wahrend sie die Knopfe zumachte. Mein Atem ging schwer, und ich konnte spuren, wie kalter Schwei? auf meinem Gesicht trocknete. Aber die ganze Zeit uber dachte ich angestrengt nach. Drei, hochstens vier Tage. Die einzigen Leute, die mir eventuell helfen konnten, waren die Arzte daheim im Herrenhaus. Und vielleicht der Waffenschmied. Onkel Jack. Alles, was ich uber fremde Materie wusste, war das, was er mir erzahlt hatte. Dass sie von irgendwo anders stammte, dass sie gewisse nutzliche Eigenschaften besa?, die niemand verstand, und dass sie keiner unserer Regeln folgte. Aber selbst wenn ich mich selbst aufgeben und ins Herrenhaus zuruckkehren wurde - es sprach alles dafur, dass Gro?mutter Befehl gegeben hatte, mich beim ersten Anblick zu toten.
Mehr denn je brauchte ich Antworten. Informationen. Alternativen. Und die Einzigen, bei denen die eventuell zu haben waren - waren die anderen Vogelfreien.
Molly knopfte mir den Kragen zu und wischte mir mit ihrem Taschentuch den Schwei? vom Gesicht. Ich nickte dankend. Ich war es nicht gewohnt, Hilfe zu brauchen. Ich war es nicht gewohnt, Schmerzen zu haben. Die einzige Art, einem Drood ernsthaften Schaden zuzufugen, war, ihn au?erhalb seiner Rustung zu erwischen, und wir waren alle sehr schwer zu uberraschen. Ich war nicht mehr wirklich verletzt worden, seit ich ein Teenager gewesen war. Schmerz und Schwache waren etwas Neues fur mich, und ich hasste sie. Molly sah etwas von diesen Empfindungen in meinem Gesicht und lachelte kurz.
»Willkommen in der Welt, in der wir Ubrigen leben! Was willst du jetzt machen, Eddie?«
Ich stand vorsichtig auf. Mein linker Arm hing an meiner Seite herab und war ruhig, solange ich nicht versuchte, ihn zu bewegen. Ich musste los, mich bewegen, etwas unternehmen … aber was? »Welcher Vogelfreie kommt am ehesten fur ein Gesprach infrage? Wer wird am wahrscheinlichsten etwas uber mich und meine Familie wissen?«
»Das ist wohl der Seltsame John«, antwortete Molly sofort. »Ich habe es noch nie geschafft, viel aus ihm herauszubringen, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er wichtige Dinge wei?.«
»Wohnt er weit von hier?«
»Zwei Bahnfahrten.«
»Vergiss es! Beschwore noch ein Raumportal!«
»Ich bin nicht ganz sicher, ob das so klug ware«, sagte Molly vorsichtig. »Raumportale sind wirklich nur fur den Gebrauch im Notfall; eins davon zu erschaffen nimmt mich sehr mit.«
»Konnte uns jemand durch das Portal aufspuren, wenn wir weg sind?«
»Nein. Aber jede Menge Leute wurde merken, wenn eine derartige Magie in Tatigkeit ist, und hierherkommen, um nachzuschauen, was los ist.«
»Sollen sie ruhig!«, sagte ich. »Das spielt keine Rolle. Ich bezweifle, dass ich noch einmal hierherkommen werde. Wir konnen es uns nicht mehr leisten, offen durch London zu reisen. Mittlerweile werden sowohl meine Familie als auch das Manifeste Schicksal die Stadt mit Agenten bevolkert haben, die nach uns suchen. Erzahl mir von diesem … Seltsamen John!«
»Er lebt drau?en in Flitwick«, sagte Molly, ohne mir dabei direkt in die Augen zu sehen. »Netter kleiner Pendlerort ein Stuck au?erhalb des eigentlichen Londons.«
»Da gibt es doch etwas, was du mir nicht erzahlst!«
»Es gibt viel, was ich dir nicht erzahle. Aber das hier - du musst dir das wirklich selbst anschauen, Eddie.«
»Also schon«, sagte ich. »Lass uns gehen!«
Das Portal setzte uns knapp au?erhalb einer kleineren Ortschaft auf der Kuppe eines grasbedeckten Hugels ab, der Aussicht auf einen alten georgianischen Herrensitz gewahrte, welcher von weitlaufigen Anlagen umgeben war. Vogel sangen frohlich unter einem strahlend blauen Himmel, und die Luft des fruhen Morgens war frisch und klar. Alles ganz wie auf einer Ansichtskarte, bis auf die hohe Steinmauer, die die Anlagen des Herrensitzes umgab und deren Krone mit Eisenspitzen und Stacheldrahtrollen bewehrt war. Der einzige Weg hinein fuhrte durch ein machtiges Eisentor, das schwer genug war, um einen Panzer zum Stehen zu bringen. Als ich uber die hohen Mauern schaute, konnte ich noch eben so Leute ausmachen, die in den Anlagen hin und her spazierten. Alles sehr beschaulich. Aber selbst aus dieser Entfernung wirkte der Herrensitz streng und bedrohlich, und an den Menschen in den Anlagen war etwas … falsch. Etwas an der Art, wie sie sich bewegten, langsam und ziellos, ohne miteinander zu interagieren. Ich schaute Molly an.
»Also gut«, sagte ich. »Lass horen! Zu was fur einem Ort hast du mich da gebracht?«
»Dies sind die Glucklichen Gefilde«, erklarte Molly ruhig, »eine Hochsicherheitsanlage fur kriminelle Geisteskranke. Die Einheimischen nennen sie Frohliches Delirium.«
»Und unser Vogelfreier ist da drin? Was ist er, verruckt?«
»Ja und nein«, antwortete Molly. »Das musst du schon selbst herausfinden. Die Stellung des Seltsamen John hier ist … kompliziert.«
Wir machten uns auf den Weg den Hugel hinunter, rutschten und schlitterten uber Gras, das noch nass vom Morgentau war, und lenkten unsere Schritte auf die Anstalt fur kriminelle Geisteskranke zu. Mit einem Mal sah das schwere Eisentor nicht mehr annahernd schwer genug aus. Ich studierte den Herrensitz unschlussig, bis die emporsteigenden Steinmauern ihn meinen Blicken entzogen. Ich war noch nie in einem Irrenhaus gewesen und nicht sicher, was ich erwarten sollte. Wenn Droods ernsthaft verruckt werden, toten wir sie. Das mussen wir; die Rustung macht sie viel zu gefahrlich. Wie Arnold Drood, den Blutigen Mann. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass der Dreckskerl uns so lange an der Nase herumfuhren konnte! Molly und ich kamen am Fu? des Hugels an, und ich blieb etwas hinter ihr zuruck, wahrend sie auf den Eingang zusteuerte. Ich machte nicht bewusst langsamer; es war einfach nur so, dass Molly den Weg kannte.
»So«, sagte ich. »Kriminelle Geisteskranke. Sprechen wir uber … Axtmorder und dergleichen?«
»Oh, mindestens!«, meinte Molly aufgeraumt. »Aber keine Sorge; ich bin sicher, sie werden dir alle das Gefuhl geben, ganz zu Hause zu sein!«
Wir blieben vor dem Eisentor stehen, das von Nahem noch gro?er schien. Es sah aus, als ob es in einem Stuck gegossen worden sei, mit Gitterstaben so dick, dass man sie mit einer Hand nicht umfassen konnte. Seine Ausfuhrung war nuchtern und rein funktional; es war da, um die Insassen im Inneren zu halten, sonst nichts. Molly druckte auf den Summer, der in die dicke Steinsaule neben dem Tor eingelassen war, und nach einer uberma?ig langen Pause kam ein korpulenter Mann in wei?er Krankenhauskleidung heruber, um uns durch das Tor misstrauisch anzustarren. Der Ledergurtel um seine dicke Taille beinhaltete ein Funkgerat, Pfefferspray und einen langen, schweren Gummiknuppel.
»Hallo, George!«, begru?te Molly ihn ungezwungen. »Erinnern Sie sich noch an mich? Ich bin hier, um meinen Onkel John nochmal zu besuchen. John Stapleton.«
»Sie kennen die Prozedur, Molly«, erwiderte George mit uberraschend sanfter und angenehmer Stimme. »Sie mussen mir einen datierten und unterschriebenen Erlaubnisschein von der Krankenhausverwaltung vorzeigen.«
»Oh, sicher!«, sagte Molly. Sie hielt eine leere Hand vor ihm hoch, und er beugte sich naher heran, um genauer hinzusehen; seine Lippen bewegten sich langsam, als er die Einzelheiten auf einem nicht existierenden Erlaubnisschein las. Schlie?lich nickte er, und Molly nahm die Hand schnell wieder herunter. George beschaftigte sich mit einem elektronischen Schloss auf der anderen Torseite, und das Gerausch schwerer Metallriegel, die zur Seite glitten, war zu horen. Das Tor schwang auf versteckter Hydraulik sto?frei auf, und Molly ging voran in die Parkanlagen. Hinter uns schwang das Tor zu und schloss uns mit den Insassen ein.
»Soll ich im Haus anrufen und eine Begleitung anfordern, die Sie den Rest des Weges fuhren kann?«, fragte George, dessen Hande an seinem Gurtel in der Nahe des Pfeffersprays und des Schlagstocks lagen.
»Nein, schon in Ordnung, George«, erwiderte Molly. »Ich kenne den Weg.«
Ich muss wohl ein bisschen besorgt ausgesehen haben, denn George lachelte mir beruhigend zu. »Ihr erster Besuch? Keine Angst! Keiner der Patienten wird Sie belastigen! Bleiben Sie einfach nur auf dem Weg, und es wird Ihnen nichts passieren.«
Wir machten uns auf und gingen den breiten Kiesweg hoch. »Was war denn das mit der leeren Hand?«, fragte ich leise.
»Elementarer Illusionszauber«, erklarte Molly munter. »Lasst die Leute sehen, was sie sehen wollen.«
»Onkel John!«, sagte ich mit einiger Betonung. »Und den Namen des Warters hast du auch gekannt. Bist du rein zufallig vielleicht eine regelma?ige Besucherin hier?«
»Treffer, Sherlock! Durch Zufall fand ich heraus, wer der Seltsame John tatsachlich ist, und seitdem habe
