ebenso wie vor Schreck. Ihr Fleisch wurde zerrissen und sie bluteten in ihren Rustungen, und das hatte es noch nie gegeben. Einige drehten sich einfach um und rannten; die Ubrigen wichen zuruck, zerstreuten sich, und Molly und ich gingen geradewegs durch sie hindurch.
Ein paar sahen in Molly ein leichteres Ziel. Sie gingen auf sie los und streckten ihre goldenen Hande nach ihr aus, und sie lachte ihnen in die mienenlosen Gesichter. Sie beschwor einen heulenden Sturm herauf, der durch den engen Korridor tobte, die Droods erfasste, mit sich fortriss und wieder fallen lie?, bis sie hilflos wie weggeworfenes Spielzeug uber den gesamten Gang verstreut lagen.
Die restlichen Droods gingen mich alle auf einmal an, brachten mich aus dem Gleichgewicht und warfen sich, als ich krachend hinfiel, auf mich und versuchten, mich durch das schiere Gewicht ihrer gepanzerten Korper am Boden festzunageln. Eine gute Taktik. Hatte wahrscheinlich bei jemandem, der nicht fronterfahren und gewohnt war, um die Ecke zu denken, auch funktioniert. Ich brach den Boden unter uns mit einem scharfen Hieb eines goldenen Ellbogens auf, und unser vereintes Gewicht lie? ihn vollends einsturzen. Ein gro?es Loch tat sich auf, und wir fielen alle durch, wobei die anderen Droods den ganzen Weg nach unten in den Raum unter uns um sich traten und schrien und nach einander griffen. Ich naturlich ergriff einfach mit einer Hand den Rand des Lochs und zog mich wieder hoch und heraus. Die Droods unter mir waren so unerfahren, dass ihnen wahrscheinlich nicht mal in den Sinn kame, dass sie mit der gepanzerten Kraft ihrer Beine wieder hochspringen konnten. Oder wenigstens nicht, ehe Molly und ich schon wieder weiter waren.
Der nachste Raum war eine Falle.
Ich erkannte den Ort im selben Moment, als ich ihn betrat. Das Zimmer wurde Auszeit genannt und war voller reich verzierter Uhren und Zeitmesser aus zahlreichen Jahrhunderten, von Wasseruhren bis Atomgeraten, die alle vier Wande einnahmen. Ich hatte Auszeit noch nie gemocht; der Ort war mir immer unheimlich vorgekommen, als ich jung war, erfullt vom Ticken einer Unmasse von wahnsinnigen Uhren. In diesem Raum konnte die Zeit selbst verlangsamt werden, gestreckt werden. Hier drin konnte ein Tag zwischen dem Tick und dem Tack einer Uhr drau?en verstreichen. Ursprunglich war Auszeit damals im neunzehnten Jahrhundert gebaut worden, um die Beobachtung gewisser heikler wissenschaftlicher und magischer Experimente zu ermoglichen, aber dieser Tage wurde er hauptsachlich von Studenten benutzt, die fur eine nahe bevorstehende Prufung Stoff wiederholen und buffeln wollten.
Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor ich den Raum zur Halfte durchquert hatte. Die ganzen schweren Ticks und Tacks um mich herum hatten einen merkwurdigen, verhallenden Klang angenommen, und die Luft war dick wie Sirup. Ich blickte zuruck zu Molly, die noch in dem Loch in der Wand steckte, das ich gemacht hatte: Sie bewegte sich nur wenig schneller als im Schneckentempo. Mit ihr war alles in Ordnung - es war das Zimmer. Die Zeit verlangsamte sich, schloss mich in das Zimmer ein wie ein Insekt in Bernstein. Wie einen Gefangenen in eine Zelle mit unsichtbaren, nicht greifbaren Gittern. Ich hatte den Raum in ein paar Sekunden durchqueren konnen, nur um dann feststellen zu mussen, dass au?erhalb davon Tage verstrichen waren und die ganze Familie darauf wartete, gegen mich anzutreten.
Ich erhob meinen
Ich schlug nach der Standuhr neben mir, und das schwere Holzgehause explodierte unter der Wucht des Schlages. Ich riss die Ketten und das Perpendikel heraus und warf sie beiseite, und die gro?e alte Uhr war zum Schweigen gebracht. Und der wachsende Einfluss der Zeit auf mich schien zu zogern … Ich ergriff eine Reiseuhr aus dem siebzehnten Jahrhundert und zerquetschte sie in meiner goldenen Hand, und Zahn- und Hebnagelrader flogen heraus. Der Griff der Zeit schien sich ein wenig von mir fortzustehlen. Ich konnte es fuhlen. Ich lachte laut und wutete im Zimmer herum, zerschmetterte alle Uhren, zerstorte alles, was mir in die Finger kam, bis plotzlich Molly mit gro?en Schritten durch den Raum auf mich zukam und wissen wollte, was zum Teufel ich da eigentlich machte. Sie hatte nichts gemerkt. Ich horte auf, schwer atmend, und schaute mich um: Das Zimmer war ein einziges Durcheinander. Und die Zeit verstrich normal, tickte und tackte dahin, als ob nichts geschehen ware. Mit einem Kopfschutteln an Mollys Adresse ging ich
auf die andere Wand zu. Es war sinnlos, das erklaren zu wollen. Es war nicht genug Zeit.
Ich krachte durch die Wand, als ob sie aus Pappe ware, und trat auf den Gang dahinter. Meine Fu?e schossen unter mir heraus, und ich sturzte plotzlich durch die Lange des Korridors; verzweifelt suchte ich an den Wanden nach Halt, wahrend sie an mir vorbeirauschten. Jemand hatte die Richtung der Schwerkraft geandert, sodass die Stirnwand am anderen Ende des langen Korridors jetzt der Boden war und die beiden Langswande die Seitenwande eines echt langen Falls. Hilflos purzelnd fiel ich die ganze Strecke bis zum Boden, bis die Stirnwand wie eine Fliegenklatsche auf mich zugeflogen kam. Ich rollte mich zu einem Ball zusammen, bekam die Fu?e unter mich und benutzte meine gepanzerten Beine, um die Wucht des Aufpralls zu schlucken.
Zum Gluck war es eine wirklich stabile Wand; alter Stein, dick und robust. Ich schlug hart auf, und der Stein bekam von der Decke bis zum Boden Sprunge, aber er hielt. Es dauerte einen Moment, bis ich wieder bei Atem war. Uber mir erstreckte sich endlos der Korridor, die Wande wie Berghange. Weit oben konnte ich Molly ausmachen, die aus dem Loch, das ich gemacht hatte, besorgt zu mir nach unten spahte. Ich schrie ihr zu, sich nicht vom Fleck zu ruhren. Ich dachte angestrengt nach, wahrend meine Herzfrequenz sich zogerlich wieder in Gefilde der Normalitat begab. Der Familie musste klar sein, dass der Sturz allein mich nicht umbringen wurde. Das hier war blo? eine weitere Verzogerungstaktik. Es war alles, was sie hatten.
Ich zwangte mich aus der kaputten Mauer, wobei ich sie noch mehr beschadigte, und sah zu Molly hoch. »Bleib, wo du bist! Ich komme zu dir hochgeklettert!«
»Ich konnte dich mit meiner Zauberei hochholen!«, schrie sie zuruck. »Vielleicht sogar die Schwerkraftumkehrung ruckgangig machen!«
Sie sah wirklich ganz schon weit weg aus. Vielleicht fummelte hier, genau wie an der Gravitation, auch jemand am Raum rum. Oder standen die sowieso in Zusammenhang? Mein letzter Naturwissenschaftsunterricht lag lange zuruck.
»Nein!«, schrie ich nach oben. »Unternimm gar nichts! Deine Magie konnte die inneren Verteidigungsanlagen des Herrenhauses auslosen!«
»Willst du damit sagen, dass das kein -«
»Zum Teufel, nein! Das hier ist blo? das Werk irgendeines schlauen kleinen Schei?kerls, der sein Querdenken anbringt.«
Ich schlug ein Loch in die Wand links von mir, die ursprunglich der Boden gewesen war, zog meine goldene Hand vorsichtig wieder heraus und machte dann ein zweites Loch. Ich schlug weiter Locher in die Wand, bis ich genug Halt fur Hande und Fu?e hatte, um loszuklettern, und dann bestieg ich die Wand und machte mich auf den Weg zuruck zu Molly. Ich wurde schneller, als ich den Dreh rauskriegte und in einen guten Rhythmus kam, und bald huschte ich wie eine Riesenspinne an der Wand hoch. (Bei diesem Gedanken zuckte ich zusammen, und ich schob ihn entschlossen weg.) Schnell erreichte ich das Loch, wo Molly wartete, und sie half mir, mich wieder hindurchzuziehen. Wir schauten beide auf den langen, lotrechten Abfall unter uns und auf die gegenuberliegende Wand.
»Was jetzt?«, fragte Molly.
»Im Zweifelsfall empfiehlt sich der Einsatz von Ignoranz und roher Gewalt«, antwortete ich. »Steig auf meinen Rucken!«
Sie warf mir einen strengen Blick zu, machte es aber schlie?lich und hielt sich fest, wahrend ich zuruck durch das Zimmer ging, durch das wir gerade gekommen waren. Dann nahm ich ordentlich Anlauf, um Geschwindigkeit aufzubauen, sprang durch das Loch uber den Korridorschacht und durchschlug die gegenuberliegende Wand in den Raum dahinter. Molly sprang von mir herunter und klopfte sich Staub und Splitter von Haaren und Schultern.
»Das will ich nicht wieder machen mussen - nie wieder!«, sagte sie bestimmt. »Nachstes Mal werde ich uns ruberfliegen!«
Ich blickte sie an. »Ich wusste gar nicht, dass du fliegen kannst.«
»Du wei?t eine ganze Menge Sachen nicht uber mich. Du solltest mal sehen, was ich mit einem Pingpongball
