kamen die Ameisen nur langsam vorwarts, weil sie die vielen kleinen Pulverhugel ubersteigen mu?ten. Eine andere Wirkung zeigte sich nicht. Am nachsten Tag versuchten wir es mit einer Insektenspritze. Die Vorhut der Ameisen fiel, die Hauptarmee marschierte ungeruhrt weiter. „Sie sind sehr widerstandsfahig, das mu? man ihnen lassen', meinte meine Frau und wusch die ganze Kuche mit einem starkriechenden Desinfektionsmittel aus. Die Ameisen blieben zwei Tage weg. Auch wir konnten in dieser Zeit die Kuche nicht betreten. Doch danach erschienen die Ameisenregimenter wieder in voller Starke und legten noch gro?eren Eifer an den Tag als zuvor. Dabei entdeckten sie den Topf mit dem Hustensirup. Er ging in ihren Besitz uber, sie haben sicher nie mehr gehustet. Die beste Ehefrau von allen, eine allgemein anerkannte Tier freundin, begann nun jeden Morgen, die Ameisen einzeln zu toten.

Auf diese Weise starben Tausende. Doch sie lie? es bald wieder sein. „Es kommen immer neue', seufzte sie. „Es sind entsetzlich viele.' Irgend jemand gab ihr den Tip, Ameisen konnten den Geruch von Gurken nicht ertragen. Am nachsten Tag war unsere ganze Kuche mit Gurken ausgelegt. Aber offenbar wu?ten die Ameisen nichts davon, da? sie Gurken nicht mogen, denn sie wanderten nach kurzem, erstaunten Schnuppern zwischen den Gurken hindurch. Nun wu?ten wir uns nicht mehr zu helfen, wir riefen beim Gesundheitsamt an und baten um Rat.

„Was soll man denn machen, um Ameisen loszuwerden?' fragten wir.

„Das mochte ich selbst gern wissen', antwortete der Beamte. „Ich habe die ganze Kuche voller Ameisen. ' Eine Zeitlang versuchten wir es noch erfolglos weiter, doch dann entschlossen wir uns, den ungleichen Kampf aufzugeben. Seitdem wandern die Ameisen friedlich an unserem Fruhstuckstisch vorbei und nehmen ihre gewohnten Platze ein. Sie storen uns nicht mehr, und wir storen sie auch nicht. Man konnte fast sagen, wir haben uns aneinander gewohnt. Es ist ein friedliches Nebeneinanderleben.

Wer klaut die Briefmarken

Vor etwa einer Woche fiel mir auf, da? ich keine Briefe mehr bekam. Zuerst glaubte ich, wir hatten einen neuen Postboten bekommen, der sich noch nicht richtig auskennt. Doch gestern entdeckte ich zufallig die wahre Ursache. Als ich morgens das Haus verlie?, erwischte ich den Sohn der Familie Ziegler, die im Nachbarhaus wohnt, als er gerade aus meinem Briefkasten die Briefe herausangelte. Als er mich sah, ergriff er schnellstens die Flucht. Wutschnaubend ging ich zu Herrn Ziegler, der auf der Schwelle seines Hauses stand. „Was ist denn los?' fragte er. „Herr Ziegler' tobte ich los, „Ihr Sohn stielt meine Briefe. ' „Er stiehlt keine Briefe, er sammelt nur Briefmarken' antwortete mir der stolze Vater. „Wie bitte?'

„Horen Sie', begann Herr Ziegler. „Ich lebe seit Jahren in diesem Land und habe einiges geleistet. Ich spreche aus Erfahrung. Heutzutage lohnt es sich gar nicht mehr, Briefe zu bekommen. ' Und wenn einmal ein wichtiger Brief dabei ist?.....Wichtig? Glauben Sie mir, nichts ist wichtig. Was die lieben Verwandten schreiben,

interessiert Sie sowieso nicht. Und die amtlichen Briefe, die in Ihrem Briefkasten landen, sind meistens unerfreulich. Entweder es sind Strafzettel oder Steuerbescheide oder Mahnungen. '

„Wichtig oder nicht, ich will die Briefe lesen, die an mich geschickt werden!'

„Nun ja, wenn Sie das nicht einsehen wollen', antwortete Herr Ziegler gereizt, „so werde ich mit meinem Sohn reden. ' „Vielen herzlichen Dank. Vielleicht darf ich Ihrem Sohn den Schlussel zu meinem Briefkasten geben?' AAber nein', winkte Herr Ziegler ab, „es ist besser, wenn er lernt, wie muhsam es ist, Briefmarken zu sammeln. ' Seit dieser Zeit machen meine Briefe immer einen kleinen Umweg. Auch erhalte ich nicht die ganze Post. Aber unterdessen habe ich mich daran gewohnt. Ich habe alle meine auslandischen Freunde gebeten, besonders schone Marken auf ihre Briefe zu kleben. Dann ist die Moglichkeit, da? ich sie wirklich erhalte, um einiges gro?er.

Meine einzige Hoffnung besteht darin, da? Ziegler junior bald keine Lust mehr hat, Briefmarken zu sammeln.

Papi als Schwimmlehrer

Mein Sohn Amir steht am Rand des Schwimmbeckens und heult. „Komm ins Wasser!' rufe ich. „Ich hab' Angst!' ruft er zuruck.

Seit einer Stunde versuche ich, meinen kleinen Rotschopf ins Wasser zu locken, damit ihn Papi im Schwimmen unterweisen kann. Aber er hat Angst. Er heult vor lauter Angst. Auch wenn sein Heulen noch nicht die hochste Lautstarke erreicht hat - bald wird es soweit sein, ich kenne ihn.

Ich kenne ihn und bin ihm nicht bose. Nur allzu gut erinnere ich mich, wie mein eigener Papi versucht hat, mir das Schwimmen beizubringen, und wie ich heulend vor Angst am Rand des Schwimmbeckens stand. Mein Papi ist damals recht unsanft mit mir umgegangen.

Aber ich will meinem Sohn nichts aufzwingen, wozu er keine Lust hat. Er soll den entscheidenden Schritt von selbst tun. „Komm her, mein Kleiner', flote ich. „Komm her und sieh selbst. Das Wasser reicht dir kaum bis zum Nabel, und Papi wird dich festhalten. Es kann dir nichts geschehen. ' „Ich hab' Angst. '

„Alle anderen Kinder sind im Wasser und spielen und schwimmen und lachen. Nur du stehst da und weinst. Warum weinst du?' „Weil ich Angst hab'. '

„Bist du denn schwacher oder dummer als andere Kinder?' „ja.

„Wovor hast du Angst, Amirlein?' „Vor dem Ertrinken. '

„Wie kann man in diesem seichten Wasser ertrinken?' „Wenn man

Angst hat, kann man. '

„Nein, nicht einmal dann. ' Ich versuche es ihm zu erklaren: „Der menschliche Korper hat ein spezifisches Gewicht, wei?t du, und schwimmt auf dem Wasser. Ich zeig's dir. ' Papi legt sich auf den Rucken und bleibt gemachlich liegen. Das Wasser tragt ihn. Mitten in diesem lehrreichen und uberzeugenden Beweis springt irgendein Idiot dicht neben mir ins Wasser. Die aufspritzenden Wellen uberschwemmen mich, ich schlucke Wasser, mein spezifisches Gewicht zieht mich abwarts, und mein Sohn heult jetzt bereits im dritten Gang.

Nachdem ich nicht ohne Muhe wieder hochgekommen bin, wende ich mich an den Badewarter, der den Vorgang gleichmutig beobachtet hat.

„Bademeister, bitte sagen Sie meinem kleinen Jungen, ob hier im Kinderschwimmbecken jemand ertrinken kann. ' „Selbstverstandlich', antwortet der Bademeister. „Und wie!' So sieht die Unterstutzung aus, die man von einem Bademeister bekommt, der doch helfen sollte, Kindern die Angst zu nehmen. Ich bin wieder einmal ganz auf mich selbst angewiesen. „Ich mach' dir einen Vorschlag, Amir. Du gehst ins Wasser, ohne da? ich dich anruhre. Du gehst so lange, bis dir das Wasser an die Knie reicht. Wenn du willst, gehst du weiter. Wenn du nicht weitergehen willst, bleibst du stehen. Wenn du nicht stehen bleiben willst, steigst du aus dem Wasser. Gut?' Amir nickt, heult und macht ein paar zogernde Schritte ins Wasser hinein. Noch ehe es ihm bis an die Knie reicht, dreht er sich um und steigt aus dem Wasser, um sein Geheul am Land wieder aufzunehmen. Dort heult sich's ja auch leichter. „Mami!' heult er. „Mami!'

Das macht er immer. Wenn ich ihn erziehen will, heult er nach Mami. Gleichgultig, ob sie ihn horen kann oder nicht. „Wenn du nicht sofort ins Wasser kommst, Amir, gibt's heute kein Fernsehen. '

War ich zu streng mit dem Kleinen ? Er heult und ruhrt sich nicht. Er ruhrt sich nicht und heult. Ich mache einen weiteren Versuch. „Es ist doch ganz einfach, Amir. Du streckst die Arme aus und zahlst. Eins-zwei-drei. Schau, ich zeig's dir. Eins-zwei-dr... ' Es ist klar, da? man nicht gleichzeitig schwimmen und zahlen kann. Niemand hat mich das gelehrt. Au?erdem bin ich kein Schwimmer, sondern ein Schriftsteller. Ich kann ja auch nicht gleichzeitig schwimmen und schreiben. Kein Mensch kann das, also bin ich untergegangen.

Mittlerweile hat sich Amir in die hochsten Tone gesteigert und rohrt drauflos, umringt von einer schaulustigen Menge, die mit Fingern auf seinen Vater weist. Ich springe aus dem Wasser und verfolge ihn rund um das Schwimmbecken. Endlich erwische ich ihn und zerre ihn ins Wasser. Dem Balg werde ich noch beibringen,

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