Wenn sich der Fortschritt einer Spezies auf die Zusammenarbeit zwischen Gruppen und Stammen grundete, war leicht zu verstehen, warum auf Goglesk so wenig Fortschritt stattgefunden hatte. Aber weshalb, fragte sich Conway zum hundertstenmal seit seiner Ankunft, weigerten sich die Gogleskaner zusammenzuarbeiten, wo sie doch offensichtlich so intelligent, freundlich und friedfertig waren?

„Und obendrein richtige Pechvogel“, fugte der Lieutenant hinzu, womit er Conway bewu?t machte, da? er eben laut gedacht hatte. „Das hier sieht genau wie der richtige Ort aus, um Fragen zu stellen.“

„Richtig“, pfichtete Conway ihm bei, dann offnete er das Cockpit. Sie befanden sich gerade auf gleicher Hohe mit drei Gogleskanern, die sich — mit sehr gro?en Abstanden — um eins der Zugtiere mit den spindeldurren Beinen und den merkwurdigen Apparat geschart hatten, vor den es gespannt war. „Danke furs Mitnehmen, Lieutenant. Ich werde einen Rundgang machen und, falls es mir gelingen sollte, mich nicht nur mit Khone, sondern auch noch mit ein paar anderen Gogleskanern unterhalten. Danach komme ich zu Fu? zum Stutzpunkt zuruck. Sollte ich mich verlaufen, lasse ich Sie holen.“

Wainright schuttelte den Kopf, unterbrach die Energiezufuhr des Fahrzeugs und lie? es zu Boden sinken. „Sie sind hier nicht in Ihrem Hospital, wo man entweder Arzt oder Patient ist“, sagte er. „Hier lautet die Regel, da? wir uns in Paaren zu bewegen haben. Sofern Sie den Gogleskanern oder mir nicht zu nahe kommen, besteht keine Gefahr, Ansto? zu erregen. Nach Ihnen, Doktor.“

Im gogleskanischen Hoflichkeitsabstand vom Lieutenant gefolgt, stieg Conway aus dem Fahrzeug, ging auf die drei Einheimischen zu und blieb mehrere Schritte vor dem nachsten Gogleskaner stehen. Ohne jemanden direkt anzusehen, sagte er: „Ist es moglich, eine Wegbeschreibung zum Wohnort des Wesens Khone zu erhalten?“

Einer der Gogleskaner deutete mit zweien seiner langen Stacheln in die entsprechende Richtung. „Wenn das Fahrzeug in dieser Richtung weiterfahrt, kommt man auf eine Lichtung“, erlauterte er in den seufzenden Lauten seiner Sprache. „Dort erhalt man vielleicht genauere Auskunfte.“

„Vielen Dank“, entgegnete Conway und ging zum Bodenfahrzeug zuruck.

Die Lichtung stellte sich als ein breites, von Gras und Felsen bedecktes Halbrund am Ufer eines riesigen Sees heraus, bei dem es sich, nach den kurzen Wellen und dem Fehlen von Sand zu urteilen, um einen Binnensee handeln mu?te. Dort liefen mehrere Landestege bis ins tiefe Wasser hinein, und die meisten der dort vertauten Schiffe hatten sowohl dunne Schornsteine als auch Segel. Dicht am Rand des Hafenbeckens standen hohe, drei- oder viergeschossige Hauser aus Holz und Stein. Um alle vier Au?enwande liefen nach oben fuhrende Rampen, so da? die Gebaude aus bestimmten Blickwinkeln schmalen Pyramiden ahnelten, ein Effekt, der noch durch die hohen, kegelformigen Dacher verstarkt wurde.

Ware nicht der alles durchdringende Larm und Qualm gewesen, hatte man einen Gesamteindruck von einem malerischen Ort mit mittelalterlichem Charme gehabt.

„Das ist die Fabrikations- und Lebensmittelverarbeitungszentrale der Stadt“, erklarte der Lieutenant. „Die habe ich schon mehrere Male vom Flugzeug aus gesehen. Demnachst mu?te Ihnen auch der Fischgeruch entgegenschlagen.“

„Schon passiert“, entgegnete Conway. Wenn das hier als Industriegebiet galt, dann entsprach die Arztin Khone wahrscheinlich einer Art Werksarztin, und er freute sich schon darauf, sich wieder mit ihr zu unterhalten und ihr vielleicht bei der Arbeit zusehen zu konnen.

Man wies ihnen den Weg an einem gro?en Gebaude vorbei, dessen Mauerwerk und Holzgebalk rauchgeschwarzt waren und immer noch nach einem kurzlichen Brand rochen. Schlie?lich gelangten sie in die Nahe des Seeufers, wo ein gro?es Schiff an der Vertauung gesunken war. Gegenuber von dem Wrack befand sich ein niedriges, nur teilweise uberdachtes Bauwerk, unter dem ein Flu? entlanglief. Von ihrer erhohten Position im Bodenfahrzeug aus konnten sie direkt in ein Labyrinth aus Fluren und kleinen Raumen sehen, aus denen vermutlich ein Krankenhaus und Khones angrenzende Wohnung bestanden.

Gerade wurde irgend etwas an den Atemoffnungen eines gogleskanischen Patienten gemacht — wie Conway erkennen konnte, handelte es sich dabei um eine nichtoperative Untersuchung, die mit langen holzernen Sonden und Dehnsonden vorgenommen wurde, gefolgt von der oralen Verabreichung eines Medikaments, wofur ebenfalls ein langstieliges Instrument eingesetzt wurde. Bei diesem Vorgang befanden sich Patient und Arztin in zwei kleinen, voneinander abgeteilten Raumen. Erst mehrere Minuten spater kam Khone nach drau?en und bemerkte die beiden Terrestrier.

„Es besteht Interesse an dem Spezialgebiet des Heilens auf Goglesk“, sagte Conway, als sie alle drei an den Eckpunkten eines unsichtbaren gleichseitigen Dreiecks mit einer Kantenlange von mehr als drei Metern vor dem Gebaude standen. „Man konnte Vergleiche der unterschiedlichen Kenntnisse und Behandlungen, der Krankheiten, Verletzungen und nichtkorperlichen Storungen anstellen und insbesondere die Operationsund anatomischen Untersuchungsmethoden erortern.“

„Auf Goglesk gibt es keine operativen Heilbehandlungen“, antwortete Khone, wobei sich ihre Aufmerksamkeit auf den freien Raum zwischen Wainright und Conway richtete. „Anatomische Untersuchungen sind nur an von Stacheln und Restgiften befreiten Leichnamen moglich. Au?er zur Fortpflanzung oder Betreuung von Kindern ist personlicher Korperkontakt sowohl fur den Arzt als auch fur den Patienten au?erst gefahrlich. Ein gewisser Mindestabstand ist fur die Durchfuhrung der arztlichen Aufgaben unerla?lich.“

„Aber wieso?“, fragte Conway und naherte sich dabei unwillkurlich der Arztin. Dann sah er, da? sich Khones Fell in heftiger Bewegung befand und die uber den ganzen Korper verteilten Stacheln zitterten. Etwas unbeholfen wandte er sich dem Lieutenant zu und sprach ausdrucklich nur ihn an.

„In meinem Besitz befindet sich ein Instrument, das es einem geubten Arzt ermoglicht, die Lage und Funktion innerer Organe zu betrachten sowie die Lage der Knochen und den Verlauf der Hauptblutgefa?e zu erfassen“, erklarte er und holte aus einer gro?en Hangetasche einen Scanner hervor.

Langsam zog er ihn mit der rechten Hand am linken Arm entlang und fuhrte ihn dann zum Kopf, zur Brust und zum Bauch, wobei er im unpersonlichen Tonfall einer Vortragsstimme die Funktion der auf dem Scannerdisplay sichtbaren Organe, des Knochenbaus und der damit verbunden Muskulatur beschrieb. Anschlie?end zog er den Teleskopgriff des Scanners ganz heraus und brachte ihn naher an Khone heran.

„All diese Informationen liefert schon allein dieses Gerat, ohne da? man dabei den Korper des Patienten beruhren mu?, falls das von entscheidender Bedeutung ist“, fugte er hinzu.

Wahrend der Vorfuhrung des Scanners war Khone ein wenig nahergekommen und hatte den Korper gedreht, damit sie mit dem Auge hinter der Korrekturlinse das Display genauer betrachten konnte, das Conway so angewinkelt hielt, da? die Gogleskanerin nun in der Lage war, ihre eigene innere Korperstruktur zu sehen, er selbst jedoch nicht. Allerdings hatte er den Scanner auf Aufnahme geschaltet, um das Material spater studieren zu konnen.

Ihm fiel auf, wie die Stacheln der Arztin zuckten und wie sich das lange, vielfarbige Haar mehrmals pro Minute starr aufstellte und sich wieder flach anlegte. Einige Strahnen lagen im rechten Winkel zu anderen und riefen so ein buntkariertes Muster hervor. Zwar drang aus den Atemoffnungen ein angstlich anmutendes Zischen, aber Khone vergro?erte den Abstand zum Scanner nicht und wurde allmahlich ruhiger.

„Das reicht“, sagte sie, wobei sie Conway uberraschenderweise mit ihrem grotesk bebrillten Auge direkt anblickte. Eine lange Stille trat ein, in der sich die Gogleskanerin, wie deutlich zu sehen war, zu einem Entschlu? durchrang.

„Auf diesem Planeten ist die Heilkunst einzigartig, und wahrscheinlich gilt das auch fur andere Orte“, setzte sie schlie?lich zu einer Erklarung an. „Bei der Behandlung eines Patienten untersucht der Arzt moglicherweise heikle Bereiche und Geistesverfassungen und stochert in peinlichem oder sogar schmachvollem, doch stets personlichem Material herum. Dieses normalerweise verbotene und gefahrliche Verhalten ist erlaubt, weil der Arzt uber keine der gewonnenen Erkenntnisse sprechen darf, es sei denn gegenuber einem anderen Arzt, der im Interesse des Patienten zu Rate gezogen wird.“

Hippokrates hatte es nicht besser sagen konnen, dachte Conway.

„Vielleicht ist es moglich, derartige Fragen mit einem au?erplanetarischen Arzt zu erortern“, fuhr Khone fort. „Dabei mu? aber klar sein, da? diese Dinge nur fur die Ohren eines anderen Arztes bestimmt sind.“

„Als medizinischer Laie wei? ich, wann ich unerwunscht bin“, warf der Lieutenant lachelnd ein. „Ich warte im Fahrzeug.“

Conway beugte das linke Knie, damit sich seine Augen auf gleicher Hohe mit denen der Gogleskanerin befanden. Wenn sie sich als gleichberechtigte Kollegen unterhalten wollten, konnte es eine erhebliche Hilfe sein, wenn — er nicht weit uber Khone aufragte, deren Haare und Stacheln erneut heftig zitterten. Inzwischen waren

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