blieb stehen, wandte sich zu mir und fragte: »Ist hier frei?«
Mein »Ja« war kurz und alles eher als einladend, aber das hinderte den Storenfried nicht, sich auf das andre Ende der Bank niederzulassen. Ich vertiefte mich deutlich in mein Kreuzwortratsel, wobei ich durch gerunzelte Brauen anzudeuten versuchte, da? ich in meiner verantwortungsvollen Arbeit nicht gestort zu werden wunschte.
Der Mann neben mir kummerte sich nicht darum, mit einer einzigen, offenkundig geubten Handbewegung schob er mir ein halbes Dutzend Fotos von Postkartengro?e, einen Knaben darstellend, unter die Nase: »Egon wird ubermorgen sechs Jahre«, erzahlte er mir dabei.
Pflichtschuldig uberflog ich die sechs Bilder, lachelte milde uber das eine, auf dem Egon die Zunge herausstreckte, und gab die Bilder an den Besitzer zuruck. Dann vertiefte ich mich wieder in mein Kreuzwortratsel. Aber ich ahnte, da? unser Gesprach damit noch nicht zu Ende war. Und da kam es auch schon:
»Ganz wie Sie wollen«, sagte der Mann und rief dem in einiger Entfernung herumtollenden Knaben durch den Handtrichter zu: »Egon, komm schnell her. Der Herr mochte mit dir sprechen.« Egon kam widerwillig herangeschlurft und blieb vor der Bank stehen, die Hande murrisch in den Hosentaschen. Sein Vater sah ihn mit mildem Tadel an: »Nun? Was sagt man, wenn man einen fremden Herrn kennenlernt?«
Egon, ohne mich auch nur eines Blickes zu wurdigen, antwortete: »Ich habe Hunger.«
»Das Kind lugt nicht«, wandte sich der Vater erklarend an mich. »Wenn Egon sagt, da? er Hunger hat, dann hat er Hunger, da konnen Sie Gift darauf nehmen.«
Ich sagte ihm, da? ich das glauben wurde und fragte den stolzen Erzeuger, warum er mir die Fotos gezeigt hatte, obwohl das Modell in der Nahe war.
»Die Fotos sind ahnlicher«, lautete die vaterliche Antwort. »Egon ist in letzter Zeit ein wenig abgemagert.«
Ich brummte etwas Unverstandliches und schickte mich an, die Bank und sicherheitshalber auch den Park zu verlassen. Mein Nachbar hinderte mich an diesem Plan. »Das Kind hat ein tolles Talent fur Rechnen«, raunte er mir hinter vorgehaltener Hand aus dem Mundwinkel zu, so da? Egon nichts davon horen und sich nichts darauf einbilden konnte. »Er geht erst seit ein paar Monaten in die Schule, aber der Lehrer halt ihn schon jetzt fur ein Wunderkind... Egon, sag dem Herrn eine Zahl.«
»1032«, sagte Egon.
»Eine andre. Eine hohere.«
»6527.«
»Also bitte, haben Sie so etwas schon erlebt? Im Handumdrehen! Und dabei ist er erst sieben Jahre alt! Unglaublich, wo er diese hohen Zahlen hernimmt. Und das ist noch gar nichts. Egon, sag dem Herrn, er soll an eine Zahl denken!«
»Nein«, sagte Egon.
»Egooon! Du wirst den Herrn bitten, an eine Zahl zu denken!«
»Denken Sie an eine Zahl«, grunzte Egon gelangweilt.
Jetzt machte mein Nachbar wieder von der vorgehaltenen Hand und vom Mundwinkel Gebrauch:
»Drei! Bitte denken Sie an drei!« Dann hob er den Finger und wandte sich an seinen Sohn: »Und jetzt werden wir den Herrn bitten, die Zahl, die er sich gedacht hat, mit zehn malzunehmen, nicht wahr, Egon?«
»Meinetwegen.«
»Was hei?t >meintwegen<? Sprich anstandig und in ganzen Satzen.«
»Nehmen Sie die Zahl, die Sie sich gedacht haben, mit zehn
mal«, leierte Egon den vorgeschriebenen Text herunter.
»Weiter«, ermahnte ihn sein Vater. »Dann teilen Sie die neue Zahl durch funf, halbieren Sie die Zahl, die Sie dann bekommen - und das Resultat ist die Zahl, an die Sie zuerst gedacht haben.«
»Stimmt's?« fragte mein Nachbar zitternd vor Aufregung; und als ich bejahend nickte, kannte seine Freude keine Grenzen.
»Aber wir sind noch nicht fertig! Egon, sag jetzt dem Herrn, an welche Zahl er gedacht hat.«
»Wei? ich nicht.«
»Egon!«
»Sieben?« fragte das Wunderkind.
»Nein!«
»Eins?«
»Auch nicht!« brullte der enttauschte Papa. »Konzentrier' dich!«
»Ich konzentrier' mich ja.« Der Kleine begann zu weinen. »Aber woher soll ich denn wissen, an welche Zahl ein fremder Mann denkt?«
Mit der Selbstbeherrschung des Vaters war es vorbei: »Drei! « Seine Stimme uberschlug sich. »Drei, drei, drei! Wie oft soll ich dir noch sagen, da? die Leute immer an drei denken?!«
»Und wenn schon«, quakte das gepeinigte Kind. »Was gehen mich Zahlen an? Immer nur Zahlen, immer nur Zahlen! Wer braucht das?«
Aber da hatte mein Nachbar ihn schon am Kragen und beutelte ihn in erhabenem Vaterzorn.
»Was sagen Sie dazu?« keuchte er unter Verzicht auf Mundwinkel und vorgehaltene Hand. »Haben Sie schon jemals ein achtjahriges Kind gesehen, das sich nicht einmal eine einzige Ziffer merken kann? Gott hat mich hart geschlagen...«
Damit machte er sich davon, den heulenden Egon hinter sich
herziehend. Ich sah ihm nach, bis seine gramgebeugte Gestalt im winterlichen Mittagssonnenschein verschwand.
Von einem Tag zum anderen interessierte sich Franzi, unsere Hundin, plotzlich fur ihre mannlichen Kollegen. Sie sprang am Fenster hoch, wenn drau?en einer vorbeiging, wedelte hingebungsvoll mit dem Schwanz und manchmal winselte sie sogar. Und siehe da: Drau?en vor dem Fenster versammelten sich nach und nach samtliche mannlichen Hunde der Umgebung, wedelnd und winselnd. Und Zulu, der riesige Schaferhund, der am andern Ende der Stra?e lebt, sprang sogar eines Tages durch das offene Kuchenfenster ins Haus. Wir mu?ten ihn mit Gewalt vertreiben. Verzweifelt wandten wir uns an Dragomir, den international bekannten Hundetrainer aus Jugoslawien. Er klarte uns auf: »Warum Sie aufgeregt? Hundin ist laufig.«
»Hundin ist was?« fragte ahnungslos die beste Ehefrau von allen. »Wohin will sie laufen?«
»Ganz einfach«, meinte Dragomir. »Zu Hund. Hundin braucht Mann.«
Nun wu?ten wir also Bescheid.
Die Zahl von Franzis Verehrern vor unserem Haus wuchs standig. Wenn wir auf die Stra?e wollten, konnten wir uns nur noch mit dem Besen einen Weg bahnen.
»Papi«, sagte mein Sohn Amir, »warum la?t du sie nicht hinaus?«
»Franzi ist noch viel zu jung«, antwortete ich ihm.
Wahrenddessen stand Franzi am Fenster, wedelte mit dem Schwanz und schaute sehnsuchtig zu der Hundeschar hinunter. Sie fra? nicht mehr, sie trank nicht mehr, sie schlief nicht mehr. Da beschlossen wir, Franzi zu retten. Wahrscheinlich lag es an ihrem wunderschonen, silbergrauen, langhaarigen Fell, da? die Hunde wie verruckt nach ihr waren. Wir mu?ten sie scheren lassen.
Am nachsten Tag kamen zwei Manner, kampften sich durch die Hundehorden, die unseren Garten besetzt hielten, hindurch und nahmen Franzi mit sich. Franzi wehrte sich wie eine MiniLowin. Ihre Verehrer bellten und tobten und rannten noch kilometerweit hinter dem Wagen her, in dem Franzi sa?.
Am Tag darauf brachte man uns Franzi wieder. Aber das war nicht mehr unsere Franzi. Sie hatte fast keine Haare mehr und sah aus wie eine nackte, rosafarbene Maus. Franzi selbst war hochst unzufrieden mit sich. Sie sprach kein Wort mit uns, sie wedelte nicht, sie starrte reglos zum Fenster hinaus. Mit Franzi kamen auch die Hundescharen zuruck. Das Gebelle und Gejaule war schlimmer als zuvor. Es waren jetzt nicht mehr nur die Hunde
