jemandem, zu dem sie in weniger engem Verhaltnis stehen“, fuhr Thornnastor schwerfallig fort, ohne Conways Einwurf zu beachten. „Trotz meiner unwiderstehlichen Neugier in diesen Fragen haben sich mir meine Kollegen nicht anvertraut, und der Chefpsychologe wollte mich keinen Blick in die Akten werfen lassen.“

Zwei seiner Augen wandten sich von Conway ab und richteten sich auf Murchison. „Die Speicherung der Bander noch ein paar Stunden oder auch Tage zu verschieben macht gar nichts“, fuhr er fort. „Der Pathologin Murchison steht es frei zu gehen, und ich rate Ihnen beiden, das Zusammensein auszunutzen, solange Sie das noch ohne die psychologischen Komplikationen durch andere Spezies konnen.“

Als Conway und Murchison gingen, fugte Thornnastor noch hinzu: „Dieser Ratschlag stammt ubrigens von der terrestrischen Personlichkeit, deren Band ich gerade im Kopf gespeichert habe…“

11. Kapitel

„Die Theorie lautet, da? es auf lange Sicht besser ist, Sie jedesmal stark zu verwirren, und zwar nicht nur ein bi?chen, wenn Sie sich an die wirren Denkstrukturen von Aliens gewohnen wollen“, knurrte O'Mara ihn schon an, als Conway sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. „In den vier Stunden, in denen Sie unter leichter Betaubung gestanden und wie ein verruckt gewordener Hudlarer geschnauft haben, sind die Bander in Ihrem Kopf gespeichert worden. Praktisch sind Sie jetzt gleich in funffacher Hinsicht ein krasser Individualist.

Wenn Sie Probleme haben, will ich nichts davon horen, bevor Sie nicht mit absoluter Sicherheit wissen, da? diese unlosbar sind“, fuhr der Chefpsychologe fort. „Passen Sie beim Gehen auf, und stolpern Sie nicht uber die eigenen Fu?e. Sie haben wirklich nur zwei, egal, was Ihre Alter egos auch Gegenteiliges behaupten.“

Der Korridor vor O'Maras Buro zahlte zu den belebtesten im gesamten Hospital. Zu den verschiedensten physiologischen Klassifikationen gehorende Mitglieder des Arzt- und Wartungspersonals gingen, krochen, fuhren oder schlangelten sich in beiden Richtungen vorbei. Da sie Conways Diagnostikerarmbinde sahen und — in seinem Fall zu Recht — bei ihm von einem gewissen Ma? an geistiger Verwirrung und fehlender korperlicher Koordination ausgingen, machten sie um ihn einen so gro?en Bogen wie moglich. Selbst der TLTU, der in einer auf schweren Raupenketten montierten Druckkugel sa?, fuhr mit mehr als einem Meter Abstand an ihm vorbei.

Kurz darauf kam ihm ein tralthanischer Chefarzt entgegen, den Conway zwar kannte, der seinen Gehirnpartnern aber kein Begriff war, was seine Reaktionszeit erheblich verlangsamte. Als er den Kopf wandte, um den Gru? des Tralthaners zu erwidern, wurde ihm plotzlich schwindlig, weil der Hudlarer und der Melfaner in seinem Gehirn Lebensformen waren, deren Kopf sich nicht drehen lie?. Unwillkurlich streckte er den Arm aus, um sich an der Korridorwand abzustutzen. Doch statt des harten, spitz zulaufenden Tentakels eines Hudlarers oder der glanzenden schwarzen Zange eines Melfaners handelte es sich bei der Gliedma?e, mit der er sich abstutzte, um einen schlaffen rosa Gegenstand mit funf stummeligen Fingern. Als er sich sowohl seelisch als auch korperlich wieder gefangen hatte, wurde er eines terrestrischen DBDG im Grun des Monitorkorps gewahr, der geduldig darauf wartete, von ihm bemerkt zu werden.

„Sie haben nach mir gesucht, Lieutenant?“ fragte Conway.

„Schon seit ein paar Stunden“, antwortete der Offizier. „Aber Sie haben sich beim Chefpsychologen Bander einspeisen lassen und durften nicht gestort werden.“

Conway nickte. „Worum geht es denn?“

„Es gibt Schwierigkeiten mit dem Beschutzer“, erwiderte der Lieutenant und fuhr schnell fort: „Der Bewegungsraum, wie wir ihn jetzt nennen, obwohl er immer noch eher wie eine Folterkammer aussieht, bekommt zu wenig Energie. Um ihn an die Hauptleitung anzuschlie?en, die diesen Abschnitt mit Energie versorgt, mu?ten wir durch vier Ebenen hindurch, von denen nur eine mit warmblutigen Sauerstoffatmern belegt ist. Da wir Vorkehrungen gegen Verseuchungen der verschiedenen Atmospharen treffen mu?ten, insbesondere was die illensanischen Chloratmer betrifft, waren die Umbauten in den ubrigen drei Ebenen au?erst zeitaufwendig. Als Losung kame eine kleinere Energiequelle in Frage, die im Bewegungsraum installiert werden mu?te. Aber falls sich der Beschutzer befreit, halt moglicherweise die Abschirmung des Energieaggregats nicht stand, und in dem Fall mu?ten wegen der Strahlungsgefahr funf Ebenen — uber und unter dem Raum — evakuiert werden, und noch viel zeitraubender ware die anschlie?ende Reinigung der.“

„Der Raum liegt nahe an der Au?enhaut“, unterbrach ihn Conway, der das Gefuhl nicht loswerden konnte, da? gerade in diesem Moment eine Menge Zeit damit vergeudet wurde, einen Arzt um Rat in rein technischen Fragen zu bitten, die obendrein auch noch ziemlich einfach waren. „Sie konnen doch bestimmt einen kleinen Reaktor an der Au?enhaut anbringen, wo er vor dem Beschutzer sicher ist, und dann eine Leitung nach innen.“ „Das ist die Losung, auf die ich auch schon gekommen war“, schnitt ihm der Lieutenant das Wort ab, „was allerdings weitere Probleme aufwerfen wurde, die nicht soviel mit Technik, sondern eher mit der Verwaltung zu tun haben. Es gibt namlich haargenaue Bestimmungen, welche Konstruktionen auf der Au?enhaut angebracht werden durfen und welche nicht, und durch einen Reaktor an einer Stelle, wo sich noch nie einer befunden hat, konnten Anderungen an den Regelungen des Hospitals fur den Flugverkehr erforderlich werden. Kurz gesagt, es findet ein ziemlich wilder Papierkrieg statt, den ich gewinnen kann, wenn ich mir die Zeit dafur nehme und alle Beteiligten nett und in dreifacher Ausfertigung um die Genehmigung bitte. Aber Sie, Doktor, konnten denen angesichts der Dringlichkeit Ihres Projekts einfach sagen, was Sie brauchen.“

Einen Moment lang schwieg Conway. Er erinnerte sich an die Bemerkungen des Chefpsychologen vor der Speicherung der Bander, kurz bevor die Betaubung zu wirken begonnen hatte. „Jetzt verfugen Sie uber den hochsten Rang im Hospital, Conway, obwohl sich dieser Zustand bei Ihnen womoglich nur als ein vorubergehender Zustand herausstellen konnte“, hatte O'Mara ihm mit einem sauerlichen Lacheln gesagt. „Gehen Sie und gebrauchen Sie ihn. Mi?brauchen Sie ihn sogar, wenn Sie wollen. Zeigen Sie mir einfach, ob Sie was damit anfangen konnen.“

Um den Ton eines Diagnostikers bemuht, dem niemand im Hospital etwas abschlagen wurde, entgegnete Conway: „Ich verstehe, Lieutenant. Ich bin zwar auf dem Weg in die hudlarische Geriatrie, aber ich werde diese Angelegenheit am ersten Kommunikator regeln, an dem ich vorbeikomme. Haben Sie noch ein anderes Problem?“

„Klar habe ich Probleme“, antwortete der Lieutenant. „Jedesmal, wenn Sie einen neuen Patienten ins Hospital einliefern, bekommt die gesamte Wartungsabteilung Magengeschwure! Frei schwebende Brontosaurier, rollende Dramboner, und jetzt einen Patienten, der noch nicht einmal geboren ist und in einem, einem Berserker steckt!“

Uberrascht blickte Conway seinen Gesprachspartner an. Normalerweise verhielten sich Offiziere des Monitorkorps in Fragen der Disziplin und des Respekts sowohl gegenuber militarischen als auch medizinischen Vorgesetzten tadellos. „Magengeschwure konnen wir ohne Probleme heilen“, erwiderte er trocken.

„Sie mussen schon entschuldigen, Doktor“, sagte der Lieutenant kleinlaut, „aber in den letzten zwei Jahren bin ich Leiter einer Arbeitsgruppe von Kelgianern gewesen und habe vollig vergessen, was Hoflichkeit bedeutet.“

„Aha.“ Conway lachte. Da er selbst gerade ein Kelgianerband im Kopf gespeichert hatte, besa? der Lieutenant sein Mitgefuhl. „Bei dem Problem kann ich Ihnen nicht helfen. Haben Sie noch weitere?“

„Oh, ja“, antwortete der Lieutenant. „Die sind zwar unlosbar, aber auch unwichtig. Die beiden Hudlarer haben immer noch etwas dagegen, den Beschutzer ununterbrochen zu schlagen. Ich habe O'Mara eindringlich darum gebeten, jemand anderen fur diese Arbeit zu finden, jemanden, der psychisch weniger darunter leidet. Daraufhin hat mir der Chefpsychologe geantwortet, er wurde sich sofort zur Ruhe setzen, falls jemand, der gegenwartig am Hospital arbeite, seiner Uberprufung entgangen sein sollte. Deshalb habe ich jetzt diese Hudlarer und ihre verdammte Musik am Hals, bis die neue Unterkunft fertig ist.

Die beiden beteuern, die Musik helfe ihnen dabei, sie von ihrer Arbeit abzulenken, aber haben Sie schon mal ununterbrochen, tagaus, tagein, hudlarische Musik gehort?“

Conway gab zu, bisher noch keine derartige Erfahrung gemacht zu haben, und fur den Weg durch die neblig gelben Ebenen der illensanischen Chloratmer und die wassergefullten Stationen der Meeresbewohner von Chalderescol, die zwischen ihm und den hudlarischen Stationen lagen, stieg er in einen der leichten Anzuge. Obwohl er solche Ausrustungsgegenstande des Hospitals schon einige tausendmal angelegt hatte und mit geschlossenen Augen dazu in der Lage war, uberprufte er samtliche Verschlusse zweimal und las sich mehrmals die Checkliste durch. Aber in diesem Moment war er nicht ganz er selbst, und nach den Vorschriften mu?ten alle

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