tun! Lass mich mal einen Blick auf deine Schulter werfen!«
Ich konnte mein Hemd nicht allein ausbekommen; die Schmerzen waren zu stark. Molly musste mir helfen, es aufzuknopfen und dann zuruckzuschieben, wobei sie mir nicht mehr weh tat als notig. Vorsichtig drehte ich den Kopf, um meine linke Schulter zu inspizieren. Rings um das Narbengewebe, das von der verheilten Pfeilwunde zuruckgeblieben war, war die Haut angeschwollen und entzundet. Molly beugte sich vor, um sich die Sache genauer anzusehen, und druckte dann mit uberraschend sanften Fingern hier und da die Haut zusammen. Ich zischte vor Schmerzen, und sie nickte langsam.
»Bist du gestern verletzt worden, als du an den Gefangnispferchen gekampft hast?«
»Nein«, sagte ich. »Ich war ja in meiner Rustung. Ich kann nicht verletzt werden, solange ich in meiner Rustung bin.«
»Der Pfeil des Elbenlords ist aber durchgekommen!«, wandte Molly ein, wahrend sie nachdenklich das Narbengewebe betrachtete.
»Schon, aber das war … extrem ungewohnlich. Und au?erdem habe ich einen Medklecks benutzt, um die Wunde zu heilen.«
»Der scheint aber seine Arbeit nicht besonders gut gemacht zu haben«, stellte Molly fest. Sie trat zuruck und zeichnete eine Reihe von komplexen Symbolen in die Luft; leuchtende Schweife folgten ihren Fingerspitzen und hinterlie?en fremdartige Schriftzeichen, die schimmernd zwischen uns hangen blieben. Molly studierte sie eine Zeit lang schweigend und blickte dann, als die Symbole verblassten, wieder mich an. Ihr Gesichtsausdruck gefiel mir nicht.
»Nett von dir, dass du Anteil nimmst«, sagte ich in dem Bemuhen, die Sache zu bagatellisieren. »Aber falls du im Begriff bist, einen chirurgischen Eingriff mit deinem Messer von vorhin vorzuschlagen, glaube ich, dass ich passen werde.«
»Als Kruppel bist du mir nicht von Nutzen«, sagte sie. »Leider gibt es nichts, was ich fur dich tun kann. Die ursprungliche Wunde ist geheilt, aber es sieht so aus, als habe der Pfeil des Elben etwas hinterlassen, als du ihn herausgezogen hast. Es handelt sich dabei nicht um Gift als solches; damit wurde ich fertig. Aber es ist etwas in deinem Korper, das nicht dorthin gehort. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber es breitet sich aus.«
Ich nickte langsam. »Der Pfeil stammte aus einer anderen Dimension«, sagte ich. »Das ist die einzige Moglichkeit, wie er meine Rustung durchdringen konnte. Ich habe die Substanz schon einmal gesehen, im Labor des Waffenschmieds. Er nannte sie fremde Materie.«
»Guter Name dafur«, fand Molly. »Meine Magie kann sie wahrnehmen, aber sie nicht beeintrachtigen. Alles, was ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass dein Korper keine Abwehrkrafte dagegen hat. Es ist jetzt schon schlimm, und es wird nur noch schlimmer werden.«
»Sag es!«, verlangte ich. »Sag es einfach!«
»Es tut mir leid, Eddie. Diese fremde Materie frisst dich bei lebendigem Leib auf, Stuck fur Stuck, und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie man sie aufhalten kann.«
»Wie lange noch?«, fragte ich wie betaubt.
»Drei, hochstens vier Tage.«
»Und danach?«
»Es gibt nichts danach. Es tut mir leid, Eddie.«
Ich sa? auf dem Bettrand und dachte nach. Ich fuhlte nicht viel - noch nicht. »Ich dachte, ich hatte mehr Zeit«, sagte ich schlie?lich. »Um all die Dinge zu tun, die ich tun muss. Aber ich nehme an … es ist wohl nur ein weiteres Ultimatum. Und mit Ultimaten kann ich umgehen. Hilf mir, das Hemd wieder anzuziehen!«
Es bedurfte unserer vereinten Bemuhungen, meinen linken Arm zuruck in den Hemdsarmel zu bekommen, und ich gab noch ein paar Gerausche mehr von mir, sogar durch zusammengebissene Zahne. Ich sa? still da,
