man sich ihm uber den einzigen offiziell genehmigten Weg nahert; alles andere lost die inneren Sicherheitsreaktionen des Herrenhauses aus … und das wollen wir wirklich nicht. Falls dir die Verteidigungsmittel drau?en in den Anlagen heftig vorgekommen sind - sie sind nichts, verglichen mit dem, was im Herrenhaus selbst ist. Der Tod konnte noch das Angenehmste sein, was uns widerfahren wurde.«

»Mein Gott, in deiner Gesellschaft ist es manchmal echt deprimierend!«, sagte Molly. »Der offizielle Weg ist doch inzwischen bestimmt schwer bewacht?«

»Selbstverstandlich. Und nenn mich nicht -«

»Untersteh dich!«

»'Tschuldigung. Drohende Gefahr und naher Tod kehren immer die respektlose Seite in mir hervor. Nein, wir werden uns durch eine ganze Armee gepanzerter Droods kampfen mussen, nur um zum Sanktum zu gelangen.«

Aus einer verborgenen Tasche ihres Kleides zog Molly den Torquesschneider hervor und betrachtete die hassliche Schere mit finsterem Blick. »Sie werden die Gange wahrscheinlich mit Kanonenfutter vollstopfen, mit allen unerfahrenen, entbehrlichen Droods. So wurde ich es jedenfalls machen. Wie viele weitere Familienmitglieder bist du bereit sterben zu sehen, Eddie?«

»Es hat schon einen Tod zu viel in der Familie gegeben. Es muss einen anderen Weg geben …«

Molly wartete geduldig, wahrend ich angestrengt nachdachte, mit Plan um Plan aufwartete und alle verwarf. Die Familie konnte sich einer jahrhundertelangen Erfahrung ruhmen, was das Zuruckschlagen aller moglichen Versuche anging, die Gange im Sturm zu nehmen. Die Gange … Ich sah Molly an und grinste plotzlich.

»Wenn ich in der Rustung stecke, bin ich starker, schneller, machtiger. Weitaus starker, als die zerbrechliche Welt, in der ich mich bewege. Warum also durch die Gange ziehen und in diese und jene Richtung gehen, wenn es einen viel schnelleren Weg gibt? Warum nicht in gerader Linie zum Sanktum gehen, indem ich alles in Stucke schlage, was mir im Weg ist?«

»Klingt nach einem Plan fur mich«, meinte Molly mit funkelnden Augen.

Ich steckte den Eidbrecher hinten in meinen Gurtel und rustete hoch. Mein Blick zeigte mir die gerade Linie von meinem Standort zum Sanktum, die ich brauchte. Ich drehte mich zu der getafelten Wand zu meiner Linken um und schlug ein gro?es, gezacktes Loch in das massive Teak; ich zog meine goldene Hand zuruck, und eine ganze Tafel loste sich. Ich steckte beide Hande in die Lucke und nahm die Wand mit der Kraft der Rustung auseinander. Das schwere Holz riss, als ob es aus Papier sei. Molly sprang auf und ab, jubelte und klatschte entzuckt in die Hande. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Wand in den Raum dahinter, und Molly kam mir eilig nach.

* * *

Das Zimmer war voller Liegesofas und kleinerer Sofas fur zwei aus verschieden Stilepochen, alle angenehm bequem und gemutlich: Der perfekte Ort, um sich zu entspannen und stiller Versunkenheit zu fronen. Ich ging mit weit ausgreifenden Schritten durch den Raum, trat die schweren Mobel aus dem Weg und steuerte die nachste Wand an. Molly folgte mir und murmelte: »Typisch Mann …«, gerade laut genug, dass ich es horen konnte. Und dann sprang die Tur auf und ein Dutzend gerusteter Droods sturmte in den Raum, wobei der Turrahmen zersplitterte, weil sie versuchten, sich alle zugleich hineinzuzwangen. Ihre Hast und Unbeholfenheit ebenso wie die planlose Weise, in der sie sich vor mir gruppierten, machten es offensichtlich, dass keiner von ihnen irgendwelche Kampferfahrung besa?. Vermutlich nur Haus-Droods, die zum Kriegsdienst gepresst worden waren; mir in den Weg geworfen, um mich zu verlangsamen, bis erfahrenere Kampfer hierhergelangen konnten. Arme Schweine! Noch mehr Unschuldige, die fur das Wohl der Familie geopfert wurden. Ich musterte sie, wie sie sich nervos in einem Halbkreis vor mir formierten, glanzend und golden, und dann einfach dastanden und mich ansahen. Offenbar wollte keiner derjenige sein, der den ersten Schritt machte.

»Geht mir aus dem Weg!«, forderte ich sie auf, und es war uberhaupt nicht schwer, kalt und gemein und gefahrlich zu klingen.

Man musste es ihnen hoch anrechnen, dass keiner zuruckwich; ein Drood brachte sogar einen Schritt vorwarts zustande. Seiner Stimme nach zu urteilen war er noch jung, aber obwohl er die Hosen gestrichen voll haben musste, war sein Ton entschlossen und fest.

»Wir konnen Sie nicht vorbeilassen. Sie sind vogelfrei. Wir kampfen fur die Ehre der Familie.«

»Ich auch«, sagte ich. »Wenn ihr nur wusstet! Tritt zur Seite! Du wei?t, dass du mich nicht aufhalten kannst: Ich habe Frontausbildung.«

Der junge Drood ruhrte sich nicht. »Alles fur die Familie!«

Bedachtig nickte ich ihnen allen verstandnisvoll und anerkennend zu. »Naturlich. Was immer geschehen mag, ich bin stolz auf euch alle.«

Ich sturmte vorwarts und drosch den jungen Drood mit einem einzigen Schlag meines Handruckens, der ihn von den Fu?en riss und durchs Zimmer fliegen lie?, aus dem Weg. Die anderen Droods zogerten, vor Schreck und Unsicherheit erstarrt, und schon war ich mitten unter ihnen. Auch Haus-Droods mussen, wenn sie Kinder sind, eine Grundausbildung durchlaufen, aber die meisten heben in ihrem ganzen Leben keine Hand im Zorn, weder in noch ohne Rustung. Sie hatten keine Chance. Ich schlug sie nieder und trat sie weg, hob sie hoch und warf sie hierhin und dahin. Sie konnten sich in ihrer Rustung nicht wehtun, aber es kaufte ihnen den Schneid ab. Ein paar versuchten, einen Kampf daraus zu machen, und gingen mit den Fausten auf mich los. Ich hob sie hoch und schleuderte sie gegen Wande, und sie krachten durch das Balkenwerk. Molly setzte ihre Zauberei ein, um die Wande uber ihnen einsturzen zu lassen, und das Gewicht der Trummer nagelte sie auf dem Boden fest. Sie wurden sich zwar irgendwann herausgraben, aber bis dahin waren wir langst verschwunden.

* * *

Ich krachte durch die gegenuberliegende Wand ins nachste Zimmer, dann durch die nachste Wand ins nachste Zimmer oder den nachsten Gang, immer weiter, immer in gerader Linie durch das Herrenhaus. Wenigstens befand sich das Sanktum im zentralen Teil des Gebaudes und nicht in einem der Flugel, sonst hatte ich womoglich Stunden gebraucht. Mauern, die jahrhundertelang gestanden hatten, fielen unter meiner gepanzerten Kraft und meiner kalten, kalten Wut, und obwohl mehr Droods kamen und mir entgegentraten, in und ohne Rustung und mit allen moglichen Waffen, gelang es keinem auch nur ansatzweise, mich aufzuhalten.

Ab und zu wurde die Ubermacht ein bisschen gro?, wenn Familienmitglieder ein ganzes Zimmer vor mir fullten, aber noch immer hatte keiner von ihnen Fronterfahrung, und schneller als sie zu schalten und sie auszumanovrieren war ein Kinderspiel. Ich hatte viele von ihnen toten konnen, aber ich tat es nicht. Es war nicht notig. Manchmal legte ich sie rein und brachte sie dazu, gegeneinander zu kampfen - eine goldene Gestalt sieht wie die andere aus. Manchmal begrub ich sie unter Mobelhaufen oder wickelte sie in wertvolle Wandbehange ein, die sie nicht zu zerrei?en wagten. Einmal hielt Molly eine ganze Schar auf, indem sie damit drohte, eine Schauvitrine voll feinem Porzellan umzuwerfen, und ein Dutzend Stimmen schrie in entsetztem Protest auf.

»Diese Stucke sind unersetzlich!«, rief eine gequalte Stimme, als Molly die Vitrine langsam kippte, sodass die Porzellanteile ruckweise uber die Bretter rutschten. »Sie sind von unschatzbarem Wert! Historische Schatze!«

»Warum hortet ihr sie dann fur euch selbst?«, fuhr Molly sie an. »Warum sind sie nicht in einem Museum, sodass sich jeder daran erfreuen kann? Zieht euch verdammt noch mal zuruck, oder ich mache euch ein Porzellanpuzzle, wie ihr es noch nie gesehen habt!«

»Wir ziehen uns zuruck, wir ziehen uns zuruck!«, riefen die Droods. »Barbarin! Philisterin!«

In gro?ter Eile machten sie uns Platz. Molly und ich hoben die Vitrine hoch und trugen sie durch den Raum, und die Droods zerstoben vor uns und beschworen uns jammernd, wir sollten doch vorsichtiger sein. Ich schlug ein Loch in die Wand und trat hindurch, und Molly zog die Vitrine in die richtige Lage, sodass sie das Loch verstopfte. Wir lachten und wiegten uns in der Gewissheit, dass die Droods Ewigkeiten damit zubringen wurden, die Vitrine ganz vorsichtig herauszuziehen, um nicht zu riskieren, dass ihr kostbarer Inhalt beschadigt wurde.

* * *

Mehr Droods im Korridor dahinter. Und die schlie?lich hatten anscheinend wenigstens eine rudimentare Frontausbildung genossen. Sie stellten sich geschickt an, alle zehn, und schwarmten so aus, dass sie keine Gruppchen bildeten und damit kein leichtes Ziel abgaben. Ich verschwendete keine Zeit damit, mit ihnen zu reden; ich konzentrierte mich und wendete an, was ich von James gelernt hatte: Ich lie? ubernaturlich scharfe Krallen an meinen goldenen Handen wachsen. Das Erste, was ein Frontagent lernt, ist, dass jeder Trick ein fairer Trick ist, wenn er bedeutet, dass man selbst gewinnt und der Gegner verliert. Ich nahm sie auseinander, einen nach dem anderen, personlich und im Nahkampf. Meine Krallen schlitzten ihre Rustungen auf und sie schrien, vor Schmerz

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