Alles nur Theorien und Vermutungen und unausgegorene, geklaute Gedankengebaude.«
»Wir lernen durch eigenes Handeln«, entgegnete Nathaniel mehr als nur ein bisschen blasiert. »Denn alles muss besser sein als die Welt, in der wir gezwungen sind zu leben. Deshalb mussen Sie sich uns anschlie?en, Edwin. Denn wir sind nicht der Feind, fur den uns Ihre Familie immer ausgibt. Wir sind die Guten. Wir sind die letzte Hoffnung der Menschheit.«
»Das denke ich nicht«, sagte ich. »Ich habe die Berichte der Familie daruber gelesen, was Sie getan haben und versucht haben zu tun. Die Veranderungen, die Sie herbeizufuhren versucht haben. Jede einzelne davon befasste sich damit, die Welt nach Ihrer Vorstellung neu zu erschaffen, nicht nach der Gottes. Veranderungen, um Ihre Anschauungen, Ihre Wunsche, Ihre Bedurfnisse zu fordern. Um die Kulissenschieber einflussreich und wichtig und zu einer machtigen Stimme in den Angelegenheiten der Menschheit zu machen.«
»Naturlich«, stimmte Nathaniel mir zu. »Wie sonst konnen wir wirkliche Veranderung bewirken? Dauerhafte Veranderung?«
»Ihre Traume sind so klein!«, sagte ich. »So unbedeutend. Kein Wunder, dass Sie nie etwas erreicht haben, was von Bedeutung war. Ich werde mich Ihnen niemals anschlie?en!«
»Aber sicher werden Sie das«, meinte Nathaniel. »Genau genommen haben Sie das bereits. Die ganze Zeit uber, in der sie so angenehm mit Bert geplaudert haben, waren wir hier unten und haben dem Professor ins Ohr gemurmelt, und der Rote Konig hat seinen kleinen Traum getraumt und die Veranderung so glatt vonstattengehen lassen, dass Sie sie nicht einmal bemerkt haben. Sie sind einer von uns, Edwin. Sie sind immer einer von uns gewesen.«
Ich sah an mir herab, und ich trug eine lange rote Robe, genau wie er. Genau wie Schwester Eliza. Naturlich trug ich sie. Es war dieselbe Robe, die ich immer trug, wenn ich hierherkam, um meine lieben Freunde bei den Kulissenschiebern zu besuchen. Seit Jahren arbeitete ich jetzt schon fur sie, seit ich zum ersten Mal nach London gekommen war, ihr ganz eigener Maulwurf in der Drood-Familie. Es tat gut, wieder unter meinen Freunden zu sein, in meiner altvertrauten Robe, an diesem vertrauten Ort. Ich lachelte Nathaniel und Eliza zu, und sie lachelten zuruck. Es tat gut, wieder zu Hause zu sein.
Das Einzige, was nicht hierhergehoren zu schien … war meine Armbanduhr. Ich betrachtete sie dummlich. Etwas an ihr nagte an meinem Verstand. Nathaniel redete mit mir, aber ich horte nicht zu. Da war etwas mit der Uhr, etwas Wichtiges, etwas … Besonderes, an das ich mich erinnern sollte. Mein Torques brannte kalt um meinen Hals, als ob er versuchte, mich zu beschutzen, wenngleich ich mir nicht denken konnte, wovor. Ich beruhrte die Armbanduhr mit der rechten Hand und lie? meine Fingerspitzen daruber wandern, ohne auf Nathaniels zunehmend argerliche Worte zu achten. Die Uhr, die der Waffenschmied mir gegeben hatte, bevor ich das Herrenhaus verlassen hatte. Die Umkehruhr, die die Zeit zuruckspulen konnte …
Ich druckte auf den Knopf, und die Zeit blieb abrupt stehen und legte den Ruckwartsgang ein. Licht und Schall zuckten schmerzlich um mich herum, als die Uhr die jungere Zeit umkehrte und mich kurz vor den Moment zuruckbrachte, wo Nathaniel mir erzahlte, dass ich verandert worden war. Und in diesem Moment, wahrend die Zukunft noch anpassungsfahig und im Fluss war, zog ich meinen Repetiercolt und schoss Professor Redmond mitten zwischen die Augen.
Die Kugel durchschlug seinen Kopf und sprengte Stucke kaputter Schlauche und Hirnmasse aus dem hinteren Teil seines Schadels. Seine Augen klappten auf, und zum ersten Mal seit Jahren war der Rote Konig endlich wach. Sein Mund weitete sich zu einem stummen Schrei der Wut und des Entsetzens, und der Ausdruck in seinem Gesicht und seinen Augen lie? keinen Zweifel daran, dass er wusste, was man mit ihm gemacht und ihm angetan hatte. Und in den letzten wenigen Momenten seines unnaturlich verlangerten Lebens, unter Einsatz einer Macht, die er von irgendeinem furchtbaren anderen Ort mit zuruckgebracht hatte, machte sich der Professor daran, alles auszuloschen, was in seinem Namen getan worden war. Er blickte Bruder Nathaniel mit seinen schrecklichen Augen an, und Nathaniel verschwand. Wurde aus dem Sein gerissen, nicht real, nie gewesen. Schwester Eliza wandte sich zur Flucht, aber der Professor blickte sie an, und auch sie war verschwunden.
Ich war bereits auf dem Weg zur Tur, als der Traumraum um mich herum zu verschwinden begann. Die Wande, die so bemalt waren, dass sie dem Nachthimmel glichen, wurden durchsichtig und losten sich auf, und ich konnte die Macht des Professors spuren, die mir folgte, als ich durch den langen Steingang nach oben sprintete. Es war etwas hinter mir, aber ich wagte es nicht, zuruckzublicken. Ich platzte in den Raum mit den Chemikalienbottichen, und Bert drehte sich jah um und starrte mich uberrascht an. Er schrie erschreckt auf, als die gro?en Bottiche sich aufzulosen begannen, aber ich hatte den Raum schon hinter mir gelassen und kletterte die Wendeltreppe wieder hoch. Hinter mir erstarb Berts Stimme abrupt.
Die Holzstufen begannen sich zunehmend weich und immateriell unter meinen Fu?en anzufuhlen, aber keuchend schaffte ich es bis nach oben. Die Zeit, die ich gebraucht hatte, um meine Rustung zu mobilisieren, konnte ich nicht erubrigen, und ich glaubte ohnehin nicht, dass sie mich vor Professor Redmonds Zorn hatte beschutzen konnen. Ich rannte einfach weiter, durch die Bibliothek und weiter in die Kirche. Die mittelalterlichen Farbglasfenster waren bereits zu gewohnlichem Glas verblasst; auch die Wande waren dabei zu verschwinden und enthullten etwas dahinter, das zu schrecklich war, um es anzusehen. Im Boden hatten sich gro?e Locher aufgetan, und ich sprang verzweifelt daruber hinweg und raste auf die Tur zu.
Ich sturzte durch sie hindurch und auf die Stra?e hinaus, heftig nach Luft schnappend, und erst dann drehte ich mich um und blickte zuruck. Die Kirche war weg; nichts war von ihr ubrig als ein Loch zwischen den beiden modernen Gebauden, wie ein gezogener Zahn. Die Kulissenschieber waren fort, waren nie gewesen. Der Rote Konig war endlich aus seinem langen Schlaf aufgewacht - und er war nicht gut gelaunt daraus aufgewacht.
Kapitel Zehn
Besuch beim Mittelsmann
Mein nachster Halt war Shaftesbury Avenue, tief im geschaftigen Herzen Londons. Ich war auf der Suche nach dem legendaren Mittelsmann. Shaftesbury Avenue ist eine lange Stra?e in zwei Teilen. Geht man in die eine Richtung, sieht man lauter Nobelrestaurants, Luxushotels und Theater mit alten und sogar beruhmten Namen. (Bedauerlicherweise prahlte eins dieser ehrwurdigen Etablissements gegenwartig mit einem machtigen Banner, auf dem die nachste gro?e Show verkundet wurde:
Ich war dem Mittelsmann zuvor noch nie begegnet, aber jeder wusste, dass man ihn genau in der Mitte der Shaftesbury Avenue finden konnte, wo das Gute auf das Schlechte trifft und sich oft zu etwas herrlich Sundigem vereinigt. Ich war ziemlich sicher, dass der Mittelsmann etwas Brauchbares wissen wurde, falls ich ihn dazu bringen konnte, mit mir zu reden. Der Mann war viel herumgekommen, auf und hinter der Bildflache, von den Sechzigern an, und er kannte jeden, Gute und Bose und besonders die dazwischen. Sein gro?es Konnen und seine gro?e Leidenschaft war das Zusammenbringen von Leuten zum gegenseitigen Nutzen. Wenn man einmal eine geheime Verschworung plante oder einen bewaffneten Raububerfall, der gro?er als gewohnlich ausfallen sollte, oder auch einfach nur eines Tages die Welt ubernehmen wollte: Der Mittelsmann konnte einen mit allen Arten von Spezialisten in Beruhrung bringen, die man dazu brauchte. Er konnte Zusammenkunfte arrangieren, ein Team von gleichgesinnten Profis zusammenstellen oder jeden Schritt eines Mordanschlags organisieren. Gegen eine Provision. Man hatte nie gehort, dass er sich selbst die Hande schmutzig gemacht hatte oder ein Risiko eingegangen ware, das nicht bis ins Kleinste kalkuliert war. Was immer passierte, man konnte sich darauf verlassen, dass immer fur mehr als genug Sicherungen gesorgt war, sodass nichts jemals zuruckkam und an seiner Tur haften blieb. Es hie?, der Mittelsmann sei derzeit, nach so vielen arbeitsamen Jahren, so unfassbar reich, dass er es nicht mehr des Geldes wegen tun musste. Er tat es ausschlie?lich der Herausforderung und des Nervenkitzels wegen.
