machen kann!«

* * *

Ich schaute mich in dem Zimmer um, und wieder erkannte ich es. Ich hatte die lange, schmale Kammer immer als Andenkenraum betrachtet. Sie war vollgestopft mit Trophaen und Erinnerungsstucken und einem ganzen Haufen im Grunde genommen interessanten alten Zeugs, das meine verschiedenen Vorfahren von ihren Reisen durch die Welt mitgebracht hatten. Bucher und Landkarten, Objekte und Artefakte und einige sonderbare und obskure Gegenstande, die vermutlich einmal irgendjemand irgendetwas bedeutet hatten, deren Geschichten aber inzwischen verloren und vergessen waren. Fur einen jungen Drood wie mich waren sie alle herrlich interessant und faszinierend, lag in ihnen doch die Andeutung einer viel gro?eren Welt au?erhalb des Herrenhauses. Ich hatte als Kind viel Zeit hier verbracht, in den Buchern geblattert und mit den Sachen gespielt - zumindest teilweise deshalb, weil ich wusste, dass ich es nicht sollte. An vielen Ausstellungsstucken hing ich immer noch, darum achtete ich darauf, nichts kaputt zu machen, als ich durch das Zimmer ging. Ich machte Molly auf einige meiner Lieblingsstucke aufmerksam.

»Das hier ist der Schadel eines Vodyanoy aus dem prasowjetischen Russland. Hier sind echte Thug- Wurgeseile aus dem Hindukusch. Das klumpig aussehende haarige Ding da ist ein schlecht ausgestopfter Chupacabra aus Chile. Der, sofern das uberhaupt moglich ist, tot noch schlimmer stinkt als lebendig. Und die ganzen Exponate in der Vitrine da druben sind feine Schnitzereien aus den Knochen eines gro?en wei?en Wals.«

»Ihr solltet Eintritt furs Herrenhaus verlangen«, meinte Molly. »Mit dem Sommergeschaft konntet ihr ein Vermogen machen.«

Die Tur vor uns wurde aufgerissen, und meine Gro?mutter Martha Drood, die Familienmatriarchin hochstpersonlich, schritt in den Raum, um mir gegenuberzutreten, begleitet wie immer von ihrem Gemahl Alistair. Ich blieb abrupt stehen und sah sie an, und sie hielten an, wo sie waren, in vorsichtiger Entfernung. Molly stellte sich dicht neben mich und beruhigte und unterstutzte mich mit ihrer Gegenwart. Ich war froh, dass sie da war. Auch nach allem, was passiert war, nach allem, was ich herausgefunden hatte … war Martha immer noch die Matriarchin, Wille und Autoritat der Droods. Und fruher einmal ware ich lieber gestorben, als sie zu enttauschen.

Die Matriarchin trug ihre Rustung nicht. Naturlich nicht; das hatte als Eingestandnis der Schwache ausgelegt werden konnen, und Marthas Arroganz wurde ihr nie gestatten, mich als ernsthafte Bedrohung zu betrachten - nicht einmal nach all dem, was ich getan hatte. Dass ein Vogelfreier den Sieg uber den Willen der Familie errang, war undenkbar.

Also rustete ich auch herunter - nur um meine Geringschatzung zu zeigen.

»Hallo, Gro?mutter«, sagte ich. »Alistair. Woher wusstet ihr, wo ihr mich finden wurdet?«

Alistair lachelte affektiert. »Dir den Weg abzuschneiden war nicht eben schwierig, Edwin. Wir brauchten nur der Zerstorung und den Trummern zu folgen, eine Gerade zum Sanktum zu ziehen und dich dann hier abzufangen.«

»Du warst immer sehr direkt, schon als Kind«, sagte die Matriarchin. »Deshalb habe ich diesen Raum gewahlt fur unsere … kleine Plauderei. Wie viele Male musste ich jemanden schicken, um dich hier rauszuzerren, weil du nicht da warst, wo du sein solltest … Du warst immer solch eine Enttauschung fur mich, Edwin.«

Molly schaute mich an. »Es ist deine Familie, Edwin. Wie willst du damit umgehen?«

»Ganz vorsichtig«, sagte ich. »Meine Gro?mutter ware mir hier nicht ohne ernst zu nehmende Unterstutzung entgegengetreten, wenn sie sich nicht sicher ware, dass sie ein paar echt fiese Karten zum Ausspielen hat.«

»Das ist die Drood-Matriarchin?«, fragte Molly. »Holla, jetzt bin ich aber schwer beeindruckt! Die Oberschlampe der Familie, die die ganze Welt leitet! Eine alte Kuh mit Charakterkopf, was?«

Die Matriarchin beachtete sie nicht, sondern fixierte mich mit ihrem kalten Blick. »Wo ist James?«, fragte sie schroff. »Was hast du James angetan?«

»Ich … ich habe ihn getotet, Gro?mutter«, sagte ich.

Da schrie sie kurz auf; ein verlorener, zutiefst erschutterter Laut. Sie sackte in sich zusammen, als ob ich sie geschlagen hatte, und ware vielleicht sogar gesturzt, wenn Alistair nicht da gewesen ware und sie gestutzt hatte. Sie druckte das Gesicht an seine Brust und kniff die Augen zu, um die Tranen zuruckzuhalten. Alistair funkelte mich uber ihren gebeugten Kopf hinweg wutend an. Ich hatte sie leiden sehen wollen fur das, was sie mir angetan hatte, uns allen angetan hatte, auch Onkel James, aber am Ende war es beunruhigend und sogar traurig mitanzusehen, wie so eine legendare Fassade direkt vor mir brockelte und auseinanderfiel. Ich hatte es vorher noch nie erlebt, dass sie in der Offentlichkeit irgendwelche echten Gefuhle gezeigt hatte.

»Du hast meinen Sohn getotet«, sagte sie schlie?lich und stie? sich von Alistair weg. »Meinen Sohn … deinen Onkel … Er war der Beste von uns! Wie konntest du, Edwin?«

»Du hast ihn in den Tod geschickt, Gro?mutter«, erwiderte ich unbeirrt. »Genau wie du versucht hast, mich auf der Autobahn in den Tod zu schicken. Erinnerst du dich noch daran?«

Ich machte einen Schritt nach vorn, um ihr all die anderen Dingen entgegenzuhalten, die ich zu sagen hatte, doch zu meiner Uberraschung trat Alistair vor, um mir die Stirn zu bieten, und stellte sich zwischen seine Frau und den Vogelfreien, der sie bedrohte. Gro? und stolz stand er da und gab sich alle Muhe, mich mit seinen Blicken einzuschuchtern, und zum ersten Mal sah er tatsachlich wie ein Drood aus.

»Geh mir aus dem Weg, Alistair!«, forderte ich ihn auf.

»Nein.« Seine Stimme war hoch, aber fest. Er hatte keine Autoritat, keine Macht, und das wusste er, doch mit seiner Weigerung, sich aus der Schusslinie zu entfernen, besa? er endlich eine Art von Wurde. »Ich werde nicht zulassen, dass du ihr weiter wehtust.«

»Ich will ihr nicht wehtun«, sagte ich fast schon abgedroschen. »Ich will niemandem wehtun. Deshalb bin ich nicht zuruckgekommen. Aber ich muss etwas Wichtiges tun, und ich habe nicht viel Zeit dafur. Bring sie hier raus, Alistair!«

»Nein! Dies endet hier!«

»Ich habe den Eidbrecher«, setzte ich ihn ins Bild. »Und Molly hat den Torquesschneider. Nicht einmal der Graue Fuchs konnte dagegen etwas ausrichten.«

»Du hast den Torquesschneider gegen deinen eigenen Onkel eingesetzt?« Alistair sah mich entsetzt an. »Du lieber Gott, was ist nur aus dir geworden, Edwin?«

»Ich wei? es nicht«, antwortete ich wahrheitsgema?. »Vielleicht bin ich mir all der Lugen und Verratereien bewusst geworden … Es ist Zeit, der Familie ihr verderbtes Herz herauszuschneiden.«

»Ich habe auch eine Waffe«, sagte Alistair plotzlich, und auf einmal lag eine altmodische Pistole in seiner rechten Hand. Sie hatte primitiv, ja Mitleid erregend auf mich gewirkt - hatte ich sie nicht erkannt. Hatte ich nicht gewusst, wofur sie war. Alistair nickte grimmig, als er die Erkenntnis in meinen Augen sah. Selbst Martha wurde beim Anblick der Waffe aus ihrem Kummer aufgeruttelt.

»Alistair! Wo zum Teufel hast du die her? Die kannst du nicht benutzen! Ich verbiete es!«

»Ich werde tun, was immer notig ist, um dich zu beschutzen, Martha.« Alistair blickte mich an, aber die Pistole war unverwandt auf Molly gerichtet. »Du bleibst ganz ruhig stehen, Edwin, oder ich werde deiner Frau wehtun, so wie du meiner wehgetan hast. Ich wei?, dass keiner von euch mich jemals als richtiges Mitglied der Familie betrachtet hat. Ihr habt nie geglaubt, dass ich es in mir hatte, wie ihr Ubrigen den guten Kampf zu kampfen. Aber ich liebe diese Familie und alles, wofur sie steht, genau wie ich dich immer geliebt habe, Martha. Und dies ist der Augenblick, wo ich es beweisen werde.«

»Bitte, Alistair!«, redete Martha auf ihn ein und war bemuht, ihre Stimme ruhig und vernunftig klingen zu lassen. »Steck die Waffe weg! Lass mich die Sache handhaben!«

»Wie kannst du die Familie lieben«, fragte ich Alistair, »bei allem, was du uber das Herz wei?t? Uber den Preis, den wir zahlen, um zu sein, was wir sind?«

Er runzelte die Stirn und schien plotzlich verunsichert. »Martha? Wovon redet er?«

Ich schaute Martha an. »Er wei? es nicht, nicht wahr, Gro?mutter? Du hast es ihm nie gesagt! Hast ihm nie erzahlt, wieso er niemals den goldenen Torques tragen kann!«

»Er ist kein Mitglied des Rats«, sagte sie gleichgultig. »Er brauchte es nie zu wissen, also habe ich es ihm nie gesagt. Es ware … grausam gewesen. Du warst immer zu weichherzig, Alistair.«

»Nicht hier, nicht jetzt!«, entgegnete er. »Nicht wenn er es wagt, dich und die ganze Familie zu bedrohen. Du wei?t, was es mit dieser Pistole auf sich hat, nicht wahr, Edwin? Naturlich wei?t du das! Wieso erzahlst du deiner kleinen Hexenfreundin nicht, was es damit auf sich hat?«

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