mein Leben jemals fair gewesen? Ich konnte es mir nicht leisten, der Hysterie nachzugeben; ich musste ruhig und konzentriert bleiben. Vielleicht wurde mir, am Ende, nur ubrigbleiben, kampfend unterzugehen und so viele meiner Feinde mit mir zu nehmen, wie ich konnte.
Wenn es so war, dann konnte ich es nicht erwarten loszulegen.
Tommy brachte uns hoch ins oberste Stockwerk. Der Aufzug hatte sein eigenes Sicherheitsschloss. Ich guckte Tommy unauffallig uber die Schulter, als er die Kombination einhammerte: Und siehe da, es war 4321! Hier hatte eine Gruppe entschlossener Pfadfinder einbrechen konnen! Und wurde heutzutage wahrscheinlich eine Auszeichnung dafur erhalten.
»Wieso Seltsamer John?«, fragte ich unvermittelt. »Was ist eigentlich so … seltsam an ihm?«
Tommy kicherte. Dieses Gerausch hatte ich langsam wirklich satt. »Weil er mit Leuten redet, die nicht da sind, und oft nicht mit Leuten reden will, die da sind. Er sieht Dinge, die sonst niemand sehen kann, und erzahlt allen moglichen Mist daruber, wenn man ihn lasst. Der Kerl lebt in seiner ganz eigenen Welt. Fruher hatte er echt schlimme Albtraume, bis wir seine Medikation erhoht haben. Um fair zu sein muss man allerdings sagen, dass er nie gewalttatig ist; isst immer brav sein Essen auf und macht nie Theater, wenn er seine Pillen nehmen soll. Das sind an einem Ort wie diesem die besten Patienten.«
Er fuhrte uns bis ganz ans Ende des Korridors. Die Wande waren in blassen Pastellfarben gestrichen, als ob man vermeiden wollte, dass die Patienten uberreizt wurden. Bewegungsempfindliche Kameras folgten uns den ganzen Weg. Die Tur zum Zimmer des Seltsamen John stand halb offen; Tommy trat zuruck und bedeutete Molly und mir einzutreten.
»Falls es irgendwelche Probleme gibt: Direkt neben der Tur ist ein gro?er roter Alarmknopf. Wenn Sie den drucken, komm ich angerannt. Scheuen Sie sich nicht, ihn zu benutzen! Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir eine Schwester hier, die einen Kerl zu nah an sich herangelassen hat, und er hat ihr das halbe Gesicht abgebissen, bevor wir ihn wegziehen konnten. Wir haben ihn anschlie?end halb totgetreten, aber das hat ihr wenig geholfen. Sie kam nie wieder. Kann es ihr nicht verubeln! Hab allerdings gehort, sie soll 'ne echt anstandige Entschadigung gekriegt haben. Das sind alles kranke, bosartige Dreckskerle, sonst waren sie nicht hier. Is' nicht bos gemeint, Molly! Besuchen Sie mal schon Ihren Onkel John!«
Er schlenderte fort, und Molly und ich blickten einander an. »Frohliches Kerlchen«, sagte sie.
»Den Eindruck hatte ich auch.«
»Ich muss wirklich daran denken, ihm einen scheu?lichen Fall von Hamorrhoiden zu verpassen, bevor ich gehe.«
»Tu das! Sollen wir reingehen?«
Wir gingen rein. Das Zimmer machte einen ganz angenehmen Eindruck. Noch mehr beruhigende Farben an den Wanden, ein bequem aussehendes Bett und ein paar einfache Mobel, alle offensichtlich am Boden verschraubt. Ein paar Bucher in einem Regal, Blumen in Vasen und ein Fernseher in einer Ecke, ausgeschaltet. Der Patient sa? ruhig in einem Sessel am Fenster und sah durch die Gitterstabe. Ein gebrechlicher alter Mann in einem verblassten Morgenmantel. Er blickte sich weder um, als wir hereinkamen, noch zeigte er sonst eine erkennbare Reaktion, als wir uns ihm naherten. Ich uberprufte ihn kurz mit dem
»Was?«, fragte Molly. »Was ist los? Erkennst du ihn?«
»Teufel noch mal, ja! Sein Name ist nicht John: Das ist William Dominic Drood. Und er ist kein Vogelfreier; er wird als vermisst aufgefuhrt. Die Familie sucht schon seit Jahren nach ihm! Er war der Oberbibliothekar, daheim im Herrenhaus. Einer unserer allerbesten Forschungsgelehrten! Eines Tages … verschwand er einfach und wurde nie mehr gesehen. Und glaub mir, wir alle haben wirklich schwer nach ihm gesucht! Er wusste alle moglichen Sachen uber die Familie und das Herrenhaus, Geheimnisse, bei denen wir es uns nicht leisten konnten, dass sie jemand au?erhalb der Familie kennt. Aber wir haben ihn nie gefunden. Sein Verschwinden ist eins der gro?en ungelosten Ratsel meiner Familie. Und die ganzen Jahre uber war er … hier?«
Ich hielt inne und sah unvermittelt auf die Uberwachungskamera in der anderen Ecke das Zimmers.
»Alles in Ordnung«, sagte Molly schnell. »Ich habe sie mit meinem Illusionszauber belegt, als wir durch die Tur gekommen sind. Sie werden sehen, was sie zu sehen erwarten, sonst nichts. Aber es wird nicht lange halten. Also rede mit dem Mann! Nenn ihn bei seinem richtigen Namen! Ich habe alles versucht, was mir eingefallen ist, und nie mehr als ein Dutzend Worte aus ihm herausbekommen. Probier, ob du mehr Gluck hast! Aber mach schnell! Die Zeit ist nicht auf unsrer Seite!«
»Ich wei?«, erwiderte ich. »Glaub mir, ich wei?!«
Ich ging neben dem Sessel des Seltsamen John in die Hocke. Auf die Art fiel es mir leichter, an ihn zu denken, hauptsachlich wegen des wirklich beunruhigenden Blicks in seinen Augen. Was immer er drau?en vor seinem Fenster sah, ich war mir ziemlich sicher, dass ich es nicht sehen wurde, wenn ich hinaussahe. Oder es sehen wollte.
»William?«, sagte ich. »William Dominic Drood. Kannst du mich horen?«
Er blickte sich nicht einmal um. Der traurige, verlorene Ausdruck in seinem Gesicht anderte sich keinen Moment lang.
»Versuch, ihm deinen Torques zu zeigen!«, sagte Molly auf einmal. »Das konnte etwas ihn ihm auslosen.«
Nur mit der rechten Hand offnete ich die oberen Knopfe meines Hemds und legte den goldenen Reif um meinen Hals frei. Ich nahm das Kinn des Seltsamen John in die Hand und drehte sein Gesicht sanft, aber bestimmt herum, sodass er mich ansehen musste. »Hor mir zu, William! Ich bin Edwin Drood, geschickt, um dich zu finden. Schau meinen Torques an! Erinnerst du dich an mich? Ich bin die ganze Zeit in der Bibliothek ein und aus gegangen, als ich noch ein Kind war.«
Er sah auf den Torques, und einfach so - wachte er auf. Es war unheimlich, sogar entsetzlich, zu sehen, wie eine ganz neue Personlichkeit in sein Gesicht floss, wie Wasser, das in ein Glas stromte. Er sah aufgeweckt und intelligent und nicht im Geringsten verruckt oder mit Medikamenten vollgepumpt aus. Er sprang aus seinem Sessel auf und wich vor mir zuruck, wobei er beide Hande von sich streckte, als ob er mich abwehren wollte.
»War es das?«, fragte er. »Bist du gekommen, um mich endlich zu toten, fur die Familie?«
»Nein, nein!«, sagte ich schnell. »Ich will dir nichts Boses! Ich bin nicht im Auftrag der Familie hier. Ich bin fur vogelfrei erklart worden und wei? nicht, warum. Ich habe gehofft, du konntest einige Antworten haben, oder wenigstens ein paar Ratschlage.«
Er beruhigte sich fast augenblicklich, kam zuruck und lie? sich in seinem Sessel nieder. »So!«, sagte er schlie?lich. »Eddie Drood. Selbstverstandlich erinnere ich mich an dich! Du hast mich standig mit Fragen geplagt, alles in Zweifel gezogen, dir Bucher ausgeliehen und nie zuruckgebracht. Der beste Schuler, den ich je hatte. Und jetzt bist du ein Vogelfreier in Begleitung der beruchtigten Molly Metcalf. Nichts fur ungut, meine Liebe!«
»Schon gut!«, sagte Molly. »Erinnern Sie sich daran, dass ich fruher schon hier gewesen bin?«
»Ich furchte, nein. Ich … ich komme nicht mehr viel raus. Au?er wenn ich unbedingt muss. Es gab Uberlegungen, mich von hier zu verlegen. Denen habe ich schnell ein Ende gesetzt …«
»Aber warum?«, wunderte ich mich. »Was tust du hier, an einem Ort wie diesem? Was ist dir zugesto?en?«
Er sah mich traurig an. »Ich kann die Geister von allen sehen, die du je getotet hast, Eddie. Es sind so viele … Und da ist etwas in dir, etwas anderes … Ich sehe dieser Tage so klar, ob ich will oder nicht.« Er schaute hinuber zu Molly, die sich jetzt auf der anderen Seite seines Sessels niederkauerte. »Und Sie haben so viele ungluckselige Ubereinkunfte getroffen, um die Macht zu bekommen, die Sie wollten. Um Ihre armen Eltern zu rachen. Ich kann die Ketten sehen, die Sie mit sich schleppen und die Sie niederdrucken. Eine so gro?e Last fur jemanden, der so jung ist …« Er blickte erneut aus dem Fenster, damit er Molly oder mich nicht mehr ansehen musste.
»Was siehst du da drau?en?«, fragte ich.
»Alle Anblicke aus allen anderen Dimensionen, die sich mit dieser hier schneiden. Ich sehe einen Wald aus Blumen, die in schrecklichen Harmonien singen. Ich sehe eine gro?e, steinerne Honigwabe, tausend Fu? hoch, mit Leuten, die in den Zellen ein und aus krabbeln und wie Insekten an den Wanden hochhuschen. Ich sehe Turme aus reinem Licht und Wasserfalle aus Blut und einen Friedhof, wo sie aus ihren Grabern steigen und im Mondlicht
