tanzen.«
Ich schaute zu Molly hinuber. »Denkst du, dass er diese Dinge wirklich sieht?«
»Wer wei??«, meinte Molly. »Er ist deine Familie.«
Der Seltsame John sah mich scharf an. »So, du bist jetzt also ein Vogelfreier. Was hast du ausgefressen, Eddie?«
»Ich wei? es nicht! Ich hatte gehofft, du konntest -«
»Du bist nicht wegen Hilfe hierhergekommen«, sagte der Seltsame John. »Du bist hierhergekommen auf der Suche nach Schutz und Sicherheit, genau wie ich. Ich habe den Wahnsinn simuliert, um an diesen Ort zu kommen. Die Symptome vorgetauscht, den ganzen Papierkram gefalscht. Ich war sehr uberzeugend! Hier bin ich sicher. Ich bin nicht eingesperrt - die Familie ist ausgesperrt. Hier werden sie mich nie finden. Sie wollen namlich meinen Tod; oder wenigstens wollen das einige von ihnen. Wegen dem, was ich wei?. Was ich herausgefunden habe …«
»Ich werde die Familie sturzen«, sagte ich. »Ihre Gewalt uber die Welt brechen. Wirst du mir helfen?«
»Nein!«, sagte der Seltsame John und schlug auf einmal mit seinen gebrechlichen Fausten auf die Lehnen seines Sessels. »Das reicht nicht! Die Familie muss ausgeloscht werden, abgeschlachtet, bis auf den Allerletzten von uns! Einschlie?lich dich und mich! Wir mussen sterben! Die Drood-Familie ist gemein, bosartig, vollig korrupt! Wegen dem, was wir getan haben und was wir alle sind … Fur solch eine Sunde kann es keine Vergebung geben. Nur der Tod kann so einen Frevel wiedergutmachen!« Er packte meine Hand mit schmerzhaft festem Griff. »Suchen sie noch nach mir? Nach all der Zeit?«
»Ja. Naturlich! Du bist der Familie sehr wichtig.«
»Sie suchen nach mir wegen dem, was ich wei?.« Er lie? meine Hand los und starrte wieder aus dem Fenster. »Sie werden nie aufhoren, nach mir zu suchen.«
»Was ist es?«, fragte Molly. »Was wissen Sie?«
»Ihre Agenten konnten uberall sein«, sagte der Seltsame John schlau. »Besucher, Patienten, Warter. Aber sie werden William Drood nie finden, denn er ist nicht hier. Nur der Seltsame John ist hier. Ich verstecke mich in ihm, so tief, dass niemand mich sehen kann … Aber ihr seid hier. Wenn ihr mich gefunden habt, konnen sie es auch!«
Jetzt regte er sich richtig auf und warf seinen knochigen Schadel hin und her. Molly und ich brauchten eine Weile, bis wir ihn wieder beruhigt hatten, indem wir ihn trosteten und beruhigten wie ein kleines Kind nach einem Albtraum. »Wieso will die Familie dich so dringend finden?«, fragte ich ihn. »Was wei?t du?«
»Ich wei? es nicht«, sagte der Seltsame John unglucklich. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe mich selbst dazu gebracht, zu vergessen, verstehst du? Es war die einzige Moglichkeit, nicht wahnsinnig zu werden … Ich habe etwas herausgefunden; so viel wei? ich. Ich habe ein Buch gelesen, das ich nicht hatte lesen sollen, ein sehr altes Buch, und es hat mir etwas Entsetzliches uber die Familie verraten. Uber das, was wir wirklich sind.«
»Ich wei?«, sagte ich. »Es war auch fur mich ein Schock, zu erfahren, dass wir die geheimen Herrscher der Welt sind.«
»Nicht das!«, erwiderte der Seltsame John verachtlich. »Wer schert sich darum? Damit konnte ich leben … Nein, das hier war viel schlimmer … Manchmal traume ich, ich bin wieder im Herrenhaus. Ich gehe ins Sanktum und stehe vorm Herzen … und dann wache ich schreiend auf. Da ist etwas, woran ich mich nicht erinnere, etwas, woran ich mich nicht erinnern darf, weil es zu schrecklich ist, zu entsetzlich, um es zu ertragen. Das Geheimnis im Herzen der Droods … Ich verlie? das Herrenhaus. Ich rannte und rannte und rannte, und schlie?lich kam ich hierher. Hier bin ich sicher. Sicher vor allem und jedem; sogar vor mir selbst. Ich wei? nicht mehr, was drau?en in der Welt passiert, und es ist mir auch egal. Dinge zu wissen macht einen nicht glucklich.«
»Niemand ist uns gefolgt!«, beruhigte ich ihn schnell. »Niemand wei?, dass wir hier sind. Du bist immer noch sicher.«
»Gott segne dich, Eddie!«, sagte er. »Ich wunschte, es gabe etwas, was ich fur dich tun konnte! Aber ich kann dir nicht helfen. Ich kann keinem von uns helfen. Wir sind namlich alle verdammt. Alle verdammt wegen dem, was wir getan haben und was wir sind …«
Und einfach so ging er wieder in sich selbst zuruck. William Dominic Drood verschwand, und nur der Seltsame John war noch da. Die Personlichkeit floss aus seinem Gesicht ab und lie? nur die leere Hulle des Patienten der Anstalt zuruck, der ruhig in einem Sessel sa? und durch die Gitterstabe seines Fensters auf die Dinge blickte, die nur er sehen konnte. William Dominic Drood hingegen versteckte sich wieder vor meiner Familie und vor dem, woran er sich so verzweifelt nicht erinnern wollte. Was konnte er entdeckt haben, uber welche Wahrheit konnte er gestolpert sein, die so viel schlimmer war als das, was ich bereits wusste? Es war sinnlos, den Seltsamen John oder William Drood danach zu fragen.
Wenn er nicht schon verruckt gewesen war, als er hier ankam, so war er es jetzt todsicher.
Kapitel Funfzehn
Eddie wird gejagt
Wieder zuruck auf der Kuppe des grasbewachsenen Hugels drehte ich mich langsam um und lie? meine Blicke uber das kleine Stadtchen schweifen. Malerische Hauser, enge Stra?en, weiter weg in der Ferne Bauernhofe und Ackerland. Alles war so ganz normal, so alltaglich, die Menschen so nichts ahnend von all den schrecklichen Dingen, die sie mit der Welt gemein hatten. Einst war es meine Aufgabe gewesen, Menschen wie sie vor all dem Bosen zu beschutzen, das im Schatten verborgen auf der Lauer lag; doch je mehr Nachforschungen ich anstellte, je tiefer ich bohrte, umso mehr fand ich heraus, wie tief und dunkel dieser Schatten wirklich war. Und jetzt sah es so aus, als ob meine Familie aus dem Schatten heraus auf mich zuruckblickte. Was konnte William Drood herausgefunden haben? Was konnte so entsetzlich sein, dass er es aus seinem Verstand ausloschen musste? Wenn ich es herausfand, wurde ich dann am Ende dasselbe tun mussen?
Wie ich so auf der Kuppe eines Hugels in der Mitte von Nirgendwo stand und auf eine Welt hinausblickte, die ich nicht mehr wiedererkannte, frostelte mich.
Mein Arm tat weh. Auch wenn ich darauf achtete, ihn nicht zu bewegen, schmerzte das verdammte Ding wie ein eiternder Zahn. Irgendetwas steckte in mir und fra? mich bei lebendigem Leib auf. Drei Tage, hochstens vier. Und standig dieses drangende Bedurfnis, etwas zu unternehmen, irgendetwas, um auch nicht einen Moment der kostbaren Zeit zu vergeuden, die mir noch blieb. Doch ungeachtet all meines Bohrens, all meiner Fragen, hatte ich immer noch nichts Bestimmtes, worauf ich meinen Tatendrang hatte richten konnen. Ich kannte die Namen meiner Feinde, aber nicht die Grunde ihrer Feindschaft. Ich musste nachdenken, einen Plan fassen; und immer noch tickte die Uhr, tickte … Ich sah Molly an, die schweigend neben mir stand.
»Tja«, sagte ich. »Danke, dass du mich hierhergebracht hast, Molly. Das war … schwer deprimierend. Gibt es noch mehr muntere und hilfreiche vogelfreie Kollegen, mit denen ich mich deiner Ansicht nach treffen sollte?«
»Ich kann mich auch einfach von hier wegportalen und dich stehen lassen!«, entgegnete Molly.
»Du wurdest meine spruhende Personlichkeit vermissen.«
»Schau, mach dich nicht selbst fertig, Eddie! Du hast sehr viel mehr aus dem Seltsamen John herausbekommen, als es mir jemals gelungen ist. Und mir schwebt da tatsachlich noch ein anderer Vogelfreier vor; jemand, der sehr hilfreich sein konnte. Er wei? eine ganze Menge Dinge. Man nennt ihn den Maulwurf.«
»Na, das ist doch mal ein Name, der Vertrauen einflo?t!«
»Willst du ihn kennenlernen oder nicht?«
»Hat er drei Freunde, die Wasserratte, Kroterich und Dachs hei?en?«, erkundigte ich mich hoffnungsvoll.
Molly seufzte. »Das ist die Rache dafur, dass ich dich mit Mr. Stich bekannt gemacht habe, stimmt's?«
»Nein, ehrlich, ich kann es kaum erwarten, Herrn Maulwurf in seinem Loch zu besuchen.«
Sie sah mich an. »Dein Arm ist schlimmer geworden, oder?«
»Ja. Lass uns aufbrechen.«
Molly beschwor ein weiteres Raumportal, wobei tiefe Falten der Konzentration auf ihre Stirn traten. Der Vorgang schien diesmal langer zu dauern, und der Schwei? lief ihr in Stromen ubers Gesicht. Vor uns waberte und
