weniger zufallig wurden, je langer Conway sie betrachtete.

Als er den von der Pflanze ausgehenden schwachen Duft bemerkte, der wie eine Mischung aus Moschus und Pfefferminz roch, ging er durchs Buro, um sich das Gewachs genauer anzusehen.

Der Kaktus wich vor ihm zuruck.

„Das ist Khone.“ Der Lieutenant schaltete den Translator an, dann deutete er auf den Chefarzt und sagte: „Das ist Doktor Conway. Er ist ebenfalls Arzt.“

Wahrend Wainright gesprochen hatte, waren aus dem Translator rauhe, seufzende Laute zu horen gewesen, aus denen sich die Sprache des Lebewesens zusammensetzen mu?te. Einen Moment lang lie? sich Conway nach und nach eine ganze Reihe hoflicher, diplomatischer Redewendungen einfallen, deren sich die terrestrische Spezies bei derartigen Anlassen normalerweise bediente, die er aber allesamt verwarf, da er es fur angebrachter hielt, etwas Positives und Eindeutiges zu sagen.

„Ich wunsche Ihnen alles Gute, Khone“, begru?te er schlie?lich das fremdartige Wesen.

„Danke, ich Ihnen auch“, entgegnete die Extraterrestrierin.

„Sie sollten wissen, Doktor, da? in einem Gesprach Namen nur ein einziges Mal genannt werden, und zwar nur, um sich gegenseitig vorzustellen, zu identifizieren oder wiederzuerkennen“, mischte sich Wainright schnell ein. „Bemuhen Sie sich, nach dem anfanglichen Gebrauch des Namens in moglichst unpersonlicher Form zu sprechen, um irgendwelchen Ansto? zu vermeiden. Spater konnen wir diese Angelegenheit noch ausfuhrlicher miteinander besprechen. Die Gogleskanerin hat fast bis zum Sonnenuntergang gewartet, nur um Sie zu begru?en, aber jetzt.“

„…mu? sie leider gehen“, schlo? Khone den Satz.

Der Lieutenant nickte und fugte hinzu: „Es ist ein Fahrzeug mit einer Heckladerampe zur Verfugung gestellt worden, damit die Insassin einsteigen und befordert werden kann, ohne in unmittelbare korperliche Nahe zum Fahrer zu geraten. Die Insassin wird lange vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein.“

„Das ist sehr rucksichtsvoll“, entgegnete die Gogleskanerin, als sie sich zum Gehen wandte. „Danke.“

Wahrend des Wortwechsels hatte Conway die Extraterrestrierin eingehend betrachtet. Die dichte, widerspenstige Behaarung und die Stacheln, die den aufgerichteten, eiformigen Korper bedeckten, waren von der Lange und der Lage her weniger unregelma?ig, als es zunachst den Anschein gehabt hatte. Die Korperbehaarung war beweglich, obwohl sie nicht das hohe Ma? an Flexibilitat und Schnelligkeit des Kelgianerfells besa?, und die Stacheln, von denen einige au?erst biegsam und zu Fingerbuscheln gruppiert waren, zeugten von der hohen Spezialisierung dieser Spezies. Die ubrigen Stacheln waren langer und steifer, und einige schienen teilweise verkummert zu sein, als ob sie sich einst zur naturlichen Verteidigung entwickelt hatten, aber schon vor langer Zeit um ihre Daseinsberechtigung gebracht worden waren. Unter dem vielfarbigen Haar auf dem Schadelbereich lag au?erdem eine Anzahl langer, blasser Fuhler, deren Funktion Conway unklar war.

Den kuppelformigen, halslosen Kopf umgab ein dunnes Band aus mattem Metall, und ein paar Zentimeter unter diesem Metallreif befanden sich zwei weit auseinanderstehende, tiefliegende Augen. Die Stimme schien aus einer Zahl schmaler, senkrechter Offnungen zu kommen, die sich um die Hufte herumzogen. Das Wesen sa? auf einem flachen Muskelband, und erst als es sich zum Gehen wandte, sah Conway, da? es auch so etwas wie Beine hatte.

Dabei handelte es sich um vier kurze, ziehharmonikaartige Gliedma?en, die das Wesen nur um einige Zentimeter gro?er machten, wenn es auf ihnen stand. Daruber hinaus entdeckte Conway, da? es am Hinterkopf noch uber zwei weitere Augen verfugte — offensichtlich hatte diese Spezies in vorgeschichtlicher Zeit sehr wachsam sein mussen —, und plotzlich wurde ihm der Zweck des Metallreifs klar: Er diente als Einfassung einer Korrekturlinse vor einem der gogleskanischen Augen, war also eine Art Monokel.

Trotz der Korpergestalt war die Gogleskanerin eine warmblutige Sauerstoffatmerin und keine intelligente Pflanze, und Conway ordnete sie der physiologischen Klassifikation FOKT zu. Bevor sie den Raum verlie?, blieb sie kurz im Turrahmen stehen und zuckte kurz mit einer Gruppe ihrer Fingerbuschel.

„Einen einsamen Aufenthalt“, wunschte sie.

5. Kapitel

Aus Sicht der Kulturkontaktspezialisten handelte es sich bei Goglesk um einen Grenzfall. Der eingehende Kontakt mit einer in technologischer Hinsicht derart ruckstandigen Zivilisation war gefahrlich, weil man sich, wenn die Monitorkorpsschiffe wie aus heiterem Himmel auf die Planetenoberflache fielen, nie sicher sein konnte, ob man den Einheimischen, wie in diesem Fall den Gogleskanern, eine erstrebenswerte Zukunft bieten oder einen vernichtenden Minderwertigkeitskomplex bereiten konnte. Doch die Einheimischen waren trotz ihrer Ruckstandigkeit in den Naturwissenschaften und der verheerenden Rassenpsychose, die sie am Fortschritt hinderte, zumindest als Individuen psychologisch gefestigt, und der Planet hatte viele tausend Jahre lang keinen Krieg mehr erlebt.

Fur das Korps ware es bei der Entdeckung des Planeten der einfachste Weg gewesen, sich zuruckzuziehen, die gogleskanische Kultur so weitermachen zu lassen, wie sie es seit Beginn ihrer Geschichte getan hatte, und ihre Probleme als unlosbar abzuschreiben. Doch statt dessen hatten sich die Spezialisten vom Kultukontakt zu einem ihrer seltenen Kompromisse durchgerungen.

Kurz nach der Entdeckung errichteten sie einen kleinen Stutzpunkt, auf dem sie eine Handvoll Beobachter sowie deren Versorgungsmaterial und Ausrustung unterbrachten, zu der auch ein Flugzeug und zwei Universalbodenfahrzeuge gehorten. Der Zweck des Stutzpunkts bestand darin, zu beobachten und Daten zu sammeln, nicht mehr und nicht weniger. Doch mit der Zeit entwickelten Wainright und sein Team fur die leidgepruften Einheimischen eine immer starker werdende Zuneigung und wollten entgegen ihren Anweisungen mehr fur die Gogleskaner tun.

Beim Erzielen genauer Ubersetzungen mit der relativ einfachen Ausrustung hatten sich allerdings Schwierigkeiten ergeben — die gogleskanischen Sprachlaute wurden durch geringfugige Veranderungen der durch vier verschiedene Atemoffnungen ausgesto?enen Luft erzeugt, und es waren gleich mehrere, potentiell gefahrliche Mi?verstandnisse aufgetreten. Deshalb hatte man sich dazu entschlossen, die gesammelten Sprachdaten zur Uberprufung und Aufbereitung an den riesigen Ubersetzungscomputer im Orbit Hospital zu schicken. Um die Anweisungen nicht offen zu mi?achten, legten die Spezialisten dem Sprachmaterial eine kurze Stellungnahme zur Lage auf Goglesk bei, und an die Abteilung fur ET-Psychologie des Krankenhauses richteten sie zudem die Bitte, sie uber samtliche ahnlichen Lebensformen oder — umstande zu informieren, auf die man im Orbit Hospital vielleicht fruher schon einmal gesto?en war.

„Doch anstatt uns Auskunfte zu erteilen“, fuhr der Lieutenant fort, wahrend er das Bodenfahrzeug uber einen umgesturzten Baum steigen lie?, der den Pfad versperrte, dem sie gerade durch den Wald folgten, „hat man uns Chefarzt Conway geschickt, der.“

„Nur zur Beobachtung hier ist“, unterbrach ihn Conway, „und um sich auszuruhen.“

Wainright lachte. „In den vergangenen vier Tagen haben Sie sich nicht viel ausgeruht.“

„Das liegt einfach daran, da? ich zu sehr mit dem Beobachten beschaftigt gewesen war“, entgegnete Conway trocken. „Aber ich wunschte, Khone ware noch einmal zuruckgekommen, damit ich mich mit ihr eingehender hatte unterhalten konnen. Meinen Sie, ich sollte sie mal besuchen?“

„Unter diesen Umstanden konnte das die richtige Verhaltensweise sein“, stimmte Wainright ihm zu. „Die Gogleskaner haben einige merkwurdige Regeln und betrachten schon aufgrund ihres ausgepragten Individualismus zwei aufeinanderfolgende und unangekundigte Besuche vielleicht als ungerechtfertigte Aufdringlichkeit. Aber wenn der erste Besuch einer Person willkommen ist, wird von einem womoglich sogar erwartet, da? man einen Gegenbesuch abstattet. Ubrigens kommen wir gleich in das Wohngebiet.“

Nach und nach waren die kleinen Baume und Busche vom Waldboden verschwunden, der nun zwischen den gewaltigen Stammen, die als Pfeiler fur die gogleskanischen Wohnhauser dienten, nur noch von einem dunnen Teppich grasahnlicher Vegetation bewachsen war. Fur Conway sahen die Hauser wie Blockhutten aus grauer Vorzeit aus — nur da? sie keine Dacher hatten, weil die uberhangenden Aste den notwendigen Witterungsschutz boten —, und aus der gro?en Vielfalt des Baustils und der handwerklichen Verarbeitung ging deutlich hervor, da? sie eher von ihren Bewohnern selbst als von auf Hauserbau spezialisierten gesellschaftlichen Gruppen errichtet worden waren.

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