Wir gingen weiter, hinein in die Dunkelheit. Tunnel fuhrte zu Tunnel, ein verschlungenes Labyrinth tief unter den Stra?en Londons. Andere waren vor uns hier gewesen und hatten ihre Spuren auf den Backsteinmauern hinterlassen. Manche waren hoffnungsvoll; manche waren verzweifelte Botschaften an geliebte Personen, die jemals wiederzusehen keine Hoffnung mehr bestand. Es gab Pfeile, die in verschiedene Richtungen zeigten, und hier und da war sogar eine primitive Karte in den Stein geritzt. Freimaurersymbole, sonderbare Ausdrucke in alten, vergessenen Sprachen … Fast rechnete ich damit, Arne Saknussemms Initialen zu entdecken. Oder die Cave Carsons. Wir eilten weiter, folgten Mollys leuchtendem Pfeil. Ihr Schutzfeld dammte den Dreck ein, sogar wenn wir ab und zu durch die widerlichen Fluten waten mussten, um zu einem anderen Tunnel zu kommen. Schade nur, dass sie nichts gegen den Gestank unternehmen konnte.
Wir blieben unvermittelt stehen, als Mr. Stich sich von der Gruppe trennte, um eine spezielles Teilstuck der Backsteinmauer von Nahem zu untersuchen. Ich ging zu ihm, um ebenfalls einen Blick darauf zu werfen, aber die Mauer schien sich in nichts von den anderen, an denen wir vorbeigekommen waren, zu unterscheiden. Die runde Oberflache troff vor Feuchtigkeit, als ob sie in der unangenehmen Hitze schwitzte, und die ursprungliche Farbe des Backsteins verlor sich unter Schichten von angesammeltem Dreck und Massen von wulstigen Pilzen. Mr. Stich lie? seine Finger zartlich uber die Oberflache streichen, ohne den dicken Ruckstand, der an seinen teuren, ma?gefertigten Handschuhen hangen blieb, zu beachten. Mein erster Gedanke war, dass es anscheinend klar umrissene Grenzen fur Mollys Schutzfeld gab, der zweite, wirklich gar nichts selbst mit den Handen zu beruhren, aber schnell wurde ich von Mr. Stichs Gesichtsausdruck abgelenkt. Er lachelte, und es war kein sehr nettes Lacheln.
»Ich erinnere mich an diesen Ort«, sagte er, und etwas in seiner sanften Stimme bewirkte, dass sich mir die Nackenhaare stellten. »Es ist lange her, seit ich hier unten war. Ich glaube, damals war dieser Abschnitt noch im Bau begriffen … Ich pflegte standig hierherzukommen, um dem Larm der Menschheit zu entrinnen … Ja, ich erinnere mich an diesen Ort.«
Er druckte auf einen bestimmten Stein, und dieser versank mit einem vernehmlichen Klicken in der Wand. Mr. Stich stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Mauer, und ein gro?er Abschnitt schwang langsam an verborgenen Gelenken nach innen. Dahinter lagen nur Finsternis und Stille. Mr. Stich winkte Molly ungeduldig zu sich, und sie streckte ihre beleuchtete Hand in die neue Offnung. Wir drangten uns alle um sie herum, um zu sehen, was es zu sehen gab, aber Mr. Stich konnte es nicht abwarten; er fasste Molly an der Schulter und drangte sie hinein. Sie gingen vor in die Dusterkeit, und das Blumenmadchen und ich folgten ihnen auf dem Fu?.
Hinter der Backsteinmauer lag ein Raum, ein sehr geheimer Raum. Ich blieb reglos stehen, genau im Eingang, festgehalten von dem, was ich sah. Ich war angeekelt und entsetzt, und schrecklich wutend. Mein erster Gedanke war, dass es wie in einem gespenstischen Puppenhaus aussah. Der Raum war wie ein altes viktorianisches Wohnzimmer eingerichtet worden: wuchtige Mobel, dicke Teppiche, Stuhle mit steifen Ruckenlehnen zu beiden Seiten eines langen Esstischs mitsamt schwerem Tischtuch, Silbergedecken und Kerzenleuchtern. Sogar gerahmte Portrats an den Wanden.
Auf den Stuhlen zu beiden Seiten des langen Tischs sa?en tote Frauen, gekleidet nach der jeweiligen Mode ganz verschiedener Epochen, die Leichen alle in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Die abgeschlossene Umgebung hatte sie zu einem gewissen Grad konserviert, aber das trug nur zu dem Grauen bei. Die toten Frauen starren einander uber den Tisch hinweg an. Manche hatten Augen; manche nicht. Manche hatten Gesichter; manche nicht. Sie alle trugen ihre Todeswunden offen zur Schau, und es gab so viele davon … Manchen war die Vorderseite ihres Kleids aufgeschnitten worden, um Korper zu enthullen, die ausgehohlt worden waren. Ein paar hielten Teetassen in ihren Krallenhanden, als ob sie alle an irgendeiner grasslichen Teegesellschaft teilnahmen.
»Hallo, Liebling!«, sagte Mr. Stich. »Ich bin wieder daheim.«
Molly sah zu mir zuruck. »Davon hab ich nichts gewusst, Eddie, das schwore ich!«
Ich trat vor und stellte mich zwischen sie und Mr. Stich. »Das ist krank! Nennen Sie mir einen guten Grund, weshalb ich Sie nicht auf der Stelle toten sollte!«
»Wie viele haben Sie uber die Jahre hinweg umgebracht, junger Drood?«, entgegnete Mr. Stich, ohne mich auch nur anzusehen. Bedachtig schritt er die Reihe der Leichen ab, lachelte still vor sich hin, lie? seine Finger die Konturen der gebeugten Kopfe nachzeichnen, ohne sie dabei jedoch zu beruhren. »Konnte ein Zimmer dieser Gro?e uberhaupt alle aufnehmen, die Sie erschlagen haben? Ich wei? - Sie haben nur Befehle befolgt! Was Sie taten, taten Sie in nuchterner Pflichterfullung; ich bin wenigstens ehrlich genug, Gefallen an dem zu finden, was ich mache.« Er beugte sich uber eine graue Schulter, um in ein vertrocknetes Gesicht zu starren. »Ich unterhalte geheime Lager meiner Opfer in ganz London. In meinen verborgenen Verstecken, wo niemand sie je finden wird. Ich mag es, sie zu besuchen und … mit ihnen zu spielen. Ich genie?e das Ambiente, und den Geruch … Als ob man nach Hause kame.«
Ich schaute Molly an. Ihre Miene war gezwungen und angespannt, aber die beleuchtete Hand, die sie in die Hohe hielt, war noch ruhig. »Was haben Sie noch gleich gesagt?«, murmelte ich. »Uber Monster, die nicht immer Monster sind?«
»Ich habe es nicht gewusst!«, wiederholte sie. »Nicht einmal den Verdacht gehabt …«
»Sie wissen nichts uber mich«, sagte Mr. Stich.
Er stand am anderen Ende des Tischs, gro? und stolz wie ein typischer viktorianischer Patriarch, das Kinn hochgereckt, in den Augen ein schreckliches Leuchten. »Sie wissen nichts daruber, was mich antreibt, die Dinge zu tun, die ich tue. Einst faszinierten mich Frauen, und dann erfullten sie mich mit Abscheu. Sie versprechen alles und halten nichts, sie lugen und betrugen. Ich nahm stolze Rache an ihnen, tat ihnen weh, wie sie mir wehgetan hatten, und gewann dafur viel … Doch nun ist die einzige Intimitat, die ich je wieder erfahren kann, die mit meinen Opfern. Dieser Moment, wenn unsere Blicke sich begegnen, dieser kleine Seufzer, wenn die Klinge eindringt … das ist alles, was ich jetzt noch habe. Als ich gerade am Anfang stand, als alle mich Jack nannten, konnte ich nicht wissen, dass die Unsterblichkeit, die ich mir kaufte, die einer unsterblichen Totungsmaschine sein wurde. Getrieben zu toten und toten und niemals Ruhe oder Frieden zu finden. Ich mache immer weiter, in einer Welt, die immer weniger Sinn fur mich macht, und alles, was mir geblieben ist, ist so viel wie moglich Freude aus meinem nie enden wollenden Schaffen zu ziehen …«
»Sie konnen ihn nicht toten, Eddie«, sagte Molly ruhig. »Sie konnen nicht. Nicht einmal ihre Rustung konnte das ruckgangig machen, was er sich selbst angetan hat.«
»Was ist mit Ihrer Hexerei?«, fragte ich.
»Fragen Sie mich das nicht! Er ist mein Freund gewesen. Er hat … gute Dinge getan, weil ich ihn darum gebeten habe.«
»Genug, um das hier gutzumachen? Und all die anderen geheimen Lager, von denen wir nichts wissen?«
»Fragen Sie mich das nicht! Nicht hier!«
Das Blumenmadchen schwebte anmutig im Raum herum, beugte sich uber verdorrte Schultern, um in verfallene Gesichter zu schauen, und summte unterdessen ein frohliches Lied vor sich hin. »Sie sollten sich das nicht so zu Herzen nehmen, Schatzchen. Alle lebenden Dinge haben ihre Wurzeln in toten Dingen. Das ist der Lauf der Welt.« Sie schob die Hand unter ihr Kleid und runzelte einen Moment lang bezaubernd die Stirn. Als sie die Hand wieder herauszog, lag ein Haufen Samen darin. Sie ging an beiden Seiten des langen Tischs auf und ab und lie? ein paar Samen in die offenen Munder und leeren Augenhohlen jedes Leichnams fallen. »Lasst neues Leben sprie?en!«, sagte sie. »Das ist der Lauf der Natur.«
Mr. Stich schaute sie an, und das Blumenmadchen begegnete seinem Blick mit einem glucklichen Lacheln, in dem keinerlei Angst lag. Und der Mann, der einst von einer ganzen entsetzten Stadt Jack genannt worden war, nickte langsam.
»Vielleicht werde ich wiederkommen, irgendwann in der Zukunft«, sagte er. »Um zu sehen, welches seltsame Leben hier erbluht ist.«
Ich totete ihn nicht. Als Agent an der Front lernt man, dass man sich manchmal mit kleinen Siegen zufriedengeben muss.
Mr. Stich verschloss seine private Statte, und wir gingen weiter durch die Abwasserkanale, bis wir schlie?lich endlich das verborgene Reich der Gruppe des Manifesten Schicksals erreichten, ihr unterirdisches Konigreich. Ich hatte einen weiten Weg zuruckgelegt auf der Suche nach einem glaubwurdigen Widerstand gegen die jungst aufgedeckte Tyrannei meiner Familie, und sie waren gut beraten, mich nicht zu enttauschen. Ich
