Einzigen, die sich dem Blutigen Mann an die Fersen geheftet hatten. Aber nur einer von euch konnte ihn trotz seiner Rustung erwischen.« Einen Augenblick lang sah sie mich nachdenklich an. »Wie haben Sie es geschafft, ihn zu toten, Eddie?«

»Das war nicht schwer«, antwortete ich. »Ich habe gemogelt. Lassen Sie uns das Thema wechseln! In Anbetracht der Tatsache, dass ich so lange ein so guter Soldat gewesen bin, wird sich da uberhaupt einer der anderen Vogelfreien bereit erklaren, mit mir zu reden?«

»Sie werden mit mir reden«, sagte Molly. »Ich hatte in meiner Zeit mit ein paar von ihnen zu tun. Schauen Sie nicht so schockiert, Eddie! Sie befinden sich jetzt drau?en in der wirklichen Welt, und hier packen wir die Dinge anders an. Allianzen kommen und gehen, und wir alle verkehren, mit wem immer wir eben verkehren mussen, um unsere Angelegenheiten erledigt zu bekommen. Ich habe keine Familie, die mich unterstutzt, also habe ich mir aus den wenigen Menschen, denen ich wirklich vertraue, meine eigene gemacht. Ich kenne uberall Leute. Und ich kenne auch Leute, die Leute kennen. Genau genommen kenne ich drei vogelfreie Droods, die in und um London leben. Wenn ich mich fur Sie verburge, werden sie einem Treffen zustimmen. Wahrscheinlich.«

»Mir liegt nichts daran, blo? zu uberleben«, sagte ich. »Ich werde mich nicht in einem Loch verkriechen und es hinter mir zuscharren wie die andern Vogelfreien. Ich muss meine Familie zu Fall bringen, tief zu Fall bringen, fur das, was sie getan haben. Dafur, dass sie nicht sind, was sie zu sein behauptet haben. Aber … es muss auch jemand da sein, der stark genug ist, das Manifeste Schicksal aufzuhalten. So schlimm meine Familie auch ist, diese Dreckskerle sind noch schlimmer. Und Sie konnen darauf wetten, dass der ganze Schaden, den wir ihnen heute zugefugt haben, sie noch nicht mal bremsen wird. Sie sind gro? und sie sind organisiert und sie sind verkommen bis ins Mark. Falls ich die Macht der Droods uber die Welt breche … wer ware dann noch ubrig, der stark genug ist, Truman an all den schrecklichen Sachen zu hindern, die er jedem antun will, der nicht zum Manifesten Schicksal gehort?«

»Da gibt es eine offensichtliche Antwort«, sagte Molly. »Hetzen Sie sie sich gegenseitig auf den Hals!«

»Nein!«, widersprach ich sofort. »Ich will nicht dafur verantwortlich sein, einen Krieg anzufangen. Zu viele Unschuldige wurden sterben, weil sie ins Kreuzfeuer geraten. Au?erdem hat auch nicht jeder in meiner Familie Dreck am Stecken; manche sind gute Menschen, die den guten Kampf nicht nur aus Verpflichtung der Familie gegenuber kampfen, sondern einfach weil sie glauben, dass es das Richtige ist.«

»Wenn Sie es sagen!«, meinte Molly.

Jetzt war die Reihe an mir, sie nachdenklich zu betrachten. »Ich kam nicht umhin zu bemerken, Molly, dass Sie heute sehr … wortkarg, geradezu zuruckhaltend waren. Keine Ihrer ublichen wilden Zaubereien wie sonst in unseren Kampfen. Genau genommen haben Sie den Gro?teil der harten Arbeit mir uberlassen.«

Sie grinste. »Ich habe mich schon gefragt, wann Sie es wohl merken wurden. Ich habe Sie in Aktion beobachtet, Eddie, wollte sehen, was Sie konnen. Ich habe versucht, mir ein Bild davon zu machen, wer Sie wirklich sind. Ich habe die Droods die meiste Zeit meines Lebens gehasst und bekampft, und das aus gutem Grund: Sie haben meine Eltern ermordet, als ich noch ein Kind war.«

»Es tut mir leid!«, sagte ich. »Das wusste ich nicht.«

»Ich habe nie herausgefunden, warum. Droods stehen nicht darauf, ihre Handlungen zu erklaren. Deshalb konnte Truman mich auch so leicht umgarnen … Aber Sie waren schon immer anders, Eddie. Ich habe zu meiner Zeit gegen ein Dutzend verschiedener Drood-Agenten gekampft, aber Sie … Sie waren der Einzige, der jemals sauber gekampft hat. Sie haben mich immer … fasziniert, Eddie.«

»Ich liebe es, wenn eine Frau unanstandige Sachen sagt!«, entgegnete ich.

Wir beugten uns zueinander hin, als der Annaherungsalarm des Hausboots losging, ein gerauschloses karminrotes Licht, das die Kajute erfullte. Ich bedeutete Molly mit einer eindringlichen Geste, still zu sein, und stand schnell auf, um den CD-Spieler auszuschalten. Drau?en heulte der Wind mit einer Stimme, die nicht ganz allein seine war. Mit einer scharfen Gebarde brachte ich das karminrote Warnlicht zum Erloschen und lie? mich wieder neben Molly fallen. Ich brachte meinen Mund dicht an ihr Ohr.

»Nicht bewegen, nicht sprechen, mach gar nichts! Da drau?en ist etwas. Und mein Sicherheitsalarm wurde nicht so aufleuchten, wenn es nicht etwas wirklich Fieses in der naheren Umgebung ware.«

»Das nach uns sucht?«, fragte Molly nahezu unhorbar.

»Hochstwahrscheinlich. Aber es ist nicht meine Familie; das wurde einen ganz anderen Alarm auslosen.«

»Hast du irgendwelche Waffen an Bord?«

»Nein. Und auch keine Verteidigungssysteme. Das ist ja der Gedanke, der hinter diesem Boot steckt: Hier gibt es nichts, was irgendwie Aufmerksamkeit erregen konnte, nichts, was irgendein Feind spuren konnte. Es ist praktisch gar nicht existent.«

Wir lauschten dem tobenden Wind. Die Kajute hob und senkte sich jetzt sto?weise, denn etwas wuhlte das Wasser auf. Die Temperatur fiel jah ab. Mein Atem dampfte in der Luft und vermischte sich mit dem von Molly.

»Was glaubst du, was es ist?«, wisperte Molly.

»Konnten alle moglichen richtig bosen Wesen sein. Ich habe mir im Lauf meiner Karriere einige ernst zu nehmende Feinde gemacht. Wahrscheinlich denken sie, dass ich jetzt, wo meine Familie mich versto?en hat, verwundbar bin.«

»Aber du hast deine Rustung und ich habe meine Zauberspruche …«

»Nein. Wenn wir unsere Position verraten, werden wir uns wieder auf die Flucht begeben mussen, und mir gehen allmahlich die sicheren Verstecke aus. Halt den Kopf unten und bleib dicht bei mir! Die blo?e Nahe zu meinem Torques musste dich ebenfalls verbergen.«

Wir sa?en schweigend zusammen, wahrend das Hausboot schlingerte und stampfte und der Wind wie ein lebendiges Wesen heulte. Eine nach der anderen flackerten die Sturmlaternen und erloschen, sodass eine zunehmende Dusterkeit die Kajute erfullte, als ob etwas ganz in der Nahe sei, das Licht und Warme nicht ertragen konnte. Ich konnte die Prasenz von etwas schrecklich anderem spuren, das unerbittlich heranruckte, etwas Bosem und Scheu?lichem, wie ein Stachel in meiner Seele. Ich zitterte inzwischen und Molly ebenso, und das nicht nur vor der bitteren Kalte, die die Kajute durchdrang. Etwas suchte nach uns, etwas, was fur unsere Korper und unsere Seelen gefahrlich war, und es war gefahrlich nahe. Ich nahm Molly in die Arme und sie klammerte sich an mich. Ob ich sie festhielt, um sie naher an den Torques heranzubringen oder einfach nur aus dem verzweifelten Bedurfnis nach menschlicher Beruhrung heraus, konnte ich nicht sagen.

Ich hatte hochrusten konnen. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Rustung mich vor dem beschutzen wurde, was drau?en lauerte. Aber der Einsatz so starker Magie hatte meine Position sofort verraten. Und Molly ware schutzlos geblieben.

Schlie?lich bewegte sich die Prasenz drau?en weiter, und die Nacht wurde wieder normal. Der Wind lie? nach, bis er nur noch ein Raunen war, und das Hausboot horte auf zu schaukeln, als das Wasser sich beruhigte. Die Sturmlaternen gingen plotzlich wieder an, eine nach der anderen, und langsam fullten Licht und Warme wieder die Kajute. Molly fing an, sich von mir loszumachen, und ich gab sie sofort frei. Sie schuttelte langsam den Kopf und streckte sich dann theatralisch.

»Gott, bin ich mude! Komm nicht auf dumme Gedanken, Eddie! Wir sind Verbundete in diesem Fall, mehr nicht!«

»Naturlich«, sagte ich. »Ich brauche etwas Schlaf. Hattest du gern eine hei?e Schokolade, ehe wir uns hinhauen?«

»Hei?e Schokolade klingt sehr gut«, antwortete sie. »Aber wo genau hauen wir uns hin? Wie viele Betten hast du hier?«

»Nur das eine«, erklarte ich, »im Schlafzimmer am anderen Ende. Du kannst dort ubernachten, und ich lege mir ein paar Decken auf den Boden hier.«

»Mein perfekter edler Ritter!«, sagte Molly lachelnd.

Ich bereitete uns in der winzigen Schiffskuche zwei Becher dampfend hei?er Schokolade zu, und wir sa?en noch eine Weile zusammen und sprachen uber nichts Besonderes. Einfach abspannen nach einem langen, harten Tag. Schlie?lich begannen wir beide zu gahnen, Molly fielen die Augen zu, und sie schlief mitten auf der Couch ein. Ich rettete den Becher aus ihren langsam erschlaffenden Fingern und stellte ihn zur Seite. Der Schlaftrunk, den ich ihr in den Becher getan hatte, hatte ausgezeichnet gewirkt, verschleiert vom intensiven Geschmack der Schokolade. Es war nicht so, als ob ich ihr ganzlich misstraut hatte, aber wir hatten schon zu oft versucht, uns gegenseitig umzubringen, und ich musste mich sicher fuhlen konnen, wahrend ich schlief.

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