»Aber da sind noch Fragen, die ich Ihnen stellen muss«, sagte ich. »Uber meine Familie, und warum man mich fur vogelfrei erklart hat …«
»Ja, ja,«, sagte Nathaniel, »alles zu seiner Zeit. Sie konnen nicht wirklich wurdigen, was wir hier machen, bevor Sie nicht den Roten Konig kennengelernt haben.«
Er und die stumme Schwester Eliza geleiteten mich hoflich, aber bestimmt durch das Labyrinth der Chemikalienbottiche und sich windender Schlauche zu einer Tur im ruckwartigen Teil der Kammer und durch diese hindurch in einen langen Steingang, der sich von uns weg erstreckte und in die Erde hinabsenkte. Dicke pulsierende Rohre wurden von Krampen an den unbehauenen Steinmauern gehalten; eine Reihe nackter Gluhbirnen an der Decke spendete Licht. Wir folgten den Rohren eine Zeit lang den Gang hinunter, bis ich das Gefuhl dafur verlor, wie tief unter der Kirche und den Stra?en Londons wir uns eigentlich befanden. Die Luft war kuhl und feucht, und an den Mauern lief Wasser herab.
»Haben Sie hier unten kein Wachpersonal?«, fragte ich nach einer Weile, einfach um das Schweigen zu brechen.
Nathaniel zuckte unbeschwert mit den Schultern. »Der Unsicherheitseffekt halt das Gesindel fern, wohingegen die Heiligkeit der Kirche uns vor dem Teufel und seinen Jungern verbirgt. Und der Rote Konig traumt, dass er sicher ist, also ist er es …«
»Wie funktioniert das alles?«, fragte ich ein klein wenig verzweifelt. »Dieses ganze … Kulissenschiebereiding?«
»Es ist wirklich ganz einfach«, antwortete Nathaniel in jener selbstgefalligen Art, die einem sagt, dass es uberhaupt nicht einfach werden wird. »Wahrend der Rote Konig schlaft, traumt er. Unaufhorlich. Und solange er sich in diesem Zustand befindet, ist er in der Lage, hinter die Kulissen der Realitat zu blicken, sozusagen. Wie die Dinge wirklich funktionieren und wie sie zusammengesetzt sind. Wir konnen seine Traume beeinflussen und ihn uberreden, kleine Veranderungen vorzunehmen. Und die Veranderungen, die er dort vornimmt, wirken sich aus auf die Dinge hier, in der Realitat. Wir geben uns nur mit kleinen Veranderungen ab, nie mit gro?en, ganz egal wie gro? die Versuchung auch sein mag. Sie konnten von … Sie-Wissen-Wem bemerkt werden.
Ich frage mich oft, was genau der Professor wohl sieht in seinen Traumen. Wir konnen es nur vermuten. Und hie und da einen Vorschlag in sein Ohr flustern; er befindet sich in einem sehr suggestiven Zustand. Allerdings muss man sich sehr genau uberlegen, um was man bittet, und sehr spezifisch sein. Wussten Sie, dass es in Schottland einmal Pyramiden gab? O ja; sie waren sogar eine riesige Touristenattraktion! Aber der Rote Konig traumte sie fort, und nun sind sie verschwunden, und niemand erinnert sich mehr an sie au?er uns. Ihrer Familie ist das entgangen, was, wie ich manchmal denke, eigentlich eine Schande ist … Trotzdem, genugend kleine Veranderungen summieren sich, wenn Ihre Familie sich nicht einmischt. Wir sind so froh, dass Sie sich uns anschlie?en wollen, Edwin!«
»Ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte ich.
»Aber Sie werden es«, meinte Nathaniel. »Sie werden.«
Unvermittelt kicherte Schwester Eliza. Das Gerausch, das sie ohne Zunge machte, war unschon, beunruhigend; sogar Nathaniel fuhr ein wenig zusammen. Der Gang beschrieb plotzlich eine Biegung und entlie? uns in ein kleines Steingelass, kaum vier Meter im Durchmesser, gerade so duster erleuchtet, dass es noch angenehm fur die Augen war. Die Wande waren annahernd so bemalt, dass sie dem Nachthimmel ahnelten, mit Sternbildern und einer Prozession des Mondes in all seinen Phasen. In der Mitte des Raums stand ein Marmorsockel und auf diesem, von einem reich verzierten Gitterwerk aus Kupferdraht an Ort und Stelle gehalten, ein abgetrennter menschlicher Kopf. Mannlich, mittleren Alters, schlaffe Gesichtszuge. So, wie der ausgefranste Halsstumpf aussah, hatte derjenige, der ihn abgeschnitten hatte, nicht viel Ubung darin gehabt. Jemand hatte einen frischen Lorbeerkranz um die tief gefurchte Stirn gelegt. Der Kopf atmete nicht, aber hinter den geschlossenen Augenlidern huschten die Augen mit den schnellen Bewegungen der REM-Phase hin und her. Um das Unterteil des Sockels herum hatte jemand mit mathematischer Prazision ein herkommliches Pentagramm gezeichnet. Und um dieses herum hatte jemand eine Reihe von Ritualkreisen gezogen, die Symbole und Piktogramme eines halben Dutzends vergessener Kulturen enthielten. Da hatte jemand seine Hausaufgaben gemacht.
Nathaniel bedeutete mir, den Hinterkopf in Augenschein zu nehmen, also ging ich um den Sockel herum und warf einen Blick darauf. Dicke Gummischlauche waren in den ruckwartigen Teil des Kopfs des Mannes gestopselt worden, zogen sich uber den Boden und verschwanden durch die Tur in den Gang, vermutlich den ganzen Weg zuruck hoch zu den Chemikalienbottichen. Ich beugte mich vor, um besser sehen zu konnen, und zuckte zusammen, als ich die primitiven Eintrittslocher der Schlauche bemerkte. Das war nicht die Arbeit eines Chirurgen. Jemand hatte einfach in den hinteren Schadel gebohrt und dann die Schlauche in das freiliegende Hirn durchgeschoben. Ich umrundete den Kopf und betrachtete das Gesicht. Es sah weder glucklich noch unglucklich aus. Waren nicht die Bewegungen der Augen gewesen, ich hatte nicht gewusst, dass er noch lebte.
»Wieso nur ein Kopf?«, fragte ich schlie?lich.
»Nun«, sagte Nathaniel, »es war halt nicht so, als ob wir den Rest von ihm wirklich gebraucht hatten, und einen ganzen Korper am Leben und in guter Verfassung zu erhalten, hatte unsere Ausgaben betrachtlich erhoht. Als wir anfingen, waren wir ein ziemlich kleines Unternehmen. Nur der Professor und ein halbes Dutzend seiner besten Studenten … Die Schlauche erhalten den Kopf am Leben und die Drahte berieseln die Stirnlappen unaufhorlich mit Schwachstrom und stellen sicher, dass er nicht aufwacht und tief in seinem Traumzustand bleibt. Uber die Schlauche wird er mit gewissen Konservierungsmitteln und allen notwendigen Drogen versorgt. Theoretisch konnte er sich ewig halten. Ach ja, die Drogen. Das haben wir noch nicht erklart, stimmt's? Wir fuhren dem Professor einen ganz speziellen Cocktail aus starken psychotropen Chemikalien zu, alles Mogliche von LSD uber Taduki bis hin zu Stechapfel, alles gema? den eigenen Theorien des Professors. Die Drogen schieben seinen Verstand empor und hinaus, wahrend er traumt, und sprengen die Turen der Wahrnehmung geradewegs aus den Angeln, sodass er sehen kann, was dahinter und jenseits davon liegt.«
»Wer war er ursprunglich?«, fragte ich. »Wie ist er hierzu gekommen?«
»Nun, es war alles seine eigene Idee, ursprunglich«, erklarte Nathaniel mit einem ziemlich selbstgefalligen Lacheln. »Er war damals unser Professor an der Themse-Universitat. Ein bemerkenswerter Kopf; wirklich bemerkenswert. Er wurde zu unserem Fuhrer, unserer Inspiration. Er hielt uns diese fantastischen Vorlesungen, verstehen Sie; uber schamanische Drogen und Traumphasen und wie sie kombiniert werde konnten, um Zugang zu anderen Ebenen der Realitat zu erlangen. Er sprach auch viel uber etwas, was er Experimentatorenabsicht nannte, wo die Absicht des Wissenschaftlers tatsachlich das Ergebnis des von ihm durchgefuhrten Experiments verandern konnte. Es war nicht sonderlich fernliegend, diese Ideen zu kombinieren …
Der Professor war wirklich ziemlich uberrascht, als wir schlie?lich zu ihm gingen, alle seine sechs Lieblingsstudenten, und ihm erzahlten, dass wir einen Weg gefunden hatten, seine Theorien in eine durchfuhrbare, praktische Losung fur samtliche Probleme der Welt zu umzusetzen. Noch uberraschter war er, als wir ihn hier runterbrachten, ihm zeigten, was wir getan hatten, und ihm mitteilten, dass ihm die einzigartige Ehre zuteilwurde, unser Roter Konig zu sein: der Mann, der die Welt verandern und uns alle vor dem Teufel retten wurde. Genau genommen reagierte er sogar sehr negativ, als wir ihm erklarten, was genau wir beabsichtigten. Er fing tatsachlich an zu weinen, als wir ihm die Knochensage zeigten und ihn herunterdruckten …
Aber das war alles vor langer Zeit. Seitdem hat er so gute Arbeit geleistet, all die Jahre geschlafen und getraumt, ohne Unterbrechung. Je langer man namlich schlaft, umso tiefer traumt man und umso weiter konnen die Drogen einen wegfuhren. Er traumt dieser Tage sehr tief und sehr stark. Ich wei? genau, dass er sehr stolz auf das ware, was wir mit seiner Hilfe getan haben …«
»Da wurde ich nicht drauf wetten«, sagte ich. »Nach dem, was Sie ihm angetan haben - sollte er jemals aufwachen, wird das das Ende Ihrer Welt sein.«
»Sie kennen ihn nicht so gut, wie wir es taten«, widersprach Nathaniel. »Er wurde es verstehen. Er hat uns immer gesagt, es sei unsere Pflicht, hinauszugehen und die Welt zu verandern. Und wie wir immer bereit sein mussten, Opfer fur das Gemeinwohl zu bringen. Und das taten wir. Wir opferten ihn. Wissen Sie, wir ringen immer noch darum, die Bedeutung dessen, was wir hier eigentlich tun, zu begreifen. Wir ruhen uns nicht einfach auf unseren Lorbeeren aus, o nein! Manchmal frage ich mich, ob nicht vielleicht die ganze Welt und alles darin nur ein Traum ist. Des Teufels Traum. Und das der Grund ist, weshalb der Professor in der Lage ist, darauf zuzugreifen und Teile davon zu andern. Wenn das der Fall ist, dann mussen wir aufpassen, dass wir den Teufel mit unseren Veranderungen nicht storen, sonst konnten wir ihn aufwecken …«
»Na schon!«, sagte ich. »Das reicht. Sie sind ein Irrer! Ihr Leute wisst uberhaupt nichts mit Sicherheit, oder?
