„Es sind viele Zuschauer da“, gab Khone zu bedenken, und ihre Unschlussigkeit offenbarte sich durch die Art, in der sie die Zange hob und wieder senkte. Dann steckte sie neue Spitzen auf die Zange, holte von irgendwo eine Rolle mit einem dunnen Seil hervor und machte sich daran, es mit der Zange um die Fu?e des Verletzten zu wickeln. „Also gut“, willigte sie schlie?lich ein. „Aber es ist gefahrlich. Und die Au?erplanetarier durfen sich weder in unmittelbarer Nahe des Verletzten und seiner Arztin aufhalten, noch sich von anderen dabei beobachten lassen — dabei spielt es keine Rolle, wie gut ihre Absichten sind.“

Conway erkundigte sich nicht, wie nah diese unmittelbare Nahe war, als er sich vor dem Lieutenant auf den breiten, niedrigen Eingang zubewegte. Als sie ihn erreicht hatten, stemmten sich beide von unten mit der Schulter gegen den Balken, der die eine Seite des Eingangs trug. Zweifellos war die gegenseitige korperliche Nahe von Conway und Wainright fur die Zuschauer ansto?ig, aber der Eingang lag im Schatten, und moglicherweise wurden sie von den schaulustigen Gogleskanern zumindest nicht allzu deutlich erkannt. Im Moment war Conway sowieso viel zu beschaftigt, um sich um die Gedanken der Umstehenden zu kummern.

Als die beiden das eine Ende des Balkens um zehn, funfzehn und schlie?lich fast zwanzig Zentimeter nach oben druckten, regneten Staub und feiner Schutt auf sie herab. Doch am anderen Ende, wo das Opfer eingeklemmt war, hob sich der Balken kaum um funf Zentimeter. Khone hatte das Seil mit der Zange erfolgreich um die Beine des Verungluckten gewickelt und sich das andere Ende mehrmals um den eigenen Korper geschlungen. Sie nahm das durchhangende Seil auf, druckte die Beine durch und legte sich wie der hinterste Mann einer Mannschaft beim Tauziehen dagegen, jedoch vergebens. Die gogleskanischen FOKTs hatten einen zu leichten Korperbau und waren fur das Aufbringen der erforderlichen Zugkraft physiologisch ungeeignet.

„Konnten Sie den Balken einen Moment lang alleine hochhalten, Doktor?“ fragte Wainright. Conways Einverstandnis vorausgesetzt, buckte er sich plotzlich und verschwand weiter hinten im Eingang. „Ich sehe etwas, das uns helfen konnte.“

Conway kam es sehr viel langer als einen Moment vor, wahrend der Lieutenant in dem Schutt im Eingang wuhlte, denn der Balken grub sich immer tiefer in seine Schulter. In seinen bis zum au?ersten angespannten Rucken- und Beinmuskeln brannte ein nicht enden wollender Krampf Er blinzelte sich den Schwei? aus den Augen und sah, da? Khone mittlerweile anders an das Problem heranging: Statt unentwegt zu ziehen, hatte sie sich dem Verletzten wieder so weit wie zulassig genahert und watschelte jetzt so schnell, wie sie konnte, wieder von ihm weg, bis das Seil straff gespannt war, um den Gogleskaner durch den Ruck freizubekommen.

Zwar bewegte sich der Verletzte bei jedem Ruck ein bi?chen, doch einige der vernahten Wunden hatten sich dadurch wieder geoffnet und bluteten nun ungehemmt.

Der Balken druckt mir samtliche Ruckenwirbel zu einer starren Knochensaule zusammen, die jetzt jede Sekunde brechen kann, dachte Conway verargert.

„Beeilen Sie sich, verdammt noch mal!“ fluchte er laut.

„Ich beeile mich ja“, protestierte Khone, die dabei vollig verga?, unpersonlich zu bleiben, obwohl sie gar nicht gemeint war.

„Ich komme!“ rief der Lieutenant.

Wainright kam mit einem kurzen, dicken Holzklotz an, den er schnell zwischen Balken und Boden keilte. Jetzt, wo seine maltratierten Schultern und der Rucken entlastet waren, fiel Conway erleichtert auf die Knie. Doch war dieser Zustand nur von kurzer Dauer, denn der Lieutenant hatte die Idee, den Balken ein paar Sekunden lang unter Aufbietung aller Krafte noch hoher zu heben, ihn dann mit der Holzstutze daran zu hindern, wieder abzusacken, und den Vorgang zu wiederholen, bis der Verletzte herausgezogen werden konnte.

Das war ein glanzender Einfall, aber der sto?weise herabrieselnde Schutt und Staub prasselte immer dichter und schneller herunter. Der Verletzte war schon beinahe befreit, als plotzlich ein dumpfes Poltern und das Krachen splitternden Holzes aus dem Inneren des Gebaudes drang.

„Verschwinden Sie!“ schrie Khone, nachdem sie sich auf einen letzten, verzweifelten Ruck mit dem Seil vorbereitet hatte. Doch als sie am Ende ihres watschelnden Anlaufs angelangt war, rutschte die Schlinge uber die Fu?e des Verletzten und loste sich. Khone stolperte und rollte schlie?lich, verheddert im eigenen Rettungsseil, davon.

Spater sollte Conway noch eine lange und qualvolle Zeit mit der Frage verbringen, ob er in diesem Moment richtig oder falsch gehandelt hatte, aber es war einfach keine Zeit gewesen, abzuwagen und das Sozialverhalten von Extraterrestriern mit dem von Terrestriern zu vergleichen — er hatte sich zu diesem Verhalten gezwungen gesehen, weil er nichts anderes hatte tun konnen. Kurz: Er hielt in seiner taumelnden Flucht aus dem einsturzenden Eingang inne, drehte sich instinktiv um und ergriff den bewu?tlosen FOKT an den Fu?en.

Durch sein hoheres Gewicht und seine gro?ere Starke bekam er den FOKT leicht frei und schleifte ihn, zusammengekauert und in der Hocke ruckwarts gehend, aus der Gefahrenzone des einsturzenden Gebaudes heraus. Als sich der Staub allmahlich legte, zog er ihn vorsichtig auf ein weiches Stuck Rasen. Fast samtliche von Khones Nahten waren wieder aufgeplatzt, und au?erdem hatte der Verletzte eine Reihe neuer Wunden davongetragen, die allesamt bluteten.

Plotzlich offnete der FOKT die Augen, versteifte sich und stie? dann ein lautes, anhaltendes Zischen aus, dessen Tonhohe schwankte, so da? es sich zeitweise fast wie ein Pfeifen anhorte.

„Keine Angst!“ schrie Khone eindringlich. „Es besteht keine Gefahr! Das ist ein Arzt, ein Freund.“

Doch das ungleichma?ige Zischen und Pfeifen wurde immer lauter, und Conway bemerkte, da? die Zuschauer, deren Kreis nicht mehr weit entfernt von ihm war, eingestimmt hatten; und zwar so laut, da? er sich kaum selbst denken horen konnte. Khone torkelte um den Verletzten herum, wobei sie sich ihm gelegentlich bis auf wenige Zentimeter naherte und sich dann wieder entfernte, als fuhrte sie einen komplizierten rituellen Tanz auf.

„Das stimmt“, bestatigte Conway in beruhigendem Ton. „Ich bin kein Feind. Ich habe Sie aus den Trummern gezogen.“

„Sie dummer, dummer Arzt!“ schimpfte Khone, wobei sie sowohl wutend als auch personlich klang. „Sie ignoranter Au?erplanetarier! Verschwinden Sie.!“

Was dann passierte, gehorte zu den seltsamsten Dingen, die Conway jemals mit eigenen Augen gesehen hatte — und im Orbit Hospital hatte er schon viel gesehen. Der verletzte FOKT rollte herum und sprang mit einem Satz auf die Beine, wobei er unaufhorlich den auf- und absteigenden Pfeifton ausstie?. Khone hatte begonnen, die gleichen Gerausche von sich zu geben, und die langen, steifen Haare standen bei beiden Wesen kerzengerade vom Korper ab, wodurch sich der Effekt eines buntkarierten Musters, den die in rechten Winkeln zueinander liegenden verschiedenfarbigen Haare hervorgerufen hatten, nicht mehr einstellte. Auf einmal beruhrten sich Khone und der Verletzte und waren augenblicklich miteinander verschmolzen oder, genauer gesagt, an der Beruhrungsstelle fest zusammengeflochten.

Die steifen Haare an den Seiten ihrer Korper hatten sich wie Kette und Schu? eines in alten Zeiten auf der Erde gewebten Teppichs ineinander geschoben und gegenseitig durchdrungen, und es war klar, da? sie durch keinen au?eren Einflu? voneinander zu trennen waren, ohne die Haare beider FOKTs und wahrscheinlich auch die darunter liegende Haut zu entfernen.

„Lassen Sie uns von hier verschwinden, Doktor“, empfahl Wainright, der oben auf dem Bodenfahrzeug stand und auf die von allen Seiten heranruckenden Gogleskaner deutete.

Conway zogerte, wahrend er einen dritten FOKT beobachtete, der sich auf dieselbe unglaubliche Weise mit Khone und dem Verletzten zusammenschlo?. Die langen Stacheln, deren Funktion er nicht gekannt hatte, standen jedem Gogleskaner steif vom Kopf ab, und aus ihren Spitzen tropfelte ein leuchtend gelbes Sekret. Als er auf das Fahrzeug kletterte, zerri? ihm einer der Stacheln den Overall, drang aber nicht in den Stoff darunter oder in die Haut ein.

Wahrend der Lieutenant mit dem Fahrzeug auf hoheres Gelande fuhr, um einen besseren Uberblick uber die Vorgange zu haben, gab Conway die Reste des gelben Sekrets, die rund um den Ri? am Anzug hafteten, in seinen Analysator ein. Durch die Ergebnisse konnte er berechnen, da? der direkt in die Blutbahn eines Menschen gebrachte Inhalt eines Stachels zu sofortiger Lahmung und der von dreien oder mehr zum Tode fuhren wurde.

Die Gogleskaner schlossen sich zu einem Gruppenwesen zusammen, das mit jeder Minute gro?er wurde. Aus nahegelegenen Gebauden, vertauten Schiffen und sogar aus den umliegenden Geholzen eilten einzelne Gogleskaner herbei, um sich dem riesigen, beweglichen, stechenden Teppich anzuschlie?en, der um gro?e Bauwerke herumkroch und uber kleine hinuber, als ob er nicht wu?te oder sich nicht darum kummerte, was er tat. Hinter sich lie? er eine Spur aus zerstorten Maschinen, Fahrzeugen, toten Tieren und sogar einem versenkten

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