verhindern, dass die Droods diesen wiedergeborenen Pendragon beeinflussen und kontrollieren wurden. Ich wehrte mich naturlich, und wahrend wir beide abgelenkt waren, spazierte der neue Pendragon einfach fort in die Nacht hinein.
Der erste Hinweis, den Molly und ich darauf erhielten, dass etwas schrecklich schiefgelaufen war, war, dass der Wald auf dem Hugel hinter dem Hauschen explodierte. Wir stellten unsere Versuche, einander umzubringen, ein und schauten uns um, und so weit meine Blicke reichten, stand der ganze Horizont in Flammen, und die jahrhundertealten brennenden Baume hoben sich hell gegen den Nachthimmel ab. Die Flammen schlugen hoch, wild und boshaft, geschurt von mehr als nur Naturkraften. Molly und ich einigten uns auf eine sehr einstweilige Waffenruhe und gingen den Hugel hoch, um nachzusehen, was zum Teufel los war. Nie werde ich den ersten Anblick des Mannes vergessen, der Paul Anderson gewesen war, wie er lachend in den Flammen stand, verwandelt und umgestaltet, unberuhrt von der entsetzlichen Hitze, und uralte und furchtbare Zauberspruche in einer vergessenen Sprache sang.
Wie sich herausstellte, hatten die Prakogs und Medien es nur zur Halfte richtig mitbekommen, wie ublich. Paul Anderson war eine Pendragon-Wiedergeburt, so weit, so gut - aber nicht Artus. Paul war Mordred, Sohn von Artus, wieder da, um seine Bosheit auf der Welt zu verbreiten.
Vorsichtig naherten Molly und ich uns ihm. Wir wussten beide, wer er war, wer er sein musste. Ich dachte bereits ernsthaft daruber nach, Verstarkung anzufordern. Falls Mordred seine volle Macht wiedererlangt hatte, spielte er in einer ganz anderen Liga als ich. Zum Gluck hatte Mollys Zauber ihn verfruht zuruckgebracht, und er war immer noch ziemlich verwirrt. Ansonsten hatte er nie einen so elementaren Angriffszauber gegen meine Rustung losgelassen. Die Rustung warf den Zauber genau auf ihn zuruck und sprengte seine noch ungeschutzte menschliche Gestalt in Stucke. Nichts blieb von ihm ubrig au?er blutigen Klumpen, die sich im weiten Umkreis verteilten.
Molly verschwand, wahrend ich damit beschaftigt war, eine Truppe zu organisieren, die sich um den Waldbrand kummerte.
Und diesmal war die Familie richtig stinkig.
Das war so ziemlich das Muster uber die Jahre. Molly und ich tauchten auf, um irgendeine wichtige Person oder einen wichtigen Preis fur uns zu beanspruchen, bei jeder Auseinandersetzung immer auf verschiedenen Seiten und mehr als bereit, uns gegenseitig umzubringen, um zu verhindern, dass der andere mit dem Preis oder der Person entwischte. Manchmal gewann ich, manchmal sie, aber alles in allem waren die Trumpfe gleichma?ig verteilt, wurde ich schatzen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie jemals wirklich gehasst hatte, und ich war erleichtert zu erfahren, dass es ihr genauso ging. Es war immer nur rein geschaftlich fur uns beide, nur die Arbeit, nichts Personliches. Au?er dass es auf eine seltsame Weise irgendwann doch personlich wurde. Wenn man jemanden wirklich kennen- und bewundern lernen will, gibt es nichts Besseres, als wiederholt zu versuchen, ihn zu toten. Um seine Qualitaten schatzen zu lernen.
»Wie viele Leute haben Sie umgebracht, Eddie?«, fragte Molly irgendwann, wahrend sie die Knie an die Brust zog und die Arme darum legte.
Ich zuckte mit den Schultern. Die Frage als solche brachte mich nicht in Verlegenheit; es war einfach nichts, woruber ich jemals nachgedacht hatte. »Ich habe vor Jahren aufgehort zu zahlen. Und Sie?«
»Uberraschend wenige, alles in allem. Es ist eine gro?e Sache, jemand zu toten. Man totet ja nicht nur den, der er ist, sondern auch alle, die er vielleicht noch werden wurde, und alles, was er vielleicht noch getan hatte.«
»Manchmal ist das der springende Punkt«, sagte ich. Es war mir wichtig, dass sie es verstand. Dass ich ein Agent war, kein Morder. »Ich denke gern, dass ich immer nur aus Notwehr getotet habe, oder um die Welt zu beschutzen. Um zukunftiges Leiden oder Toten zu verhindern. Aber am Ende … war meine Aufgabe nur, alles zu machen, was meine Familie mir sagte. Und das tat ich, denn ich vertraute ihnen. Wenn sie mir sagten, jemand musse getotet werden, dann ging ich immer davon aus, dass sie einen guten Grund dafur hatten. Zu meiner Verteidigung wurde ich anfuhren, dass sie meistens recht hatten und das ganz offensichtlich. Ich habe in meiner Zeit so manchen wirklich ublen Schei?kerl getotet. Ich konnte Ihnen Namen nennen …«
»Wahrscheinlich kenne ich sie schon«, sagte Molly. »Sie haben einen ziemlichen Ruf, Eddie.«
»Ich wei?. Einst war ich stolz darauf. Aber nicht nur als Killer, hoffe ich?«
»Naja … gro?tenteils. Der diskreteste Agent waren Sie nie, Eddie.«
»Sie scheinen ja eine ganze Menge zu wissen!«, sagte ich lassig. »Bei den meisten meiner Auftrage war ich drin und wieder drau?en, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Das ist das Merkmal eines guten Agenten: Er fuhrt seinen Auftrag aus, und niemand erfahrt je, dass er da war.«
»Wenn Sie es sagen!«, meinte Molly lachelnd. »Aber … haben Sie denn nie einen ihrer Befehle infrage gestellt? Einen ihrer Auftrage?«
»Wieso sollte ich? Sie kamen von meiner Familie. Wir wurden alle gro?gezogen, um den guten Kampf zu kampfen, um die Welt zu beschutzen, um uns selbst als Helden im gro?ten Spiel von allen zu betrachten. Familie war das eine, worauf man sich in einer unzuverlassigen Welt verlassen konnte. Also brachte ich die Leute um, die sie mir nannten. Und wenn ich auch manchmal nicht glucklich daruber war, was ich machte … ich lernte damit zu leben.«
»Und deshalb leben Sie allein«, sagte Molly. »Abgesehen von Familie, wer konnte hoffen, die Dinge zu verstehen, die wir tun?«
Wir sa?en eine Weile still da und horten Enya zu, die auf dem tragbaren CD-Spieler sang. Von drau?en kam das leise Murmeln des Windes, die Gerausche des Wassers und des Kais und das ferne Grollen des Stadtverkehrs. Eine ganze Welt, die weitermachte, genau wie immer, nicht wissend, dass alles sich geandert hatte. Aber das … musste bis morgen warten. Ich konnte spuren, wie mein Korper sich langsam entspannte, herunterdrehte von einem Tag, von dem ich gedacht hatte, er wurde niemals enden.
»So«, sagte Molly schlie?lich. »Was machen wir als Nachstes? Was konnen wir als Nachstes machen?«
»Ich wei? es nicht«, antwortete ich aufrichtig. »Ich habe viel erfahren, was ich nicht gewusst habe, aber nicht das, was ich wissen muss: Warum meine Familie mich den Wolfen vorgeworfen hat. Warum ich von einer Familie fur vogelfrei erklart worden bin, der ich mein ganzes Leben lang treu gedient habe. Warum meine eigene Gro?mutter mich unbedingt tot sehen will. Irgendetwas muss ich getan haben, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich wei?, was. Ich meine, ich wei? jetzt, wieso meine Familie sich so lang an die Macht geklammert hat; ich wei?, worum es bei den Geschaften der Drood-Familie wirklich geht. Aber es ist nicht so, dass ich irgendetwas davon vor dem heutigen Tag gewusst oder auch nur geahnt hatte.«
»Haben Sie schon einmal in Betracht gezogen, mit anderen Mitgliedern der Familie in Verbindung zu treten, die selbst ausgesto?en wurden?«, fragte Molly plotzlich. »Wurden Sie das gerne? Ich meine, wenn schon sonst nichts, sollten die wenigstens in der Lage sein, Ihnen einige wertvolle Tipps zu geben, wie man sich vor Ihrer Familie versteckt, wie man auf sich allein gestellt uberlebt, drau?en in der Welt.«
Ich dachte daruber nach. Ich hatte immer noch eine entschiedene Abneigung gegen das Wort
»Der einzige Vogelfreie, den ich je gekannt habe«, sagte ich langsam, »war der Blutige Mann, Arnold Drood. Ubler kleiner Schei?kerl. Wissen Sie, was er getan hat? Mit den Kindern? Ich kann nicht glauben, wie lange er es geheim halten konnte … Wie dem auch sei, die Familie sagte mir, was er getan hatte und wo er sich versteckt hielt, und ich ging geradewegs hin und totete ihn.« Ein schrecklicher Gedanke schoss mir durch den Kopf, und ich schaute Molly angstlich an. »Sie sagten es mir … aber war es auch wirklich wahr? Habe ich einen unschuldigen Mann umgebracht?«
»Nein!«, sagte Molly schnell und tatschelte mir beruhigend den Arm. »Entspannen Sie sich, Eddie! Er hat tatsachlich die ganzen entsetzlichen Sachen gemacht, die ihm alle nachgesagt haben. Ihre Familie waren nicht die
