Man findet den Mittelsmann hinter einem schabigen, absichtlich heruntergewirtschafteten Thairestaurant. Von au?en sieht es auf entschlossene Weise absto?end schmutzig und unappetitlich aus, die Art von Lokal, mit dem es nur ein wahrhaft verzweifelter oder naiver Tourist versuchen wurde. Tatsachlich bedeuten die Thaiworte uber der Tur angeblich: Verpiss dich, Auslander, und nimm deine lacherlich aussehenden Augen mit dir mit! Ich spahte durch das mit Fliegendreck ubersate Fenster ins Innere, vorbei an der nicht zu entziffernden Pappspeisekarte, und war nicht uberrascht festzustellen, dass das Restaurant vollig leer war, und das zu einer Zeit des Abends, wo es am vollsten hatte sein sollen. Die wackligen Tische waren mit Resopal uberzogen, die Stuhle aus billigem Plastik und in keiner Weise sauber und der Linoleumfu?boden unbeschreiblich. Irgendwie wusste ich genau, wer so toricht oder tapfer war, dieses Lokal zu betreten, wurde nicht das kriegen, was er bestellte, und wenn er trotzdem versuchte es zu essen, wurde das Personal sich aus der Kuchentur hinauslehnen, kichern und einander mit den Ellbogen ansto?en und sich zuraunen: Guck dir das an! Er isst es tatsachlich!

Das Restaurant ist nicht dafur vorgesehen, dass jemand hier isst. Es ist blo? eine Fassade fur den Mittelsmann. Selbst die Angestellten gehen sich ihr Essen woanders holen.

Ich nahm den Kopf tief herunter, damit niemand mein Gesicht erkennen konnte, knallte die Tur auf und ging mit forschen Schritten hinein. Ich ignorierte das uberraschte Thaipersonal und steuerte geradewegs auf die Kuchentur im hinteren Teil des Gastraums zu. Die Kellner waren zu verblufft, um mich aufzuhalten, und zeigten erst eine Reaktion, als ich die Tur aufstie?. Ich horte ihre Schreie hinter mir, als ich in die Kuche marschierte, als ob ich gekommen sei, um sie fur gesundheitsschadlich zu erklaren, und dann rustete ich hoch und setzte die Tarnkappenfunktion au?er Funktion. Das Kuchenpersonal warf einen Blick auf mich in meiner goldenen Rustung und wich mit besturzten Schreien zuruck wie ein Haufen aufgescheuchter Vogel. Hinter mir kamen die Kellner, die sich mit Messern und Beilen bewaffnet hatten, in die Kuche gesturzt, nur um ruckartig stehen zu bleiben, als ich mich ohne Eile umdrehte und sie anblickte. Der Ruf meiner Familie reicht sehr weit. Der Oberkellner legte ein Fleischermesser weg und bedeutete allen anderen, die Waffen zu senken.

»Ich hab die Schnauze voll!«, sagte er mit unverkennbarem East-End-Akzent. »Marcus zahlt uns nicht genug, um uns mit einem Drood anzulegen. Sie wollen den Mittelsmann sehen, Goldjunge? Folgen Sie mir!«

Er fuhrte mich durch die uberraschend saubere und ordentliche Kuche, dieweil das Thaipersonal mit Mienen, die nicht im Geringsten unergrundlich waren, meinen Abmarsch verfolgte. Es gibt Orte, wo Blicke toten konnen, aber das hier war zum Gluck keiner davon. Der Oberkellner brachte mich hinten aus der Kuche heraus und ging mit mir durch einen langen, schmalen Flur mit so gedampftem Licht, dass er ausgesprochen duster war. Der Teppich war blutrot und die tiefvioletten Wande schienen einen von beiden Seiten zu erdrucken. Die ausgestopften Kopfe verschiedener Tiere, die daran angebracht waren und von uberall auf einen herabstarrten, Gro?katzen und afrikanische Wildtiere hauptsachlich, stellten die einzige Dekoration dar. Die Augen in den Kopfen bewegten sich langsam und folgten mir, als ich voruberging. Nun, ich bin bizarre Schei?e gewohnt; schlie?lich bin ich im Herrenhaus aufgewachsen. Aber etwas an diesen Augen brachte mich echt aus der Fassung.

»Lassen Sie mich raten«, sagte ich lassig zu meinem Fuhrer. »Wenn ich auf die Idee kommen sollte, irgendwelchen Arger zu machen, dann sagen Sie einfach das Wort, und die Tiere, die an diesen Kopfen hangen, kommen plotzlich durch die Wande gekracht und gehen auf mich los, stimmt's?«

Der junge Thaikellner sah mich merkwurdig an. »Nein«, antwortete er. »Es sind nur Dekostucke. Der Boss hat sie als Ramschware gekauft, um den Ort ein bisschen freundlicher zu gestalten.«

»Tut mit leid«, sagte ich. »Liegt an der Gesellschaft, in der ich mich in letzter Zeit aufhalte.«

* * *

Wir erreichten das Ende des Flurs, und er klopfte kurz an die einzige Tur, ehe er sie offnete und zurucktrat, um mich hineinzufuhren. Ich trat ein, und sofort schloss er die Tur wieder von au?en. Ich nahm es nicht personlich. Der Raum war mehr als ausreichend gro?, au?erst luxurios, beinah dekadent. Dicke Teppichboden, Polstermobel, uberall Draperien und Zierkissen. Noch mehr gedampftes Licht, aber nicht mehr duster, sondern gemutlich. In der Luft der su?e Duft von Rosenol und eine Andeutung von Opium. Und dort, auf dem gro?en kreisrunden Bett, gelehnt gegen ein halbes Dutzend Kissen, lag der Mittelsmann personlich, Marcus Middleton. Er lachelte mich auf eine resignierte Weise an, machte jedoch keine Anstalten, sich zu erheben.

Er trug einen modisch geschnittenen grunen Seidenpyjama und nippte an einer schlanken Champagnerflote; dazu rauchte er ein schlankes, schwarzes Zigarillo, das in einer langen Elfenbeinspitze steckte. Tiefschwarzer Nagellack brachte seine langen, schlanken Finger besser zur Geltung. Er war hinlanglich gut aussehend, auf eine reife und verdorbene Art und Weise, mit glatt anliegendem schwarzem Haar, uberraschend subtilem Make-up und sanften braunen Augen, die wirklich alles schon gesehen hatten. Er musterte mich einen Moment lang und winkte mich dann mit einem vagen Lacheln und einer matten Geste heran. Ich trat zum Fu? des Bettes hin und sah ihn an.

Das Bett war von Dutzenden von Telefonen umgeben, alle bequem in Reichweite, in einer Vielzahl von Stilen von viktorianischer Gotik bis hin zum unverblumt Futuristischen. Dazwischen befand sich eine nette Sammlung von Kristallkugeln, Zauberspiegeln und sogar eine Wahrsagelache in einem Nachttopf. Wenigstens hoffte ich, dass es eine Wahrsagelache war. Der Mittelsmann schickte sich an, etwas zu sagen, wurde aber vom plotzlichen Klingeln eines seiner Telefone gestort.

»Entschuldigen Sie, guter Junge«, sagte er gelassen. »Aber ich muss das entgegennehmen. Machen Sie es sich doch bequem!«

Er winkte mich zu einem Sessel hin, aber ich lehnte ab und blieb gegenuber von ihm stehen, meine goldenen Arme vor meiner goldenen Brust verschrankt. Es ist schwer, im Sitzen grimmig und imposant auszusehen, und ich brauchte jeden psychologischen Vorteil, den ich kriegen konnte. Der Mittelsmann seufzte theatralisch, schnippte etwas Asche von seinem Zigarillo uber die Bettkante und hob ein Siebzigerjahre-Trimphone in kotzgelbem Plastik ab.

»Oh, hallo, Tarquin; was kann ich fur dich tun? Zwerge … Also wirklich, Herzchen, ich habe dir erst letzte Woche gesagt, dass es eine Verknappung geben wurde … Sie arbeiten alle bei diesem geschmacklosen neuen Fantasyfilm mit, den sie in den Elstree-Studios drehen. Und machen gutes Geld damit, wie ich gehort habe. Bist du sicher, dass du dich nicht mit Kobolden abfinden konntest? Bei einer Gruppenbuchung konnte ich dir einen richtig guten Preis machen … Mussen Zwerge sein. Ich verstehe. Na schon, uberlass es mir, Schatzchen, und ich will sehen, was ich fur dich tun kann.«

Er legte das Trimphone in anmutigem Bogen und einem Wirbel seines grunen Seidenarmels auf und blickte mich dann einen langen Moment lang an, wahrend er noch einen Schluck Champagner nahm und einen tiefen Zug an seinem Zigarillo tat. Falls ihn meine Rustung beeindruckte, so brachte er es wirklich gut fertig, sich nichts anmerken zu lassen.

»Nun, hallo!«, sagte er schlie?lich und beehrte mich mit einem verschmitzten und entschieden selbstzufriedenen Lacheln. »Und welchen kleinen Drood haben wir hier?«

»Ich bin Edwin«, sagte ich schroff, »der neue Vogelfreie.«

»Wirklich? Wie aufregend … Es ist schon so lange her, dass jemand einen von euch auf die schiefe Bahn fuhren konnte. Kann ich Sie auch zu etwas verfuhren? Ich hatte ausgezeichneten Belugakaviar, oder vielleicht ein wenig marsianisches Rotgras? Raucht sich wie Samt … Nein? Es muss doch etwas geben, was ich Ihnen anbieten kann, damit Sie sich ein bisschen entspannen und mehr wie zu Hause fuhlen. Wie ware es, wenn ich ein hubsches Thaimadel oder einen Thaijungen hereinriefe?«

»Ganz bestimmt nicht!«, sagte ich. »Ich bin geschaftlich hier.«

»Wie uberaus langweilig!« Der Mittelsmann zog vernehmlich die Luft ein. »Typisch Drood; ihr Leute wisst einfach nicht, wie man sich amusiert. Es war wohl zu verwegen zu hoffen, Sie konnten aus Ihrer ekelerregend selbstgerechten Familie hinausgeworfen worden sein, um doch noch ein paar kultivierte Laster zu entwickeln. Also dann, was kann ich fur Sie tun, guter Junge?«

»Sie haben uber Jahre hinweg gelegentlich fur die Drood-Familie gearbeitet«, begann ich vorsichtig. »Indem Sie uns halfen, genau den richtigen Spezialisten ausfindig zu machen, wenn wir einen fur gewisse ungewohnliche Operationen brauchten.«

»Ja, als ob ich das nicht wusste, Su?er; Ihre Familie benutzt mich skrupellos und zahlt nie auch nur einen Penny. Ich tue, was man mir sagt, oder sie schlie?en meinen Laden. Und sie sind immer so furchterlich grob zu mir. Ich wei? nicht, warum; ich stelle blo? eine Dienstleistung zur Verfugung. Ich bringe Leute gleicher Gesinnung zusammen fur wechselseitigen Spa? und Profit. Was sie anschlie?end machen, geht mich nichts an.«

»Nein«, stimmte ich ihm zu. »Es ist Ihnen egal, wie viel Arger und Leiden Sie verursachen; nichts von dem

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