»Wir besiegen den Teufel, Tag fur Tag.« Zum ersten Mal klang Bert vollig ernst. »Er ist es namlich, der diese Welt regiert, nicht Gott. Gott hat schon langst nichts mehr zu sagen. Ich meine, Sie brauchen sich doch blo? mal umzuschauen, um es selbst zu sehen. So war die Welt eigentlich nicht gedacht. Nicht dieses … Durcheinander. Wir sollten eigentlich im Paradies leben. Aber irgendetwas ist vor langer Zeit geschehen, und seit jener Zeit treibt der Teufel seine Spielchen mit der Menschheit, der Schei?kerl. Erzahlt uns Lugen, treibt uns zur Verzweiflung, foltert uns jeden Tag mit falschen Hoffnungen, unmoglichen Ambitionen und Chancen, die er uns im letzten Moment wegschnappt. Warum sto?en guten Menschen schlimme Dinge zu? Warum werden schlechte Menschen reich? Weil der Typ, der die Verantwortung hat, sich einen Spa? daraus macht, deshalb! Er macht uns diese Welt zur Holle, aus lauter Jux und Tollerei. Manche sagen, der dickste Bar, den der Teufel uns jemals aufgebunden hat, war uns glauben zu machen, dass Liebe real ist …«
»Oh!«, sagte ich. Mir fiel nichts ein, was ich sonst hatte sagen konnen, au?er vielleicht:
»Aber Stuck fur Stuck andern wir die Welt, die der Teufel erschaffen hat«, fuhr Bert vergnugt fort. »Schreiben die Realitat neu und machen die Welt zu etwas Schonerem und Gerechterem. Wir stehlen die Welt zuruck, Schritt fur Schritt, und machen sie zu etwas, das es wert ist, darin zu leben. Wir gehen alle nach Hause - ins Paradies. Deshalb haben die Grundungsmitglieder diesen Ort zu unserem Hauptquartier erkoren: Jahrhunderte angesammelten Glaubens und heiliger Ideale helfen dabei, dass der Teufel nicht merkt, dass wir hier sind.«
»Der Teufel hat also nicht immer die Welt beherrscht?«, fragte ich vorsichtig. »Fruher einmal hat Gott das Sagen gehabt?«
»O ja! … Es hei?t, der Teufel hat Gott die Kontrolle uber die Welt entrissen, nachdem er die Romer uberredet hatte, Christus zu kreuzigen. Der Sohn Gottes sollte eigentlich nie sterben! Er war dazu vorgesehen, auf immer bei uns zu bleiben und uns zu lehren, wie man ein anstandiges Leben fuhrt. Aber als er tot war, schlich sich der Teufel hinein und stahl die Schopfung vom Schopfer. Und seitdem haben wir den Schei?kerl am Hals. Er vermasselt die Leben aller, in seiner ganz privaten Folterkammer, nur so aus Spa?. Hier entlang, mein Herr. Vorsicht, Stufe!«
Bert fuhrte mich hinten aus der Kirche heraus und in einen gro?en Vorraum, der vollgestopft mit Mannern und Frauen war, die um lange Tische herum sa?en. Alle trugen leuchtend rote Roben samt Kapuzen. Sie lasen Zeitungen, Illustrierte und Bucher und machten sich sorgfaltige Notizen in ihren Laptops. Ein paar sahen auf und nickten Bert zu, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit widmeten. Regale saumten alle vier Wande, vollgepackt mit Buchern und gebundenen Magazinen vom Boden bis zur Decke.
»Dies ist der Ort, wo wir die Welt studieren«, erklarte Bert wurdevoll. »Durch ihre Medien, ihre Geschichtsbucher und jeden aktuellen Kommentar. Es gibt noch ein anderes Zimmer, wo sie nichts machen als jeden einzelnen Nachrichtensender zu schauen, den ganzen Tag lang. Diese Leute mussen wir regelma?ig auswechseln, sonst fangen sie an, Verschworungstheorien zu entwickeln, und ehe man sich's versieht, hat man ein Schisma auf dem Hals. Und selbstverstandlich ware da noch unser weitreichendes Netz von Anhangern und Mitlaufern, das sich uber die ganze Welt erstreckt und uns daruber auf dem Laufenden halt, was wirklich los ist. Wenn Sie wussten, was Bill Gates als Nachstes vorhat, wurden Sie sich vor Angst in die Hosen machen! Wir sind standig auf der Suche nach jenem kritischen Faktor, jenem Schlusselmoment, wo das Umsto?en von einem kleinen Dominostein alle anderen umkippt … Kommen Sie, kommen Sie; es gibt noch viel mehr zu sehen!«
Er fuhrte mich uber eine lange, holzerne Wendeltreppe, die besorgniserregend unter unserem Gewicht knarrte, nach unten, bis wir schlie?lich in einer Steinkammer mit niedriger Decke tief unter der Kirche herauskamen, die voller blubbernder Chemikalienbottiche stand, die fast so hoch wie ich und sehr viel breiter waren. Grellbunte Flussigkeiten wallten aus den Bottichen und durch scheinbar Meilen von dicken Rockleitungen aus Gummi, die an Wande und Decke geklammert waren. Uberall gab es Messgerate und Ventile und Rader und einige ziemlich primitive Filteranlagen. Ich hatte schon Destillierapparate gesehen, die komplizierter waren. Bert huschte in der Kammer hin und her, fuhrwerkte an den Apparaturen herum, verstellte hier ein Ventil und drehte dort an einem Rad. Er klopfte mit einem Fingerknochel auf einen Druckmesser, rumpfte die Nase uber die Anzeige und drehte sich dann um, um mir stolz zuzulacheln.
»Es ist eine sehr empfindliche Anordnung«, verriet er mir, indem er einen in der Nahe stehenden Bottich liebevoll tatschelte. »Muss naturlich standig uberwacht werden. Die Grunder haben das alles konstruiert, vor Jahren, und sie lassen nicht zu, dass ich etwas andere. Auch wenn sie viel zu durchgeistigt sind, um selbst regelma?ig hier runterzukommen und sich die Hande schmutzig zu machen. Nicht dass ich wollte, dass sie an den Sachen herumpfuschen, jetzt, wo ich es gerade geschafft habe, dass alles richtig lauft.«
Er blickte mich erwartungsvoll an. Ich hatte keinen Schimmer, was ich uber seine feine Anordnung sagen sollte, also nahm ich Zuflucht zu einer anderen Frage, die mich beschaftigte.
»Wenn die Heiligkeit der Kirche ausreicht, um Sie vor dem Teufel zu verbergen, wozu brauchen Sie dann noch den Unsicherheitszauber?«
Bert wirkte ausgesprochen enttauscht von mir, machte aber unermudlich weiter und antwortete. »Es handelt sich nicht direkt um einen Zauber als solchen; es ist eigentlich mehr das, was man als eine Nebenwirkung bezeichnen wurde. Kommt vom Roten Konig, unten im Traumraum. Oder Professor Redmond, wie er fruher hie?. Wir nennen ihn den Roten Konig nach der Figur in
Ich war noch im Versuch begriffen, darauf eine Antwort zu formulieren, als wir von der Ankunft eines Manns und einer Frau unterbrochen wurden, die durch eine Tur auf der anderen Seite die Kammer betraten. Beide umhullte die allgegenwartige lange rote Robe, und beide umgab eine eindeutige Aura der Autoritat. Sie waren mittleren Alters, hatten lange, asketische Gesichter und ernste Mienen. Bert nickte ihnen blo? zu, auffallig unbeeindruckt.
»Danke, Bert«, sagte der Mann. »Ab hier ubernehmen wir.« Er lachelte mich kuhl an. »Ich bin Bruder Nathaniel, und dies ist Schwester Eliza. Willkommen bei den Kulissenschiebern, Edwin Drood!«
Ich nickte kuhl zuruck. Ich mochte seine Augen nicht und ihre auch nicht. Sie hatten beide diesen Blick, diese Gewissheit jenseits jedes Zweifels, ubermenschlich fokussiert, gnadenlos in ihrer Logik. Die Augen von Fanatikern.
»Ich bin hier, weil ich nach einigen Antworten suche«, sagte ich.
»Tun wir das nicht alle?«, entgegnete Nathaniel. »Kommen Sie, fragen Sie uns irgendetwas; wir werden nichts vor Ihnen verheimlichen. Bert, in den Sekundaranlagen ist etwas ubergelaufen. Falls es dir nichts ausmacht …«
»Schon gut, schon gut! Ich werde gehen und euer Durcheinander in Ordnung bringen, wahrend ihr Edwin den altbewahrten aufmunternden Vortrag haltet.« Er nickte mir ungezwungen zu. »Viel Spa? mit dem Roten Konig und seinen Traumen! Passen Sie auf, dass Sie anschlie?end keine Albtraume haben!« Mit einem letzten gro?spurigen Zwinkern verlie? er den Raum.
»Fabelhafter Bursche«, sagte Nathaniel. »Ein unschatzbares Mitglied unseres Personals, auch wenn ich ihm das nie sagen wurde - er konnte sonst mehr Lohn wollen. Nun denn, Edwin; Schwester Eliza und ich leiten den Betrieb hier, im gleichen Ma? wie jeder andere hier. Wir denken gerne von uns als einer Genossenschaft. Erwarten Sie nicht von der guten Eliza, etwas zu sagen: Sie hat keine Zunge mehr. Manchmal haben die kleinen Veranderungen, die wir vornehmen, die unerwartetsten Auswirkungen …«
»Bert hat etwas von Grundungsmitgliedern erwahnt«, sagte ich, nur um etwas zu sagen.
»Oh, ja, das sind wir. Wir waren sechs, ursprunglich, aber jetzt sind wir sieben. Noch eine Nebenwirkung …«
»Wie viele Leute haben die Kulissenschieber?«, fragte ich und versuchte damit, eine Frage zu stellen, die vielleicht eine geringe Chance auf eine klare Antwort haben mochte.
»Oh, mehr als Sie denken wurden!«, sagte Nathaniel und lachelte kuhl. »Gewiss weit mehr, als Ihre Familie denkt. Sie waren uberrascht, Edwin. Unsere Reihen wachsen standig, denn wir offnen den Menschen die Augen und zeigen ihnen die schreckliche Wahrheit. Wir sind die wahre Heilsarmee; wir fuhren einen heiligen Krieg gegen den Teufel und all seine Werke. Bert hat Sie mit den Grundlagen vertraut gemacht, nehme ich an? Schon, schon … Ich finde, es ist an der Zeit, dass Sie das Zentrum unserer Operationen kennenlernen, unseren ganz personlichen Roten Konig, Professor Redmond. Wir sind alle sehr stolz auf ihn. Hier entlang, bitte …«
