sie weniger als zwei Meter voneinander entfernt, und Conway entschlo? sich, die Initiative zu ergreifen.

Er mu?te darauf achten, Khone nicht mit unnotigen Darstellungen einer medizinischen Superwissenschaft einzuschuchtern. Deshalb begann er damit, in ganz einfachen Worten die Arbeit des Orbit Hospitals zu beschreiben, wobei er jedoch immer wieder die Vielfalt der behandelten Spezies hervorhob und das fur die Durchfuhrung der Behandlungen erforderliche hohe Ma? an fachlicher Zusammenarbeit unterstrich. Von dort aus tastete er sich langsam zum Thema Zusammenarbeit im allgemeinen und ihrer Bedeutung in au?ermedizinischen Bereichen vor.

„Verschiedene Beobachtungen lassen, darauf schlie?en, da? der hiesige Fortschritt aus Grunden gehemmt worden ist, die bezuglich der hohen Intelligenz der einzelnen Gogleskaner einem Au?enstehenden vollig unklar sind“, fuhr Conway fort. „Konnte dazu vielleicht eine Erklarung gegeben werden?“

„Fortschritt ist unmoglich, weil keine Zusammenarbeit moglich ist“, antwortete Khone und wurde auf einmal weniger unpersonlich. „Conway, wir kampfen unaufhorlich gegen uns selbst und gegen die Verhaltensmuster, die uns durch unsere Uberlebensinstinkte aufgezwungen werden. Diese mussen sich nach meinem Dafurhalten zu einer Zeit entwickelt haben, als wir noch nichtintelligente Meeresbewohner waren und samtlichen Meeresraubtieren auf unserem Planeten als Beute dienten. Um diese Instinkte wirksam zu bekampfen, ist fur unser Denken und Handeln ein hohes Ma? an Selbstdisziplin erforderlich, wenn wir unser derzeitiges, au?erst bescheidenes, ja sogar ruckstandiges kulturelles Niveau nicht ganz einbu?en wollen.“

„Falls die genaue Art des Problems im einzelnen erklart werden konnte“, begann Conway und verfiel dann ebenfalls in eine personlichere Ausdrucksweise, „wurde ich Ihnen gerne helfen, Khone. Moglicherweise konnte ein ganz fremder Arzt mit einem vollig neuen, vielleicht sogar au?erplanetarischen Blickwinkel einen Losungsvorschlag machen, auf den die Betroffenen sonst nicht gekommen waren und.“ Da weiter landeinwarts ein unregelma?iges, eindringliches Trommeln begonnen hatte, brach er mitten im Satz ab.

Khone entfernte sich wieder ein Stuck von ihm und sagte mit lauter Stimmer: „Entschuldigung wegen des plotzlichen Aufbruchs. Es gibt dringende medizinische Arbeit.“

Wainright lehnte sich aus dem Bodenfahrzeug heraus. „Falls es Khone eilig haben sollte.“, begann er, berichtigte sich aber sogleich: „Falls ein schnelles Transportmittel erforderlich ist, steht es zur Verfugung.“

Der Heckladeraum stand bereits offen, und die Laderampen wurden ausgefahren.

Nach einer der haarstraubendsten Fahrten, die Conway je erlebt hatte — die Gogleskanerin hatte wahrscheinlich wegen ihrer von Natur aus langsamen Fortbewegungsart immer erst dann die Anweisung gegeben, um eine Ecke zu biegen, wenn sie sich schon langst auf der betreffenden Kreuzung befunden hatten —, trafen sie nach etwa zehn Minuten am Unfallort ein. Nachdem Wainright das Fahrzeug neben einem von Khone bezeichneten dreigeschossigen Gebaude, das teilweise zerstort war, aufgesetzt hatte, fragte sich Conway jedenfalls, ob er zum erstenmal im Erwachsenenalter tatsachlich an Reisekrankheit leiden sollte.

Doch als er die Unfallopfer uber die geborstenen oder nach und nach einsturzenden Au?enrampen nach unten humpeln und taumeln sah und miterleben mu?te, wie sich andere durch den gro?en Eingang im Erdgescho?, der zum Teil durch herabgesturzte Trummer versperrt war, ins Freie kampften, waren alle personlichen Uberlegungen wie weggeblasen. Die vielfarbige Korperbehaarung der Fliehenden war von einer Schicht aus Staub und Holzsplittern bedeckt, und auf einigen wenigen Korpern sah man das feuchte Rot frischer Wunden schimmern. Als Conway aus dem Fahrzeug sprang, stellte er jedoch zu seiner gro?en Erleichterung fest, da? sich samtliche Betroffenen noch fortbewegen konnten und sich alle ohne Ausnahme so schnell wie moglich von dem zerstorten Gebaude entfernten, um sich in den gro?en und uberraschend weit entfernten Kreis der Schaulustigen einzureihen.

Plotzlich erblickte Conway eine gogleskanische Gestalt, die unter den Trummern vor dem Eingang hervorragte, und er vernahm die unubersetzbaren Laute, die von ihr heruberdrangen.

„Warum stehen die alle nur herum?“ rief er Khone mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung der Zuschauer zu. „Warum hilft ihm denn niemand?“

„Wenn ein Gogleskaner Schmerzen hat, darf sich nur ein Arzt in seine unmittelbare Nahe begeben“, klarte Khone ihn auf, wahrend sie aus einem um die Mitte ihres Leibs geschnallten Beutel einige dunne Holzstabe zog und diese zusammenzustecken begann. „Oder jemand, der genugend psychische Selbstbeherrschung besitzt, um sich nicht von diesen Schmerzen beeinflussen zu lassen“, fugte sie hinzu.

Als Khone auf den Verletzten zuging, folgte Conway ihr. „Vielleicht konnte ja ein Lebewesen von einer ganz anderen Spezies das erforderliche Ma? an sachlicher Unvoreingenommenheit aufbringen, die bei solch einem Fall angezeigt ist“, schlug er vor.

„Nein“, widersprach ihm Khone in bestimmtem Ton. „Eine Korperberuhrung oder auch nur eine unmittelbare Annaherung an den Verletzten mussen unbedingt vermieden werden.“

Mittlerweile hatte die Gogleskanerin die Stabe zu einer Zange mit langen Griffen zusammengesetzt, auf die sie wahrend der Untersuchung des Verungluckten noch eine Reihe von Sonden, Spateln und Linsen steckte. Spater tauschte sie diese gegen feine Pinsel und Tupfer aus, die offenbar mit einem Antiseptikum zur Sauberung der Wunden vollgesogen waren. Danach vernahte Khone die gro?eren Schnittwunden mit einem raffinierten Instrument, das am Ende der Zange befestigt war. Doch konzentrierte sich die Behandlung ausschlie?lich auf au?ere Verletzungen und verlief au?erst langwierig.

Conway zog rasch den Teleskopgriff des Scanners auf die Lange von Khones Zange aus, hockte sich auf alle viere und schob das Gerat der Arztin zu.

„Dieses Gerat wird anzeigen, ob der Verwundete auch innere Verletzungen hat“, sagte er.

Ein Dankeschon erhielt er zwar nicht — wahrscheinlich war Khone zu beschaftigt, um hoflich zu sein —, aber die Gogleskanerin legte sogleich die Zange beiseite und benutzte Conways Scanner. Zunachst bewegten sich ihre Greiforgane noch unbeholfen, doch schon sehr bald hatten sie sich auf die fur terrestrische Finger ausgelegten Griffe eingestellt, so da? die gogleskanische Arztin Abtasttiefe und Vergro?erung allmahlich in beinahe fachmannischer Manier veranderte.

„In dem Teil des Korpers, der sich unter den Trummern befindet, ist eine leichte Blutung aufgetreten“, berichtete die Gogleskanerin kurze Zeit spater. „Aber es ist zu beobachten, da? dem Verletzten die gro?te Gefahr von der Unterbrechung der Blutzufuhr zum Schadelbereich droht, die durch den Druck eines Holzbalkens verursacht wird, der quer uber der Hauptkopfschlagader liegt und diese zusammenquetscht. Dieser Druck hat au?erdem zur Bewu?tlosigkeit gefuhrt, die die in letzter Zeit fehlenden Laute und Korperbewegungen erklart, wie man wohl ebenfalls bemerkt haben wird.“

„Welche Rettungsma?nahmen sind demnach angesagt?“ wollte Conway wissen.

„In der vorhandenen Zeit ist keine Rettung moglich“, antwortete Khone. „In welche Einheiten der au?erplanetarische Arzt die Zeit einteilt, ist zwar nicht bekannt, doch der Verletzte wird in etwa einem Funfzigstel der Zeitspanne zwischen der gogleskanischen Morgen- und Abenddammerung sterben. Auf jeden Fall mu? man den Versuch unternehmen.“

Conway blickte zu Wainright hinuber, der ihm leise „Etwa funfzehn Minuten“ zurief.

„…den Balken mit einem Keil zu fixieren“, fuhr die Gogleskanerin fort, „und den Schutt unter dem Verletzten zu entfernen, damit er in eine tiefere Lage kommt, in der er nicht mehr dem Druck des Balkens ausgesetzt ist. Au?erdem besteht die Gefahr eines weiteren Hauseinsturzes, deshalb werden alle Anwesenden au?er dem Verletzten und seiner Arztin im Interesse der eigenen Sicherheit gebeten, sich zu entfernen.“

Khone gab Conway den Scanner mit dem langen Griff voran zuruck, und als er ihn entgegennahm, machte sie sich daran, Schaufeln zum Graben an der Zange zu befestigen.

Conway hatte das alptraumhafte Gefuhl, vor einem simplen Problem zu stehen, zu dessen Losung eigentlich nur ein Mindestma? an Handarbeit erforderlich war, und beide Hande hinter dem Rucken zusammengebunden zu haben. Es war ihm unmoglich, unbeteiligt herumzustehen und einem Verletzten beim Sterben zuzusehen, wo ihm so viele Rettungsmoglichkeiten offenstanden. Und doch hatte man ihm ausdrucklich verboten, sich dem Unfallopfer zu nahern, obwohl die Gogleskanerin wu?te, da? er lediglich helfen wollte. Auf den ersten Blick war das naturlich ein dummes Verhalten seitens der Arztin, aber in der Kultur dieser Spezies mu?te es irgendeine Erklarung fur diese offensichtliche Dummheit geben.

Hilflos blickte er Wainright und dessen au?erst muskulosen Korper an, durch den der Overall des Lieutenant zu eng wirkte, und versuchte es erneut.

„Wenn ein Verletzter bewu?tlos ist“, sagte er verzweifelt, „sollte er sich durch die unmittelbare Nahe oder die Beruhrung anderer Wesen nicht unmittelbar gestort fuhlen. Den Au?erplanetariern ware es vielleicht moglich, den Balken so weit hochzuheben, da? man den Verletzten darunter hervorziehen konnte.“

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