ich es fur mich behalten. Ich hoffte, ich konnte mich seiner bedienen, um ein bisschen nutzlichen Schmutz uber seine Familie ans Tageslicht zu bringen. Irgendein geheimes Stuck Insiderwissen, das ich als Waffe einsetzen konnte.«

»Und?«

Sie blickte mich kurz mit unlesbarer Miene an. »Warte, bis du ihn kennenlernst, dann wirst du es verstehen.«

Ausgedehnte, fast totgemahte und -kultivierte grune Rasenflachen erstreckten sich zu beiden Seiten des Weges. Patienten in Morgenmanteln mit wilden Haaren und leeren Augen wanderten teilnahmslos hin und her und schopften frische Luft. Eine Hand voll gelangweilt aussehender Warter in wei?er Krankenhauskleidung genoss eine Zigarettenpause beim Zierbrunnen. Einige Patienten murmelten vor sich hin. Einige machten nur Gerausche. Keiner von ihnen sah wie ein Axtmorder aus. Und keiner warf auch nur einen Blick auf Molly und mich; sie waren in ihre eigenen privaten Welten vertieft.

Als Molly und ich uns dem gro?en Haus naherten, erkannte ich, dass die Fenster alle mit Stangen vergittert und mit schweren Metallladen versehen waren, die bei Bedarf zugeklappt werden konnten. Schwenkbare Au?enkameras verfolgten unser Herannahen. Das Hauptportal sah sehr stabil und sehr verschlossen aus. Molly beugte sich uber das elektronische Kombinationsschloss, das sich in dem Pfosten neben der Tur befand, und tippte vier Zahlen ein.

»Man sollte denken, sie wurden die Nummer von Zeit zu Zeit andern«, sagte sie makelig. »Oder sich wenigstens eine anstandige Kombination einfallen lassen. Ich meine, solange ich hierherkomme, ist es schon 4321; blo? damit das Personal keine Schwierigkeiten hat, sich im Notfall daran zu erinnern. Jeder x-Beliebige konnte sie erraten! Zumindest jeder x-Beliebige mit der normalen Anzahl von Tassen im Schrank. Ich wurde ja einen ernsten Brief an den Anstaltsdirektor schreiben, aber man kann ja nie wissen - eines Tages muss ich vielleicht mal hier einbrechen. Oder aus.«

Die Tur schwang auf und enthullte eine angenehm offene Eingangshalle. Hubsche Teppiche, gemutliche Mobel, Gedenktafeln und Auszeichnungen an den Wanden. Der einzige Misston war, dass die Empfangsdame in ihrer eigenen kleinen Kabine hinter schwerem verstarktem Glas sa?. Sie war eine matronenhafte Frau mittleren Alters in der unvermeidlichen wei?en Krankenhauskleidung mit einem ungezwungenen, freundlichen Lacheln. Molly lachelte und nickte vertraulich zuruck, und die Empfangsdame schob uns durch einen schmalen Schlitz im Glas ein Gastebuch zu, damit wir uns darin eintrugen. Nach nur einem Moment des Zogerns schrieb ich Mr.& Mrs. Jones.

»Oh, wie nett!«, sagte die Empfangsdame frohlich. »Mal was anderes als die ganzen Smiths, die wir sonst hier haben! Die meisten Leute legen keinen Wert darauf, ihren richtigen Namen zu benutzen, wenn sie Verwandte besuchen kommen - nur fur den Fall, dass jemand herausfindet, dass es einen Kannibalen in der Familie gibt. Obwohl wir naturlich bei solchen Dingen immer gro?te Sorgfalt walten lassen. Schon, Sie wieder hier zu sehen, Molly! Die meisten Leute kommen nicht gern an einen Ort wie diesen. Wir haben die ganzen Bosen hier: die Kindermorder, die Serienvergewaltiger, die Tierverstummeler …. All die Patienten, die sonst keiner will oder mit denen sonst keiner zurechtkommt. Erst vor wenigen Wochen hatten wir den Dorset-Schlitzer hier: lammfromm, uberhaupt keine Schwierigkeiten.«

»Wir sind hier, um meinen Onkel John zu besuchen«, sagte Molly und beendete einen Monolog, der kein Ende zu nehmen drohte. »John Stapleton?«

»Naturlich sind Sie das, meine Liebe! Der Seltsame John, so nennen wir ihn. Er ist nie ein Problem, Gott segne ihn! Keine Ahnung, was er getan hat, dass man ihn an einen Ort wie diesen geschickt hat, vor meiner Zeit, aber es muss ziemlich schlimm gewesen sein, denn es ist nie daruber gesprochen worden, ihn in eine weniger sichere Einrichtung zu uberweisen, obwohl er sich so gut benimmt. Denken Sie daran: Halten Sie hier immer die Augen auf, meine Lieben! Viele Patienten an diesem Ort sind die letzten Gesichter, die viele Menschen jemals sahen! Nun machen Sie es sich bequem, und ich werde einen Aufseher herrufen, der sie ins oberste Stockwerk begleitet.«

Molly lie? sich in einem behaglichen Sessel nieder, aber mir war nicht nach Sitzen zumute. Das hier war kein gemutlicher Ort, trotz allem Schnickschnack. Ich schaute durch eine offene Tur in einen angrenzenden Aufenthaltsraum, in dem Patienten in Morgenmanteln einfach nur herumsa?en. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Keine sich hin und her werfenden Gestalten in Zwangsjacken, keine allgegenwartigen muskulosen Warter, die darauf warteten, jeden, der ungezogen war, windelweich zu prugeln. Stattdessen blo? eine Kollektion ganz normal aussehender Leute, die in Sesseln sa?en, in Zeitungen und Magazinen blatterten oder sich die morgendlichen Fernsehshows ansahen. Der einzige anwesende Pfleger sa? im Hintergrund und loste das Times-Kreuzwortratsel. Als Molly neben mich kam, zuckte ich unwillkurlich ein bisschen zusammen.

»Heutzutage wird alles mit Freundlichkeit gemacht«, erklarte sie mir leise. »Der chemische Knuppel. Sie sind alle vollgepumpt mit Medikamenten, damit sie keine Schwierigkeiten machen oder freche Antworten geben. Allerdings wirst du uberall Uberwachungskameras bemerken, fur den Fall eines Falles. Die richtigen Hartefalle werden au?er Sicht verwahrt, um die Besucher nicht zu vergratzen.«

»Das stimmt«, sagte unsere Begleitung, die plotzlich neben uns erschien: noch ein muskuloser Mann in wei?er Krankenhauskleidung, diesmal mit rasiertem Kopf und einem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht. Er behielt eine Hand am Gurtel, direkt neben dem Gummiknuppel, und machte keine Anstalten, uns die andere zu geben. »Hallo, ich bin Tommy. Fragen Sie mich, was Sie wollen! Ich bin sozusagen schon ewig hier. Es gibt gutes Geld, viel Urlaub, und die Arbeit ist die meiste Zeit uber nicht besonders schwierig. Kaum irgendwelche Aufregung dieser Tage. Die Wunder der modernen Wissenschaft; besser leben durch Chemie!« Er sah durch die Tur in den Aufenthaltsraum und kicherte ungeniert. »Schauen Sie sie sich an! Man konnte ihnen die Pantoffel in Brand stecken, und sie wurden es nicht merken! Wie Ihre Frau gesagt hat, die richtigen Tiere halten wir unten, in der Barengrube.« Er kicherte noch einmal und sah Molly von der Seite an. »Wir mussten Ihren Onkel John ein paarmal runterstecken, als er anfangs hier war. Danach hat er uns keinen Arger mehr gemacht.«

»Wie geht es ihm?«, erkundigte sich Molly. »Hat mein Onkel einen seiner guten Tage?«

Tommy zuckte leichthin die Schulter. »Schwer zu sagen bei ihm. Solange er sich benimmt, ist das alles, was mich interessiert.« Wieder kicherte er und schaute diesmal mich an. »Der seltsame John - so nennen wir ihn hier. Er ist wirklich nicht ganz beieinander, das arme Schwein. Erster Besuch, was? Erwarten Sie nicht zu viel von dem alten Mann! Wir halten ihn gut sediert, damit er nicht herumwandert. Viele von unsern Schafchen bekommen nervose Beine …«

»Es ist gut zu wissen, dass Sie sich so gut um meinen Onkel kummern«, sagte Molly. »Ich darf nicht vergessen, Ihnen eine Kleinigkeit zu geben, bevor ich wieder gehe!«

Tommy lachelte und nickte, der Gimpel.

Er und Molly unterhielten sich noch weiter, aber ich horte ihnen nicht mehr zu. Ich benutzte den Blick, den der Torques mir verlieh, um die Eingangshalle so zu sehen, wie sie wirklich war, verborgen vor den Augen blo?er Sterblicher. Uberall waren Damonen; sie huschten uber die Decke, hingen an den Wanden und ritten auf den Rucken der Patienten. Damonen losen keinen Wahnsinn aus, aber sie ergotzen sich an dem Leiden, das er verursacht. Einige Damonen waren fett und aufgeblaht geworden, wie Parasiten, die sich mit zu viel Blut vollgestopft hatten. Ein untersetztes, schwarzes Insektenwesen hockte zu Fu?en des anwesenden Pflegers, wie ein treues Haustier, das auf einen Leckerbissen wartete. Manche Damonen merkten, dass ich sie sehen konnte. Sie bewegten sich unbehaglich, versenkten ihre Stachelklauen und Greifhaken in Rucken und Schultern der Patienten, um klarzumachen, dass sie ihre Opfer nicht kampflos aufgeben wurden. Ich hatte gern jeden einzelnen Damon im Raum getotet, sie von ihren Opfern heruntergerissen, ihre Schadel und Ruckenpanzer unter meinen goldenen Fausten brechen und zersplittern gefuhlt, aber ich durfte es nicht riskieren, eine Szene zu machen. Ich musste den Seltsamen John sehen. Ich musste erfahren, was er wusste.

Ich wandte dem Aufenthaltsraum den Rucken zu und stellte den Blick ab. Es hat schon seinen Grund, weshalb ich ihn nicht sehr oft einsetze. Wenn wir alle die ganze Zeit uber die Welt sehen konnten, wie sie wirklich ist, konnten wir es nicht ertragen, darin zu leben. Nicht einmal wir Droods. Unwissenheit kann ein Segen sein.

Ich gesellte mich wieder zu Molly, die sofort meine Ungeduld spurte. Sie horte auf, den Warter auszuquetschen, und sagte ihm, sie mochte jetzt ihren Onkel sehen. Tommy zuckte die Schulter und fuhrte uns zu den Aufzugen. Und die ganze Zeit dachte ich: Drei Tage, hochstens vier. Ein Teil von mir wollte schmollen und mit den Fu?en aufstampfen und schreien: Unfair! Aber wann war

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